BERLIN. Kaum eine der bildungspolitischen Maßnahmen, die seit dem ersten PISA-Schock 2001 in Deutschland ergriffen wurden, hat einen Effekt auf die Lernleistung von Schülerinnen und Schülern in Deutschland gehabt. Allenfalls rauschen manche Kinder schneller durch das Bildungssystem. Zu diesem Ergebnis kommt das MINT Nachwuchsbarometer – eine Studie unter Federführung des Bildungsforschers Prof. Olaf Köller, der die Ständige Wissenschaftliche Kommission der KMK leitet.
Ausgangspunkt der Analyse sind die Ergebnisse der jüngsten Ausgabe der PISA-Studie vom vergangenen Dezember, denen zufolge das Niveau in Deutschland nie schlechter war als zum Zeitpunkt der Erhebung (News4teachers berichtete). Dabei hatte es schon vor über 20 Jahren einen „PISA-Schock“ gegeben: „Die Ergebnisse der ersten OECD-Erhebung zu den Lernergebnissen von Schülerinnen und Schülern (PISA) im Jahr 2000 waren ein Weckruf für Deutschland. Damals wurden die Ergebnisse von 31 Ländern veröffentlicht. Die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Deutschland lagen in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften unter dem OECD-Durchschnitt“, so resümiert die Industrieländer-Vereinigung OECD (die PISA herausgibt).
“Die PISA-Ergebnisse zeigten außerdem, dass die Leistungen stark mit dem sozioökonomischen Hintergrund zusammenhingen”
Und weiter: „Dies stand nicht nur im Gegensatz zu der positiven Wahrnehmung des Bildungssystems in der Öffentlichkeit, sondern war für eine große Exportwirtschaft wie Deutschland, deren Wettbewerbsvorteil auf Kompetenzen und Wertschöpfung basiert, auch ein ernstes Warnsignal. Die PISA-Ergebnisse zeigten außerdem, dass die Leistungen stark mit dem sozioökonomischen Hintergrund zusammenhingen. Besonders fiel auf, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund vergleichsweise schlecht abschnitten. Dieser ‚PISA-Schock‘ sorgte für einen öffentlichen Aufschrei und löste eine bildungspolitische Debatte aus, die die Medien des Landes monatelang beschäftigen sollte und schließlich den Anstoß für grundlegende Reformen gab.“
Welche Reformen konkret seitdem umgesetzt wurden – und was sie gebracht haben – fasst nun das MINT Nachwuchsbarometer zusammen. Und kommt zu ernüchternden Ergebnissen:
Flexible Eingangsstufe in der Grundschule und Aufweichung der Stichtagsregelung: Kinder können vor dem sechsten Geburtstag eingeschult werden, benachteiligte Kinder werden nicht mehr zurückgestellt, sondern erhalten ein Jahr mehr Zeit für die ersten beiden Schuljahre. „Tatsächlich sind dadurch die Zahlen verzögerter Schulkarrieren zurückgegangen“, heißt es im MINT Nachwuchsbarometer.
Ausbau der Ganztagesangebote in der Sekundarstufe I: Der Nachmittag wird für Betreuungs- und Förderangebote genutzt. Fazit: „Hier deuten die Ergebnisse des StEG-Projekts von Fischer et al. darauf hin, dass das Ganztagesprogramm keine positiven Effekte auf die kognitive Entwicklung hatte.“
Hintergrund: Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG), durchgeführt von einem wissenschaftlichen Konsortium unter Beteiligung des Deutschen Jugendinstituts und des Instituts für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund, hatte umfassende Forschungsbefunde zum Ausbaustand und zur Entwicklung, zur Qualität und zu Wirkungen von Ganztagsschulen vorgelegt – und war unter anderem zu dem absehbaren Ergebnis gekommen, dass der verbreitete sogenannte offene Ganztag, der lediglich Betreuungsangebote am Nachmittag vorhält, wenig zur Förderung von Schülerinnen und Schülern beiträgt (News4teachers berichtete).
Vermeidung von Klassenwiederholungen: Leistungsschwache Schülerinnen und Schüler sollten nicht mehr sitzenbleiben, sondern besser gefördert werden, um Verzögerungen in der Schulkarriere zu vermeiden. „Dies hat zu einer Reduktion verzögerter Schulkarrieren geführt“, bilanziert das MINT Nachwuchsbarometer.
