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Wenn Lehrkräfte und Fachkräfte gemeinsam den Ganztag als Lern- und Lebensraum gestalten – das Beispiel Helios-Grundschule

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KÖLN. Mit dem Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Grundschulkinder hat der Ausbau der Ganztagsangebote in Deutschland deutlich an Fahrt aufgenommen. Kritik gibt es allerdings immer wieder hinsichtlich der Qualität. Doch was zeichnet einen guten Ganztag aus? An der Helios-Grundschule in Köln sind sich die Verantwortlichen einig: Ohne die enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Träger des Ganztagsangebots geht es nicht.

Im Team (Symbolbild.) Illustration: News4teachers

Es hat einfach gepasst – so lässt sich am besten zusammenfassen, wie die Primarstufe der Kölner Heliosschule und der gemeinnützige Verein Perspektive Bildung, Träger von Angeboten der Jugendhilfe und des Ganztags der Schule, zusammengefunden haben. „Wir haben uns gefreut, einen Träger gefunden zu haben, der bereit war, Schulentwicklung mit uns zu gestalten“, erinnert sich Marion Hensel, Leiterin der Primarstufe. Denn schon mit der Gründung stand fest: Die Helios-Grundschule sollte keine Schule mit additivem Ganztag und bloßen Freizeitangeboten werden, sondern eine rhythmisierte Ganztagsschule.

Die Freude über die Zusammenarbeit war gegenseitig, denn auch der Verein Perspektive Bildung präferiert Ganztagskonzepte, die den gesamten Schulalltag einbeziehen. „Aus unserer Sicht entfaltet schulischer Ganztag seine Stärken besonders, wenn alle Kinder daran teilnehmen und wir den Tag gemeinsam mit den Lehrkräften gestalten können“, erklärt Hildegard Schürmann, Vorstandsvorsitzende von Perspektive Bildung. Erst unter diesen Voraussetzungen ließen sich viele Aspekte umsetzen, die einen guten Ganztag ausmachen.

Individuellere Lernprozesse durch neue Zeitkonzepte

So ermögliche die Rhythmisierung etwa, den Tag entlang des Biorhythmus und der Bedarfe der Kinder zu organisieren. Durch neue Zeitkonzepte ließen sich unter anderem Lernprozesse individueller und nachhaltiger umsetzen. Dabei prägen selbstorganisierte und projektorientierte Arbeitsformen den Schulalltag. Im Rahmen dieser können sich die Kinder allein oder in kleinen Teams mit fachlichen und fächerübergreifenden Inhalten auseinandersetzen. Ein offener Anfang und regelmäßige Pausen bieten den Schüler*innen zudem Zeit, sich zu entspannen, zu bewegen oder auch zu essen.

Einen besonderen Stellenwert im Tagesverlauf der Helios-Grundschule nimmt die sogenannte „Freie Zeit“ ein. Täglich von 12 bis 14 Uhr – parallel zum offenen Mittagessen nach Mensaprinzip – haben die Kinder die Wahl, an verschiedenen offenen Angeboten teilzunehmen, die die pädagogischen Fachkräfte von Perspektive Bildung und die Lehrkräfte leiten. Inhaltlich sind diese breit aufgestellt: Das Spektrum reicht von Kunst- und Kulturprojekten über Bewegungsangebote bis hin zu Medienbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung.

„Wir beobachten, dass die Kinder in diesen freien Zeiten häufig tiefer in die Themen eintauchen“

„Die Kinder können sich frei entscheiden, worauf sie Lust haben. Sie können sich zurückziehen, wenn sie eine Pause brauchen, selbstbestimmt spielen oder aber die vorbereiteten Angebote nutzen“, erklärt Ann-Kathrin Blankenhagen, stellvertretende Leiterin des Ganztags. Schulleiterin Hensel ergänzt: „Und wir beobachten, dass die Kinder in diesen freien Zeiten häufig tiefer in die Themen eintauchen, mit denen sie sich beschäftigen. Das Lernen entsteht aus ihrem eigenen Interesse heraus und nicht, weil eine Aufgabe erledigt werden muss. Sie können dann viel genauer beschreiben, woran sie gerade arbeiten und welche Lernfortschritte sie machen.“

