Home Titelthema „Wir brauchen mehr aufgeklärte Lehrkräfte, die einen weltoffenen Islam vorleben und argumentativ...

„Wir brauchen mehr aufgeklärte Lehrkräfte, die einen weltoffenen Islam vorleben und argumentativ vertreten“ – ein Interview

0
Anzeige

MÜNSTER. Der Islamunterricht kann nach Ansicht des Münsteraner Professors Mouhanad Khorchide einen wichtigen Beitrag zur Demokratiebildung, Identitätsentwicklung und Extremismusprävention leisten. Im Interview mit News4teachers erklärt der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster, warum junge Musliminnen und Muslime einen reflektierten Zugang zu ihrem Glauben brauchen, welche Rolle Schulen dabei spielen und weshalb der Ausbau des islamischen Religionsunterrichts in Deutschland dringend vorangetrieben werden sollte. 

„Wenn junge Menschen Diskriminierung erleben, kann das dazu führen, dass sie sich stärker einem identitären Islamverständnis zuwenden. So verstärken sich islamistische und islamfeindliche Tendenzen gegenseitig“: Prof. Mouhanad Khorchide. Foto: ZIT/Peter Grewer

News4teachers: Welche Bedeutung hat der Islamunterricht an deutschen Schulen?

Khorchide: Der Islamunterricht an deutschen Schulen verschafft jungen Musliminnen und Muslimen einen reflektierten Zugang zu ihrem Glauben, sodass sie sprachfähig über ihren Glauben werden. Er bietet Orientierung für große Fragen der Existenz, des Sinns und des Lebens. Außerdem wirkt er identitätsstiftend.

Heute informieren sich viele junge Menschen über den Islam vor allem über soziale Medien. Das ist gewissermaßen die Hauptkonkurrenz sowohl zur elterlichen Erziehung als auch zum islamischen Religionsunterricht. Dort finden sich viele Angebote, darunter auch menschenfeindliche Auslegungen des Islams. Der islamische Religionsunterricht soll junge Menschen befähigen, zwischen menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Auslegungen zu unterscheiden und ihre Religiosität selbstständig und verantwortungsvoll zu entwickeln. Dazu gehört auch, argumentieren zu lernen und Gegenargumente abzuwägen.

News4teachers: Deutschland kennt verschiedene islamische Strömungen und Verbände. Was macht aus Ihrer Sicht einen qualifizierten Islamunterricht aus?

Khorchide: Unabhängig von Konfessionen, Ethnien oder Zugehörigkeiten zu bestimmten Moscheegemeinden sollte der islamische Religionsunterricht erstens einen Zugang zu einer dialogischen Gott-Mensch-Beziehung schaffen. Es geht um Beziehung und nicht darum, den Islam als Ansammlung von Gesetzen zu vermitteln.

Zweitens sollte Religionsunterricht Menschen befähigen, sich selbst im Angesicht Gottes zu definieren. Der Koran verwendet den Begriff des Kalifen nicht im politischen Sinn, sondern in einer Bedeutung, die dem christlichen Motiv des Ebenbilds Gottes ähnelt. Der Mensch ist beauftragt, Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes in die Welt zu tragen.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist der interreligiöse Dialog. Junge Menschen sollten lernen, Vielfalt anzuerkennen, andere Religionen kennenzulernen und zu würdigen. Außerdem müssen zeitgemäße Fragen behandelt werden, etwa Künstliche Intelligenz, Umweltschutz, Gendergerechtigkeit sowie der Umgang mit Diversität und Vielfalt. All das sollte im Rahmen einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft diskutiert werden.

News4teachers: Was kann der Islamunterricht in Ergänzung zum Gemeinde- und Familienleben leisten?

Khorchide: In Familien und Gemeinden wird meist eine bestimmte Sicht auf den Islam vermittelt. Der Imam oder die Eltern vertreten ihre jeweilige Position und sagen: So ist der Islam.

In der Schule lernen junge Menschen dagegen die Bandbreite islamischer Auslegungen kennen. Sie erfahren, wie verschiedene Schulen argumentieren und welche Positionen es gibt. Lehrkräfte können ihre eigene Sicht erläutern, gleichzeitig sollen die Schülerinnen und Schüler befähigt werden, selbst eine Position zu entwickeln und argumentativ zu begründen.

Verkürzt gesagt: In Familie und Moschee geht es häufig um Verkündigung. Der Religionsunterricht verkündet keine Wahrheiten, sondern befähigt dazu, verschiedene Positionen abzuwägen und selbstständig zu entscheiden, welche Position überzeugender erscheint.

Es geht nicht um die Frage, ob man Muslim oder Deutscher beziehungsweise Europäer ist“

News4teachers: Welche Rolle spielt der Islamunterricht bei der Identitätssuche muslimischer Jugendlicher?

