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Förderschulen werden ihrer Schülerschaft nicht mehr Herr: Verband schlägt Alarm

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SAARBRÜCKEN. Förderschulen existieren als besondere Einrichtungen, um Schülerinnen und Schülern mit speziellen Bedarfen besser als an Regelschulen unterstützen zu können. Was aber, wenn Förderschulen dieser Kinder und Jugendlichen nicht mehr Herr werden? Der Verband Reale Bildung Saarland schlägt jetzt Alarm. Die Schülerschaft im Schwerpunkt Geistige Entwicklung habe sich „sowohl in der Quantität, aber auch in der Qualität“ deutlich verändert, erklärt die Vorsitzende Karen Claassen. Gewalt gegenüber Lehrkräften sei auch hier zunehmend ein Thema.

Kinder mit ADHS zeigen öfter auffälliges Verhalten. (Symbolfoto). Foto: Shutterstock

Die Lage erscheint zunehmend explosiv. „Die Schülerschaft an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Die aktuellen Rahmenbedingungen tragen dieser Entwicklung nicht ausreichend Rechnung“, so heißt es in einer Stellungnahme des Verbands Reale Bildung (VRB) Saarland, der auch Lehrkräfte an Förderschulen vertritt.

Mit Blick auf aktuelle Meldungen, wonach die Gewalt gegenüber Lehrkräften in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist, weist Verbandsvorsitzende Karen Claassen darauf hin, dass „auch an den Förderschulen Geistige Entwicklung eine vermehrte Gewalt zu beobachten“ sei und sich die Schülerklientel „sowohl in der Quantität, aber auch in der Qualität“ verändert habe und weiter verändere. Eine zentrale Ursache sieht der Verband in „komplexen Beeinträchtigungen“, die zu „immer herausfordernden Situationen für die Lehrkräfte“ führten.

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„Selbst- oder fremdgefährdendes Verhalten, Weglauftendenzen, extrem lautes Lautieren oder Schreien über eine längere Zeit“

Bundesweite Daten verweisen auf die wachsende Bedeutung dieses Förderschwerpunkts. Nach Angaben der Kultusministerkonferenz ist die Förderquote im Bereich geistige Entwicklung von 0,6 Prozent im Jahr 1996 auf 1,4 Prozent im Jahr 2023 gestiegen. Damit hat sich der Anteil mehr als verdoppelt.

Wie sich diese Entwicklung im Schulalltag niederschlägt, beschreibt der Verband ausführlich. Förderschulen würden „zunehmend Bildungsorte für Schülerinnen und Schüler mit komplexen und vielfach unklaren Unterstützungsbedarfen“. Lehrkräfte berichteten dabei von „einer starken Zunahme von Kindern und Jugendlichen aus dem Autismus-Spektrum“ sowie von „steigenden Zahlen an Schülerinnen und Schülern mit herausforderndem Verhalten“. Konkret genannt werden „selbst- oder fremdgefährdendes Verhalten, Weglauftendenzen, extrem lautes Lautieren oder Schreien über eine längere Zeit“.

Hinzu komme eine Verdichtung unterschiedlicher Problemlagen. In der Stellungnahme ist von „Schülerinnen und Schülern mit komplexen Mehrfachbehinderungen, schweren Verhaltensauffälligkeiten, psychischen Belastungen, Traumafolgestörungen sowie hohem Pflege- und Unterstützungsbedarf“ die Rede. Gleichzeitig wachse der psychosoziale Unterstützungsbedarf ebenso wie die sprachliche und kulturelle Diversität.

Wirkungsvolle Nachdenkaufgaben für Klassenrowdys

Arbeitsblätter/Kopiervorlagen zur Reaktion auf Regelverstöße in den Klassen 1-4

Schnell einsetzbare Aufgaben für Klassenrowdys, mit wertvollen Lehrerhinweisen

Klassenrowdys erschweren oft ein gemeinsames, effektives Lernen und ein friedliches Zusammenleben oder machen dies schier unmöglich. Wir alle kennen sie: Sie lachen andere Kinder aus, beleidigen, schlagen oder piesacken sie. Sie zeigen keinerlei Manieren, verschmutzen oder zerstören Schuleigentum oder Schulmaterialien.

Die Arbeitsblätter in diesem PDF-Download regen die Klassenrowdys auf kreative Weise dazu an, ihr Fehlverhalten zu reflektieren. Dank unterschiedlicher Kompetenzstufen lassen sich die Materialien differenziert und individuell einsetzen.

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Verbandsvorsitzende Claassen beschreibt auch die Folgen für die Arbeit in den Schulen. Die Entwicklung führe zu „einer steigenden emotionalen, physischen und körperlichen Belastung“ bei Lehrerinnen und Lehrern, die wiederum „zu erheblichen krankheitsbedingten Ausfällen und damit zu einer noch höheren Belastung der weiteren Lehrkräfte“ führe. Zudem komme es zu „einer erheblichen Rollenverschiebung der Lehrkräfte“ sowie zu „einer massiven Ausweitung von Kooperations- und Koordinationsaufgaben“.

Im Gesamtsystem übernehmen Förderschulen nach Darstellung des VRB zunehmend eine Auffangfunktion. Sie würden „immer häufiger zur ersten Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die im Regelsystem oder in anderen Förderschwerpunkten keine adäquate Förderung erfahren haben“.

Vor diesem Hintergrund richtet sich der Blick des Verbands auf die strukturellen Bedingungen. Die besondere Zusammensetzung der Schülerschaft erfordere „einen besonderen Zugang“, der jedoch „immer mehr Ressourcen in Personal und Räumlichkeiten“ notwendig mache. Gleichzeitig fehlten „viel zu kleine Räumlichkeiten und vor allem zu wenige, um Situationen auch zu entzerren“.

Daraus leitet der Verband eine klare Forderung ab: Es brauche „dringend eine Investition, um dem Bildungsauftrag auch weiterhin gerecht werden zu können“. News4teachers 

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unfassbar
16 Stunden zuvor

Ich stelle mal eine naive Frage:
Wenn sogar Förderschulen mit Teilen ihrer Schülerschaft nicht mehr klar kommen, wie sollen das die Regelschulen mit derselben Schülerschaft und zusätzlich sozial ähnlich auffälliger Klientel ohne Förderbedarf?

Indra Rupp
16 Stunden zuvor

Das zufällig mehr geistig behinderte Kinder geboren werden, ist eher unwahrscheinlich. Die Gesellschaft “macht” also zunehmend Kinder behindert.

Fräulein Rottenmeier
15 Stunden zuvor
Antwortet  Indra Rupp

So blöd das klingt, aber das vermutlich etwas wahres dran.

Fräulein Rottenmeier
15 Stunden zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Ich kann ja nur für meine Stadt, in der ich arbeite, sprechen, aber ganz allgemein fehlen seit längerer Zeit Förderplätze besonders für GE. Das führt dann dazu, dass alle minderschweren Fälle auf GL-Schulen untergebracht werden. Nur die wirklich gar nicht an Regelschulen beschulbaren Kinder werden an Förderschulen untergebracht. Das führt seit Jahren zu einer Verschiebung des Klientels an Förderschulen und macht deren Arbeit immer schwerer. Vorher hatten auch diese eine Durchmischung von leichten geistigen Behinderungen und schweren Behinderungen….

Unfassbar
15 Stunden zuvor

Das erklärt aber noch nicht die steigende Anzahl besonders schwerer Fälle.

Fräulein Rottenmeier
14 Stunden zuvor
Antwortet  Unfassbar

Ne, das stimmt. Dafür habe ich auch keine Erklärung….

Unfassbar
15 Stunden zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Mehr Diagnose bedeutet mehr Förderstellen.

potschemutschka
15 Stunden zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Nach meiner Erfahrung liegt es z. T. auch bei diesen Kindern an der Erziehung und den Rahmenbedingungen. Die meisten GE-Kinder, die ich kennengelernt habe, haben sich nicht so benommen, wie oben beschrieben. Auch und gerade diese Kinder brauchen und akzeptieren (in den meisten Fällen) gesetzte Regeln, wenn diese konsequent und verständlich eingesetzt werden. Feste Strukturen und feste Bezugspersonen sind für sie und auch für viele andere Fö-Bedarfe (besonders Lernen und ESE) enorm wichtig für die Orientierung im Alltag (zu Hause, in der Schule und im öffentlichen Raum).

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