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Schulen in Stadt und Land: Warum Bildungschancen ähnlich (gut) eingeschätzt werden – trotz unterschiedlicher Bedingungen

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BERLIN. Obwohl sich die Rahmenbedingungen deutlich unterscheiden, bewerten Eltern, Schulleitungen und Bürgermeister die Bildungschancen in Stadt und Land überraschend ähnlich (nämlich gut). Eine repräsentative Allensbach-Umfrage im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung zeigt: Während Städte mit Infrastruktur und Angeboten punkten, werden ländliche Schulen für Nähe und kleinere Klassen geschätzt. Gleichzeitig treten strukturelle Probleme offen zutage – von Bürokratie und Finanzierung bis zu fehlender strategischer Steuerung. Der Verband Bildung und Erziehung fordert vor diesem Hintergrund eine stärker regional ausgerichtete Bildungspolitik.

Stadt vs. Land. Illustration: Shutterstock

Die Zufriedenheit mit den Bildungschancen vor Ort ist hoch – überraschend hoch. Mehr als 80 Prozent der befragten Eltern und Bürgermeister sowie rund 70 Prozent der Schulleitungen sind der Ansicht, dass Kinder und Jugendliche in ihrer jeweiligen Kommune gute Bildungschancen haben. Das ist ein bemerkenswerter Befund vor dem Hintergrund einer seit Jahren anhaltenden, öffentlich artikulierten Unzufriedenheit mit Bildungspolitik insgesamt, mit Reformstau, Lehrkräftemangel und strukturellen Defiziten. Zumindest auf der lokalen Ebene scheint die Wahrnehmung eine andere zu sein.

Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung. Befragt wurden Bürgermeister, Eltern und Schulleitungen in Städten und ländlichen Gemeinden zu den Bildungsbedingungen in ihrer Kommune. Zentrale Leitfrage der Untersuchung war, ob Bildungschancen in Deutschland davon abhängen, ob junge Menschen in der Stadt oder auf dem Land zur Schule gehen – und welche Konsequenzen sich daraus für Bildungspolitik in Ländern und Kommunen ergeben. In der Einleitung der Studie wird betont, dass es dabei um die Frage gehe, „ob Kinder in Stadt und Land vergleichbare Voraussetzungen vorfinden“ und wie diese von den beteiligten Akteuren wahrgenommen werden.

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Insgesamt zeigt die Studie ein differenziertes Bild. Größere strukturelle Unterschiede zwischen Stadt und Land bestehen durchaus, etwa bei der Verfügbarkeit außerschulischer Angebote, bei Maßnahmen zur Berufsorientierung oder bei der Anbindung der Schulen an den öffentlichen Nahverkehr. Gleichzeitig halten die Befragten die grundsätzlichen Voraussetzungen für ähnlich gut. In der Zusammenfassung der Ergebnisse heißt es: „Die Untersuchungsergebnisse zeigen ein ausgesprochen positives Bild der Bildungssituation in Deutschland – sowohl in städtischen als auch in ländlichen Regionen.“

„Die Studie zeigt, dass Bildungspolitik nur erfolgreich ist, wenn sie gezielt auf die strukturellen Gegebenheiten ausgerichtet wird“

Der Geschäftsführer der Deutschen Telekom Stiftung, Jacob Chammon, wertet das als politisch relevantes Signal: „Offenbar empfindet keine der Befragtengruppen die eigene Region als ‚abgehängt‘ oder schlechter gestellt.“ Zugleich macht er deutlich, dass sich daraus kein Freibrief für pauschale Bildungspolitik ableiten lasse. „Die Studie zeigt, dass Bildungspolitik nur erfolgreich ist, wenn sie gezielt auf die strukturellen Gegebenheiten ausgerichtet wird“, so Chammon. Dabei spiele ein institutionalisiertes kommunales Bildungsmanagement eine zentrale Rolle – „hier sind Stadt und Land bedauerlicherweise noch eher schlecht aufgestellt“.