Khorchide: Viele junge Menschen stehen vor einem vermeintlichen Entweder-Oder: Bin ich Deutscher oder Muslim? Vertrete ich die freiheitlich-demokratische Grundordnung oder eine göttliche islamische Gesellschaftsordnung?

Der islamische Religionsunterricht versucht, ein „Sowohl als auch“ zu vermitteln. Er zeigt, wie sich demokratische Werte, Menschenrechte, Gendergerechtigkeit, Meinungsfreiheit, der Schutz der Menschenwürde und die Bewahrung der Schöpfung aus der islamischen Tradition heraus begründen lassen.

Damit kann ein gemeinsamer Nenner entwickelt werden. Es geht nicht um die Frage, ob man Muslim oder Deutscher beziehungsweise Europäer ist. Der Religionsunterricht wirkt auch islamistischen Bestrebungen entgegen, die auf Spaltung und Polarisierung setzen.

News4teachers: Braucht es aus Ihrer Sicht mehr muslimische Lehrkräfte an deutschen Schulen, um eine Vorbildfunktion für die Kinder und Jugendlichen einzunehmen?

Khorchide: Definitiv. Wir brauchen mehr aufgeklärte Lehrkräfte, die einen weltoffenen Islam vorleben und argumentativ vertreten.

Zugleich zeigt die Praxis, dass viele muslimische Lehrkräfte wichtige Vermittlungsarbeit leisten. Sie fungieren oft als Brücke zu Familien und genießen bei vielen muslimischen Schülerinnen und Schülern besonderes Vertrauen. Dadurch übernehmen sie häufig auch eine wichtige Rolle als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner.

News4teachers: Wie steht es um den Ausbau des Islamunterrichts in Deutschland?

Khorchide: Nordrhein-Westfalen war 2012 das erste Bundesland, das konfessionellen islamischen Religionsunterricht nach Artikel 7 Absatz 3 eingeführt hat. Ende 2025 hatten jedoch nur etwa 6,3 Prozent der muslimischen Schülerinnen und Schüler islamischen Religionsunterricht. Rund 92 Prozent hatten keinen Zugang dazu.

Daran sieht man, dass wir trotz der Einführung noch ganz am Anfang stehen. Bis ein flächendeckendes Angebot erreicht ist, werden vermutlich noch Jahrzehnte vergehen. Es gibt also erheblichen Nachholbedarf.

Wenn junge Menschen keinen reflektierten Zugang zu ihrem Glauben erhalten, suchen sie Antworten häufig in sozialen Medien. Dort besteht die Gefahr, auf islamistische oder menschenfeindliche Positionen zu stoßen.

News4teachers: Was unterscheidet konfessionellen Islamunterricht von islamkundlichem Unterricht?

Khorchide: Beim konfessionellen Religionsunterricht organisiert der Staat den Unterricht in Kooperation mit Religionsgemeinschaften. Der Staat stellt die Schule, die Lehrmittel und die Lehrkräfte bereit. Religionsgemeinschaften haben bestimmte Mitwirkungsrechte.

Davon unterscheidet sich der islamkundliche Unterricht. Dieser informiert über den Islam, spricht also mit einer gewissen Distanz über Glaubensinhalte und religiöse Praxis. Er ist weniger identitätsstiftend, weil er nicht aus dem Glauben heraus argumentiert.

Man kann vereinfacht sagen: Es gibt einen Unterschied zwischen dem Reden über Religion und der Möglichkeit, innerhalb einer Religion Identität zu bilden. Letzteres ist eher Aufgabe des konfessionellen Religionsunterrichts.

News4teachers: Besteht beim konfessionellen Religionsunterricht nicht die Gefahr, dass er zur Verkündigung wird?

Khorchide: Die Rolle der Religionsgemeinschaften besteht vor allem in einem Vetorecht gegenüber Lehrkräften oder Lehrplänen aus klar religiösen Gründen. Sie dürfen sich jedoch nicht in die Didaktik oder die inhaltliche Ausgestaltung des Unterrichts einmischen.

Dadurch bleibt die Garantie bestehen, dass der Unterricht keine Verkündigung ist. Die Religionsgemeinschaften dürfen keine inhaltlichen Vorgaben machen.

Wer weiß, was ihn als Muslim ausmacht, braucht kein Feindbild zur Selbstdefinition“

News4teachers: In einem Interview mit der Zeitschrift „Die Welt“ sagten sie unlängst, dass es in den sozialen Medien spalterische Tendenzen gibt, die „den bösen Westen“ propagieren und Muslime als Opfer darstellen. Beobachten Sie eine stärkere Hinwendung muslimischer Jugendlicher zu konservativ-islamischen Ideologien?

