Opfer von Diskriminierung? Beschwerdestelle für Lehrkräfte geht an den Start

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BERLIN. Diskriminierung in der Schule? Ab sofort können Berliner Lehrkräfte sich bei einer unabhängigen Stelle beschweren. Innerhalb einer Woche sollen sie eine erste Rückmeldung bekommen. Anlässe für die Einrichtung: zwei Diskriminierungsfälle an Schulen, die zunächst wenig Beachtung fanden.  

Etwas anzuzeigen? (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Nach viel Kritik an der bisherigen Praxis gibt es für Lehrkräfte an Berliner Schulen bei Diskriminierungsfällen künftig eine zentrale Beschwerdestelle. Sie soll nach Angaben der Bildungsverwaltung auch für andere Beschäftigte im Schuldienst zuständig sein. «Das Ziel ist es, zukünftig ein standardisiertes Vorgehen zu schaffen», sagte Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch.

Wie arbeitet die Beschwerdestelle?

Zunächst soll es ein erstes Gespräch mit denjenigen geben, die eine Beschwerde eingereicht haben. Wenn das Verfahren gestartet ist, soll auch mit der beschuldigten Person gesprochen, gegebenenfalls sollen Zeugen gehört werden. Im Einvernehmen mit der Lehrkraft, die sich an die Beschwerdestelle gewandt hat, können Maßnahmen vereinbart werden, die die Dienstbehörde anschließend umsetzen soll.

Wem untersteht die Beschwerdestelle?

Sie soll ausdrücklich extern und unabhängig sein. Lehrkräfte, die sich über Diskriminierungserfahrungen beschweren möchten, bekommen die Möglichkeit, darüber mit Experten zu sprechen, die nicht zur Schulleitung, Schulaufsicht oder Bildungsverwaltung gehören.

Wer sind die Ansprechpartner in der Beschwerdestelle?

Es gibt drei Ansprechpartner: Ute Lehmann war mehrere Jahre Leiterin der Schulaufsicht in Spandau und arbeitet als externe Beraterin für Schulen und Schulaufsichten. Meinhard Jacobs war lange Leiter der Schulaufsicht in Neukölln und ist Mitglied im Beirat der Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen. Dietrich Kruse war Schulleiter in Berlin und mehrere Jahre in der Fortbildung für Schulleitungen tätig.

Wie schnell sollen Beschwerden bearbeitet werden?

Der Anspruch sei, auf eine Beschwerde in der Regel innerhalb einer Woche eine erste Rückmeldung zu geben, sagte Jacobs. Wie lange das gesamte Verfahren dauere, hänge allerdings von vielen Faktoren ab.

Was passiert nach dem Beschwerdeverfahren?

Die Lehrkraft soll nach Abschluss des Verfahrens die Gelegenheit für eine Rückmeldung bekommen. Dafür wird noch ein Feedback-Bogen entwickelt. Wenn sie signalisiert, dass die Maßnahmen zu ihrer Zufriedenheit umgesetzt wurden, wird der Fall abgeschlossen.

Wann startet die Beschwerdestelle?

Beschwerden können ab sofort an die Stelle gerichtet werden. Bildungssenatorin Günther-Wünsch hatte den Start für Mitte Oktober in Aussicht gestellt. Er hat sich allerdings verschoben.

Wie wird die Arbeit der Beschwerdestelle ausgewertet?

Die Arbeit der Beschwerdestelle soll nach gut einem Jahr evaluiert werden, wie die Bildungssenatorin ankündigte. Unter anderem soll Bilanz gezogen werden, wie viele Beschwerden bei den drei Ansprechpartnern ankommen und wie gut die Arbeit zu schaffen ist. Bei Bedarf müsse die Beschwerdestelle ausgebaut werden.

Welche Rolle spielen aktuelle Diskriminierungsfälle?

Zwei Fälle von queerfeindlicher Diskriminierung gegen Lehrkräfte in Berlin haben in diesem Jahr für viele Schlagzeilen gesorgt. In dem einen wurde der schwule Lehrer Oziel Inácio-Stech an der Carl-Bolle-Grundschule in Berlin-Moabit nach eigenen Angaben wegen seiner Homosexualität monatelang von Schülerinnen und Schülern beschimpft und beleidigt (News4teachers berichtete).

