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Philologen-Chefin: Lehrkräfte können soziale Schieflagen nicht “wegpädagogisieren”

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BERLIN. Das Deutsche Schulbarometer mit neuen Daten zur (teilweise schlechten) psychischen Verfassung von Schülerinnen und Schülern hat hitzige und kontroverse Reaktionen hervorgerufen – unter Lehrkräfteverbänden. Während GEW und VBE als Konsequenz der Studie vor allem mehr Ressourcen und eine bessere soziale Infrastruktur an Schulen fordern, rückt der Philologenverband die Studie selbst in den Fokus – und wirft ihr vor, zentrale strukturelle Probleme des Bildungssystems auszublenden.

„Lehnen eine Instrumentalisierung durch Studien ab”: Sabine Mistler, Vorsitzende des Philologenverbands NRW. Foto: phv Nordrhein-Westfalen

Mit der Veröffentlichung des Deutschen Schulbarometers 2025 zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen hat die Robert Bosch Stiftung eine hitzige Debatte entfacht. Ein erheblicher Teil der Schülerinnen und Schüler gilt als psychisch belastet, soziale Unterschiede treten deutlich hervor, und die Wünsche nach mehr Mitbestimmung im Schulalltag sind ausgeprägt. Die Reaktionen der Lehrerverbände fallen unterschiedlich aus – und legen offen, wie umstritten die Deutung der Ergebnisse ist.

„Die Studie blendet die zugrunde liegenden strukturellen Probleme des Bildungssystems aus“

Besonders scharf fällt die Kritik des nordrhein-westfälischen Philologenverbandes aus. Dessen Landesvorsitzende Sabine Mistler stellt die Anlage der Studie selbst infrage. Die Untersuchung „bleibt weitgehend auf der Ebene individueller Belastungen und pädagogischer Stellschrauben stehen“, erklärt sie. Und: „Sie blendet die zugrunde liegenden strukturellen Probleme des Bildungssystems aus.“ Aus Sicht des Verbandes entsteht so ein verkürztes Bild, das die Verantwortung für die Bewältigung gesellschaftlicher Problemlagen einseitig in die Schulen verlagert.

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Mistler warnt davor, dass die Ergebnisse nahelegen könnten, Lehrkräfte müssten durch intensivere Beziehungsarbeit, mehr Partizipation und zusätzliche Förderung ausgleichen, was außerhalb der Schule verursacht werde. „Wer vorrangig über Unterrichtsqualität, Klassenklima und Mitbestimmung spricht, aber den Lehrkräftemangel, die permanenten Reformlasten und jahrelange Unterfinanzierung ausblendet, greift die Realität an unseren Schulen nur unzureichend auf“, sagt sie. Darin sieht der Verband eine problematische Verschiebung politischer Verantwortung durch die Studienautorinnen und -autoren.

Besonders kritisch bewertet der PhV die Darstellung von Leistungsanforderungen und empfundenem Druck. Die Studie verhandle diese vor allem als subjektive Wahrnehmung der Schülerinnen und Schüler. „So entsteht der Eindruck, das Problem sei vor allem ‚zu viel Druck‘ im System Schule“, so Mistler. Nicht berücksichtigt werde jedoch, dass Schulen selbst unter wachsendem Druck stünden – durch zusätzliche Aufgaben wie Inklusion, Integration, Ganztagsausbau, Beratung und Digitalisierung, bei gleichzeitig knappen Ressourcen.

Auch bei der Frage der Chancengerechtigkeit sieht der Verband eine einseitige Perspektive. Zwar benenne die Studie erhöhte Belastungen bei Kindern aus einkommensschwachen Familien oder mit Förderbedarf, ordne diese aber primär als pädagogische Herausforderung ein. „Hier werden soziale Schieflagen diagnostiziert, und die Schulen und Lehrkräfte sollen sie unter Mangelbedingungen wegpädagogisieren“, kritisiert Mistler. Der Verband betont, Schule könne gesellschaftliche Probleme nicht allein lösen.

