Home Themenmonate Guter Ganztag Wenn Klassenzimmer überhitzen: Unterrichten an Lernorten im Freien – immer beliebter

Wenn Klassenzimmer überhitzen: Unterrichten an Lernorten im Freien – immer beliebter

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BERLIN. Hitzewellen verändern zunehmend den Schulalltag. Kinder und Jugendliche verbringen längst nicht mehr nur den Vormittag in der Schule, sondern vielerorts ganze Tage im Unterricht, in Arbeitsgemeinschaften oder in der Ganztagsbetreuung. Gleichzeitig heizen sich viele Schulgebäude und Schulhöfe im Sommer stark auf, während verbindliche Vorgaben für Begrünung, Beschattung oder klimaangepasste Schulgelände weitgehend fehlen. Schulen suchen deshalb nach eigenen Lösungen – von entsiegelten Höfen bis zu Unterricht unter freiem Himmel.

An der frischen Luft. (Symbolfoto.) Foto: Shutterstock

Als die Deutsche Umwelthilfe im vergangenen Sommer an 15 Berliner Schulen Temperaturmessungen durchführen ließ, zeigte sich ein erschreckendes Bild. Auf zahlreichen Schulgeländen wurden Temperaturen gemessen, die mit den Werten am als Hitze-Hotspot bekannten Alexanderplatz vergleichbar waren oder diese sogar übertrafen. An besonders heißen Tagen lagen die Temperaturen an elf der 15 untersuchten Schulen zeitweise bis zu sieben Grad über den gleichzeitig vom Deutschen Wetterdienst gemessenen Werten am Alexanderplatz. Die höchste gemessene Temperatur betrug 40,1 Grad Celsius auf einem Schulgelände in Berlin-Spandau.

Für Lehrkräfte beschreiben solche Zahlen Bedingungen, unter denen Unterricht immer öfter (angesichts des Klimawandel) stattfinden muss. Schülerinnen und Schüler verbringen heute häufig acht Stunden oder mehr täglich in der Schule. Mit dem Ausbau des Ganztags verlängern sich die Aufenthaltszeiten zusätzlich. Wo Schulhöfe kaum Schatten bieten und sich Klassenzimmer aufheizen, wird die Frage nach dem Lernort zunehmend auch zu einer Frage des Gesundheitsschutzes.

Während die Berliner Messungen die Dimension des Problems sichtbar machen, zeigt ein Beispiel aus Hessen, wie Schulen versuchen, darauf zu reagieren. Die berichtete jetzt über die, die mehrere sogenannte Grüne Klassenzimmer eingerichtet hat. Statt ausschließlich in aufgeheizten Räumen zu lernen, können Klassen dort unter Bäumen und zwischen Sträuchern arbeiten.

Lehrerin Julia Eberle hat an der Georg-August-Zinn-Schule im Odenwald drei sogenannte Grüne Klassenzimmer mitentwickelt – dauerhaft eingerichtete Unterrichtsbereiche im Freien, die durch Sitzgelegenheiten, Tafel- oder Arbeitsflächen sowie möglichst natürliche Beschattung Unterricht außerhalb des Schulgebäudes ermöglichen. Gegenüber der Frankfurter Allgemeine Zeitung beschreibt sie den praktischen Nutzen: Schülerinnen und Schüler könnten sich an heißen Tagen draußen oft besser konzentrieren als in den aufgeheizten Klassenräumen. Für Lehrkräfte bieten sie dann eine praktische Ausweichmöglichkeit. Hinzu komme ein pädagogischer Effekt. Der Unterricht finde in einer anderen Umgebung statt, ohne dass auf die gewohnte Struktur eines Klassenraums verzichtet werden müsse. Die Nachfrage sei entsprechend groß. Nach Angaben der Lehrerin seien die Grünen Klassenzimmer in den Sommermonaten meist vollständig belegt; eigentlich brauche die Schule zusätzliche Außenlernorte.

