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Qualitätsoffensive mit mehr Datenerhebungen? GEW: “Wer soll das alles leisten?”

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BERLIN. Die GEW hat die von der Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch vorgelegte Strategie zur Steigerung der Bildungsqualität scharf kritisiert. Aus Sicht der Bildungsgewerkschaft setzt die CDU-Politikerin auf die falschen Instrumente – und verfehlt die zentralen Probleme in Kitas und Schulen.

Wer zählt? Illustration: Shutterstock

Der Vorsitzende der Berliner GEW, Gökhan Akgün, erklärt, zur Verbesserung der Bildungsqualität brauche es „nicht noch mehr Daten und noch mehr Schulverträge, sondern deutlich bessere Arbeitsbedingungen für die Pädagog*innen in den Kitas und Schulen“. Die pädagogischen Anforderungen seien in den vergangenen Jahren stetig gestiegen, ohne dass entsprechende zusätzliche Ressourcen bereitgestellt worden seien.

Kritisch sieht die Gewerkschaft, dass Beschäftigte aus Kitas und Schulen bei der Entwicklung der Qualitätsstrategie angeblich nicht beteiligt wurden. „Wie sollen sinnvolle Maßnahmen umgesetzt werden, wenn die Praktiker*innen bei der Entwicklung dieser Maßnahmen überhaupt nicht eingebunden werden?“, fragt Akgün.

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Die Strategie der Senatsbildungsverwaltung setzt unter anderem auf eine stärkere Output-Steuerung sowie auf verpflichtende Erhebungen von der frühen Bildung bis zu den beruflichen Schulen. Aus Sicht der GEW bleiben dabei zentrale Fragen offen. „Wer soll das alles leisten? Wie passt ‚Entbürokratisierung‘ zu noch mehr Datenerhebungen? Wie soll auf diese Weise Bildungsgerechtigkeit erzielt werden?“, so Akgün. Zudem kritisiert die Gewerkschaft den engen Fokus auf mathematische und sprachliche Kompetenzen. Andere Bildungsziele würden dadurch vernachlässigt. „Das psychosoziale Wohlbefinden der Schüler*innen sollte deutlich mehr Beachtung finden. Nur wer sich wohlfühlt mit sich und seiner Umgebung, der kann gut lernen.“

Auch den Schwerpunkt auf mehr Tests, mehr Verbindlichkeit und mehr Kontrolle bewertet die GEW negativ. „Wer von Verbindlichkeit spricht, muss zuerst seine eigenen Hausaufgaben machen – verbindliche Entlastung des Personals, verbindliche Ressourcen, verbindliche Personalschlüssel“, sagt Akgün. Pädagog*innen wüssten sehr genau, wo Kinder in ihrer Entwicklung stünden. „Was fehlt, ist ausgebildetes Personal in ausreichender Zahl und die Zeit. Neue Tests werden nur neue Belastungen schaffen.“

„Wer Ergebnisse verbessern will, muss die Arbeitsbedingungen verbessern. Gute Bildung geht einher mit guter Arbeit“

In diesem Zusammenhang verweist die Gewerkschaft auf eine Arbeitszeitstudie der Universität Göttingen. Demnach leisten Berliner Lehrkräfte im Durchschnitt mehr als zwei Überstunden pro Woche, ohne dass diese ausgeglichen oder bezahlt werden (News4teachers berichtete). Akgün fordert deshalb eine spürbare Entlastung bei außerunterrichtlichen Tätigkeiten wie schulorganisatorischen und Verwaltungsaufgaben. Überstunden müssten reduziert werden, außerdem brauche es klare und verbindliche Regelungen zum Ausgleich und zur Bezahlung. Die bisherigen Regelungen seien unzureichend.

Insgesamt wirft die GEW BERLIN dem Senat vor, Verantwortung abzuwälzen. „Der Senat versucht die Verantwortung für politische Versäumnisse an diejenigen abzuschieben, die die Bildungsgarantie täglich unter immer härteren Bedingungen aufrechterhalten“, so Akgün. Für die Gewerkschaft gehe die aktuelle Strategie damit „in die völlig falsche Richtung“.

Für das Frühjahr 2026 kündigt Akgün zugleich ein Angebot an die Berliner Bildungssenatorin an. Er lädt Katharina Günther-Wünsch ein, einen Tag in einer Grundschule oder Sekundarschule zu verbringen. Dort könne sie erleben, „mit welchem Engagement die Kolleg*innen trotz schwieriger Bedingungen im Sinne der Bildungsqualität arbeiten“. Sein Fazit: „Wer Ergebnisse verbessern will, muss die Arbeitsbedingungen verbessern. Gute Bildung geht einher mit guter Arbeit.“ News4teachers 

“Datenbasierte Grundlage”: Wie Günther-Wünsch die Bildungskrise überwinden will

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Defence
1 Monat zuvor

Gebt den Schulen endlich echte Handhabe. Mehr Möglichkeiten für konsequente Ordnungsmaßnahmen, ein wirksames Vorgehen gegen Schulabsenzen und spürbare Konsequenzen für Eltern, die systematisch gegen die Schule arbeiten. Aktuell erstickt jede Maßnahme im Papierkrieg: Bis ein Bußgeld überhaupt beantragt werden kann, sind mehrere Nachmittage für Bürokratie verschwendet.

Ohne klare Konsequenzen wird Schule nicht ernst genommen. Autorität, Verbindlichkeit und Respekt sind weitgehend verloren gegangen – und genau das spiegelt sich in sinkenden Leistungen wider.