In dieser Linie warnt der PhV ausdrücklich vor bildungspolitischen Schlussfolgerungen, die aus seiner Sicht zu kurz greifen. „Wir lehnen eine Instrumentalisierung durch Studien ab, ganz besonders dann, wenn dadurch leistungsorientierte Schulformen schrittweise delegitimiert werden sollen“, erklärt Mistler mit Blick insbesondere auf das Gymnasium, dessen Lehrerschaft der Philologenverband vertritt. Ohne differenzierte Betrachtung von Schulformen und Rahmenbedingungen bestehe die Gefahr, strukturelle Unterschiede zu ignorieren und pauschale Reformforderungen abzuleiten.

„Die Befunde sind besorgniserregend und zeigen einen riesigen Handlungsbedarf“

Deutlich anders gewichtet die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Ergebnisse. Für sie bestätigen die Daten vor allem den Handlungsbedarf beim Ausbau sozialer Infrastruktur. „Die Befunde sind besorgniserregend und zeigen einen riesigen Handlungsbedarf“, sagt Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze. Sie verweist insbesondere auf die Abhängigkeit psychischer Gesundheit von den finanziellen Möglichkeiten der Familien und fordert eine bessere Versorgung mit schulpsychologischen und therapeutischen Angeboten sowie einen Ausbau der Schulsozialarbeit.

Dabei richtet sich die Kritik der GEW vor allem gegen aktuelle politische Entscheidungen. Konkret verweist sie auf das Auslaufen des Programms „Mental Health Coaches“ im Bundeshaushalt 2026 sowie auf Einsparungen in einzelnen Bundesländern. „Gerade in der aktuellen gesellschaftlichen Lage mit Krisen, Kriegen und wachsender sozialer Ungleichheit sehen wir uns (..) mit Kürzungen bei der sozialen Infrastruktur konfrontiert. Das ist der falsche Weg und völlig inakzeptabel“, so Bensinger-Stolze.

Zugleich plädiert die GEW dafür, sich von einer einseitigen Leistungsorientierung zu verabschieden. „Die Daten des Schulbarometers sind ein Weckruf, sich intensiver mit dem Aspekt des Wohlbefindens und der psychischen Gesundheit zu befassen“, erklärt sie. Neben mehr Personal fordert die Gewerkschaft auch strukturelle Veränderungen im Schulalltag, etwa mehr Zeit für pädagogische Arbeit und eine stärkere Beteiligung der Schülerinnen und Schüler.

„Unter dem Druck voller Lehrpläne und dem gesellschaftlichen Anspruch an Schule, bleibt dann das Miteinander auf der Strecke“

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) schlägt einen vermittelnden Ton an, betont aber ebenfalls die politische Verantwortung. Sein Bundesvorsitzender Tomi Neckov nennt die Ergebnisse „beunruhigend“ und verweist insbesondere auf die Belastung von Kindern aus einkommensschwachen Familien. „Armut ist ein zentrales Hemmnis von Bildungsgerechtigkeit. Deshalb müssen gerade einkommensschwache Familien weiter finanziell entlastet und Schulen besser dafür ausgestattet werden, armutsbetroffene Kinder zu fördern“, fordert er.

Gleichzeitig hebt der VBE hervor, dass Wohlbefinden und Leistung kein Gegensatz seien, sondern zusammenhingen. Allerdings verweist auch Neckov auf strukturelle Grenzen pädagogischer Arbeit. „Unter dem Druck voller Lehrpläne und dem gesellschaftlichen Anspruch an Schule, bleibt dann das Miteinander auf der Strecke. Das haben aber nicht die Lehrkräfte zu verantworten, sondern die Politik. Die Fachkräfte können nicht ausgleichen, was an Ressourcen fehlt.“

Das Deutsche Schulbarometer 2025 zeigt erstmals seit der Pandemie wieder einen Anstieg psychischer Belastungen bei Schülerinnen und Schülern. Rund ein Viertel der Kinder gilt als psychisch auffällig, bei Kindern aus einkommensarmen Familien liegt der Anteil mit 31 Prozent deutlich höher. Zugleich äußern große Mehrheiten den Wunsch nach mehr Mitbestimmung im Schulalltag, während viele bestehende Beteiligungsformate als wenig wirksam wahrgenommen werden. Die Studie stellt damit einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Lage, schulischer Erfahrung und individuellem Wohlbefinden her. News4teachers 

