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Wenn Lehrkräfte zur Zielscheibe werden: Wie TikTok-Hetze und Deepfakes den Schulalltag verändern – immer mehr Fälle

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BERLIN. Lehrkräfte werden im Netz zunehmend zum Gegenstand digitaler Angriffe. Was früher auf dem Schulhof oder in Klassenchats begann, erreicht heute über Plattformen wie TikTok oft Hunderte oder Tausende Menschen. Fotos von Lehrerinnen und Lehrern werden ohne Zustimmung veröffentlicht, mit Beleidigungen versehen oder in herabwürdigenden Rankings verbreitet. Zugleich entsteht mit KI-generierten Deepfakes eine neue Form digitaler Gewalt, die Betroffene kaum kontrollieren können.

Im Fadenkreuz. Illustration: News4teachers

In Essen, Siegen und Wien liegen die Fälle unterschiedlich. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein Muster: Lehrkräfte geraten über soziale Netzwerke ins Visier von Schülerinnen und Schülern oder anonymen Akteuren, während Schulen versuchen, auf die Folgen zu reagieren. Parallel warnen Fachleute davor, dass Künstliche Intelligenz die Möglichkeiten für digitale Angriffe erheblich erweitert.

Am BMV-Gymnasium in Essen, einer katholischen Ordensschule, beschäftigt ein mutmaßlich gefälschter TikTok-Kanal derzeit die Polizei. Nach Angaben der Schule hatten Unbekannte einen Account eingerichtet, der den Eindruck erweckte, offiziell mit dem Gymnasium verbunden zu sein. Dort wurden Fotos von Lehrkräften veröffentlicht und in Kategorien wie „beste Lehrer“ und „schlimmste Lehrer“ eingeordnet. Zudem wurden Nutzerinnen und Nutzer aufgefordert, weiteres Material einzusenden.

Die Schule erstattete Strafanzeige. Die Kriminalpolizei nahm Ermittlungen auf. Ein Polizeisprecher erklärte laut Berichterstattung der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ), die Staatsanwaltschaft sei um eine erste rechtliche Einschätzung gebeten worden. Im Raum stünden unter anderem Verstöße gegen Bild- und Urheberrechte, Beleidigungen sowie ein möglicher Missbrauch des Schulnamens.

„Als Schule kommt man kaum hinterher mit den Beseitigungen der Schäden, die soziale Netzwerke verursachen“

Schulleiterin Schwester Ulrike Michalski verwies auf die unmittelbaren Folgen für die Betroffenen. „Diese Tat hat nicht nur Folgen für die Tatverdächtigen“, erklärte sie gegenüber der WAZ, „sondern schon jetzt ganz konkret für die Betroffenen, die im Internet verunglimpft wurden.“ Die Schule entfernte daraufhin Fotos von Lehrkräften von ihrer Internetseite und informierte alle Eltern in einem Schreiben über den Vorfall.

Der Polizeisprecher ordnete den Fall in einen größeren Zusammenhang ein. „Digitale Gewalt hat unter jungen Menschen massiv zugenommen“, sagte er. Viele Jugendliche seien sich nicht bewusst, welche rechtlichen und persönlichen Folgen Veröffentlichungen im Internet haben könnten.

Auch Berthold Urch, Leiter des Alfred-Krupp-Gymnasiums und Sprecher der Essener Gymnasialdirektoren, sieht die Schulen unter Druck. „Die sozialen Netzwerke bringen immer größere Schwierigkeiten in den Alltag der Schulen“, erklärte er. „Als Schule kommt man kaum hinterher mit den Beseitigungen der Schäden, die soziale Netzwerke verursachen.“ Der Vorfall am BMV-Gymnasium sei deshalb „wenig überraschend“.

Einen ähnlichen Fall erlebte unlängst das Evangelische Gymnasium Siegen-Weidenau. Dort hatten mehrere Schüler Fotos von Lehrkräften von der Schulhomepage heruntergeladen und auf einem TikTok-Profil veröffentlicht, das den Namen „Hate Page“ trug. Nach Angaben der Schule wurden die Bilder mit erfundenen Zitaten, diffamierenden Beschreibungen und Beleidigungen versehen. Bis zu 15 Lehrkräfte waren betroffen. Rund 850 Nutzer folgten dem Account.

