FRANKFURT/MAIN. Die Politik fühlt sich „geehrt“, Zustimmung kommt aus allen politischen Lagern: Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem will mit zwei Bildungszentren in Deutschland – in München und in Leipzig – aktiv werden, die sich ausdrücklich auch an Schülerinnen und Schüler richten. Doch aus Reihen derjenigen, die sich bislang aktiv um die Erinnerungskultur hierzulande gekümmert haben, werden zunehmend skeptische Stimmen laut: Worum geht es bei dem Projekt denn überhaupt? Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Prof. Meron Mendel, wird nun in einem Gastbeitrag für den „Spiegel“ deutlich.

„Deutschland fühlt sich geehrt. In München und Leipzig sollen Außenstellen der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem eröffnen. Doch dabei wird Entscheidendes ignoriert – und genau darüber müssen wir jetzt sprechen“, schreibt Mendel. Tatsächlich: Die Zustimmung ist parteiübergreifend. Im sächsischen Landtag hatten sich im Februar alle Fraktionen für die Bewerbung Leipzigs ausgesprochen. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) würdigten die israelische Entscheidung als „Ehre“.
Die Idee für die Außenstellen war noch unter der Bundesregierung von Olaf Scholz (SPD) entstanden und wurde mittlerweile auch im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung verankert. Dort wird das Vorhaben als Beitrag gegen Holocaust-Relativierung und Antisemitismus beschrieben.
Auch Mendel bestreitet nicht, dass es gute Gründe für die Initiative gibt. „Sei es ihre symbolische Bedeutung oder die nachweisliche Expertise von Yad Vashem im Bereich der Holocaustvermittlung. Doch man sollte spätestens jetzt auch unbequeme Fragen zur Projektarchitektur stellen. Im Vordergrund steht dabei die Frage, welchen Einfluss die israelische Regierung, die aktuell von Rechtsradikalen dominiert wird, auf die pädagogische Arbeit der Außenstellen haben könnte.“ In Deutschland werde die Einrichtung häufig als unabhängige Gedenkstätte wahrgenommen. Diese Vorstellung greife jedoch zu kurz.
„Laut dem israelischen ‚Yad-Vashem-Gesetz‘ ist die Gedenkstätte direkt der Regierung unterstellt und hat den Auftrag, das offizielle staatliche Narrativ über die Geschichte zu vermitteln. Der Vorsitzende wird direkt vom Ministerpräsidenten ernannt“, so Mendel. Vor diesem Hintergrund verweist Mendel auf den heutigen Vorsitzenden Dani Dayan, der lange als Vertreter der israelischen Siedlerbewegung aktiv war. Dayan sei 2021 noch als vergleichsweise moderater Kandidat betrachtet worden. Angesichts der politischen Entwicklung in Israel sei jedoch nicht ausgeschlossen, dass künftige Ernennungen deutlich weiter rechts ausfallen könnten.
„Die Regierung in Jerusalem bewies in der Vergangenheit immer wieder, dass sie keine Hemmungen hat, sich in die deutsche Erinnerungskultur einzumischen, um ihre Interessen durchzusetzen“
Sensibel wird die Debatte aus Mendels Sicht durch den Umgang der israelischen Regierung mit historischen und erinnerungspolitischen Fragen. Er erinnert an eine Rede des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu aus dem Jahr 2015, in der dieser dem Großmufti von Jerusalem eine Mitschuld am Holocaust zugeschrieben habe. Die von Netanyahu geschilderte Szene finde sich jedoch in keiner historischen Quelle. Daraus leitet Mendel eine grundsätzliche Warnung ab: „Die Befürchtung, dass eine israelische Regierung die Yad-Vashem-Außenstellen in München und Leipzig dafür nutzen wird, solche Thesen in Deutschland zu verbreiten, ist daher nicht unbegründet. Die Regierung in Jerusalem bewies in der Vergangenheit immer wieder, dass sie keine Hemmungen hat, sich in die deutsche Erinnerungskultur einzumischen, um ihre Interessen durchzusetzen.“
Als Beispiele nennt er den Druck der Netanyahu-Regierung auf die Bundesregierung im Zusammenhang mit dem Jüdischen Museum Berlin sowie die Intervention des israelischen Botschafters Ron Prosor gegen eine Rede des deutsch-israelischen Philosophen Omri Boehm bei einer Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Zudem verweist Mendel auf politische Initiativen der aktuellen israelischen Regierung, bei denen nach seiner Darstellung regelmäßig eine enge Verbindung zwischen Antisemitismusdebatten und aktuellen politischen Auseinandersetzungen um Israel hergestellt werde.
Trotz seiner Kritik spricht sich Mendel ausdrücklich nicht gegen eine Präsenz der israelischen Gedenkstätte in Deutschland aus. „All dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass Yad Vashem keinen Platz in der zukünftigen Gedenklandschaft der Bundesrepublik bekommen sollte. Es liegt jedoch in der Verantwortung der Initiatoren, zu garantieren, dass diese Orte nicht politisch instrumentalisiert werden.“
Mendel schlägt vor, den Auftrag der Außenstellen „auf die Vermittlung der NS-Vergangenheit klar [zu] begrenzen, um Einflussversuche auf tagespolitische Themen zu verhindern“. Als weitere Möglichkeit nennt er „die Einbettung der Außenstellen in bereits bestehende und erfahrene Einrichtungen mit dem Schwerpunkt Holocaustvermittlung, wie das NS-Dokumentationszentrum in München“. Vor allem aber fordert Mendel eine öffentliche Diskussion über Ziele und Struktur des Projekts. Mendel: „Es würde zunächst reichen, eine offene und kritische Debatte zu führen, damit wir nicht in einigen Jahren vor vollendete Tatsachen gestellt werden.“
Mit seinen Einwänden steht Mendel nicht allein. Bereits kurz nach Bekanntgabe der Standorte hatte auch der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Prof. Jens-Christian Wagner, Zweifel geäußert. Im Bayerischen Rundfunk kritisierte er einen „extrem intransparenten Vorgang“ und bemängelte, dass bislang weitgehend unklar sei, welche inhaltlichen Aufgaben die neuen Bildungszentren übernehmen sollen. Zudem verwies er auf unterschiedliche Voraussetzungen der Erinnerungsarbeit in Deutschland und Israel. Während in Israel die Perspektive der Opfer im Mittelpunkt stehe, richte sich die Bildungsarbeit in Deutschland an die Nachkommen der Tätergesellschaft. Gerade deshalb müsse genauer geklärt werden, welches Ziel die neuen Einrichtungen verfolgen sollen. News4teachers / mit Material der dpa
Sorge um Holocaust-Gedenken: Yad Vashem eröffnet Bildungszentren in Deutschland