Mehr Stress, mehr Druck, wenig Mitbestimmung: Warum sich die psychische Lage von Schülern wieder verschlechtert

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Lera
6 Stunden zuvor

Habe heute in DLF gehört, dass sich „alle einig“ seien, es bräuchte mehr …

Trommelwirbel…

… multiprofessionelle Teams!

Hierzu stelle ich fest:

Multiprofessionelle Teams wären potenziell dann ein Gewinn, wenn sie tatsächlich als Team arbeiten könnten.

Dies ist ausschließlich dann möglich, wenn einer aus dem Team Überstunden macht: nämlich der Lehrer.

Unser Deputat ist so hoch, dass neben dem Kerngeschäft Unterricht nur wenige Stunden pro Woche für „alles andere“ übrig bleiben.

Alles andere sind klassischerweise die Konferenzen, Ausflüge etc.

Nicht eingepreist sind hier tägliche Team-Besprechungen und die gemeinsame Vorbereitung von Unterricht – die dauert nämlich: LÄNGER.

Das Ergebnis könnte potenziell durchaus besser sein, als wenn ich das im stillen Kämmerchen ausbrüte.

Der Aufwand steigt aber auch.

Dieser Aspekt wird von Nicht-Praktikern gerne ignoriert.

Liebe KM, ihr wollt multiprofessionelle Teams?

Ich bin zwar kein Fan, aber gut.

Hier kommen realistische Rahmenbedingungen für funktionierende Teams:

– Deputat halbieren,
– Klassengrößen halbieren,
– Team-Teaching als Standard

Ansonsten bleibt es wie es ist:

Einer hält die Schaufel und zwei schauen ihm beim Halten zu.

ed840
5 Stunden zuvor
Antwortet  Lera

“Multiprofessionelle Teams wären potenziell dann ein Gewinn, wenn sie tatsächlich als Team arbeiten könnten.”

Ist am einfachsten, wenn solche Teams aus einer Person bestehen, denn dann braucht man keine Absprachen, Terminvereinbarungen für Teamsitzungen usw. usw.

Realist
3 Stunden zuvor
Antwortet  ed840

“Durch den Verzicht auf multiprofessionelle Teams und Bündelung der gesamten pädagogischen, erzieherischen und fachlichen Betreuung in der Hand einer einzigen Lehrkraft pro Klasse leistet das Kultusministerium einen wichtigen Beitrag zur Entlastung: Keine zeitraubenden Absprachen, Terminvereinbarungen und Teamsitzungen mehr. Die so gewonnenen Arbeitszeiteinsparungen können daher für eine moderate Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung um drei Wochenstunden genutzt werden.”

Na @ed840, schon beim KuMi beworben?

Hint: Auch “Absprachen, Terminvereinbarungen für Teamsitzungen usw. usw.” gehören zur Arbeitszeit!!!

ed840
2 Stunden zuvor
Antwortet  Realist

Na @ed840, schon beim KuMi beworben?”

Nein.

Würden Sie denn ausschließen, dass ich dort schon längst tätig bin und es deshalb gar nicht nötig hätte? .

Englischlehrerin
52 Minuten zuvor

Unser Schulsystem ist am Ende. Punkt. Den Kindern tut es nicht gut, den Lehrern tut es nicht gut und den Schulleitungsmitgliedern tut es nicht gut. Es gibt neue Modelle, wie die Alemannenschule Wutöschingen es vorlebt. In diese Richtung sollten wir gehen. Lehrer sollten viel weniger Unterricht machen und eine Präsenzzeit von 37 Wochenstunden bei voller Stelle haben. Und darin enthalten ist ALLES, sodass man nach Hause kommt und frei hat. Schulen brauchen Coaches. Es ist Zeit, Schule völlig neu zu denken.

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