Schulen sind inzwischen zu pädagogischen Streichelzoos verkommen. Lehrkräfte werden weder respektiert noch unterstützt. Stattdessen werden Kinder zu Hause ermutigt, Anweisungen zu ignorieren und Lehrpersonen offen zu untergraben.

Parallel explodiert der Unterstützungsapparat: Schulbegleitungen in nahezu jeder Klasse, teils mehrere, dazu Förderschullehrkräfte – und trotzdem wird es nicht besser. Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Konzepte falsch sind, sondern wie lange wir diesen Irrweg noch weitergehen wollen.

So wie es aktuell läuft, gibt es nur eine Richtung: abwärts.

Kennt Sich Aus
1 Monat zuvor
Antwortet  Defence

Das ist Bullshit. Oder anders: Ich möchte Ihre empirischen Belege dafür sehen, dass eine nennenswerte Anzahl von Eltern “systematisch (sic!) gegen die Schule arbeiten”.

In Wahrheit werden die meisten Eltern von der Schule komplett allein gelassen. Viele einzelne Lehrkräfte versuchen noch vieles abzufangen, aber wenn massiv verhaltensauffällige und eigentlich nicht beschulbare Schüler/innen um jeden Preis in der Zwangsinstitution festgehalten werden müssen – weil: Schulpflicht, nicht wie in anderen Ländern Bildungspflicht oder Unterrichtspflicht… – und es absolut keinen Ausweg gibt (erinnert sich z. B. noch jemand an die Schulkindergärten? Die Vorschulgruppen, in die diejenigen Schüler/innen kamen, bei denen sich in den ersten Wochen der 1. Klasse herausstellte, dass sie doch noch nicht schulreif waren? Tolles Konzept, leider gekippt), dann leiden alle. Mit mehr Bußgeldern oder Autoritarismus ist dem nicht geholfen. Und ich habe Fälle erlebt, in denen Eltern die Autismus-Diagnose ihres Kinders bei der Einschulung bekannt gegeben haben, angeblich wurde das gesamte System aktiviert (SIBUZ, Schulsozialarbeit, …) und als nach zwei Jahren immer noch keine konkrete Unterstützung für das Kind angeboten wurde – weder unterrichtliche noch außer-unterrichtliche – hat der Schulleiter geleugnet, jemals von der Diagnose gewusst zu haben, UND behauptet, er könne sowieso nichts tun.
Das System stellt an sehr viele Personen die falschen Erwartungen und bietet bei der Leistungserbringung zu wenig Unterstützung. Neurodivergente Schüler/innen erhalten sie nicht, überforderte Eltern erhalten sie nicht, Schulleitungen erhalten sie nicht (Supervision ist auf Jahre hin ausgebucht, Plätze nur noch über ellenlange Wartelisten, die Schulaufsicht hat keine kontrollierende, sondern nur beratende Funktion…) und Lehrkräfte sitzen immer zwischen allen Stühlen.
Ich bin für die Abschaffung der Schulpflicht und für die Ummodelung der Schule in einen echten Inspirationsraum. Der selbstverständlich Leistung erwarten und abfragen darf, aber strikt unter kindgerechten und individualisierten Umständen.

Schotti
1 Monat zuvor
Antwortet  Defence

Konsequenzen sind wirklich sehr wichtig. Eine Stärkung der Klassenlehrerteams halte ich für unabdingbar. Einfache Ordnungsmaßnahmen wie den vorübergehenden Unterrichtsausschluss oder die Verhängung einfacher Bußgelder sollten die Klassenlehrerteams selbstständig aussprechen können. Dazu braucht man keine Massen an Konferenzen und sonstigen Firlefanz, denn es gibt schließlich keinen besseren Experten für die Lerngruppe als die Klassenlehrer.

Die Schulpflicht halte ich auch für unnötig und völlig aus der Zeit gefallen. Sie schafft mehr Probleme als Lösungen. Es wäre besser, diese endlich abzuschaffen.

Thomas Schultz
1 Monat zuvor

Das könnte man genau so für NRW und den “tollen” Schulkompass sagen. WIR MÜSSEN NICHT MEHR DATEN ERHEBEN UND MEHR MESSEN!!!

Jeder weiß, warum aktuell und auch in Zukunft die Kollegien aus dem letzten Loch pfeifen: Zu viele Aufgaben (v.a. unterrichtsfremde), massiv gestiegene Belastungen, Bürokratie ohne Ende…. Die Kinder werden immer komplizierter. Alle sind komplett durch und fix und fertig jetzt vor den Ferien.

Reaktion der Landesregierung: 5. Abiturfach, Projektkurse, Präsentationsprüfungen, noch mehr Lernstandserhebungen, KI statt Personal bzw. Entlastung, … also wie bisher – drauf, drauf und nochmal oben drauf… Es braucht substanzielle Entlastungen!

Vorschlag: Projekt 20:20 = Deputate runter auf 20 Stunden und Klassengröße begrenzt auf max. 20 SuS. Dann könnte man endlich nochmal wirklich mit den Kindern arbeiten. Da braucht man keine Datenerhebungen, jeder in der Praxis weiß, dass das der Schlüssel ist.

Wird aber nie kommen, weil kostet Geld.

Wenn demnächst auch noch der Beamtenstatus bzw. die Pensionen angegangen werden, wird man sich noch umgucken, wieviele Kolleginnen und Kollegen andere Berufe für sich entdecken.

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