Nur rund ein Drittel der Bürgermeister in Städten und lediglich sieben Prozent der Bürgermeister in ländlichen Gemeinden geben an, Bildung systematisch sowie über Institutionen und Zuständigkeitsgrenzen hinweg zu steuern. Dort, wo entsprechende Strukturen bestehen, übernehmen sie nach Angaben der Bürgermeister vielfältige Aufgaben. Besonders häufig genannt wird „der Aufbau und die Pflege von Bildungsnetzwerken“, in denen Schulen mit Jugendhilfe, Vereinen und weiteren Akteuren zusammenarbeiten und gemeinsame Bildungsziele entwickeln.

Die Perspektive der Schulleitungen rückt andere Problemlagen in den Vordergrund: der hohe Verwaltungsaufwand vor allem. „Schulleiter bezeichnen mit weitem Abstand als größte Herausforderung die bürokratischen Lasten“, hält die Studie fest. 85 Prozent der Schulleitungen in Städten und 80 Prozent auf dem Land nennen den hohen Verwaltungsaufwand als zentrales Problem. Auch Sprachbarrieren spielen aus ihrer Sicht eine erhebliche Rolle: 82 Prozent aller befragten Schulleitungen nennen „mangelnde Sprachkenntnisse von Eltern und Kindern als Herausforderung im Schulalltag“. Die Folgen werden klar benannt: Schülerinnen und Schüler könnten dem Unterricht weniger gut folgen, Eltern sich nicht ausreichend für die Belange ihrer Kinder einsetzen.

Bemerkenswert ist dagegen der vergleichsweise geringe Stellenwert, den der Lehrkräftemangel in der Befragung einnimmt. Weniger als 50 Prozent der Bürgermeister, Eltern und Schulleitungen zählen zu wenig Lehrkräfte oder Unterrichtsausfall zu den größten Herausforderungen der Schulen. In der Studie wird dazu festgestellt, dass „jeweils weniger als die Hälfte der Bürgermeister, Eltern und Schulleitungen der Meinung sind, zu wenig Lehrkräfte oder der Stundenausfall gehörten zu den größten Herausforderungen der Schulen“. Gleichzeitig zeigt sich ein deutlicher Stadt-Land-Unterschied: Schulleitungen im ländlichen Raum berichten überdurchschnittlich häufig von Lehrkräftemangel und einem Mangel an weiteren pädagogischen Fachkräften, während dieses Problem in Städten seltener als vordringlich genannt wird.

„Die größte Herausforderung aus Sicht der Bürgermeister an den Schulen ihrer Kommune sind mangelnde finanzielle Ressourcen“

Aus Sicht der Schulträger ist vor allem die finanzielle Ausstattung kritisch. Die Bürgermeister benennen fehlende finanzielle Mittel als größte Herausforderung für ihre Schulen. 81 Prozent der Bürgermeister in ländlichen Regionen und 72 Prozent in Städten sind dieser Meinung. In der Studie heißt es entsprechend: „Die größte Herausforderung aus Sicht der Bürgermeister an den Schulen ihrer Kommune sind mangelnde finanzielle Ressourcen.“ Damit wird die zentrale Rolle der kommunalen Ebene für die Bildungsqualität deutlich – ebenso wie ihre strukturellen Grenzen.

In der Bewertung konkreter Rahmenbedingungen zeigen sich die erwartbaren Unterschiede zwischen Stadt und Land. Städte punkten aus Sicht aller Befragtengruppen bei der Vielfalt außerschulischer Angebote und bei der Anbindung der Schulen an den öffentlichen Nahverkehr. Schulleitungen in Städten sehen sich zudem bei der „Einbindung von Schülern mit Migrationshintergrund im Vorteil“. Ländliche Schulen werden hingegen für „die familiäre Atmosphäre an den Schulen, die kleineren Klassen und die Angebote zur Berufsorientierung“ besonders positiv bewertet.

