BAD LOBENSTEIN. Lehrkräfte sollen verlässlich sein, belastbar, engagiert und jederzeit professionell handeln – so lautet zumindest das gesellschaftliche Idealbild. Doch genau diese Erwartungen können zur Falle werden, meint die Coachin Anne Grieser. Seit vielen Jahren begleitet sie Lehrkräfte in beruflichen Krisen und Veränderungsprozessen. In ihrem Gastbeitrag beschreibt sie, warum nicht nur Personalmangel und Arbeitsverdichtung krank machen können, sondern auch ein Rollenverständnis, das kaum Raum für eigene Grenzen, Zweifel oder Überforderung lässt. Für sie braucht eine gesunde Schule deshalb beides: bessere Rahmenbedingungen und einen kritischeren Blick auf die Vorstellungen davon, was eine „gute Lehrkraft“ sein soll.

Zwischen Anspruch und Erschöpfung – was Lehrkräfte wirklich belastet
Es gibt Monate, da häufen sich in meinen Gesprächen die gleichen Sätze. Unabhängig von Schulform, Bundesland oder Dienstalter sagen Lehrkräfte Dinge wie: „Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal wirklich Luft geholt habe.“ Oder: „Ich funktioniere noch – aber ich merke, dass es mich immer mehr Kraft kostet – körperlich und auch mental.“
Ich begleite Erwachsene seit vielen Jahren als Coach im Rahmen komplexer Veränderungsprozesse, ein großer Teil davon sind Lehrkräfte. Menschen, die ihren Beruf einmal aus Überzeugung gewählt haben und heute oft zwischen pädagogischem Anspruch, strukturellen Grenzen und persönlicher Erschöpfung stehen. Dabei ist eines wichtig vorweg klarzustellen: Die Rahmenbedingungen im Schuldienst sind objektiv herausfordernd. Hohe Arbeitsdichte, steigende Erwartungen, Personalmangel, gesellschaftlicher Druck – all das ist real. Niemand „bildet sich das ein“. Neue Konzepte und Überlegungen im Hinblick auf Reformen, Strukturen und Schulmodelle sind hier mit Sicherheit wertvolle Aspekte, die bereits mit viel Engagement und Euphorie vielerorts angedacht und umgesetzt werden.
Und doch zeigt sich in meiner Praxis immer wieder ein Muster, das tiefer reicht als einzelne strukturelle Veränderungen oder Arbeitszeitmodelle. Viele Lehrkräfte haben gelernt, sehr lange sehr viel auszuhalten. In Gesprächen erzählen sie von Wochen, in denen es kaum Pausen im Schulbetrieb gibt, von Tagen, an denen es nicht für einen Mittagssnack reicht oder gar den Gang zur Toilette. Sie sprechen von Abenden, an denen sie E-Mails beantworten oder Unterricht vorbereiten, wenn alles längst schläft. Von Wochenenden, an denen sie Korrekturen auf dem Küchentisch stapeln, während die Familie das schöne Wetter genießt. All das begleitet von einem inneren Anspruch, der nicht verhandelbar scheint: Die Schülerinnen und Schüler brauchen mich. Die Kolleg:innen bauen auf mich. Wenn ich es nicht mache, wer macht es dann? Ich darf nicht ausfallen.
Was dabei häufig verloren geht, ist der Blick auf die eigene Belastungsgrenze. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Verantwortungsgefühl. Lehrkräfte spüren sehr genau, was im System nicht funktioniert – und versuchen, diese Lücken mit persönlichem Einsatz zu schließen. Über Monate, manchmal über Jahre. In meiner Arbeit erlebe ich dann Menschen, die fachlich hochkompetent sind, reflektiert, engagiert – und gleichzeitig innerlich zunehmend leer. Schlafprobleme, Gereiztheit, emotionale Distanz, körperliche Warnsignale. Oft verbunden mit Schuldgefühlen, überhaupt darüber nachzudenken, dass es zu viel sein könnte.
Gesunde Schule wird häufig strukturell gedacht: bessere Ausstattung, mehr Personal, andere Vorgaben. All das ist wichtig. Doch selbst wenn sich Rahmenbedingungen verbessern, bleibt eine Frage zentral: Wie gehen die Menschen in diesem System miteinander um? Und wie geht das System mit den Menschen um? Wie gehen diese Menschen mit sich selbst um?
