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„Wir sind insolvent“: Warum Ex-Schulleiterin Silke Müller das deutsche Bildungssystem für bankrott erklärt (und ausgestiegen ist)

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KÖLN. Was ist Bildung in Deutschland noch wert? Für Silke Müller ist die Antwort drastisch – und eindeutig. „Wenn wir ein Wirtschaftsunternehmen wären im Bildungssystem, dann wären wir insolvent“, sagt die frühere Schulleiterin im Gespräch mit WDR 5 aus Anlass des „Streiktags Bildung“, den die GEW für heute ausgerufen hat (News4teachers berichtete). Müller: „Das, was wir gerade machen, ist eine Insolvenzverschleppung – und ich habe mal gehört, dass das eigentlich strafbar ist. Genau so gehen wir mit Bildung um.“ Nüchtern betrachtet sei das eine Bankrotterklärung für ein reiches Land wie Deutschland.

SOS. Illustration: Shutterstock

Der Befund kommt nicht aus der Distanz, sondern aus langjähriger Praxis. Müller leitete 16 Jahre lang eine Real- und Mittelschule in Niedersachsen – jetzt schreibt sie Bestseller. Über das, was der ungebremste Konsum digitaler Medien mit Schülerinnen und Schülern anrichtet („Wir verlieren unsere Kinder“). Und über das Bildungssystem („Schule gegen Kinder“). Wo das System versagt, benennt sie klar. Im WDR-Interview heute Morgen verweist sie auf bekannte Problemlagen: mangelnde Digitalisierung, Fachkräftemangel, zu wenig Schulsozialarbeit, marode Gebäude.

In einem aktuellen Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) wird Müller noch grundsätzlicher. Dort bezeichnet sie das Bildungssystem als „Ruinenverwaltung“. Schulen erfüllten ihre zentrale Aufgabe nicht mehr, sagt sie: Kinder so auszubilden, dass sie sich später selbstbestimmt in der Welt zurechtfinden können.

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Das beginne bereits bei den Grundkompetenzen. „Jedes vierte Kind kann am Ende der Grundschule nicht richtig lesen, fast genauso viele beherrschen die Grundrechenarten nicht sicher. Wie sollen sie da erfolgreich weiterlernen?“ Gleichzeitig, so Müller, vermittle Schule vielen Heranwachsenden das Gefühl, dass ihr Wohlergehen niemanden wirklich interessiere. Angst, Leistungsdruck und Mobbing seien Riesenthemen – Lehrkräften fehle aber die Zeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Die zunehmende psychische Belastung vieler Kinder und Jugendlicher sei kein neues Phänomen, betont Müller gegenüber der SZ. Die Pandemie habe bestehende Probleme lediglich verschärft. Die Gesellschaft habe sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert, die Schule hingegen arbeite weiter mit überholten Methoden. Kinder würden entweder mit Stoff überfrachtet – oder, „wenn man ehrlich ist, einfach nur ruhiggestellt, um mit dem Unterrichtsstoff durchzukommen“.

„Bildung ist aus meiner Sicht eine gesellschaftliche Überlebensfrage“

Vor diesem Hintergrund bewertet Müller auch aktuelle Proteste wie den Bildungsstreik der GEW. Es sei richtig, dass Gewerkschaften für ihre Mitglieder kämpften. Doch die Vorstellung, bessere Bildung lasse sich allein über bessere Bezahlung von Lehrkräften erreichen, greife zu kurz. Nötig sei eine grundlegende Veränderung des Bildungssystems selbst. Dazu gehörten der Fächerkanon, die Strukturen – und vor allem ein grundsätzlich anderer gesellschaftlicher Umgang mit Bildung. „Bildung ist kein Kostenfaktor“, betont Müller. „Bildung ist aus meiner Sicht eine gesellschaftliche Überlebensfrage.“

Einzelne innovative Schulen, die neue Wege gingen, sieht die Schulleiterin a. D. inzwischen kritisch. Sie stabilisierten ein kaputtes System, weil sie suggerierten, es funktioniere mit genug Engagement. „Ein paar Hundert von 32.000 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland“, sagt Müller im SZ-Interview, könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der Breite nicht laufe. „Ich sehe nichts, wo es in der Schule noch gut läuft. Wirklich in keinem Bereich.“ Was also tun? Die Antwort bleibt radikal. „Schule braucht eine Bankrotterklärung“, sagt Müller. Politik und Gesellschaft müssten sich eingestehen, dass das System nicht mehr funktioniere. Erst dann könne über grundlegende Veränderungen entschieden werden – so wie bei einem insolventen Unternehmen, das auf einen Neustart setze.

