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Oberstufenreform: Ohne zweite Fremdsprache, ohne politische Bildung zum Abitur?

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HANNOVER. Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) hat mit ihren Plänen zur Neugestaltung der gymnasialen Oberstufe eine hitzige Debatte ausgelöst. Während die Reformvorschläge für die Qualifikationsphase in den Jahrgängen 12 und 13 vergleichsweise wenig umstritten sind, formiert sich gegen die vorgesehenen Änderungen in der Einführungsphase der Jahrgangsstufe 11 zunehmend Widerstand aus Schulen, Verbänden und Fachgesellschaften. Kritiker warnen vor einer Schwächung zentraler Bildungsbereiche – insbesondere der Fremdsprachen und der politischen Bildung.

“Nicht aneinander vorbeiarbeiten”: Niedersachsens Kultusministerin Julia Willie Hamburg. Foto: Ole Spata

Wie groß der Zündstoff ist, den die Reformpläne enthalten, zeigt eine Petition, die derzeit landesweit von Schulleitungen an Schulen verbreitet wird. Rund 8.500 Menschen haben die Petition bislang unterzeichnet. „Die Gefahr ist zum Greifen nah“, heißt es darin. „Den zweiten und dritten Fremdsprachen – Spanisch, Französisch, Latein, Altgriechisch, Italienisch, Russisch und einer Reihe anderer Sprachen – droht bei Umsetzung der geplanten Neugestaltung der Einführungsphase (Jahrgang 11) in der gymnasialen Oberstufe das Aus.“

Ursache sei die vorgesehene neue Stundentafel, die zweite und dritte Fremdsprachen dauerhaft in den Wahlpflichtbereich verlagere und damit die Belegverpflichtung abschaffe. „Somit steht die Zukunft der zweiten und dritten Fremdsprachen in der Sekundarstufe II in Niedersachsen auf dem Spiel“, heißt es weiter.

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Über die Fremdsprachen hinaus formuliert die Petition grundsätzliche bildungspolitische Bedenken. Aufgrund der neuen Stundentafel sei zu befürchten, dass Schülerinnen und Schüler „nicht mehr in ausreichendem Maße vertiefend allgemeinbildend ausgebildet werden“. Dies könne dazu führen, dass sie „nicht mehr bundesweit wettbewerbsfähig“ seien und im Studium „massive Nachteile“ hätten.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“

Besonders betont wird der gesellschaftliche Wert des Fremdsprachenerwerbs: „Die fortgeführten Fremdsprachenunterrichte sind in der Oberstufe von hohem Anspruch und hoher Qualität und leisten einen gesellschaftspolitisch und zwischenmenschlich relevanten Beitrag zur Bildung Heranwachsender, auf den wir nicht verzichten dürfen.“ Künstliche Intelligenz könne diesen Aspekt nicht ersetzen. Als programmatisches Plädoyer zitiert die Petition Ludwig Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“

Ausgangspunkt der Debatte ist ein vom Kultusministerium veröffentlichtes Eckpunktepapier zur Reform der gymnasialen Oberstufe. Julia Willie Hamburg hatte angekündigt, über die geplanten Änderungen „sehr offen und sehr transparent miteinander diskutieren“ zu wollen. Deshalb habe man das Papier veröffentlicht, erklärte die Ministerin laut Neuer Osnabrücker Zeitung (NOZ), „damit wir hier nicht aneinander vorbeiarbeiten und uns später womöglich über grundlegende Entscheidungen streiten“. Nach Berichten aus dem Umfeld des Ministeriums verliefen erste vertrauliche Gespräche mit Verbänden zunächst ohne größere Irritationen.

Tatsächlich gelten die Reformelemente für die Qualifikationsphase in den Jahrgängen 12 und 13 als weitgehend konsensfähig. Vorgesehen ist weiterhin ein Unterrichtsumfang von in der Regel 32 Wochenstunden. Auch die Zahl der fünf Abiturprüfungsfächer soll beibehalten werden. Allerdings sollen künftig zwei dieser Prüfungen – statt bislang einer – mündlich abgelegt werden. Ergänzend plant das Kultusministerium neue Prüfungsformate.

Der sogenannte „kombinierte Leistungsnachweis“ soll produktive und reflexive Elemente verbinden, etwa schriftliche Ausarbeitungen, Präsentationen oder mündliche Verteidigungen, auch in kooperativen Arbeitsformen. Zudem sind fächerübergreifende Angebote wie „Astrophysik“ oder „Biochemie“ vorgesehen.

„Das erste, was in der geplanten Stundentafel sofort auffällt: Die Fremdsprachen würden massiv beschnitten auf künftig nur noch eine Pflichtfremdsprache“

Ganz anders fällt die Bewertung der Pläne für die Einführungsphase der Jahrgangsstufe 11 aus. Zwar bleibt es auch künftig bei insgesamt 30 Wochenstunden, doch will das Kultusministerium davon nur noch 14 verbindlich festlegen. Diese Pflichtstunden sollen sich auf Mathematik, Deutsch, eine Fremdsprache, Sport sowie Religion oder Werte und Normen oder Philosophie verteilen; hinzu kommt eine Wochenstunde zur beruflichen Orientierung. Die verbleibenden 16 Wochenstunden sollen in zwei Wahlbereichen organisiert werden, in denen Schülerinnen und Schüler eigene Schwerpunkte setzen.