Kein Wunder: Das Schulgebäude stammt aus den 70-er Jahren und bietet wenig Hitzeschutz.  Das Lehrerzimmer im zweiten Stock des Schulkomplexes liegt direkt unter einem Flachdach und verfügt über eine breite Fensterfront. „Es wird unerträglich heiß hier drin“, so Eberle. Ähnlich sei die Situation in vielen Klassenräumen. Hitzefrei komme wegen der Unterrichtsgarantie, wenn überhaupt, meist erst ab der fünften Stunde infrage. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Temperaturen oft längst Werte erreicht, die konzentriertes Arbeiten kaum noch möglich machen.

Die Erfahrungen aus Reichelsheim decken sich mit dem, was Fachleute seit Jahren beobachten. Hitze wirkt sich nachweislich auf Konzentration, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden aus. Besonders problematisch wird dies in Gebäuden, die ursprünglich nicht für längere Hitzeperioden ausgelegt wurden. Viele Schulen stammen aus den 1960er- und 1970er-Jahren und verfügen weder über ausreichende Verschattung noch über moderne Konzepte zur Kühlung.

Grundschul-Unterricht - mal draußen

Warum Mathematik, Deutsch oder Sachunterricht immer nur im Klassenzimmer vermitteln? Der Schulhof, das Schulgelände oder der Sportplatz können zu Lernorten werden, an denen Grundschülerinnen und  -schüler Unterrichtsinhalte aktiv entdecken und mit allen Sinnen erfahren. Unterricht außerhalb des Klassenzimmers kann dabei helfen, den Schulalltag aufzubrechen und neue Zugänge zu bekannten Themen zu schaffen. Allen drei Titeln „Auf Schulhof & Co.“ gemeinsam ist ihr hoher Praxisbezug.

Die Grundschul-Materialien des Auer-Verlags für Deutsch, Mathematik und Sachkunde (kostenpflichtig) – gibt es hier

Die Deutsche Umwelthilfe verweist darauf, dass die strukturellen Voraussetzungen vielerorts fehlen. Nach Angaben der Organisation existieren in 15 der 16 Bundesländer weder verbindliche Vorgaben zur Größe noch zu einem verpflichtenden Anteil von Grünflächen auf Schulgeländen. Gleichzeitig seien zahlreiche Höfe stark versiegelt und würden sich im Sommer massiv aufheizen.

Barbara Metz, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Umwelthilfe, formulierte die Kritik bereits nach Veröffentlichung der Berliner Messungen deutlich: „Mit unserer ersten Erhebung in Berlin zeigen wir, was deutschlandweit Standard ist: Schülerinnen und Schüler sind auf ihren Schulhöfen im Sommer gefährlichen Temperaturen von mehr als 40 Grad ausgesetzt. Kinder und Jugendliche verbringen regelmäßig 8-Stunden-Tage in der Schule. Für ein gesundes Aufwachsen braucht es mehr als eine triste Betonwüste mit wenigen Bänken und einer Tischtennisplatte. Wir müssen unsere Kinder dringend vor den Auswirkungen der Klimakrise schützen – und dafür brauchen sie Zugang zu grünen Abkühlungsoasen.“

Die Umwelthilfe fordert deshalb bundesweite Mindeststandards für klimaangepasste Schulgelände. Begrünung, Beschattung und Entsiegelung müssten nicht länger freiwillige Einzelmaßnahmen engagierter Schulen bleiben, sondern Teil einer systematischen Infrastrukturpolitik werden. Bund und Länder sollten Kommunen finanziell unterstützen und verbindliche Vorgaben schaffen. Außerdem fehle bislang ein bundesweites Monitoring, das überhaupt erfasse, wie stark sich Schulen im Sommer aufheizen.