Besonders scharf kritisiert Müller die Kurzfristigkeit bildungspolitischer Entscheidungen. Im WDR spricht sie davon, Bildung müsse „entpolitisiert“ werden, Reformen dürften nicht alle vier Jahre kippen. Im SZ-Interview führt sie das weiter aus. Schule sei ein Spielball politischer Interessen, gedacht von einer Legislaturperiode zur nächsten. Gleichzeitig bastelten 16 Bundesländer an eigenen Lösungen. „Wir haben zum Beispiel 16 verschiedene Richtlinien für den Umgang mit künstlicher Intelligenz, aber keinen gemeinsamen Plan.“

Ihre Vorschläge: ein Bildungsstaatsvertrag, der bundesweit verbindliche Kernkompetenzen festlegt, und ein nationaler Bildungsrat mit echter Entscheidungsmacht. Ein Gremium aus Wissenschaft, Praxis, Eltern und Schülerinnen und Schülern, das Bildungsstandards festlegt und überprüft – wissenschaftsbasiert und dauerhaft. Im SZ-Interview ergänzt Müller, ein solcher Rat könne Schulen auch vor parteipolitischer Einflussnahme schützen, etwa wenn extremistische Parteien Regierungsverantwortung übernehmen.

„Wer nur Inhalte vermitteln, aber keine Beziehungen gestalten kann, ist für den Job nicht geeignet“

Neben Strukturen rückt Müller immer wieder die Arbeit der Lehrkräfte in den Mittelpunkt. Im WDR fordert sie mehr Zeit für Beziehung, mehr Qualität, mehr Fachkräfte – und auch verpflichtende Fortbildungen. In der Süddeutschen Zeitung wird sie noch deutlicher. Beziehungsarbeit sei der Kern des Lehrerberufs, komme aber systematisch zu kurz. Kinder müssten sich sicher und gesehen fühlen, um nachhaltig lernen zu können. „Wer nur Inhalte vermitteln, aber keine Beziehungen gestalten kann, ist für den Job nicht geeignet“, sagt sie. Das müsse schon im Lehramtsstudium klar werden.

Angesichts des Lehrkräftemangels warnt Müller vor einer weiteren Eskalation. Sie sagt voraus, dass auf jede altersbedingte Pensionierung voraussichtlich zwei weitere Lehrkräfte kommen, die den Beruf aus Überlastung verlassen. Der Lehrerberuf müsse wieder attraktiver werden, Ausbildung praxisnäher, Teamarbeit zum Standard. Medienbildung und KI-Kompetenz müssten Pflichtbestandteile des Studiums sein. Gerade die rasante Entwicklung generativer KI bereitet Müller Sorgen. Sie warnt davor, dass Kinder sich zunehmend mit ihren Fragen an Chatbots wenden. KI sei ein geduldiger, immer erreichbarer Ansprechpartner – eine gefährliche Entwicklung. Dass politische Reaktionen darauf Jahre brauchen, mache sie fassungslos.

Dass sie sich als Schulleiterin beurlauben ließ, sei kein Rückzug, betont Müller in der Süddeutschen Zeitung. „Nein, meine Arbeit hat mir Spaß gemacht, ich bin jeden Tag gern in die Schule gegangen. Aber ich hatte immer stärker das Gefühl, dass ich dieses System nicht mehr mittragen kann. Stattdessen will ich mich dafür einsetzen, dass sich grundsätzlich etwas ändert. Und dass wir in der Diskussion über Strukturen nicht die wichtigste Frage aus den Augen verlieren: Was brauchen die Kinder?“

Dass diese Sichtweise nicht unumstritten ist, weiß Müller. Progressive Konzepte – mehr Raum für Beziehungen, offenere Lernformen, weniger Tempo- und Leistungsdruck – stießen auf Widerstand. Konservative Stimmen hielten an einem traditionellen Bild von Schule fest. Für Müller ist das ein Kernproblem. „Wir brauchen eine Vision von Schule, die die neuen Kompetenzen, die wir für die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft benötigen, überhaupt erst einmal in den Blick nimmt und definiert.“

Das bestehende System hält sie für historisch überholt. „Wir arbeiten in einem System, das ungefähr 200 Jahre alt ist und aus der preußischen Zeit kommt“, sagt sie. Strukturen wie der Schulgong stammten aus einer Zeit, in der Menschen zum Gleichschritt erzogen werden sollten. Selbst Notensysteme seien historisch belastet. „Die Schulnote 6 kommt aus dem Jahr 1938, um die noch Schlechteren von den Schlechten abzugrenzen.“ Angesichts heutiger Anforderungen müsse man sich fragen, wie Kinder mit den Herausforderungen von heute in einem System von gestern lernen sollen. News4teachers 

Hier geht es zum vollständigen Interview mit Silke Müller in der “Süddeutschen Zeitung”.

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GraueMaus
1 Stunde zuvor

 „Die Schulnote 6 kommt aus dem Jahr 1938, um die noch Schlechteren von den Schlechten abzugrenzen.“ 
Ich glaube, hier irrt Frau Müller: Man hatte zunächst nur fünf Notenstufen, aber die 4 war “mangelhaft” und die 5 war “ungenügend”.
Dann stellte man auf 6 Notenstufen wie heute um, da war die 4 “ausreichend”, aber unzählige Kinder wurden verprügelt, weil auf ihren Zeugnissen plötzlich (nur in Ziffern) viele Vieren standen und die Eltern die Umstellung gar nicht mitbekommen hatten. Das war ein Flop der damaligen Bildungsverwaltung.

Petra OWL
1 Stunde zuvor

mein Mann ist auch ausgestiegen, wir haben beide zusammen studiert.
Was war ich traurig damals. Jetzt sehe ich, wie gut es ihm ergangen ist.
Die Entscheidung war ein Glücksfall für Hasi.
Er verdient viel mehr als wir, er hat die 35 Stunden Woche, 3 Tage Homeoffice und auch so ein Flexiurlaub (richtig tolle Sache und macht alle in seiner Firma glücklich). Also da wird so richtig was dafür getan, dass es den Mitarbeitern gut geht. Das ist nicht 0-8-15, mach deine Arbeit, kannst nicht usw, sindern sehr flexibel, offen, eigenständig und digital.
Naj KI, die Technik, Roboter werden auch irgendwann unsere Arbeit verändern.
Dennoch brauchen wir jetzt die 4 Tage Woche für echte Entlastung und die 7 oder 9% der Verhandlung.

marita
29 Minuten zuvor
Antwortet  Petra OWL

Ich kann Ihnen nur danken 🙂
Es wäre für uns Lehrkräfte am besten.

Tino x
12 Minuten zuvor
Antwortet  marita

wenn du schon beim Rundfunk 36 Stunden Woche hast und 13,5 Monatsgehälter kassierst, müssen sich alle schon ins Zeug legen, um den Beruf mit der Schule nicht noch attraktiver zu machen

Bienchen
1 Stunde zuvor

Es wird den aktuellen Anforderungen nicht mehr gerecht und das auf allen Seiten.
Es ist zu wenig interaktiv, es fehlt Medienkompetenz und Informatik.
Für Lehrkräfte wird es immer unattraktiver bei schlechten Arbeitsbedingungen und nicht mehr fairen Löhnen mit all den Nullrunden.
Das ist alles nicht mehr richtig, oder?

Realistin
46 Minuten zuvor
Antwortet  Bienchen

Genau, es fehlt an digitalen Kompetenzen.
Ich plädiere für
30 % Homeschooling und den Ausbau von Digitalem.
Die Verbesserung der Arbeitswoche gelingt uns durch die 4-Tage Optimierung.
Dann passen wir uns auch den anderen Gewerkschaften endlich an!

Stine
1 Stunde zuvor

Mit Stoff überfrachtet oder ruhig gestellt? Tempo- oder Leistungsdruck? Hm….

447
54 Minuten zuvor

Zuerst dachte ich: “Wow, Löwin steigt aus, knallt Wahrheit raus.”

Je länger es dann weitergeht – um so mehr wurde mir klar: Es ist zur Hälfte die gleiche Soße, auf neuen Tellern.
Spätestens bei dem “bundesweiten Rat”, der aus allem ausser Lehrern bestehen soll und der -NATÜRLICH- dann die übliche Niveausenkung weiterpushen soll, Notenskalen in die verruchte Nähe des III. Reiches rückt, “Preußen” als Chiffre für NS…

..
.
Die eine Hälfte des Problems beschreibt sie zutreffend und endlich mal in klaren Worten – dafür dicken RESPEKT.

Die andere Hälfte…na ja, da bleibt sie halt an Bord.

Trotzdem: Dass Sie überhaupt in unverstellter, klarer Sprache so viele Dinge offen und unter offenem Visier anspricht…das verdient Respekt.

447
32 Minuten zuvor
Antwortet  Redaktion

Ok, das könnte man so verstehen, stimmt.

Rainer Zufall
40 Minuten zuvor
Antwortet  447

“[…] dann die übliche Niveausenkung weiterpushen soll, Notenskalen in die verruchte Nähe des III. Reiches rückt”
Menschen auf Ziffern reduzieren, wer hätte das je bei Diktaturen und anderen Unrechtsstaaten gehört, besonders im dritten Reich… :/

Rainer Zufall
44 Minuten zuvor

“Jedes vierte Kind kann am Ende der Grundschule nicht richtig lesen, fast genauso viele beherrschen die Grundrechenarten nicht sicher. Wie sollen sie da erfolgreich weiterlernen?”
Durch differnzierte Aufgaben, bestenfalls individualisierte und/ oder altersheterogene Lerngruppen?

Beim Laufen- und Sprechenlernen stehen alle noch aufmerksam, bestärkend und motivierend daneben, irgendwann in der Grundschule machen wir uns Sorgen (was die Kinder mitbekommen), werden defizitorientiert und sortieren aus – als würde das beim Lernen helfen :/

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