Die „Freie Zeit“ unterstützt allerdings nicht allein die fachlichen Kompetenzen, sondern auch soziale und emotionale Lernprozesse. Ein Beispiel dafür ist das Angebot „Tastentüftler“ von Ganztagspädagoge Nils Lehmbruck. Dort spielen die Kinder gemeinsam ausgewählte Videospiele – mit einem klaren pädagogischen Fokus, so Lehmbruck: „Es geht vor allem um die Sozialkompetenz, weil oftmals Kinder miteinander in Kontakt kommen, die eigentlich nicht befreundet sind; trotzdem müssen sie zusammen eine Aufgabe lösen.“ Der Ganztagspädagoge setzt dafür auf kooperative Spiele, bei denen mehrere Kinder gleichzeitig vor einem Bildschirm sitzen. „Sie müssen sich absprechen und zusammen Entscheidungen treffen. Und am Ende stellen sie fest: Jetzt habe ich hier gerade was mit drei Kindern geschafft, die ich noch gar nicht kannte.“

„Wir verstehen uns als Bildungseinrichtung und nicht als Betreuungseinrichtung“

Möglich macht diese enge Verzahnung von Schule und Ganztagsangebot eine Schulorganisation, die sich deutlich von additiven Ganztagskonzepten unterscheidet. Nicht nur die Kinder verbringen ihren Schultag von 8 bis 15.30 Uhr an der Helios-Grundschule, auch die Lehrkräfte sowie die pädagogischen Fachkräfte des Ganztags und die Inklusionsbegleitungen sind durchgängig vor Ort. „Wir verstehen uns als Bildungseinrichtung und nicht als Betreuungseinrichtung und das gilt für das gesamte Team“, sagt Ann-Kathrin Blankenhagen. „Das heißt, Lehrkräfte sind keine Vormittagsbetreuungspersonen und Ganztagskräfte sind keine Nachmittagsbetreuungspersonen. Wir begleiten die Kinder den gesamten Schultag über gemeinsam als professionelle pädagogische Kräfte.“

Von 12 bis 14 Uhr können die Kinder selbstständig entscheiden, wie sie ihre „Freie Zeit“ verbringen wollen. Foto: Privat

Aufgeteilt in Lernlandschaften tragen jeweils Lehrkräfte, pädagogische Mitarbeitende und Inklusionsbegleiter*innen zusammen die Verantwortung für zwei jahrgangsgemischte Klassen. Durch den kontinuierlichen Austausch und die enge Zusammenarbeit der unterschiedlichen Professionen entstehe ein umfassender Blick auf die Kinder, so Blankenhagen. Diese Wahrnehmung teilt auch Schulleiterin Hensel. „Es ist ähnlich wie auf einer Klassenfahrt: Dort erlebt man Kinder oft noch einmal ganz anders als im Unterricht. Genau diese Erfahrung machen wir hier jeden Tag. Dadurch können wir die Kinder noch einmal besser begleiten.“ Hinzu komme die besondere Expertise der Jugendhilfe, etwa im Bereich Kinderschutz oder im Umgang mit Kindern, die besondere Unterstützung benötigen. Hensel: „Die pädagogischen Fachkräfte verfügen in manchen Bereichen über Erfahrungen und Kompetenzen, die wir als Lehrkräfte in dem Maße nicht verfügen.“

Aktuell arbeiten Schule und Ganztagsträger sogar an einem gemeinsamen Curriculum. Grundlage dafür bilden die Bildungsgrundsätze für Kinder von null bis zehn Jahren sowie die schulischen Lehrpläne, so Marion Hensel. „Die Themen überschneiden sich total. Deshalb haben wir uns auf den Weg gemacht, unsere Arbeit noch stärker zu verzahnen.“

