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Ins kalte Wasser: Studierende halten in vielen Schulen den Unterricht aufrecht – allein vor einer Klasse (und häufig fachfremd)

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BERLIN. Lehramtsstudierende stehen längst nicht mehr nur im Hörsaal oder in Praktika vor Schulklassen. In vielen Bundesländern übernehmen sie regulären Unterricht, vertreten ausgefallene Lehrkräfte und tragen dazu bei, dass Unterricht überhaupt stattfinden kann. Eine bundesweite Untersuchung des Stifterverbandes zeigt nun erstmals, in welchem Umfang Schulen auf diese Reserve zurückgreifen – und welche Folgen das für die Qualität von Unterricht und Lehrkräftebildung haben könnte.

Sprung ins kalte Wasser. Foto: Shutterstock

Der Hintergrund ist bekannt: Der Lehrkräftemangel hält an. Nach Berechnungen der Kultusministerkonferenz und Prognosen des Bildungsforschers Klaus Klemm werden in den kommenden Jahren zwischen 68.000 und 81.000 Lehrkräfte fehlen. Schulen suchen deshalb zunehmend nach Wegen, Personallücken kurzfristig zu schließen. Eine dieser Lösungen sind Lehramtsstudierende, die als Vertretungslehrkräfte beschäftigt werden. Die jetzt veröffentlichte Studie mit dem Titel „Wenn Studierende Unterricht sichern“ hat erstmals bundesweit untersucht, wie verbreitet diese Praxis ist und unter welchen Bedingungen sie stattfindet.

Für die Untersuchung befragte der Stifterverband Ende 2025 insgesamt 2.268 Lehramtsstudierende an 69 der 72 lehrkräftebildenden Hochschulen Deutschlands. 947 von ihnen arbeiteten zum Zeitpunkt der Befragung als Vertretungslehrkraft, weitere 225 hatten entsprechende Erfahrungen in der Vergangenheit gesammelt. Ergänzend wurden Kultus- und Wissenschaftsministerien der Länder zu ihren Regelungen und Erfahrungen befragt.

Die Ergebnisse legen nahe, dass studentische Vertretungslehrkräfte inzwischen zu einem festen Bestandteil der Unterrichtsversorgung geworden sind. In der Befragung gaben 42 Prozent der Lehramtsstudierenden an, aktuell als Vertretungslehrkraft tätig zu sein. Weitere zehn Prozent hatten diese Tätigkeit bereits ausgeübt. Zwar weisen die Autoren darauf hin, dass der tatsächliche Anteil bundesweit niedriger liegen dürfte, weil sich besonders häufig Studierende mit entsprechenden Erfahrungen an der Umfrage beteiligt haben könnten. Gleichwohl decken sich die Ergebnisse mit anderen Untersuchungen, die ebenfalls auf eine erhebliche Verbreitung hinweisen.

Dabei übernehmen die Studierenden häufig Aufgaben, die weit über gelegentliche Vertretungsstunden hinausgehen. Von den aktuell tätigen studentischen Vertretungslehrkräften berichten 95 Prozent, allein vor der Klasse zu stehen und eigenständig Unterricht zu erteilen. Die Studie zeichnet damit das Bild eines Schulsystems, das vielerorts auf Studierende angewiesen ist, um Unterrichtsausfall zu begrenzen.

Gleichzeitig sehen die Autoren erhebliche Risiken. Vier von zehn studentischen Vertretungslehrkräften befinden sich noch im Bachelorstudium oder in einer vergleichbaren frühen Phase des Staatsexamensstudiums. Vier Prozent unterrichten sogar bereits im ersten Studienjahr. Nach Einschätzung des Stifterverbandes erfolgt der eigenverantwortliche Unterricht damit häufig noch vor Abschluss zentraler Professionalisierungsphasen, in denen pädagogische, diagnostische und fachdidaktische Kompetenzen systematisch aufgebaut werden. Für die Autorinnen und Autoren ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: „Eigenverantwortlicher Unterricht darf grundsätzlich nur von Studierenden im Masterstudium beziehungsweise im fortgeschrittenen Stadium des Staatsexamens (Hauptstudium/2. Studienphase; etwa 4. Studienjahr) übernommen werden.“

Besonders deutlich werden die Probleme beim fachlichen Einsatz. Mehr als 90 Prozent der studentischen Vertretungslehrkräfte unterrichten mindestens ein Fach, das sie selbst nicht studieren. Selbst in den Kernfächern Deutsch und Mathematik ist fachfremder Unterricht weit verbreitet. Von denjenigen, die Deutsch unterrichten, studieren lediglich 57 Prozent dieses Fach. In Mathematik liegt der Anteil sogar nur bei 41 Prozent. Damit stehen häufig Studierende vor Klassen, die weder die fachwissenschaftliche noch die fachdidaktische Ausbildung für das jeweilige Fach vollständig durchlaufen haben.

