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AfD treibt Debatte über Schulpflicht-Aus voran (und beruft sich auf Goethe)

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BERLIN. Nach dem Beschluss des AfD-Programms zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird über deren Plan diskutiert, die Schulpflicht zu lockern. Hauslehrer gab es auch früher schon, heißt es aus der AfD mit Blick auf Goethe – hat aber die Rechnung ohne das Bundesverfassungsgericht gemacht. 

“Aus ihm ist auch etwas geworden”: Johann Wolfgang von Goethe (Ölgemälde von Joseph Karl Stieler), Foto: Wikimedia Commons

Die AfD erwägt, die Forderung nach einer Lockerung der Schulpflicht in ihr Grundsatzprogramm aufnehmen. «Das steht noch nicht in unserem Grundsatzprogramm drin, aber die Stimmen mehren sich, die dafür sind», sagte der parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion und stellvertretende Chef der AfD-Programmkommission, Götz Frömming, vor Journalisten in Berlin. Das aktuelle Grundsatzprogramm der AfD stammt von 2016. Es wird derzeit überarbeitet. Ein neues soll voraussichtlich im nächsten Jahr beschlossen werden.

Diskussion nach Beschluss der Sachsen-Anhalt-AfD

Das Thema Schulpflicht war zuletzt wieder in den Fokus gerückt, nachdem die AfD in Sachsen-Anhalt ihr Programm zur Landtagswahl im September beschlossen hatte. Unter der Überschrift «Bildungspflicht statt Schulzwang» wird für den Fall einer Regierungsübernahme ein Ende der Schulpflicht angekündigt. Man werde eine «Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht schaffen», heißt es.

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Ähnliche Vorstöße waren zuvor auch schon aus anderen AfD-Landesverbänden gekommen, wie Brandenburg oder zuletzt Baden-Württemberg, wo im Landtagswahlkampf damit geworben wurde, die Schulpflicht in eine «Bildungspflicht» umzuwandeln (News4teachers berichtete). Auch die Bundes-AfD hatte dies bereits in ihrem Bundestagswahlprogramm im vergangenen Jahr vertreten.

Kinder hätten ein Recht auf Bildung, und der Staat sei verpflichtet, dieses sicherzustellen, hieß es darin. «Er kommt dieser Verpflichtung aber nur noch unzureichend nach. Deshalb wollen wir die im internationalen Vergleich sehr strenge deutsche Schulpflicht lockern und zu einer Bildungspflicht umwandeln.»

Frömming: Goethe hatte auch Hauslehrer

Frömming erläuterte, man wolle nicht komplett alles auflösen. «Das heißt dann nicht, dass man die Schüler einfach rausnehmen kann und sich selbst überlässt. Sie werden also weiter natürlich gewisse Lernstandskontrollen ablegen müssen.» Er verwies auf Zeiten in Deutschland, wo es «etwas liberaler war» und Kinder auch durch Hauslehrer unterrichtet worden seien. «Viele unserer Geistesgrößen haben nie eine öffentliche Schule besucht. Goethe hatte auch einen Hauslehrer, trotzdem ist etwas aus ihm geworden.»

Die Schulpflicht ist in Deutschland in den Gesetzen der Bundesländer geregelt, die für Schule und Bildung zuständig sind. Im Grundgesetz heißt es in Artikel 7: «Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates.» Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat sich mehrfach mit der Frage der Zulässigkeit des Homeschooling befasst. Es ging dabei um Eltern, die ihre Kinder unter Berufung auf Glaubens- und Gewissensgründe vom Besuch der Schule fernhielten und im eigenen Haushalt unterrichteten.

So urteilten die Verfassungsrichter 2006 (2 BvR 1693/04): Der staatliche Erziehungsauftrag richte sich nicht nur auf die Vermittlung von Wissen, sondern auch auf die Heranbildung verantworlicher Staatsbürger, die gleichberechtigt und dem Ganzen gegenüber verantwortungsbewusst an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhätten. Soziale Kompetenz im Umgang auch mit Andersdenkenden, gelebte Toleranz, Durchsetzungsvermögen und Selbstbehauptung einer von der Mehrheit abweichenden Überzeugung könnten effektiver eingeübt werden, wenn Kontakte mit der Gesellschaft und den in ihr vertretenen unterschiedlichen Auffassungen nicht nur gelegentlich stattfänden, sondern Teil einer mit dem regelmäßigen Schulbesuch verbundenen Alltagserfahrung seien.

Daher sieht Karlsruhe die Schulpflicht auch in einem angemessenen Verhältnis zu dem Gewinn, den die Erfüllung dieser Pflicht für den staatlichen Erziehungsauftrag und die hinter ihm stehenden Gemeinwohlinteressen hat. Zu den Aufgaben der Schule zählt das BVerfG hier auch, «der Entstehung von religiös oder weltanschaulich motivierten ‚Parallelgesellschaften‘ entgegenzuwirken und Minderheiten auf diesem Gebiet zu integrieren. Integration setzt dabei nicht nur voraus, dass die Mehrheit der Bevölkerung religiöse oder weltanschauliche Minderheiten nicht ausgrenzt, sie verlangt vielmehr auch, dass diese sich selbst nicht abgrenzen und sich einem Dialog mit Andersdenkenden und -gläubigen nicht verschließen». News4teachers / mit Material der dpa

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Rainer Zufall
11 Stunden zuvor

Jetzt gehen die ganzen PISA-Fans wahrscheinlich auf die Palme, verweisen auf den Wert der Schule und äußern ihre bisherigen Enttäuschungen bezüglich (zu) vieler Elternteile und deren “Eigenverantwortung”, weshalb die diesen rechten Populismus eine Absage erteilen…

Wer würde diesen Spinner*innen schon öffentlich den Rücken stärken, für Bessergestellte haben wir doch Privatschulen 🙂

Schule neu denken
10 Stunden zuvor

Das finde ich sehr gut und längst überfällig. Schon jetzt gibt es ja immer mehr die Tendenz die Schulpflicht zu umgehen. Die Alemannenschule beispielsweise zeigt dass der Lernort zu Hause positiv wirkt. Homeoffice ist inzwischen überall vertreten. Warum sollen Schüler nicht auch mal zu Hause bleiben und dort arbeiten?