„Naturnahe Schulgelände schützen Kinder vor Hitze, Luftverschmutzung und Bewegungsmangel“

Gleichzeitig verweist die Organisation auf die pädagogischen Chancen grüner Schulgelände. Naturnah gestaltete Höfe seien nicht nur Orte der Abkühlung, sondern könnten eben auch als Lernräume genutzt werden. Grüne Klassenzimmer, Schulgärten und Lernstationen eröffneten Möglichkeiten, Unterricht zeitweise nach draußen zu verlagern. Ziel sei es, aus versiegelten Schulhöfen „klimagerechte, nachhaltige und grüne Lebens- und Lernräume“ zu machen.

Dass die Debatte inzwischen auch politisch an Fahrt gewinnt, zeigt eine aktuelle Unterschriftenaktion der Deutschen Umwelthilfe. Mit einem offenen Brief an die Umwelt-, Kultus- und Bauministerien der Länder fordert die Organisation verbindliche Regelungen für grüne und hitzeresiliente Schulhöfe. „Die Klimakrise ist da – und sie trifft Kinder sowohl physisch als auch psychisch besonders hart“, so heißt es darin. „Naturnahe Schulgelände schützen Kinder vor Hitze, Luftverschmutzung und Bewegungsmangel.“

Nach Angaben der DUH haben bereits mehr als 26.000 Menschen die Petition unterstützt. Die Organisation kritisiert, dass sich bislang kaum ein Ministerium für die klimaangepasste Gestaltung von Schulgeländen zuständig fühle, obwohl diese nach ihrer Auffassung einen wichtigen Beitrag zu Gesundheitsschutz, Klimaanpassung, Biodiversität und Naturerfahrung leisten könnten. Bund und Länder müssten deshalb gemeinsam Verantwortung übernehmen und die Kommunen beim Umbau versiegelter Schulhöfe unterstützen, fordert die Umwelthilfe.

Wie ein solcher Lernort in der Praxis aussieht, zeigt auch das Albert-Einstein-Gymnasium im nordrhein-westfälischen Kaarst. Dort sitzt die Klasse 5e an einem Junivormittag nicht im Biologieraum, sondern zwischen Erdbeeren, Kräutern und Brennnesseln im neu eröffneten Grünen Klassenzimmer des Schulgartens, wie die Neuss-Grevenbroicher Zeitung berichtet. Lehrerin Melanie Canchola beginnt die Stunde mit einer einfachen Frage: Was fällt den Schülerinnen und Schülern an den Brennnesseln auf? Die Antworten schreibt sie auf die große Tafel, die eigens für den Unterricht im Freien angeschafft wurde.

Rund 35.000 Euro investierte der Förderverein der Schule in die Anlage. Entstanden sind robuste Gruppentische, Arbeitsplätze im Grünen und ein Unterrichtsort, der inzwischen von verschiedenen Lerngruppen genutzt werden kann. Die Idee dazu ging wesentlich auf Canchola zurück. Als deutlich wurde, dass sich das Gelände des ehemaligen Biotops nicht wie geplant als Schulgarten entwickeln ließ, brachte die Biologie- und Englischlehrerin ein Klassenzimmer unter freiem Himmel ins Gespräch.

Für die Lehrkräfte eröffnet der neue Lernort zusätzliche Möglichkeiten. Pflanzen, Boden und Tiere lassen sich unmittelbar in den Unterricht einbeziehen, Gruppenarbeit fällt leichter, und zugleich entstehen Räume, die auch für schulische Veranstaltungen genutzt werden können. News4teachers 

Hier geht es zur Petition der Deutschen Umwelthilfe. 

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Guter Ganztag“. 

Ganztag als Chance: Warum Lernen nicht immer im Klassenraum stattfinden muss – Grundschul-Materialien „Auf dem Schulhof und Co.“

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1 Kommentar
Rainer Zufall
1 Stunde zuvor

Alle Jahre wieder…

Die Schüler*innen wären besser beraten, für sich und ihre Nachkommen auf die Straße zu gehen und für Klimaschutz zu demonstrieren…
oder zumindest in Rathäusern, Landtagen und im Bundestag die Klimaanlagen rauszureißen -__-

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