Die Autoren sehen darin einen bildungspolitischen Widerspruch. Gerade die Stärkung von Lese- und Mathematikkompetenzen gehört seit Jahren zu den zentralen Zielen von Bund und Ländern. Nach den schwachen Ergebnissen internationaler Leistungsvergleichsstudien wie PISA werden erhebliche Anstrengungen unternommen, um die Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu verbessern. Zugleich zeigen zahlreiche Studien, dass fachliche und fachdidaktische Kompetenzen der Lehrkräfte einen wesentlichen Einfluss auf den Lernerfolg haben. Vor diesem Hintergrund erscheint der umfangreiche fachfremde Einsatz von Studierenden besonders problematisch. Die Autorinnen und Autoren fordern deshalb: „Studentische Vertretungslehrkräfte dürfen in zentralen Basiskompetenzfächern wie Deutsch und Mathematik nur bei entsprechender fachlicher Qualifikation eingesetzt werden. Auch in den anderen Fächern sollte nicht fachfremd unterrichtet werden.“

„Studierende dürfen keine Klassenleitungen übernehmen und nicht an Abschlussprüfungen beteiligt werden“

Hinzu kommt, dass manche Studierende Aufgaben übernehmen, die üblicherweise erfahrenen Lehrkräften vorbehalten sind. Neun Prozent der Befragten geben an, Klassenleitungen zu übernehmen oder an Abschlussprüfungen beteiligt zu sein. Sechs Prozent führen eine Klassenleitung, zwei Prozent wirken an Abschlussprüfungen mit, ein weiteres Prozent übernimmt beides. Die Autorinnen und Autoren sehen darin eine problematische Entwicklung. Sie fordern: „Studierende dürfen keine Klassenleitungen übernehmen und nicht an Abschlussprüfungen beteiligt werden. Diese Aufgaben erfordern umfassende professionelle Erfahrung und gehen über einen qualifikationsangemessenen Einsatz von Studierenden hinaus.“

Noch deutlicher fallen die Defizite bei der Betreuung aus. Zwar berichten rund 60 Prozent der Befragten von einer festen Ansprechperson oder einem Mentoring an ihrer Schule. Mehr als ein Drittel erhält jedoch überhaupt keine Begleitung. Besonders gering ist die Unterstützung durch die Hochschulen. Lediglich vier Prozent der studentischen Vertretungslehrkräfte geben an, dass ihre Tätigkeit hochschulisch begleitet wird. Dabei gilt die Reflexion praktischer Erfahrungen als eine zentrale Voraussetzung professioneller Entwicklung im Lehramtsstudium.

Die Tätigkeit wirkt sich zudem auf den Studienalltag aus. Rund die Hälfte der Befragten berichtet von zeitlichen Konflikten zwischen Studium und Erwerbstätigkeit. Gleichzeitig bewerten die meisten ihre Erfahrungen positiv. Mehr als neun von zehn studentischen Vertretungslehrkräften erklären, die Tätigkeit motiviere sie zum Abschluss ihres Studiums. 95 Prozent bewerten ihren Schuleinsatz insgesamt als gut oder eher gut. Die Studie beschreibt damit ein Spannungsverhältnis: Einerseits gewinnen die Studierenden wertvolle Praxiserfahrungen, andererseits geraten Studium und Berufstätigkeit häufig in Konkurrenz zueinander.