Alese20
8 Stunden zuvor

Ich finde auch, dass es zumindest möglich sein sollte, wie an der Alemannenschule, begleitet Zuhause arbeiten zu können. Das wäre für viele neurodivergente SuS oder welche mit Schulangst ein Segen.

DerechteNorden
8 Stunden zuvor

Kriegt man da als Grundsicherungsempfängerkind eigentlich auch die Hauskehrkraft erstattet?

potschemutschka
9 Stunden zuvor
potschemutschka
9 Stunden zuvor
Antwortet  potschemutschka

Wenn die AfD sich an Goethe ein Beispiel nehmen möchte, dann sollten sie die Ressourcen mit berücksichtigen, die die Familie Goethe hatte und den Umfang des häuslichen Bildungsanspruchs der Familie beachten. Wie viele AfD-Wähler können ihrem Nachwuchs diese Bedingungen für Hausunterricht bieten? Ich wette, bei den meisten scheitert es schon an der Anzahl der Bücher in der privaten häuslichen Bibliothek. 🙂 Ich empfehle folgenden Artikel dazu zu lesen:
https://www.johann-wolfgang-goethe.net/kindheit-und-jugend.shtml

potschemutschka
8 Stunden zuvor
Antwortet  potschemutschka

Aber vielleicht möchten sich die Befürworter des Hausunterrichts an anderen Universal-Gelehrten früherer Zeiten ein Beispiel nehmen? Dann empfehle ich einen Besuch folgender Ausstellung:
https://museum-reinickendorf.de/termine/dem-leben-auf-der-spur-kindheit-und-jugend-der-brueder-von-humboldt/
Man könnte sich aber auch an den Brüdern Grimm orientieren 🙂
Brüder Grimm – Wikipedia
So langsam werde ich wohl doch noch zum Befürworter des Hausunterrichts. Vielleicht werden wir dadurch wieder zum “Volk der Dichter, Denker und Ingenieure”. Wer weiß?

Susanne M.
9 Stunden zuvor

” Der staatliche Erziehungsauftrag richte sich nicht nur auf die Vermittlung von Wissen, sondern auch auf die Heranbildung verantworlicher Staatsbürger, die gleichberechtigt und dem Ganzen gegenüber verantwortungsbewusst an den demokratischen Prozessen in einer pluralistischen Gesellschaft teilhätten. Soziale Kompetenz im Umgang auch mit Andersdenkenden, gelebte Toleranz, Durchsetzungsvermögen und Selbstbehauptung einer von der Mehrheit abweichenden Überzeugung könnten effektiver eingeübt werden, wenn Kontakte mit der Gesellschaft und den in ihr vertretenen unterschiedlichen Auffassungen nicht nur gelegentlich stattfänden, sondern Teil einer mit dem regelmäßigen Schulbesuch verbundenen Alltagserfahrung seien.”

Ich frage mich dann eben: Österreich und Portugal schaffen es dann nicht, mündige Bürger heranzuziehen?
Gehört da nicht ein wenig mehr dazu als die Schulpflicht?

Muxi
8 Stunden zuvor

Irgendwie wäre mir tatsächlich eine Bildungspflicht lieber als eine Schulpflicht.
Aber ich bin ja nur einfaches Fußvolk…

Indra Rupp
8 Stunden zuvor

Also, die Afd kommt evtl in Sachsen – Anhalt an die Macht und verliert erstmal einen Teil ihrer Lehrer, weil der abhaut. Dann besorgen sich noch die “oberen 10.000” Privatlehrer für ihre Kids in 1:1 Betreuung Zuhause und da reißen sich viele drum, weil ja Luxus im Vergleich zur Arbeit in Schulen. Dann werden noch so einige für Förderschulen gebraucht.
Matheaufgabe : Wieviele Lehrkräfte bleiben noch für die Regelschulen?
Ich vermute allerdings, bei den Förderschulen wird eher etwas bezüglich guter Betreuung geschummelt, bevor man den Leistungsträgern Lehrer abzwackt. Die Förderschulen werden also zu unterversorgten Verwahranstalten, schlimmer als jetzt in Regelschulen, weil doppelt so viele dorthin kommen und die Probleme dort konzentriert auftauchen und mit Hausunterricht nun auch noch die Oberschicht 1:1 Betreuung beansprucht.
Die Afd hält euch für käuflich und meint, für ein bisschen mehr Autorität kommt ihr Scharenweise angelaufen, so dass Sachsen-Anhalt sich das alles leisten kann und die vielen Privatlehrer Zuhause sorgen für Spitzenleistungen.
Die Afd sollte vielleicht wirklich mal an die Macht kommen und den Clown machen. Die Idee, sie bekämen aufgrund ihrer Idee haufenweise Lehrer entspricht der Reife von Neunjährigen.

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