Besonders die Rolle der Fremdsprachen sorgt dabei für Kritik. Christian Löhr, Vorsitzender des niedersächsischen Altphilologenverbandes, sagte der NOZ: „Das erste, was in der geplanten Stundentafel sofort auffällt: Die Fremdsprachen würden massiv beschnitten auf künftig nur noch eine Pflichtfremdsprache.“ In dem Entwurf seien sie „ganz klar degradiert worden“. Bislang müssten Schülerinnen und Schüler in der Einführungsphase zwei Fremdsprachen belegen, künftig wäre nur noch eine verpflichtend. Löhr warnt davor, dass insbesondere anspruchsvollere Fächer wie Latein oder Altgriechisch dann kaum noch gewählt würden. Diese würden mit drei Wochenstunden unterrichtet und seien damit im Wahlbereich schwerer zu organisieren. Die Folge könnten ausfallende Kurse sein – mit langfristigen Auswirkungen bis ins Abitur.

Das Kultusministerium weist diese Befürchtungen zurück. Die Annahme, Schülerinnen und Schüler belegten Fremdsprachen bislang nur aus Zwang, sei falsch, erklärte das Ministerium gegenüber der NOZ. „Das Gegenteil ist der Fall – viele Schüler tun dies derzeit und auch in Zukunft aus eigener Motivation.“ Zudem erhielten Schülerinnen und Schüler auch künftig mindestens von der 6. Klasse bis zur Einführungsphase Unterricht in einer zweiten Fremdsprache – und damit ein Jahr länger, als es die Kultusministerkonferenz vorsehe.

Neben den Fremdsprachen stößt auch die geplante Stellung der politischen Bildung auf scharfe Ablehnung. Nach den Reformplänen wäre Politik-Wirtschaft in Jahrgang 11 nicht mehr verpflichtend. Politische Bildung werde jedoch auch in anderen Fächern vermittelt, argumentiert das Ministerium, etwa im Erdkundeunterricht. Die Vermittlung von Werten und Einstellungen sei „als Querschnittsaufgabe aller Fächer des Fächerkanons zu verstehen“.

„Politische Bildung ist aus gutem Grund Kern des schulischen Bildungsauftrags“

Der niedersächsische Landesverband der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) widerspricht dieser Sichtweise entschieden. In seiner Stellungnahme heißt es: „Die vorliegenden Planungen der Landesregierung sehen vor, die Politische Bildung im gymnasialen Bildungsgang erheblich zurückzufahren.“ Auf dem Weg zum Abitur werde dieses Fach künftig „nur noch eine Option unter vielen“ sein. Ein solcher Bedeutungsverlust sei „gerade vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Bedrohungslage demokratischer Wertehaltungen ein verantwortungsloser Einschnitt“.

Besonders kritisch bewertet der Verband die Auswirkungen auf Gesamtschulen. Lernende hätten dort „weder in der Sekundarstufe I noch in der Oberstufe verbindliche fachbezogene Politische Bildung mehr“. Aber auch Gymnasiastinnen und Gymnasiasten würden auf ein „Minimalprogramm in den Jahrgängen 8–10 verwiesen“. Die DVPB erinnert daran, dass Politische Bildung verfassungsrechtlich und demokratiepädagogisch geboten sei. „Politische Bildung ist aus gutem Grund Kern des schulischen Bildungsauftrags“, heißt es mit Verweis auf das Niedersächsische Schulgesetz. „Lernende haben ein Recht auf Politische Bildung.“

Auch der Philologenverband Niedersachsen fordert eine grundlegende Kurskorrektur. Auf dem jüngsten Philologentag im November lehnten die Delegierten das Eckpunktepapier für Jahrgang 11 ab und forderten das Kultusministerium auf, es zurückzuziehen. Der Vorsitzende Christoph Rabbow erklärte: „Die Bestimmungen des Eckpunkte-Papiers sehen vor, dass bereits in Jahrgang 10 eine Auswahl möglicher Prüfungsfächer getroffen werden muss. Wir halten diesen Zeitpunkt für zu früh, da die Erfahrungen des Jahrgangs 11 so nicht mehr eingebracht werden können.“ Die Wahlmöglichkeiten würden insgesamt „in Anzahl und Wochenstundenzahl zu sehr reduziert“.

Der Verband fordert die Beibehaltung der bisherigen Einführungsphase, um „eine allgemeinbildende Grundlage in möglichst vielen Fächern zu ermöglichen“. Zudem warnt Rabbow vor einer Reduzierung von Klausuren in der Qualifikationsphase. „Schülerinnen und Schüler müssen genügend Möglichkeiten im Schreiben von Klausuren haben“, sagte er. Nur durch regelmäßiges Üben und professionelle Korrekturen ließen sich fachliche Lücken erkennen und schließen.

Das Kultusministerium verweist dagegen auf den größeren Reformrahmen. Anlass sei die Überarbeitung der bundesweiten KMK-Vereinbarung zur gymnasialen Oberstufe im März 2023 gewesen, die eine bessere Vergleichbarkeit des Abiturs zum Ziel habe. Hamburg habe diese Vorgaben bewusst genutzt, um eine umfassendere Modernisierung anzustoßen. Die Eckpunkte seien in einer Arbeitsgruppe mit Verbänden, Schulleitungen und Fachpraxis erarbeitet worden und zielten auf mehr individuelle Profilbildung, Entlastung und zeitgemäße Prüfungsformate.

Die entsprechenden Verordnungen sollen voraussichtlich Mitte des Jahres in das Anhörungsverfahren gehen. In Kraft treten soll die Reform zum Schuljahr 2027/2028, beginnend mit der Einführungsphase. Angesichts der wachsenden Zahl kritischer Stellungnahmen deutet sich jedoch an, dass die Diskussion über Jahrgang 11 das Reformprojekt noch lange begleiten wird. News4teachers 

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