Home Politik Zum Hymnensingen in der Schule: In die Lehrerkonferenz hineingehört (eine Satire)

Zum Hymnensingen in der Schule: In die Lehrerkonferenz hineingehört (eine Satire)

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MÜNCHEN. Die CSU will, dass künftig in Schulen Hymnen gespielt werden –  bundesweit. Konkret sollen bei der Verleihung von Schul- und Berufsabschlüssen künftig die deutsche Nationalhymne und die Europahymne erklingen, in Bayern zusätzlich die Bayernhymne (News4teachers berichtete). Unser Gastautor Roland Grüttner, selbst ehemaliger Rektor einer Grund- und Mittelschule und einer Montessorischule in Bayern, hat schon mal in die Zukunft gelauscht – und berichtet live und satirisch aus der Lehrerkonferenz zum Thema. 

Singsang. Illustration: Shutterstock

Rektor: „Also Leute, wir haben da dieses neue Gesetz von der Bayerischen Staatsregierung…“

Kollege (CSU-Mitglied): „Einspruch. Gesetze werden vom Landtag erlassen!“

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Rektor: „… im Bayerischen Erziehungs- und Unterrichtsgesetz, dass wir bei der nächsten Qualifeier die Hymne singen sollen.“

Neuntklasslehrer: „Wann tritt die neue Regelung in Kraft?“

Rektor: (Blättert in seinen Unterlagen) „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“

Kollege (Grüner): „So ein Schmarrn!“

Kollegin (Grundschule): „Das betrifft uns ja nicht. Können wir so lange rausgehen und die nächste Deutsch-Probearbeit besprechen?“

Rektor: „Sorry, es müssen alle Lehrerinnen und Lehrer der Schule informiert werden über das Gesetz, seine Hintergründe und die zu planenden Abläufe.“

Kollege (Grüner): „Hintergründe, ha ha. Abgründe wäre besser!“

Rektor: „Ich bitte um Konzentration. Ich zitiere: ‘Die Nationalhymne ist ein Symbol für demokratische Werte und gesellschaftlichen Zusammenhalt; sie ist Symbol der nationalen Identität, der Zusammengehörigkeit und des Patriotismus und repräsentiert die Nation, ihre Geschichte, ihre Werte und ihren Stolz.’“ (Gekürztes Zitat aus dem Antrag der Jungen Union)

Schulpsychologin: „Und die meinen jetzt, dass alle unsere Schüler:innen, aus Hinterhuglharing, aus der Ukraine, die Russlanddeutschen und die anderen mit Migrationshintergrund auf Deutschland stolz werden, wenn sie diese Hymne hören?!“

Rektor: „Nicht hören – singen!“

Lehrerin (Deutsch als Zweitsprache): „Entschuldigung, aber die verstehen ja gar nicht, was sie da singen: Einigkeit und Recht und Freiheit…“

Kollege (Grüner): „Einigkeit und Recht auf Freizeit, hi hi.“

Rektor: „Ähm. Es geht nicht nur um die deutsche Nationalhymne, sondern auch um die Europahymne…“

Sportlehrer: „Hä – wir haben eine Europahymne? Wie geht die denn?“

(Es schauen sich alle fragend an. Dann die Musiklehrerin. Die zuckt mit den Schultern. Dann den Rektor.)

Rektor: „Ich hab das gegoogelt, die hat keinen Text.“

Informatiklehrer: „Googelst du noch oder KIst du schon.“

Rektor: (Strenger Seitenblick)

Musiklehrerin (schüchtern): „War das nicht ‚Freude schöner Götterfunken‘?“

Rektor: „Wie auch immer: Die wird nicht gesungen…

(Allgemeine Erleichterung)

Rektor: „… die wird nur gespielt. Aber dafür die Bayernhymne.“

Kollege (Grüner)(Klatscht sich an die Stirn)

Kollege (CSU-Mitglied): „Ok, gut. Gott mit dir, du Land der Bayern…“

Kollege (Grüner): „Gott mit dir, du Land der BayWa. Kennste? Ist von der Biermöslblasn.“

Kollege (CSU-Mitglied): „Nestbeschmutzer.“

Rektor: „Können wir jetzt bitte überlegen, wie wir das umsetzen. Bei der nächsten Qualifeier.

Neuntklasslehrer: „Äh. Was machen wir, wenn dann einer nicht mitsingt. Kriegt der dann kein Zeugnis?“

Rektor: (Blättert in seinen Unterlagen) „Das wird im Gesetz nicht geregelt.“

Musiklehrerin (nicht mehr so schüchtern): „Das klingt total armselig, wenn dann so wenige mitsingen. Das müsste man vorher üben.“

Rektor: „Können Sie das im Musikunterricht machen?“

Musiklehrerin (empört): „Ich? Mit den Neunern?? Die lachen mich aus!!“

Rektor: „Dann müssen das die Klassenlehrer machen!“

Neuntklasslehrer: (Klatscht sich an die Stirn.)

Rektor: „Da solls dann eine Homepage vom KM geben mit Text und Begleitmusik und so.“

Kollegin (Grundschule): (Ist froh, dass es sie nicht betrifft.)

Schulpsychologin: „Und was ist mit den Eltern? Sollen die bei der Feier auch mitsingen? Oder sitzen sie dann nur dabei und hören zu? Aber wenn´s darum geht, dass man sich mit Deutschland und Bayern identifiziert, müssten die doch eigentlich auch, oder?“

Rektor: (Blättert in seinen Unterlagen) „Da find ich jetzt nix im Gesetz. (Überlegt. Kommt dann zu dem Schluss:) Wir müssen den Elternbeirat ins Boot holen. Wann ist die nächste Sitzung? (Blättert in seinen Unterlagen)

Schulpsychologin: „Und das Schulforum.“

Kollegin (Grundschule): „Sind wir jetzt fertig?“

Rektor: (Sieht sie missbilligend an) Äh – sieht so aus, als würden wir hier jetzt nicht weiterkommen.