Khorchide: Studien zeigen, dass die Bedeutung des Islams für viele junge Menschen stärker identitätsbezogen geworden ist. Gleichzeitig werden religiöse Praxis und Spiritualität oft weniger wichtig. Viele besuchen seltener Moscheen, beten weniger oder lesen weniger im Koran, identifizieren sich aber stärker mit dem Islam.

Die Herausforderung besteht darin, dass Menschen, die sich stark mit ihrer Religion identifizieren, aber wenig über sie wissen, häufig eher darüber definieren, was sie nicht sind. Dann entstehen leichter Abgrenzungen.

Hier kann der islamische Religionsunterricht helfen, Wissen zu vermitteln und eine sichere religiöse Identität zu entwickeln. Wer weiß, was ihn als Muslim ausmacht, braucht kein Feindbild zur Selbstdefinition.

News4teachers: Beobachten Sie im Schulalltag religiösen Druck unter muslimischen Jugendlichen?

Khorchide: Solche Phänomene erleben wir durchaus. Beispielsweise treten manche Jugendliche während des Ramadan als eine Art Religionspolizei auf und wollen kontrollieren, wer fastet.

Interessanterweise zeigt sich in Gesprächen oft, dass einige dieser Jugendlichen selbst nicht fasten oder in anderen Bereichen religiöse Gebote nicht einhalten. Es geht daher häufig weniger um Religiosität als um Identität und Selbstbehauptung.

Außerdem spielt bei manchen Jungen ein bestimmtes Verständnis von Männlichkeit eine Rolle. Kontrolle und Dominanz werden als Stärke verstanden. Auch das sollte im Religionsunterricht thematisiert werden. Die Frage lautet: Ist Stärke Dominanz oder eher Empathie, Verantwortung, Bescheidenheit und Demut?

News4teachers: Bereiten Ihnen islamfeindliche Tendenzen in der Gesellschaft Sorge und wie wirken sich diese Tendenzen auf die muslimische Gemeinschaft aus?

Khorchide: Ja das tun sie, denn diese Tendenzen liefern islamistischen Akteuren Argumente. Islamisten nutzen solche Erfahrungen, um daraus eine Erzählung über einen angeblich islamfeindlichen Westen abzuleiten.

Wenn junge Menschen Diskriminierung erleben, kann das dazu führen, dass sie sich stärker einem identitären Islamverständnis zuwenden. So verstärken sich islamistische und islamfeindliche Tendenzen gegenseitig.

Wir sollten nicht in Kategorien wie ‚wir Deutschen‘ und ‚die Muslime‘ denken“

News4teachers: Was braucht es aus Ihrer Sicht für ein gelungenes Zusammenleben zwischen Muslimen und Angehörigen anderer Religionen?

Khorchide: Entscheidend sind die Anerkennung von Vielfalt und die Bereitschaft, an einem gemeinsamen „Wir“ zu arbeiten. Wir sollten nicht in Kategorien wie „wir Deutschen“ und „die Muslime“ denken.

Außerdem brauchen wir positive Erzählungen übereinander. Muslime sollten stärker über Religionsfreiheit und Teilhabemöglichkeiten sprechen. Gleichzeitig sollte die Gesellschaft Muslime nicht nur mit Terror, Gefahr oder Angst verbinden, sondern auch die vielen positiven Beiträge sichtbar machen.

Wir erzählen uns oft vor allem das Negative. Das fördert Vorbehalte. Deshalb sollten positive Erfahrungen stärker in Bildung und Öffentlichkeit präsent sein.

News4teachers: Könnten gemeinsame Lernformate verschiedener Religionsgemeinschaften dazu beitragen?

Khorchide: Unbedingt. Darin sehe ich die Zukunft des Religionsunterrichts. Bereits heute gibt es Modelle des konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts.

Langfristig könnte es Formen gemeinsamen Religionsunterrichts geben, in denen Schülerinnen und Schüler ihren Glauben im Angesicht anderer reflektieren. Wichtig wäre dabei ein Modell, das beides verbindet: Phasen, in denen man die eigene Tradition vertieft, und Phasen des gemeinsamen Dialogs. 

News4teachers: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Islamunterrichts?

Khorchide: Ich wünsche mir mehr aufgeklärte und weltoffene Lehrkräfte, die einen Islam vermitteln, der Europa bereichert und für den demokratische Werte, Menschenrechte und die freiheitlich-demokratische Grundordnung selbstverständlich sind. Zugleich wünsche ich mir einen Islamunterricht, der Menschen spirituell bereichert und sie daran erinnert, dass wir Verantwortung füreinander tragen und dazu berufen sind, Gottes Barmherzigkeit und Liebe in die Welt hineinzutragen.

Dazu gehört auch der weitere Ausbau des islamischen Religionsunterrichts. