BIELEFELD. Nach einer (erneuten) Silvesternacht mit tödlichen Unfällen, schweren Verletzungen und Angriffen auf Einsatzkräfte wächst der Druck auf die Politik. Millionen Menschen haben inzwischen Petitionen für ein bundesweites Böllerverbot unterschrieben – getragen auch von Kinder- und Jugendorganisationen, Ärzten und der Polizeigewerkschaft. Auslöser sind immer wieder junge Opfer, die beim Hantieren mit Pyrotechnik ihr Leben verlieren oder schwer verletzt werden.
NRW-Innenminister Herbert Reul sprach von Todesfällen, die „tragischer und sinnloser kaum sein könnten“. Er bezog sich auf zwei 18-Jährige, die – unabhängig voneinander – am Silvesterabend in Bielefeld beim Zünden von selbst gebauter Pyrotechnik starben.
Der erste tödliche Unfall ereignete sich gegen 23.30 Uhr im Stadtteil Baumheide. Auf einem Spielplatz zündete der 18-Jährige einen Sprengkörper, offenbar in einem Kunststoffrohr. Zeugen berichteten von einem lauten Knall, Rettungskräfte versuchten noch vor Ort, den jungen Mann zu reanimieren – ohne Erfolg. Kurz nach Mitternacht kam es dann im Stadtteil Brake zu einem zweiten tödlichen Unfall. Auch dort starb ein 18-Jähriger nach der Explosion selbst gebauter Pyrotechnik, diesmal im Krankenhaus. Nach Angaben der Ermittler standen die beiden Todesopfer in keiner persönlichen Beziehung zueinander, die Ereignisse seien unabhängig voneinander geschehen, auch die verwendeten Sprengmittel seien bislang nicht als identisch bekannt. In beiden Fällen wurden Todesermittlungsverfahren eingeleitet.
Bundesweit kam es in der Silvesternacht zu schweren Unfällen mit Pyrotechnik, bei denen vor allem junge Menschen betroffen waren. In Leipzig wurde eine 16-Jährige schwer verletzt, als sie versuchte, einen in Deutschland nicht zugelassenen Knallkörper zu zünden. In der Nähe von Rostock verlor ein junger Mann durch einen explodierenden Feuerwerkskörper eine Hand. Das Unfallkrankenhaus Berlin meldete rund zwei Dutzend Patientinnen und Patienten mit teils schweren Handverletzungen, darunter acht Kinder. Häufig handelte es sich um amputierte Finger oder massive Verbrennungen, wie der Deutschlandfunk meldet.
Parallel dazu eskalierte die Lage in mehreren Großstädten. In Berlin registrierte die Polizei rund 4.000 Einsätze in der Silvesternacht. Mehr als 400 Menschen wurden vorübergehend festgenommen, etwa 35 Polizistinnen und Polizisten erlitten leichte Verletzungen, überwiegend Knalltraumata. Auch Feuerwehrleute wurden bei Einsätzen mit Pyrotechnik beschossen. Zwar bewertete die Berliner Polizei die Gesamtlage als weniger problematisch als in den Vorjahren. Stephan Weh, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei Berlin, warnte allerdings vor einer Verharmlosung der Lage. Zwar sei es an einzelnen Brennpunkten ruhiger gewesen, von einem friedlichen Silvester könne angesichts der verletzten Einsatzkräfte jedoch keine Rede sein, sagte er gegenüber der ARD.
Angriffe auf Einsatzkräfte wurden auch aus Hamburg, Bremen, Bonn und Leipzig gemeldet. In Hamburg konnten zehn verletzte Polizisten ihren Dienst nicht fortsetzen, in Bremen erlitten fünf Beamte Knalltraumata. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi erklärte, auch diese Silvesternacht habe gezeigt, wie stark Beschäftigte im öffentlichen Dienst Gewalt ausgesetzt seien, und forderte bessere Schutzmaßnahmen.
„Böller sind eine Gefahr gerade für Jugendliche, aber auch für Umwelt und Tiere“
Die erneute Häufung von Todesfällen, schweren Verletzungen und Gewalt hat die Debatte um ein bundesweites Böllerverbot weiter angeheizt. Nach einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des TÜV-Verbands wollten nur 22 Prozent der Menschen in Deutschland selbst an Silvester Feuerwerk zünden, 74 Prozent lehnen privates Böllern ab. 43 Prozent sprechen sich inzwischen für ein vollständiges Verbot aus, weitere 22 Prozent zumindest für ein Verbot besonders lauter und gefährlicher Knallkörper. Fast jeder Dritte fühlt sich durch Böller im öffentlichen Raum unsicher, viele Menschen bleiben an Silvester inzwischen ganz zu Hause, wie die Deutsche Welle berichtet.
Besonders alarmierend aus Sicht von Kinder- und Jugendorganisationen: Feuerwerk ist vor allem bei jüngeren Menschen und Familien mit Kindern beliebt – jener Gruppe, die die schwersten Verletzungen erleidet. Gleichzeitig nimmt der Einsatz illegaler, extrem sprengstarker Pyrotechnik zu, die häufig aus dem Ausland stammt. Der deutsche Zoll stellte 2024 mehr als sieben Tonnen nicht zugelassener Pyrotechnik sicher, mehr als in den drei Jahren zuvor zusammen. Polizeigewerkschaften warnen seit Jahren davor, dass „normales“ Feuerwerk vielen nicht mehr reiche.
Der politische Druck wächst. Eine Petition der Berliner Gewerkschaft der Polizei für ein bundesweites Böllerverbot wurde inzwischen von mehr als drei Millionen Menschen unterschrieben. Allein in den vergangenen Tagen kamen Hunderttausende Unterstützer hinzu. „Die Politik sollte zeigen, dass sie diese Stimmen ernst nimmt“, erklärte GdP-Landeschef Weh. Parallel dazu wollen die Deutsche Umwelthilfe, das Deutsche Kinderhilfswerk, die Bundesärztekammer, mehrere Tierschutzorganisationen und ebenfalls die GdP eine weitere Petition an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt überreichen, die rund eine Million Unterschriften erreicht hat. Gefordert wird ein dauerhaftes Verbot des privaten Kaufs und Gebrauchs von Pyrotechnik.
Ein bundesweites Verbot ist bislang politisch nicht durchsetzbar. Die Innenminister von Bund und Ländern konnten sich zuletzt nicht einigen. Einige Länder setzen auf lokale Verbotszonen oder zeitlich begrenzte Böllerbereiche. Kritiker halten das für unzureichend. Grünen- und Linken-Politiker werfen Bundesinnenminister Dobrindt vor, sich wegzuducken. „Böller sind eine Gefahr gerade für Jugendliche, aber auch für Umwelt und Tiere“, erklärte die Linken-Fraktionsvize Clara Bünger. News4teachers / mit Material der dpa
- Hier geht es zu der GdP-Petition “Böllverbot jetzt”.
- Hier geht es zu der zweiten, auch vom Deutschen Kinderhilfswerk getragenen Petition.

