Home Tagesthemen Winterhoff verurteilt – hat sich damit seine Pädagogik vom “Tyrannenkind” erledigt?

Winterhoff verurteilt – hat sich damit seine Pädagogik vom “Tyrannenkind” erledigt?

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BONN. Michael Winterhoff prägte über Jahre hinweg die Erziehungsdebatte in Deutschland – mit der Diagnose einer angeblich „entgleisten“ Kindheit und der Warnung vor einer Generation egozentrischer „Tyrannen“. Nun hat das Bonner Landgericht den Kinderpsychiater wegen Körperverletzung verurteilt, weil er Kindern Psychopharmaka verordnet hat – ohne Notwendigkeit. Ist mit dem Schuldspruch auch die Theorie vom „Tyrannenkind“ erledigt?

Tyrannosaurus Rex. (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Das Bonner Landgericht hat den Kinderpsychiater und Sachbuchautor Michael Winterhoff wegen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Die Kammer befand den 71-Jährigen der vorsätzlichen Körperverletzung in sieben Fällen sowie der fahrlässigen Körperverletzung für schuldig.

Zwar habe der Angeklagte Kindern und Jugendlichen das umstrittene Psychopharmakon Pipamperon zur Dauerbehandlung verordnet. Anders als von der Staatsanwaltschaft angenommen, habe er dies jedoch nicht getan, um Patienten zu schaden. Vielmehr habe der Angeklagte „aus seiner ureigenen ärztlichen Überzeugung und in heilender Absicht gehandelt“, sagte die Richterin.

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Staatsanwaltschaft hatte fast vier Jahre Haft für Winterhoff gefordert

Die Staatsanwaltschaft hatte für Winterhoff eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten wegen gefährlicher Körperverletzung gefordert. Laut Anklage sollte er Patienten das Pipamperon ohne medizinische Notwendigkeit verordnet und Sorgeberechtigte nicht über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt haben.

Hierzu stellte das Gericht jedoch fest, der Angeklagte habe „Nebenwirkungen des Medikaments ersichtlich vermeiden“ wollen. Zudem habe er Einwilligungen zur Behandlung von den Sorgeberechtigten eingeholt – allerdings in der irrigen Annahme, sie ausreichend aufgeklärt zu haben. Winterhoff hatte die Anklagevorwürfe im Prozess zurückgewiesen. Seine Verteidiger plädierten auf Freispruch. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Angeklagt war Winterhoff ursprünglich in 36 Fällen. Da aber umfangreiche Nachermittlungen notwendig wurden, koppelte die Kammer einen Großteil der Fälle während des Verfahrens ab. Wann diese Fälle weiterverhandelt werden, ist offen. Die angeklagten Fälle erstrecken sich über einen Zeitraum von 17 Jahren. Die Beweisaufnahme verlief zäh, immer neue Zeugen wurden gehört. Es gab Streit um Gutachter, gefälschte Internetseiten, fehlende Akten und angeblich beeinflusste Zeugen.

Michael Winterhoff war einst einer der bekanntesten Kinder- und Jugendpsychiater Deutschlands. Mit seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, das im Jahr 2008 erschien, erreichte er eine breite Leserschaft. Seine Thesen prägten die Erziehungsdebatten der damaligen Zeit und wurden vor allem von Befürwortern eines autoritäreren Erziehungsstils gefeiert. Winterhoff selbst leitete bildungspolitische Forderungen aus seinen Thesen ab.

„Es ist ja ein Skandal passiert: Die OECD, also Menschen, die sich um Wirtschaft kümmern, haben Einfluss genommen auf die Bildungspolitik und haben Ideen entwickelt – weit an dem, was Kinder brauchen, vorbei. Nämlich die, dass Kinder autonom groß werden sollen. Die Bildungspolitik hat das, ohne überhaupt mit Lehrern zu sprechen, von oben nach unten durchgedrückt“ – das sagte Winterhoff, der mit pointierten Titeln polarisierte („Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, „Deutschland verdummt“, „SOS Kinderseele“) im Deutschlandfunk Kultur. Mit „der OECD“ meinte Winterhoff augenscheinlich die (von der Industrieländervereinigung organisierte) PISA-Studie, die „Ideen“, die er anprangert, sind Kompetenzorientierung, offene Unterrichtsformen und eine Lehrerrolle, die weg vom Alleinunterhalter hin zum Classroom-Manager führt.

