BERLIN. Schulen sollen immer mehr leisten: Digitalisierung, Inklusion, Ganztag, Demokratiebildung, KI-Kompetenz oder individuelle Förderung kommen parallel auf die Agenda. Gleichzeitig bleiben Zeit, Personal und Ressourcen begrenzt. Der Bildungsexperte Udo Beckmann plädiert deshalb für einen Perspektivwechsel in der Schulentwicklung: Nicht das ständige Hinzufügen neuer Aufgaben sichere Innovation – sondern die bewusste Entscheidung, worauf Schulen künftig verzichten.

Priorisieren statt permanent addieren
Warum die entscheidende Führungsfrage heute lautet: Worauf verzichten wir, damit wir Zeit, Kraft und Fokus haben, Neues zu beginnen?
Schulen gelten oft als reformträge Systeme. Wer jedoch mit Schulleitungen spricht, erlebt häufig eher das Gegenteil: eine hohe Entwicklungsbereitschaft, große Innovationsenergie und den ernsthaften Willen, auf gesellschaftliche Veränderungen zu reagieren.
Digitale Transformation, KI, Inklusion, Demokratiebildung, Ganztag, Fachkräftemangel, psychosoziale Belastungen, Sprachförderung, individuelle Förderung – kaum ein Handlungsfeld, das Schulen nicht gleichzeitig bearbeiten sollen. Und vielerorts geschieht genau das: engagiert, kreativ und mit beeindruckender Professionalität.
Das eigentliche Problem ist deshalb nicht mangelnde Innovationsbereitschaft. Das Problem ist die Logik des permanenten Hinzufügens.
Neue Anforderungen kommen hinzu, alte verschwinden selten. Projekte enden formal, laufen faktisch aber weiter. Initiativen werden gestartet und zusätzliche Aufgaben formuliert, ohne dass an anderer Stelle bewusst entlastet oder dauerhaft zusätzliche Ressourcen bereitgestellt werden. Genau hier liegt möglicherweise die entscheidende Führungsfrage – gerade mit Blick auf ein neues Schuljahr: Wenn wir wirklich etwas Neues wollen und zugleich verantwortlich mit den vorhandenen Ressourcen sowie mit der Gesundheit der Beschäftigten umgehen möchten – worauf verzichten wir dann bewusst?
In vielen Schulen entsteht derzeit ein paradoxes Gefühl: Obwohl enorm viel gearbeitet wird, wächst gleichzeitig die Wahrnehmung, nie wirklich „fertig“ zu sein. Kollegien erleben Schulentwicklung zunehmend als Überlagerung paralleler Erwartungen.
Das bleibt nicht folgenlos: Aufmerksamkeit zerfasert, Prioritäten verschwimmen, Projekte konkurrieren um dieselben Ressourcen – und Innovation verliert an Tiefe. Denn jede neue Initiative benötigt Zeit, Kommunikation, Abstimmung, Fortbildung und emotionale Energie. Diese Ressourcen entstehen nicht automatisch zusätzlich.
Wer Veränderung ernst meint, muss deshalb auch über Verdrängung sprechen. Oder zugespitzt: Bei gleichbleibenden Ressourcen gibt es keine echte Innovation ohne bewusste Entlastungsentscheidung.
In der Bildungsdebatte wird häufig gefragt: Was müssen Schulen künftig zusätzlich können? Welche Kompetenzen brauchen Schülerinnen und Schüler? Welche Themen dürfen nicht verpasst werden?
Deutlich seltener wird die Gegenfrage gestellt: Was machen wir künftig nicht mehr? Welche Routinen haben ihre Wirkung verloren? Welche Projekte laufen weiter, obwohl kaum noch jemand ihren Beitrag erklären kann? Und welche Aufgaben binden Energie, ohne strategisch relevant zu sein?
Dabei entscheidet genau diese Diskussion darüber, ob neue Entwicklungen überhaupt tragfähig werden können. Denn wenn jede Innovation lediglich „on top“ kommt, entsteht keine Transformation, sondern Überlagerung.
Besonders wichtig ist dabei ein Perspektivwechsel: Reduktion bedeutet nicht Rückzug aus Entwicklung – im Gegenteil. Wer priorisiert, schützt Innovation vor Beliebigkeit. Eine Schule, die bewusst entscheidet: Diesen Schwerpunkt verfolgen wir konsequent. Dieses Projekt pausieren wir. Diese Struktur vereinfachen wir – handelt nicht weniger ambitioniert, sondern strategischer. Denn Klarheit erzeugt Handlungsfähigkeit.