„Da wurden Lehrern Dinge in den Mund gelegt, die tief verletzend waren“, sagte der stellvertretende Schulleiter Thomas Süßenbach der „Siegener Zeitung“. „Eine klare rote Linie wurde überschritten.“ Die Schule identifizierte nach eigenen Angaben mehrere Schüler als Betreiber des Accounts und erstattete Anzeigen wegen des Verdachts der Verleumdung. Gleichzeitig wurden schulische Ordnungsmaßnahmen eingeleitet.

„Wir haben die Schüler konfrontiert: Warum folgst du so jemandem? Du stimmst dem zu, du gibst ihm Reichweite“

Das Kollegium beschränkte sich nicht auf rechtliche Schritte. Schülerinnen und Schüler, die dem Account gefolgt waren, wurden direkt angesprochen. „Wir haben die Schüler konfrontiert: Warum folgst du so jemandem? Du stimmst dem zu, du gibst ihm Reichweite“, berichtete Süßenbach. Für die Schule stand dabei die Frage im Mittelpunkt, welche Verantwortung auch diejenigen tragen, die Hass-Inhalte durch Aufmerksamkeit und Reichweite unterstützen.

Zugleich setzte das Kollegium ein sichtbares Zeichen der Solidarität. Porträts älterer Lehrkräfte im Schulgebäude wurden zeitweise verhüllt. Die Schule wollte damit verdeutlichen, welche Konsequenzen es hätte, wenn Bildungseinrichtungen aus Angst vor Missbrauch auf Gesichter, Namen und persönliche Präsenz verzichten würden. „Wir machen uns angreifbar, indem wir Gesichter zeigen“, sagte Süßenbach. „Aber das wollen wir so.“

Noch eine andere Dimension zeigt ein Fall aus Wien. Dort wurden laut einem Bericht der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“ drei Schüler eines Gymnasiums suspendiert, nachdem sie über Monate hinweg Videos aus dem Schulgebäude auf TikTok veröffentlicht hatten. Nach Angaben der Bildungsdirektion gehörten dazu heimliche Livestreams aus dem Unterricht sowie „herabsetzende Videos über Lehrpersonen“. Die Schulleitung erstattete Anzeige.

Der betreffende TikTok-Account verfügte nach Angaben des Berichts über mehr als 12.000 Follower und hatte Millionen von Likes gesammelt. Die Bildungsdirektion begründete die Suspendierungen unter anderem damit, dass nicht davon ausgegangen werden könne, dass das beanstandete Verhalten ohne Konsequenzen eingestellt werde. Zudem sei es weder Lehrkräften noch Schülerinnen und Schülern zuzumuten, ohne Einwilligung gefilmt und veröffentlicht zu werden.

Hinzu kommt eine Entwicklung, die Fachleute als nächste Eskalationsstufe beschreiben. Nach Recherchen des NDR werden KI-generierte Deepfakes zunehmend auch an Schulen für Mobbing genutzt. Dabei werden mit Hilfe künstlicher Intelligenz täuschend echte Bilder oder Videos erzeugt, die reale Personen in Situationen zeigen, die nie stattgefunden haben.

Carla Schulz, ehrenamtliche Beraterin der Jugendplattform JUUUPORT, schilderte gegenüber dem NDR einen Fall, bei dem Bilder einer Schülerin für pornografische Darstellungen verwendet und anschließend innerhalb der Schule verbreitet wurden. Schon ein einzelnes Foto könne ausreichen, um entsprechende Inhalte zu erzeugen.

Eine Umfrage von NDR Data und NDR Niedersachsen unter Lehrkräften deutet darauf hin, dass solche Fälle keine Ausnahme mehr sind. 10,7 Prozent der befragten Lehrkräfte berichteten demnach von häufig auftretendem Mobbing mit KI-generierten Inhalten an ihrer Schule. In Freitextantworten verwiesen mehrere Befragte zudem auf eine mögliche Dunkelziffer, da viele Vorfälle Lehrkräften gar nicht bekannt würden.

Womöglich sind sie bald selbst die Opfer. News4teachers 

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