(Allgemeines Aufbruchsgewusel und Getuschel)

Rektor: (Über den einsetzenden Lärm hinweg) „Aber alle Neuntklasslehrer können sich ja schon mal die Texte anschauen. Damit´s nicht peinlich wird! Schönen Nachmittag noch!“

News4teachers / Roland Grüttner betreibt den Blog paedagokick.de.

Hymnenpflicht an Schulen? Lehrerverbände: Singen allein schafft keine Identität

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GriasDi
1 Monat zuvor

Dann werde ich den Raum verlassen, außer sie spielen die Championsleague-Hymne

vhh
1 Monat zuvor

Hübsch.
Realistischer: … und dann am Ende unter Verschiedenes noch eine Information über die neuen Vorgaben für die Entlassfeier.
Stunden später: …keine Zeit mehr, aber das steht auch im Amtsblatt, das ihr sowieso immer lest. Die Liste für Interessenten an der neuen AG ‘Vorbereitung und neuer Ablauf Entlassfeier’ findet ihr am Brett und online, die KL des Jahrgangs 9 benennen zwei Vertreter, ebenso die Musikkollegen. Die Frage des Kruzifixes ist noch nicht gelöst, da sollte die Fachschaft Religion am besten auch teilnehmen, damit wir eine allen Eltern passende Sprachregelung haben. Könnten für die DaZ-SchülerInnen nicht ein halbes Jahr die Hymnentexte statt der Alltagssprache eingeübt werden? Lea, du hast doch nur eine halbe Stelle, das müsste doch noch passen? Wenn du das in Einfache Sprache überträgst, könnte man es gleich für die Förderschüler verwenden, klär diese Punkt bitte auch noch. Erstes Treffen der AG direkt nach den Ferien, die gesetzten KuK einigen sich auf dem kurzen Weg bis dahin auf eine Agenda. Vielen Dank und erholsame Feiertage!

Roland
1 Monat zuvor
Antwortet  vhh

Sehr schön. Gefällt mir. Gerne mehr davon!

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  vhh

Wir könnten doch Kruzifix und Hymne gleich weglassen und im Rahmen eines großen Zapfenstreiches wird eh der Choral “Ich bete an die Macht der Liebe” intoniert. Gäbe Entlassfeiern doch einen wirklich würdigen Rahmen.
Watt für Generäle und Admiral sowie Staatssekretäre im BMVg, dem Verteidigungsminister und dem BK Recht ist, kann doch auch für Schulabsolventen nicht verkehrt sein.

vhh
1 Monat zuvor
Antwortet  dickebank

Darf man da nicht Lieder aussuchen? Meine drei Lieder: Andrea Doria, Udo Lindenberg – Bruttosozialprodukt, Geier Sturzflug – Money for nothing, Dire Straits
Ich weiß, das letzte ist kritisch, viel Text und Englisch, aber bei einem Lebensplan reicht es doch, nur die Richtung zu verstehen, Details entwickeln sich. Etwas Optimismus, dann schafft das Schulorchester das auch!

Jameisoisdes
1 Monat zuvor

Das ist ja amüsant, genauso wie die ” neu” verordnete Bewegungspflichtstunde” ( Söder) in der Grundschule. Aber da kommen wir vom Thema ab. Hier übrigens stehen die drei genannte Hymnen ( B/ D / E) schon lange im Lehrplan der 3./ 4.Klasse. (Sie werden in der Regel nicht vermittelt, da die meisten Lehrer kein Musik studiert haben und sie auch nicht abspielen, da sie diese selbst für ” überflüssig” halten bzw.z.T.nicht kennen, wer kennt schon die Bayernhymne?) Die Deutschlandhymne kennen die Kinder aber vom Fußball. Da singen sie sie auch begeistert mit. Das muss reichen. Haydn hin oder her. Fallersleben interessiert nicht so sehr. Text?Musik? Lieber einen Rap! Und was hat Beethoven mit Europa zu tun? Lebt der noch?
Auch der Text” Ode an die Freude” ( Schiller) ist eindeutig zu altmodisch und so schwer zu verstehen und ” alle Menschen werden Brüder”- das geht ja gar nicht, wer will das denn schon…”. also es bleibt im Lehrplan stehen. Da kann es auch stehen bleiben. Die Bildungslücke auch. Aber dann sollen die Schüler schnell eben noch singen zum Abschluss?” Wo Söder die Nebenfächer “Musik, Kunst und Handarbeiten/ Werken” in der Grundschule zu einem Fach”zusammengeschrumpft” hat? So aber sollen zum Schulabschluss z.T. wenig bekannte Hymnen” zum Nationalgefühl beitragen? Oder wie soll man das verstehen? Es satiert eine Musik- und Grundschullehrerin aus Bayern mit 30 jähr.Schulerfahrung inkl.Kindern, die an der” Hymnenerfahrung ” vorbei gekommen sind. Ein bisschen schade, denn Bayern schon ist so schön. Aber vielleicht braucht es eine Text- und Musikreform für Jugendliche kurz, knapp verständlich am besten als Popsong.;) Und nun mal ernsthaft.Wer soll das den Schülern vermitteln? Der Deutsch-oder der Musiklehrer? Vielleicht der Handarbeits- und Werklehrer 😉
Irgendwie wird es schon. Eine halbe Stunde Bewegungszeit hat ja auch geklappt.” Singens doch einfach!”

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