Kollegien erleben Entlastung nicht primär durch weniger Arbeit, sondern durch nachvollziehbare Schwerpunktsetzungen. Wenn deutlich wird, warum etwas Priorität hat – und was dafür bewusst zurücktritt –, entsteht Orientierung statt Überforderung. Die Debatte betrifft dabei nicht nur Schulen selbst. Auch Schulaufsicht und Bildungspolitik stehen zunehmend vor der Herausforderung, Entwicklungsimpulse nicht nur zu initiieren, sondern systemisch anschlussfähig zu halten. Denn jede zusätzliche Maßnahme sendet implizit die Botschaft: „Auch das ist jetzt wichtig.“
Die entscheidende Frage lautet deshalb künftig möglicherweise weniger: „Welche neuen Themen setzen wir?“ Sondern vielmehr: „Welche bisherigen Erwartungen reduzieren wir dafür?“ Das ist anspruchsvoll. Denn Systeme tun sich traditionell leichter damit, Neues anzukündigen, als Bestehendes zu beenden. Genau darin könnte jedoch eine neue Qualität von Steuerung liegen: nicht maximale Gleichzeitigkeit zu organisieren, sondern bewusste Fokussierung zu ermöglichen.
Vielleicht braucht Schule deshalb den Mut zu einer neuen Kultur des Weglassens. Nicht als Defiziterzählung. Nicht als Sparlogik. Und erst recht nicht als Absage an Innovation. Sondern als Anerkennung einer einfachen Realität: Jede ernst gemeinte Veränderung braucht Raum. Wenn Schulen Neues wirklich wirksam entwickeln sollen, muss akzeptiert werden, dass nicht alles parallel wachsen kann. Die zentrale Führungsfrage lautet daher nicht: „Was könnten wir noch tun?“ Sondern: „Was lassen wir bewusst, damit das Neue überhaupt Kraft entfalten kann?“
Gerade mit Blick auf das kommende Schuljahr ist das eine notwendige Diskussion – auch in den schulischen Mitwirkungsgremien. Denn Priorisierung entscheidet nicht nur über Arbeitsbelastung. Sie entscheidet über Wirksamkeit, Glaubwürdigkeit und letztlich über die Zukunftsfähigkeit von Schule selbst. News4teachers
Udo Beckmann ist Grund- und Hauptschullehrer, leitete zehn Jahre eine Hauptschule in herausfordernder Lage mit einer Schülerschaft, die zu 80 Prozent aus Familien mit Migrationshintergrund stammten. Er war zudem 16 Jahre Vorsitzender der zweitgrößten Lehrergewerkschaft in Nordrhein-Westfalen (des VBE) und 13 Jahre Bundesvorsitzender. Heute ist er Leiter des Programmbeirats beim Deutschen Schulleitungskongress.
Das ist mal ein Vorschlag, den Schulleiter hören sollten.
Hier wird genau die Situation beschrieben, die wir seit Jahren in der Schulentwicklung haben und keiner überblickt mehr alles. Es ist diffus und wenig zielgerichtet.
Ein toller Beitrag, den man so 1zu1 für Schulen in NRW übernehmen kann. Der Herr trifft den Nagel auf den Kopf.
Gleiches gilt übrigens auch für den Bereich der Unterrichtsentwicklung und nicht nur für die Schulentwicklung.
Herr Beckmann referiert hier eins zu eins den Inhalt des Buches “Weniger macht Schule” von Benedikt Wisniewski und Barbara Gottschling – allerdings ohne die Quelle zu nennen.
https://www.spektrum.de/rezension/buchkritik-zu-weniger-macht-schule/2307002?fbclid=IwY2xjawRvkLVleHRuA2FlbQIxMQBzcnRjBmFwcF9pZBAyMjIwMzkxNzg4MjAwODkyAAEeTtpuF4v93PvKI5619rg1OYMJYOO_47AfAFBeiTiFChfIz9kZ0rPcGmwBvmw_aem_PCuoczNeE7OTp-jfqucoHg
By the way: Das sehr lesenswerte Buch beschreibt sehr anschaulich das, was Mathias Brodkorb und Klaus Zierer als “Reformitis” beschreiben.
“Weniger ist mehr” hilft übrigens auch oft beim Umgang mit Schülern mit ADHS
“Weniger ist mehr” ist außerdem in sehr vielen Lebenslagen hilfreich. Sogar was den Unterricht und Co. betrifft:
Es müssen nicht 100% – 150% als LK gegeben werden, denn 80% reichen auch! Niemand muss über jedes Stöckschen springen, das uns vor die Füße geworfen wird. Schulleitungen können das lernen…
Und wenn man es dann im Schulalltag noch schafft, das jeweilige Problem zu lokalisieren und zuzuordnen (= …ist das wirklich mein Problem / mein Ding? Dann muss ich handeln! Wenn nicht, lege ich mich entspannt zurück!), schafft das ein gutes Stück der gepriesenen Resilienz.
Das Buch habe ich nicht gelesen. Ich spreche ausschließlich aus Erfahrung.
Es gibt ein Buch zu genau dem Thema: “Weniger macht Schule: Wie De-Implementierung schulische Freiräume schafft.” Allerdings nicht von Herrn Beckmann, sondern von Dr. Gottschling und Dr. Wisniewski. Klare Leseempfehlung!
Mal ganz blöd gefragt: Was haben Schulleiter damit zu tun?
Das wir Mathelehrer (in Bayern) mehr Stoff unterrichten als ein Teil der Schüler in der gegebenen Zeit verarbeiten kann, liegt nicht an der Schulleitung. Eher mit Minderwertigkeitskomplexen bei den Lehrplanmachern.
Die Kritik gehört an Söder hin.