Vorschulische Sprachstandsdiagnostik: Einführung von Sprachstandserhebungen ein bis zwei Jahre vor der Einschulung mit Förderangeboten für Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung. Bilanz: „Positive Effekte sind hier ausgeblieben, da die Diagnosen häufig mit zu wenigen oder nicht gezielten Fördermaßnahmen verbunden waren.“
Verkürzung der gymnasialen Schulzeit um ein Jahr: Diese Verkürzung wurde inzwischen in den meisten Bundesländern wieder zurückgenommen. „Die Verkürzung der Gymnasialzeit wie die spätere Verlängerung hatten keine Effekte auf Schulleistungen“, heißt es im MINT Nachwuchsbarometer.
Zentrale Abschlussprüfungen: In den Kernfächern Deutsch, Mathematik und der ersten Fremdsprache finden zentrale Abschlussprüfungen am Ende der Sekundarstufe I und hierdurch eine zunehmende Zentralisierung aller Prüfungsfächer im Abitur statt. „Hier sind bislang keine Effekte nachweisbar“, erklären die Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher.
Zwei-Säulen-Modell im allgemeinbildenden Schulsystem: Neben dem Gymnasium existiert lediglich eine zweite Säule, in der alle allgemeinbildenden Schulabschlüsse (vom Ersten Abschluss bis zum Abitur) erworben werden können. Diese Säule übernimmt auch weitgehend die Inklusion der Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. „Durch diese Reform wurden die Wege zum Abitur flexibilisiert, positive Effekte auf die Leistungsentwicklung ließen sich nicht nachweisen“, heißt es.
Professionalisierungsprogramme für pädagogische Fach- und Lehrkräfte: Ein Beispiel stellt das bundesweite SINUS -Programm zur Effizienzsteigerung des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts dar (endete 2013). „Die Evaluierung konnte positive Effekte auf die Leistungen zeigen“, heißt es hier immerhin.
Studienleiter Köller macht für die schlechten Resultate der Schülerinnen und Schüler allerdings auch die abnehmende Leistungsbereitschaft verantwortlich – auf allen Seiten. „Wir beobachten nicht nur in der Mathematik, sondern auch bei den Leseleistungen, dass das Anspruchsniveau in den letzten zehn Jahren gesunken ist. Die Latte ist deutlich niedriger gelegt worden. Dazu hat auch die Diskussion um G8 und den in diesem Zusammenhang beklagten Leistungsdruck beigetragen. Das hat dazu geführt, dass auch die Lehrkräfte Abstriche machen und mit weniger zufrieden sind“, so erklärt er in einem Interview mit der „Welt“.
Allerdings sei der Unterricht dringend reformbedürftig. „Es mag aber auch eine Rolle spielen, dass Unterrichtskonzepte, die vielleicht vor 20 Jahren noch funktioniert haben, die Schüler heute nicht mehr erreichen. Wir sehen auch einen deutlichen Rückgang der Lernmotivation“, so Köller.
“Wir wissen eigentlich, was hilft. Aber es gibt ein Umsetzungsproblem in der Politik, auch aus finanziellen Gründen”
Warum ist die Bildungspolitik so wenig erfolgreich? Köller: „Es ist wie bei der Klimaforschung: Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass es den Klimawandel gibt. Trotzdem werden immer mehr Verbrenner zugelassen. Genauso ist es bei der Bildung. Wir wissen eigentlich, was hilft. Aber es gibt ein Umsetzungsproblem in der Politik, auch aus finanziellen Gründen. Nehmen Sie das Startchancenprogramm. Da werden jetzt zehn Jahre lang zwei Milliarden Euro im Jahr in benachteiligte Schulen investiert. Seriöse Schätzungen gehen aber davon aus, dass man pro Jahr 14 Milliarden Euro in die Hand nehmen müsste, um die Bildungsmisere zu bekämpfen. Wir müssten wie bei der Bundeswehr die Bazooka herausholen.“ Hintergrund: Seit der ersten PISA-Studie ist bekannt, dass in Deutschland arme Kinder und Jugendliche zu wenig gefördert werden.
Der Chef der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der KMK schreibt der Politik ins Stammbuch: „In Zeiten des Lehrkräftemangels müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir die Schulen so aufstellen und den Unterricht didaktisch so weiterentwickeln, dass wir mit weniger Personal besser arbeiten als bisher – auch durch den Einsatz digitaler Hilfsmittel. Wir brauchen eine Bildungsagenda 2035. Die Verwaltung des Status quo hält nun schon einige Jahrzehnte an.“
Genauer: seit Veröffentlichung der ersten PISA-Studie im Jahr 2001. News4teachers
Hier lässt sich das vollständige MINT Nachwuchsbarometer herunterladen.
