Home Tagesthemen Gegen Hetze in Social Media: Wie islamischer Religionsunterricht wirkt (eine Studie)

Gegen Hetze in Social Media: Wie islamischer Religionsunterricht wirkt (eine Studie)

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DÜSSELDORF. Der Islamische Religionsunterricht (IRU) in Nordrhein-Westfalen wirkt sich positiv auf Schülerinnen und Schüler aus und sollte flächendeckend ausgebaut werden. Zu diesem Ergebnis kommt der Abschlussbericht einer wissenschaftlichen Evaluation, den das Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster im Auftrag des nordrhein-westfälischen Schulministeriums erstellt hat. Schulministerin Dorothee Feller (CDU) und der Münsteraner Religionspädagoge Mouhanad Khorchide stellten den rund 170 Seiten umfassenden Bericht im Schulausschuss des Landtags vor.

Gut eine halbe Million muslimische Kinder und Jugendliche besuchen Schulen in NRW. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Nach den Ergebnissen der Untersuchung wird der IRU von der Mehrheit der befragten Schülerinnen und Schüler „als alltagsrelevant, motivierend und zufriedenstellend wahrgenommen“. Zugleich zeigt die Evaluation, dass eine längere Teilnahme am islamischen Religionsunterricht mit einer gesteigerten Religionsmündigkeit einhergeht, während ein instruktionstheoretisches Religionsverständnis abnimmt. Religionsmündigkeit wird im Bericht definiert als die „begründete Urteilsfähigkeit der Heranwachsenden über die Angelegenheiten, die sie selbst, ihre Umwelt und vor allem aber auch die Angelegenheiten des Glaubens und der Religion betreffen“.

Schulministerin Dorothee Feller (CDU) sieht sich durch die Ergebnisse bestätigt. „Die Ergebnisse bestärken uns sehr und betonen die positive Wirkung, die der Islamische Religionsunterricht für die Schülerinnen und Schüler hat“, erklärte sie im Schulausschuss. Der eigenständige IRU setze „seit mehr als zehn Jahren ein wichtiges Zeichen für gleichberechtigte Teilhabe“. In einer pluralen Gesellschaft sei der Unterricht „ein wichtiger Bestandteil der Bildungsaufgabe und Ort der Orientierung für muslimische Schülerinnen und Schüler“.

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„Es ist unsere Verantwortung, die religiöse Identitätsbildung der Kinder und Jugendlichen in unserem Land nicht der Beliebigkeit zu überlassen“

Besonders hebt Feller die Bedeutung des IRU im Umgang mit sozialen Medien hervor. „Diese Orientierungsaufgabe erfüllt der IRU gerade auch in einer Zeit, in der Social-Media-Inhalte polarisierend, aufhetzend oder einfach nur falsch sind“, sagte die Ministerin. Die Evaluation unterstreiche, „dass die Kinder und Jugendlichen Unterstützung und Fähigkeiten bei der kritischen Auseinandersetzung mit diesen Medien brauchen“. Deshalb müsse der islamische Religionsunterricht „sinnvoll weiterentwickelt werden“, auch weil es „unsere Verantwortung als Demokratinnen und Demokraten ist, die religiöse Identitätsbildung der Kinder und Jugendlichen in unserem Land nicht der Beliebigkeit zu überlassen“.

Der Abschlussbericht stützt diese Einschätzung empirisch. Ein zentrales Ergebnis betrifft den Einfluss religiöser Inhalte in sozialen Medien, insbesondere auf Plattformen wie TikTok. Ein hoher Konsum bestimmter Inhalte steht laut Evaluation „in einem signifikanten Zusammenhang mit regressiven religiösen Überzeugungen“. Dieser Effekt könne jedoch „durch eine längere Teilnahme am IRU abgeschwächt werden“.

Auch der Studienleiter, der Münsteraner Religionspädagoge Prof. Mouhanad Khorchide, betont die bildungspolitische Bedeutung des Faches. „Die Evaluation des Islamischen Religionsunterrichts zeigt, dass dieser einen wichtigen Beitrag zur Religionsmündigkeit muslimischer Schülerinnen und Schüler leistet“, erklärte er. Darüber hinaus fördere der IRU „ein weltoffenes Islamverständnis, das demokratische Grundwerte stärkt“. Auf dieser Grundlage könnten junge Menschen „eine Identität entwickeln, die es ihnen ermöglicht, sich zugleich als muslimisch und als Teil unserer demokratischen Gesellschaft zu verstehen, ohne darin einen Widerspruch zu sehen“.

Neben den Schülerinnen und Schülern äußern auch Lehrkräfte, Schulleitungen, Fachleitungen, Eltern sowie Mitglieder der landesweiten Kommission für den IRU überwiegend eine positive Grundhaltung gegenüber dem Fach. Der IRU werde als Raum wahrgenommen, „in dem Schüler*innen lernen können, ihren Glauben reflektiert, verantwortungsbewusst und im Einklang mit demokratischen Werten zu leben“. Mehrere Befragte betonen den Beitrag des Unterrichts zur Förderung von „Orientierungswissen und religiöser Sprachfähigkeit“, insbesondere in einer pluralen Gesellschaft.