„Lehrer sind jetzt nur noch ‚Lernbegleiter‘, decken eine Lerntheke, an der sich die Kinder bedienen sollen”

Damit offenbarte Winterhoff seine schulpolitische Agenda, die auf einer recht einfachen Weltsicht beruht. Im Wortlaut eines weiteren Deutschlandfunk-Interviews klang das bei ihm so: „Die meisten Kinder kommen heute mit sechs Jahren in die Schule und sind nicht mehr lern- und wissbegierig. Sie sind lustorientiert, auf der Stufe eines Kleinkindes. In der Schule haben sie nur dann eine Chance, wenn sie sich entwickeln können – am Gegenüber, in der Beziehung zu den Lehrern. Die Politik will aber seit der Jahrtausendwende autonomes Lernen, das heißt, die Lehrer sind nicht mehr direkte Bezugspersonen, sondern nur noch Lernbegleiter. Doch Bindung und die Orientierung am Lehrer sind wichtig, damit Kinder eine Chance haben, ihre Psyche zu entwickeln und lernen zu wollen.“

Oder so (im „Fokus“): „Lehrer sind jetzt nur noch ‚Lernbegleiter‘, decken eine Lerntheke, an der sich die Kinder bedienen sollen. Für die Ausführung ist das Kind verantwortlich. Es gibt Grundschulen, an denen Schulverträge mit den Kindern abgeschlossen werden, in den Pausen gibt es Viertklässler als Streitschlichter. Viele Kinder müssen Schallschutzkopfhörer tragen, um in Ruhe arbeiten zu können. Wir haben jetzt in vielen Bundesländern die Verbundschreibschrift und die Rechtschreibung abgeschafft.“

Winterhoffs Prophezeiung: „Wenn wir nicht gegensteuern, gerät unsere Gesellschaft in eine katastrophale Schieflage. Unsere Kinder wachsen zu Narzissten und Egozentrikern heran, die nicht auf Andere achten, sich nur um sich selbst drehen und lustorientiert in den Tag leben. Wertschätzung ist ihnen kein Begriff mehr. In einem Sozialstaat müssen die Menschen aber füreinander da sein. Doch Menschen, die sich wie kleine Kinder aufführen, nicht fähig sind zu arbeiten, die sprengen dieses System.“

„Seine Taten waren möglich, weil die Gesellschaft die Mär vom Tyrannenkind so gerne glaubt. Winterhoff sitzt tief in deutschen Köpfen“

Mit solchen Aussagen sprach Winterhoff insbesondere vielen konservativen Pädagoginnen und Pädagogen aus der Seele. Und mit manchem hatte er sicher auch recht: Dass „verhaltensoriginelle“ Kinder den Unterricht sprengen und Lehrkräfte an ihre Belastungsgrenze bringen können – wer wollte dem widersprechen? Die Frage ist allerdings, ob sich daraus eine Gesellschaftsanalyse mit weitreichenden bildungspolitischen Konsequenzen drechseln lässt. Und welche.

Zeit-Redakteur Martin Spiewak nannte Winterhoff den „Thilo Sarrazin der Erziehung“ – und beschreibt in einem 2019 erschienenen Beitrag einen „düsteren pädagogischen Pessimismus, der das ganze Werk des Autors durchzieht“, eine „Pädagogik zum Gruseln“. Kinder und Jugendliche seien demnach rein lustbetonte Wesen, die eine kurze Leine benötigen. „Deutschlands Eltern haben es demnach verlernt zu erziehen. Statt ihrem Nachwuchs Grenzen zu setzen, behandeln sie ihn als Freund und Partner. Im Extremfall, der für Winterhoff meist die Regel ist, verbindet Erwachsene und Kinder eine Art ‚symbiotischer Beziehung‘. Die Folge: Die Sprösslinge haben keine Chance, sich zu entwickeln, ihre Psyche verkümmert auf dem Stand eines Säuglings. Wenn diese Kinder erwachsen werden, gefährden sie unseren Wohlstand, ja die ganze Gesellschaft“, so beschrieb Spiewak den Winterhoff’schen Ansatz.

Der Tagesspiegel kommentiert das Urteil heute so: „Seine Taten waren möglich, weil die Gesellschaft die Mär vom Tyrannenkind so gerne glaubt.“ Und: „Winterhoff sitzt tief in deutschen Köpfen.“ News4teachers / mit Material der dpa

Studie: Zwei Drittel der Eltern wollen „beste Freunde“ ihrer Kinder sein – wie geht das mit dem Leistungsanspruch der Schule zusammen?

 

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Mika BB
1 Stunde zuvor

„ Winterhoffs Prophezeiung: „Wenn wir nicht gegensteuern, gerät unsere Gesellschaft in eine katastrophale Schieflage. Unsere Kinder wachsen zu Narzissten und Egozentrikern heran, die nicht auf Andere achten, sich nur um sich selbst drehen und lustorientiert in den Tag leben. Wertschätzung ist ihnen kein Begriff mehr. In einem Sozialstaat müssen die Menschen aber füreinander da sein. Doch Menschen, die sich wie kleine Kinder aufführen, nicht fähig sind zu arbeiten, die sprengen dieses System.““

Jeder gleiche das mit seinem Erleben im Schulalltag ab. Ohne weiteren Kommentar…

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