Ein weiteres Ergebnis widerspricht verbreiteten Annahmen: Die digitale Ausstattung der Schulen wird von der Mehrheit der Schulleitungen nicht mehr als zentrales Problem wahrgenommen. „Die Mehrheit der Schulleitungen sieht die digitale Ausstattung von Schulen sowohl in den Städten als auch auf dem Land nicht mehr als Herausforderung“, heißt es in der Studie. 86 Prozent der Schulleitungen in Städten und 87 Prozent auf dem Land bewerten sie als ausreichend. Eltern äußern sich zurückhaltender, bewerten die Situation aber ebenfalls mehrheitlich positiv.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) greift die Ergebnisse der Studie auf und betont die Notwendigkeit einer stärker regional ausgerichteten Bildungspolitik. Der Bundesvorsitzende Toni Neckov sagt: „Die Befragung zeigt sehr deutlich, wie unterschiedlich die Rahmenbedingungen an den einzelnen Schulen sind. Daraus kann nur resultieren, dass Bildungspolitik regional gezielt ausgerichtet sein muss.“ Während Schulen in der Stadt häufiger mit MINT-Angeboten und Informatik-AGs aufwarteten, sei das Lernen auf dem Land „beschaulicher, familiärer und bietet in kleineren Klassen bessere Fördermöglichkeiten“.

Zugleich macht der VBE deutlich, dass gute Rahmenbedingungen nicht allein von einzelnen Schulen getragen werden können. „Wir müssen heute Strukturen etablieren, welche Kinder und Jugendliche bestmöglich dabei unterstützen, fit für ‚Morgen‘ zu werden“, so Neckov. Dazu gehöre, Lehrkräfte „nicht mehr alleine zu lassen, sondern sie zu befähigen, in multiprofessionellen Teams zusammenzuarbeiten und Netzwerke zu bilden“. Ein weiterer Schwerpunkt liegt aus Sicht des Verbandes auf der Partizipation von Schülerinnen und Schülern. „Sie wissen am besten, welche Angebote fehlen, womit sie unzufrieden sind und was sie an ihrer Bildungsinstitution schätzen“, betont Neckov.

Zumal sich die Unterschiede auswachsen dürften. Der Blick in die Zukunft fällt dabei zunächst erstaunlich optimistisch aus – zumindest aus Sicht der Schulträger. „77 Prozent der Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sind überzeugt, dass die Schulen in ihrer Kommune für die Zukunft gut aufgestellt sind“, heißt es in der Studie, 13 Prozent bewerten die Perspektiven sogar als „sehr gut“.

Gleichzeitig macht die Untersuchung deutlich, dass diese Einschätzung vor dem Hintergrund tiefgreifender demografischer Verschiebungen steht. Während 46 Prozent der Bürgermeister in Städten mit steigenden Schülerzahlen rechnen, erwarten 38 Prozent der Bürgermeister in ländlichen Gemeinden sinkende Zahlen. Die Studie hält fest: „Die demografische Entwicklung trifft ländliche Kommunen damit spürbar stärker als die Städte.“ Zukunftsfragen sind damit nicht abstrakt, sondern unmittelbar mit Schulstandorten, Angebotsbreite und langfristiger Planung verknüpft.

Wie unterschiedlich diese Zukunftsperspektive bewertet wird, zeigt sich besonders deutlich im Vergleich zwischen Schulträgern und Schulleitungen. Während 77 Prozent der Bürgermeister trotz sinkender Schülerzahlen davon ausgehen, dass „das bestehende Angebot an ihren Schulen weiterhin aufrechterhalten werden kann“, äußern sich Schulleitungen deutlich zurückhaltender. Von denjenigen, die mit rückläufigen Schülerzahlen rechnen, gehen 53 Prozent davon aus, ihr schulisches Angebot künftig reduzieren zu müssen. Die Studie kommentiert diesen Befund ausdrücklich: „Verglichen mit den Einschätzungen der Bürgermeister fällt die Einschätzung der Schulleiter also deutlich verhaltener aus.“

Vor diesem Hintergrund erhält der geringe Verbreitungsgrad eines institutionalisierten kommunalen Bildungsmanagements zusätzliche Bedeutung. News4teachers 

Eine Langfassung der Studienergebnisse und Details zur Methodik sind hier verfügbar. 

 

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Petra OWL
2 Stunden zuvor

Viele müssen weit fahren oder pendeln, haben hohe Kosten und Zeitverluste.
In der Stadt ist das Schulgebäude manchmal nur 10 Minuten weg.
Homeoffice oder Homeschooling würde uns vor den Zeitverlusten und hohen Kosten bewahren.
Nein, nicht an 5 Tagen!
Aber 2 Tage gehen durchaus, liebe Freunde
Eure Peti 🙂

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