Gleichzeitig verweist der Bericht auf strukturelle Defizite. Im laufenden Schuljahr erhalten nach Angaben des Schulministeriums rund 32.000 Schülerinnen und Schüler an nordrhein-westfälischen Schulen islamischen Religionsunterricht. Dem stehen etwa 500.000 muslimische Kinder und Jugendliche im Land gegenüber. Angeboten wird der IRU derzeit an 247 von rund 5.400 Schulen. Unterrichten dürfen 332 Lehrkräfte.

Gefordert: „ein stärkerer Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen wie Gendergerechtigkeit und Antisemitismusprävention sowie die Förderung von Medienkompetenzen“

Mouhanad Khorchide führt die begrenzte Reichweite nicht auf mangelndes Interesse zurück. „Die Ressourcen fehlen, nicht das Interesse“, sagte er dem WDR nach der Vorstellung des Berichts. Aktuell fehlten rund 2.000 Lehrkräfte. Zwar sei das Fach islamische Religionslehre zulassungsfrei, jedoch müsse es mit mindestens einem weiteren Unterrichtsfach kombiniert werden, das häufig einem Numerus clausus unterliege. Von rund 1.000 Bewerbungen pro Jahr könnten daher nur etwa 100 Studienplätze vergeben werden.

Der Bericht benennt auch kritische Punkte. Vereinzelt hinterfragen Befragte „die Repräsentativität muslimischer Verbände“, die den IRU auf Landesebene mitverantworten, und äußern Zweifel daran, „inwieweit diese Organisationen die religiöse und kulturelle Vielfalt der muslimischen Gemeinschaft in NRW tatsächlich abbilden“. Die Autorinnen und Autoren sehen darin einen Auftrag zur Weiterentwicklung „dialogischer und inklusiver Strukturen“.

Als Konsequenz empfehlen sie eine flächendeckende Einführung des IRU an allen Schulformen mit entsprechender personeller, curricularer und organisatorischer Unterstützung. Notwendig sei zudem „ein stärkerer Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen wie Gendergerechtigkeit und Antisemitismusprävention sowie die Förderung von Medienkompetenzen“. Auch eine intensivere Fortbildung der Lehrkräfte, insbesondere im Bereich der interreligiösen Dialogkompetenz, wird als zentral benannt.

Politisch fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Die FDP spricht gegenüber dem WDR von einer mangelnden Wirkung „in der Fläche“ und stellt das Fach grundsätzlich infrage. Strukturell fehle es an Lehrkräften, an verbindlichen Qualitätsstandards und an einheitlichen Lehrplänen. Der IRU sei „gut gemeint“ gewesen, erfülle aber seine Ansprüche landesweit nicht.

Zugleich kritisiert die FDP, dass bislang nicht systematisch erforscht werde, warum viele muslimische Familien das staatliche Angebot des islamischen Religionsunterrichts nicht wahrnehmen. Müller-Rech spricht in diesem Zusammenhang von einer „Blackbox“. Besonders problematisch sei aus ihrer Sicht, dass außerschulische religiöse Einflüsse – vor allem über soziale Medien – offenbar stärker wirkten als der Unterricht selbst. „Hochproblematisch“ sei, dass diese Einflüsse nicht ausreichend durch schulische Angebote kompensiert würden.

Aus diesen Befunden zieht die FDP eine weitreichende Konsequenz. „Wir sehen deshalb keine Fortsetzung mehr als eigenes Fach in NRW“, erklärte Müller-Rech. Stattdessen plädiert die Partei für einen verpflichtenden Ethik- oder Praktische-Philosophie-Unterricht für alle Schülerinnen und Schüler. Dieser solle „integrierend statt trennend“ wirken und Religionen „erklärend statt bekenntnisorientiert“ behandeln. Ziel sei ein gemeinsames Fach, „das Werte, Normen und Konflikte gemeinsam thematisiert und Medienkompetenz und Demokratie verbindlich integriert“. Junge Menschen müssten befähigt werden, „selbstständig, kritisch und frei zu urteilen“.

Deutlich anders bewertet die SPD-Landtagsfraktion die Ergebnisse der Evaluation. Ihre schulpolitische Sprecherin Dilek Engin erklärte laut WDR-Bericht, der Abschlussbericht zeige, dass der IRU „für viele muslimische Schülerinnen und Schüler ein wichtiger Baustein für gleichberechtigte Teilhabe und gelebte Vielfalt an unseren Schulen“ sei. Die Rückmeldungen aus der Evaluation machten deutlich, dass der Unterricht „als alltagsrelevant, wertschätzend und identitätsstärkend“ erlebt werde.

Aus Sicht der SPD bestätigt der Bericht zudem die demokratiefördernde Funktion des Faches. Engin betonte, der IRU könne Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, „religiöse Inhalte aus sozialen Medien kritisch einzuordnen“. Gerade darin liege „ein wichtiger Beitrag zu demokratischer Bildung und gesellschaftlichem Zusammenhalt“.

Gleichzeitig blendet auch die SPD strukturelle Defizite nicht aus. Der Abschlussbericht mache deutlich, dass der Ausbau des islamischen Religionsunterrichts „mehr personelle und organisatorische Stabilität, verlässliche Strukturen sowie gezielte Fortbildungen“ erfordere. Der Handlungsbedarf liege aus sozialdemokratischer Sicht nicht in der Abschaffung des Faches, sondern in seiner Stärkung und Professionalisierung. News4teachers 

Lehrerverbände für bundesweiten islamischen Religionsunterricht – gegen Fundamentalismus

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