Denn Belastung entsteht nicht nur durch äußere Faktoren, sondern auch durch innere Antreiber. Durch tief verankerte Überzeugungen wie „Ich darf keine Schwäche zeigen“, „Andere kommen doch auch zurecht“ oder „Wenn ich mich abgrenze, lasse ich jemanden im Stich“. Diese inneren Muster wirken leise, aber konstant – und sie sind im Lehrerberuf besonders wirksam.
In meiner Arbeit geht es deshalb nicht um schnelle Tipps oder Durchhalteparolen. Auch die klassischen Resilienz-Trainings oder Stress- und Selbstmanagement-Maßnahmen greifen aus meiner Sicht noch zu kurz. Es geht um Ehrlichkeit sich selbst und seinen eigenen Grenzen gegenüber: Wo übernehme ich zu oft Verantwortung, die strukturell eigentlich nicht bei mir liegt? Wo ignoriere ich Signale meines Körpers? Wo halte ich an Erwartungen fest, die mich langfristig krank machen? Gefolgt von der eigentlichen Frage, die weit tiefer geht: Woher kommt dieser Anspruch? Warum kommen einige trotz herausfordernden Rahmenbedingungen im System Schule gut zurecht, während andere daran innerlich zerbrechen. Und wie schafft man den Sprung raus aus der Dauerschleife von Funktionieren, Reagieren und Durchhalten?
Eine gesunde Schule braucht Lehrkräfte, die sich nicht permanent selbst übergehen. Das bedeutet nicht, dass individuelle Selbstfürsorge strukturelle Probleme lösen kann. Hier braucht es parallele Bestrebungen, die vielerorts bereits angeschoben und teilweise schon sehr erfolgreich umgesetzt werden. Doch individuelle Selbstfürsorge entscheidet darüber, ob Menschen innerhalb eines Systems – ganz gleich, wie es aktuell aufgestellt ist – kurz-, mittel- und langfristig handlungsfähig bleiben. Ob sie gestalten können, wirksam werden können oder nur noch reagieren – eines Tages möglicherweise ausfallen oder vorher das Handtuch werfen.
Viele Lehrkräfte berichten mir, dass allein das Aussprechen dieser inneren Konflikte entlastend wirkt. Dass sie zum ersten Mal das Gefühl haben, nicht erklären oder rechtfertigen zu müssen, warum sie müde sind. Sondern ernst genommen werden in einer Realität, die komplex ist und oft widersprüchlich. Hier braucht es eine Legitimation und das ehrliche Bemühen, hinzuschauen und ernst zu nehmen.
Gesunde Schule beginnt für mich daher bereits vor konkreten Maßnahmen: nämlich bei der Erlaubnis, die eigene Überforderung nicht länger als persönliches Versagen zu betrachten und gleichzeitig die Schuld dafür nicht allein im System und seinen komplexen Rahmenbedingungen zu suchen. Die Bedienung beider Hebel – struktureller und persönlicher Veränderung – bietet aus meiner Sicht eine riesige Chance, Schule der Zukunft gemeinsam zu gestalten.
Warum Lehrergesundheit mehr braucht als neue Konzepte
Wenn aktuell über Schule gesprochen wird, dann meist mit einem klaren Fokus: Veränderung. Neue Konzepte, neue Strukturen, neue Modelle. Der Blick richtet sich nach außen, auf andere Bildungssysteme, die scheinbar besser funktionieren, auf Ansätze, die Hoffnung machen und Entwicklung versprechen. All das ist wichtig. Und notwendig. Und dennoch bleibt bei genauerem Hinsehen eine Lücke. Das Gefühl, dass sich vieles bewegt – und gleichzeitig etwas Entscheidendes unangetastet bleibt.
Diese Erwartung entsteht nicht nur im System Schule selbst. Sie wird von außen mitgetragen – durch Eltern, durch gesellschaftliche Zuschreibungen, durch ein Bild von „guter Lehrkraft“, das wenig Raum lässt für Unsicherheit, Begrenzung oder Zweifel. News4teachers / www.anne-grieser.de
Morgen erscheint Teil zwei des Gastbeitrags auf News4teachers.
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Gesunde Schule“.
