FRIEDBERG. Ein 15-Jähriger, der an einer Mittelschule im bayerischen Friedberg zwei Schüler mit einem Hammer angegriffen haben soll, hat sich erstmals zur Anklage geäußert. Die Generalstaatsanwaltschaft München wirft dem Jugendlichen versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung vor. Nach Darstellung der Ermittler soll die Tat rassistisch motiviert gewesen sein. Der Prozess vor dem Landgericht Augsburg findet wegen des Alters des Angeklagten unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Dennoch zeichnet sich bereits ab, dass es um mehr geht als um einen einzelnen Gewaltausbruch auf einem Schulhof: Im Verfahren steht auch die Frage im Raum, wie sich extremistische Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen entwickelt.

„So nazimäßig, da wusste ich, das ist kein Spaß.“ Len erinnert sich an den Moment auf dem Pausenhof der Friedberger Mittelschule noch genau. Der 14-Jährige steht an diesem Morgen Anfang Oktober mit einem Freund draußen vor dem Unterricht, als ein Jugendlicher auf sie zukommt – mit schwarzem Helm, Gesichtsmaske und Militärkleidung. Sekunden später trifft der Hammer seinen Freund am Kopf. Die Wunde beginnt sofort stark zu bluten. Len läuft erst weg, dreht dann aber um. „Ich hab ihn getreten, mit dem Knie in den Bauch gerammt, hab’ dann den Alex genommen und wir sind weggerannt. Er hat noch mit der Softair-Pistole auf uns geschossen“, schilderte er kurz nach der Tat dem Bayerischen Rundfunk.
Mehr als ein halbes Jahr nach der Attacke steht der mutmaßliche Täter nun vor dem Landgericht Augsburg. Der Jugendliche, der zur Tatzeit ebenfalls 15 Jahre alt war, ist wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Nach Darstellung der Generalstaatsanwaltschaft München soll er aus rassistischen Motiven gehandelt haben. Laut Anklage wollte er Menschen „islamischer Religionszugehörigkeit und mit ausländischer Herkunft“ töten.
Der Prozess findet hinter verschlossenen Türen statt. Das Jugendgerichtsgesetz schreibt bei minderjährigen Angeklagten den Ausschluss der Öffentlichkeit vor. Entsprechend dringen nur wenige Informationen aus dem Gerichtssaal nach außen. Dennoch wird sichtbar, welche Dimension die Ermittler dem Fall beimessen.
Zum Auftakt des Verfahrens habe sich der Angeklagte erstmals zur Anklage geäußert, teilte das Landgericht Augsburg mit. „Der Angeklagte hat sich über seinen Verteidiger zum Vorwurf erklärt“, sagte ein Gerichtssprecher. Angaben zum Inhalt machte das Gericht nicht. Auch die beiden verletzten Jugendlichen wurden bereits als Zeugen vernommen. Wegen des Alters des Angeklagten wolle man keine weiteren Details öffentlich machen, hieß es.
Der Ausschluss der Öffentlichkeit solle verhindern, dass Jugendliche dauerhaft stigmatisiert würden, erklärte der Gerichtssprecher gegenüber der „Friedberger Allgemeine“. Details zur Person des Angeklagten und zu den Vorwürfen sollten deshalb nicht öffentlich verbreitet werden. Gleichzeitig zeigt schon der Umfang des Verfahrens, dass die Ermittler von einer weitreichenden Bedeutung des Falls ausgehen. Insgesamt sind elf Verhandlungstage angesetzt, 55 Zeuginnen und Zeugen sowie zwei Sachverständige geladen.
Die Generalstaatsanwaltschaft München hatte die Ermittlungen bereits kurz nach der Tat übernommen. Zuständig ist dort die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus. Hintergrund seien Hinweise auf ein rechtsextremistisches Motiv gewesen.
Nach Angaben der Ermittler soll der Jugendliche am 2. Oktober 2025 morgens das Gelände seiner ehemaligen Mittelschule in Friedberg betreten haben – bekleidet mit einem uniformähnlichen Anzug und einem militärisch wirkenden Helm (News4teachers berichtete). Außerdem soll er zwei erlaubnisfreie Softair-Pistolen und ein Messer bei sich gehabt haben. Auf dem Pausenhof soll er laut Anklage zwei Schüler angegriffen haben – einen irakischstämmigen Jugendlichen und einen Schüler mit kosovarischen Wurzeln. Einer von ihnen ist Len, der den Angriff später im Bayerischen Rundfunk schilderte. Beide wurden mit einem Hammer angegriffen und verletzt. Einer der beiden Schüler musste stationär im Krankenhaus behandelt werden. Beide treten im Verfahren als Nebenkläger auf.
Ob tatsächlich ein rassistisches Tatmotiv vorlag, dürfte zu den zentralen Fragen des Prozesses gehören. „Das wird eine der Kernfragen im Verfahren sein“, sagte Gerichtssprecher Rauh der „Friedberger Allgemeinen“. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler sowie Polizeibeamte sollen dazu als Zeugen aussagen.
Über Hinweise darauf, dass der Angeklagte bereits früher Drohungen gegen seine ehemalige Schule ausgestoßen haben soll, hatte der Bayerische Rundfunk schon kurz nach der Tat berichtet.
Für Len bleibt die Erinnerung konkret. Sein Freund sei plötzlich blutend zu Boden gegangen, erzählte er dem BR. Er selbst wurde an der Schulter verletzt. Seine Mutter schilderte die Stunden danach als „Schock“. Als der Rettungsdienst angerufen habe und von einer Hammerverletzung sprach, habe sie zunächst an einen Unfall gedacht. Erst als sie auf dem Weg ins Krankenhaus überall Polizei sah „und den Hubschrauber in der Luft“, sei ihr klar geworden: „Jetzt ist was Schlimmes passiert.“
Len versucht inzwischen, Abstand zu gewinnen. Fußballspielen helfe ihm dabei, sagte er dem BR, ebenso Zeit mit seinen Schwestern. Über den mutmaßlichen Täter denke er kaum noch nach. Warum ausgerechnet er und sein Freund angegriffen wurden, könne er nicht erklären. „Falscher Ort, falsche Zeit.“
Seine Mutter beobachtet trotzdem Veränderungen. Er sei stiller geworden als früher, sagt sie. Und obwohl sie stolz darauf ist, dass ihr Sohn seinen verletzten Freund nicht allein gelassen hat, bleibt für sie etwas anderes stärker als jede Erleichterung über den Ausgang jenes Morgens auf dem Schulhof: „Die Angst bleibt.“ News4teachers / mit Material der dpa
“Ob tatsächlich ein rassistisches Tatmotiv vorlag, dürfte zu den zentralen Fragen des Prozesses gehören.”
Tut es das? Streitet die Politik gerade darum, ob mehr Geld in psychische Gesundheit oder in Demokratiebildung investiert wird?
Es soll – irrtümlicherweise – an beiden Enden gespart werden 🙁