Pädagogischer Ansatz mit sichtbarem Erfolg

Effekte dieser engen Kooperation zeigten sich vor allem im Verhalten der Schülerinnen und Schüler. „Wir merken, dass sich die Kinder in der Schule wohlfühlen und sich hier ganz selbstverständlich bewegen“, sagt Ann-Kathrin Blankenhagen. Gleichzeitig beobachte das Team, dass die Schüler*innen zunehmend selbstständig und selbstbestimmt handelten. „Wenn die Kinder schon in der zweiten Klasse eigene Angebote entwickeln, sich Gedanken über Uhrzeiten, Räume und Begleitung machen und diese Ideen anschließend vorstellen, um sie in der freien Zeit umzusetzen, dann sind das ganz konkrete Effekte, die wir sehen.“

Schulleiterin Marion Hensel verweist darüber hinaus auf Forschungsarbeiten der Universität zu Köln. In Kooperation mit der Grundschule untersuchten Wissenschaftler*innen die multiprofessionelle Zusammenarbeit, den Lebensweltbezug des Unterrichts, die Gestaltung von Übergängen sowie den Umgang mit Mehrsprachigkeit. Laut Hensel bestätigten die Ergebnisse die Wirksamkeit des pädagogischen Ansatzes.

Entscheidend: die Rahmenbedingungen

Für die Verantwortlichen steht allerdings fest: Ein Ganztagskonzept wie das der Helios-Grundschule lässt sich nicht ohne entsprechende Rahmenbedingungen umsetzen. Dass es in Köln-Sülz funktioniert, führt Hildegard Schürmann auf die besondere Finanzierungssituation zurück. Für Kinder mit anerkanntem sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf oder im Förderverfahren erhält der Träger von der Stadt deutlich höhere Mittel als andernorts in Nordrhein-Westfalen. „Nur deshalb können wir ganztägige Stellen für pädagogische Fachkräfte schaffen“, so Schürmann. Das Problem: Es handelt sich um eine freiwillige Leistung der Stadt. Das heißt: „Wir zittern also jedes Jahr, ob diese Mittel auch künftig zur Verfügung stehen.“ News4teachers / Anna Hückelheim

Die Heliosschulen - Inklusive Universitätsschule Köln (IUS)

Die Heliosschulen – Inklusive Universitätsschule Köln (IUS) bestehen aus einer Grundschule und einer Gesamtschule und sind die erste bundesdeutsche Praxisschule in der Lehrkräftebildung. Entstanden ist das Projekt aus dem Wunsch von Studierenden nach einer Praxisschule, wie sie international – z.B. in Finnland – als Erfolgsmodell etabliert ist. Ziel ist es, Theorie und Praxis systematisch miteinander zu verbinden: Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur inklusiven Lerngestaltung fließen unmittelbar in die schulische Arbeit ein. News4teachers begleitet die Entwicklung als Medienpartner. 

Die Ursprünge der Inklusiven Universitätsschule Köln reichen bis in die Nullerjahre zurück. Studierende der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln wollten der Frage nachgehen, wie Inklusion an allgemeinbildenden Schulen konkret umgesetzt werden kann – auch vor dem Hintergrund des Beitritts Deutschlands zur UN-Behindertenrechtskonvention. Aus dieser Initiative entwickelte sich, mit Unterstützung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Prof. Kersten Reich sowie der Stadt Köln, die Gründung einer zweizügigen Grundschule im Jahr 2015 und einer vierzügigen Gesamtschule im Jahr 2018. 2022 wurde zwischen der Stadt Köln, der Bezirksregierung Köln und der Universität zu Köln eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, die die Arbeit der IUS in den Feldern Lehrkräftebildung, Schulentwicklung, Forschung und Innovationstransfer auf Dauer festschreibt.

Rechtlich handelt es sich um zwei eigenständige Schulen, die jedoch über ein gemeinsames pädagogisches Konzept, die Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln und dem Jugendhilfeträger Perspektive Bildung e.V. sowie über eine gemeinsame Leitungs- und Organisationsstruktur eng miteinander verbunden sind. Perspektivisch ziehen beide Schulen gemeinsam in ein neues Gebäude.

Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Guter Ganztag“.

Bildungsforschung: Ganztag wirkt (aber bei Fachleistungen nicht so direkt wie erhofft)

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