Ja, ich unterschreibe fast jedes Wort und bin der Überzeugung, dass man ohne Coaching nicht aus dieser Schleife rauskommt. Diese einzelnen Angebote zur Stressreduktion, die die Bzrg so anbieten, dienen mMn nur der punktuellen Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit und Kosten auch noch Zeit…..eine Selbstreflexion ist da aber gar nicht angedacht, so dass ich uU Übungen an die Hand bekomme, die mein Problem gar nicht betreffen.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Schulberatungsstellen für LKs auch solche Coachings anbieten….einfach mal nachfragen….
Für SL gibt es spezielle Coachings, die auch wirklich hilfreich sind und speziell auf die Bedarfe und Anforderungen von SL ausgerichtet sind.
All in all kann man nur Selbstfürsorge betreiben, wenn man seine eigenen Grenzen erkennt und Strategien an die Hand bekommt, sich innerhalb seiner Grenzen zu bewegen.
Gibt es das in NRW?
Wie sieht es in anderen BL aus?
Ich kann nur für NRW sprechen…..
„Lehrkräfte sollen verlässlich sein, belastbar, engagiert und jederzeit professionell handeln“ – dieses Idealbild wird so selbstverständlich wiederholt, als wäre es ein Naturgesetz. Dabei meint „immer stark“ längst nicht fachlich stark oder souverän, sondern eine Art emotionales Dauerlächeln. Genau diese zeitgeistkonforme Vorstellung von Stärke macht aus Lehrkräften das, was das System offenbar bevorzugt: eine Leerschlappe. Eine Figur, die zwar alles auffangen soll, aber nichts mehr entscheiden darf; die für alles verantwortlich ist, aber für nichts die nötigen Mittel bekommt; die ständig verfügbar sein soll, aber nie Rückgrat zeigen darf, weil das irgendjemand stören könnte. Anne Grieser warnt zu Recht, dass diese Erwartungen „zur Falle werden können“ – doch die Falle ist längst zugeschnappt.
Denn viele Schüler und Eltern, Gesellschaft und der bildungsidealistische Elfenbeinturm wünschen sich heute keine Lehrkraft mehr, sondern eher eine pädagogische Allzweckwaffe, die gleichzeitig „Lernbegleiter“, „Beziehungsarbeiter“, „Therapeut“ und „Motivator“ ist – aber bitte ohne Notendruck, ohne Sanktionen bei sozialem Fehlverhalten und ohne jede Form von Konsequenz, die irgendjemand als unangenehm empfinden könnte. Schule soll zum pädagogischen Wellnessbetrieb werden, in dem die Lehrkraft als Leerschlappe herumgereicht wird: immer freundlich, immer geduldig, immer deeskalierend, selbst wenn die Realität längst brennt. Und wehe, jemand wagt es, auf fachliche Ansprüche zu bestehen oder klare Grenzen zu setzen – dann gilt man sofort als „Oldschool“, „nicht mehr zeitgemäß“ oder schlicht als Störung.
Das klassische Rollenverständnis vieler Lehrkräfte – Lehre im eigentlichen Sinn, also Wissensvermittlung im Sinne ernsthafter fachlicher Bildung, Struktur, Klarheit und fachliche Autorität – wird dabei systematisch entwertet. Wer Lehre wollte, findet sich heute in einer Rolle wieder, die mit dem Kerngeschäft Fachunterricht nur noch am Rande zu tun hat. Statt Lehrkraft wird man zur Leerschlappe umfunktioniert: ein emotionaler Puffer für gesellschaftliche Versäumnisse, ein Ersatztherapeut ohne Ausbildung, ein Sozialarbeiter ohne Ressourcen, ein Konfliktmanager ohne Autorität und wirkungsvolle Sanktionierungsmöglichkeiten. Und während die Anforderungen steigen, sinkt die Wertschätzung für die Dienstleister proportional.
Die Belastung dieses neuen Normals ist für viele (besonders ältere) KuK längst untragbar geworden – besonders für diejenigen, die den Beruf einst ergriffen haben, um zu lehren und nicht, um ein pädagogisches Multitool zu sein. Diese Situation für viele LuL zerstört genau das, was Schule eigentlich wieder bräuchte: fachliche Stärke, klare Rollen und Menschen, die nicht permanent an den Rand ihrer psychischen Belastbarkeit gedrückt werden. Die Leerschlappe (statt Lehrkraft) ist das Symbol eines Systems, das lieber die Lehrkraft verbiegt, als die Rahmenbedingungen zu verändern.