„Schulen werden auf absehbare Zeit nicht auf studentische Vertretungslehrkräfte verzichten können“

Aus Sicht des Stifterverbandes reicht es deshalb nicht aus, Studierende lediglich als zusätzliche Personalreserve einzusetzen. „Der Einsatz studentischer Vertretungslehrkräfte muss verpflichtend begleitet werden. Dabei geht es vor allem um die Vor- und Nachbereitung sowie die Reflexion des Unterrichts. Nur so lässt sich vermeiden, dass sich unreflektierte Handlungsroutinen verfestigen, statt Professionalisierung zu fördern.“ Ebenso müsse „der Einsatz studentischer Vertretungslehrkräfte zeitlich und strukturell so gestaltet werden, dass Studienverlauf und Studienerfolg nicht beeinträchtigt werden.“

„Schulen werden auf absehbare Zeit nicht auf studentische Vertretungslehrkräfte verzichten können. Doch solange Schulen, Hochschulen und Ministerien nur auf ihre begrenzten Ressourcen verweisen und die Verantwortung bei den jeweils anderen suchen, wird sich am Schuleinsatz Lehramtsstudierender wenig verbessern“, sagt Bettina Jorzik, Programmleiterin für Hochschullehre und Lehrkräftebildung im Stifterverband. „Verantwortlichkeiten müssen künftig klar abgesteckt werden und alle Beteiligten ihren Beitrag leisten.“

Wie die Autoren im Fazit schreiben, sind studentische Vertretungslehrkräfte „keine bloßen Lückenfüller, sondern leisten unter den aktuellen Bedingungen einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung des Schulsystems“. Entscheidend sei deshalb „nicht das Ob, sondern das Wie ihres Einsatzes – mit klaren Rollen, guter Begleitung und fairen Arbeitsbedingungen“.

Brisant ist dabei vor allem, dass diese Forderungen keineswegs neu sind. Bereits im Januar 2023 hatte die Ständige Wissenschaftliche Kommission der Kultusministerkonferenz empfohlen, studentische Vertretungslehrkräfte nur in fortgeschrittenen Studienphasen einzusetzen, fachfremden Unterricht zu vermeiden, Klassenleitungen auszuschließen und eine verbindliche Betreuung sicherzustellen. Die nun vorgelegten Daten legen nahe, dass diese Empfehlungen vielerorts bislang nicht umgesetzt werden. News4teachers 

Hier geht es zum Policy Paper des Stifterverbands, das die Studie zusammenfasst. 

Pädagogik-Professor: Lehramtsstudierende zur Assistenz in den Unterricht

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3 Kommentare
Heinz
13 Stunden zuvor

Naja das schöne an Schulen im Gegensatz zu anderen Berufen (z.b. einem Chirurg) ist doch:

In Schulen stirbt niemand den tot sofort, wenn es vollkommen falsch läuft. Es ist ein langsamer schleichender tot, der sich über Legislaturperioden hinweg zieht und nur in internationalen Vergleichen immer mehr sichtbar wird.

Niemand würde einen Medizinstudenten die Verantwortung für eine schwere Operation geben. Niemand würde den Fahrschüler den Reisebus fahren lassen. Niemand würde dem Azubi für Luft- und Raumfahrttechnik alleine den Satteliten bauen lassen. Und wenn ich ehrlich bin, ich lasse nicht mal einen Azubi an meine Haare beim Friseur dran.

Nick
12 Stunden zuvor

Die Besoldung für verbeamtete Lehrer nach A14 ist also gar nicht erforderlich. Es geht auch kostengünstiger… Ironie off.

Katze
12 Stunden zuvor

„Fischer, wie tief ist das Wasser?“ – ein Kinderspiel. Es heißt zwar Studierende „ins kalte Wasser“, aber an unseren Schulen ist nichts kalt. Das Wasser ist lauwarm, flach und seit Jahren abgesenkt. Viele Bademeister sind längst von Bord gegangen, und genau in dieses Restwasser schickt das System seine Lehramtsstudierenden. Nicht, weil sie bereit wären, sondern weil niemand anderes mehr da ist. Ein Medizinstudent im dritten Semester würde nicht einmal am offenen Herzen assistieren dürfen, aber im Klassenzimmer gilt: Wer Lehramt studiert, darf operieren. Fachfremd? Natürlich – Hauptsache egal.
So läuft das schulische All‑inclusive‑Animationsprogramm weiter: Die Studierenden jonglieren zwischen Zahlen‑Zumba, Karaoke‑Grammatik und Physik‑Wassergymnastik, während das fachliche Flachwasser glitzert wie eine Pfütze, die sich für ein Meer hält. Unterricht wird zur Animationseinheit, und die Studierenden sollen gleichzeitig schwimmen lernen und Rettungsschwimmer spielen.
Und während sie bis zur Wade im lauwarmen Restwasser stehen, behauptet die Bildungspolitik am Beckenrand, das sei genau die Tiefe, die man brauche. Wer wundert sich noch, warum niemand wirklich mehr richtig schwimmen kann.

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