In dem zweiten wurde der Ehemann eines schwulen Lehrers am Campus Rütli in Berlin-Neukölln unter anderem durch nächtliche anonyme Anrufe und ein Schreiben mit obszönen Beleidigungen gemobbt (News4teachers berichtete ebenfalls). Am Umgang mit beiden Diskriminierungsfällen gab es viel Kritik. Die öffentliche Aufmerksamkeit dafür hat auch die Diskussion um die Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle verstärkt. News4teachers / mit Material der dpa

“Ablehnung und Aggressionen”: Wie Schulen mit queerfeindlicher Diskriminierung umgehen (wenn sie es denn tun)

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Rainer Zufall
1 Monat zuvor

“Sie soll ausdrücklich extern und unabhängig sein.”
Gute Sache!

potschemutschka
1 Monat zuvor

“…mit Experten zu sprechen, die nicht zur Schulleitung, Schulaufsicht oder Bildungsverwaltung gehören….”
Was sind das für Experten? Welche Ausbildung haben diese? Sind das Juristen, Psychologen … ?

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  potschemutschka

Hmmm, wie unabhängig sind Menschen, die lange in Schulaufsicht und Schule (als Schulleiter) gearbeitet haben? Deren Vorteil: sie kennen die Abläufe in Schule und Schulaufsicht. Nachteil: evtl. Interessenkonflikte mit ehemaligen Kollegen/Vorgesetzten…
Zitat aus dem Artikel:
“Es gibt drei Ansprechpartner: Ute Lehmann war mehrere Jahre Leiterin der Schulaufsicht in Spandau u!nd arbeitet als externe Beraterin für Schulen und Schulaufsichten. Meinhard Jacobs war lange Leiter der Schulaufsicht in Neukölln und ist Mitglied im Beirat der Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen. Dietrich Kruse war Schulleiter in Berlin und mehrere Jahre in der Fortbildung für Schulleitungen tätig.
Ich habe da doch etwas Bedenken, was die “Unabhängigkeit” betrifft, denn “Eine Krähe …”
Aber wahrscheinlich sind das nur meine persönlichen, schlechten Erfahrungen .. ich möchte den Menschen nichts unterstellen…

Rainer Zufall
1 Monat zuvor
Antwortet  potschemutschka

Wieder anlasslos am Untergraben, hm? 😉

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

Fragen stellen und nachdenken = untergraben? Sie dürfen mir gern meine Fragen beantworten und meine Bedenken zerstreuen.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  potschemutschka

Untergraben bedeutet unterminieren.
Das ist das Arbeitsfeld von Mineuren. Die Pompiers et Mineurs sind Teilstreitkräfte der französischen Armee.
Zufällig ist Rainer ein Mineur, der untergraben will, aber er ist eher Brandstifter als Feuerwehrmann., ein “agent provocateur”.

447
1 Monat zuvor
Antwortet  potschemutschka

“Die Diskriminierungsmeldestelle hat festgestellt, dass der Lehrer sich mal nicht so haben sollte, das waren jugendtypische Übertreibungen. Und ganz unschuldig war Herr M. auch nicht an der Eskalation, immerhin könnte er sensibler auf die Leistungsmöglichkeiten der Kinder (Kiiiiiiiindaaaah!) reagieren. Es gehören immer zwei dazu!”

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  Rainer Zufall

@Rainer
Eines wüsste ich auch noch gern: wie macht man es denn nun richtig? Den DDR-sozialisierten Menschen (wie ich), wirft man immer gern folgendes vor:

Karl-Heinz
3 Tage zuvor

Antwortet  Redaktion
Da kommt halt die DDR-Sozialisation durch. Alles immer schön von oben vorgeben und ja nicht eigenständig denken oder gar widersprechen.

Jetzt habe ich etwas “von oben” vorgegebenes hinterfragt und mir eigenständig Gedanken dazu gemacht, dann ist es auch wieder nicht recht. Da kommt dann der Vorwurf, man würde etwas (was eigentlich?) untergraben. Was wollen Sie denn nun eigentlich?

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  potschemutschka

Mittel zum Zweck.
Die Mittel sind mir klar. Aber welchen Zweck sollen sie tatsächlich erfüllen.

potschemutschka
1 Monat zuvor
potschemutschka
1 Monat zuvor

Übrigens finde ich es erstaunlich, dass man in anderen Medien in Berlin nur wenig von dieser Beschwerdestelle bisher erfahren hat. Ich musste ganz schön suchen, um etwas darüber zu erfahren. Gefunden habe ich noch dies:
https://www.tagesspiegel.de/berlin/diskriminierung-beschwerdestelle-fur-lehrkrafte-geht-an-den-start-14943179.html
Ich hoffe, dass wenigstens in allen Berliner Schulen ab jetzt ein großer Aushang mit dieser Info hängt oder zumindest bei der nächsten Dienstberatung darauf hingewiesen wird. Es lesen ja nicht alle Lehrer n4t. Und es wäre ja doof, wenn diese Stelle wieder eingestellt wird, weil der Eindruck entsteht, sie ist nicht notwendig, da es kaum Anfragen gibt (dabei wissen vielleicht nur zu wenige von dieser möglichkeit zur Hilfe) 🙂
Ich weiß, ich bin Pessimist (= ein Optimist mit Erfahrung)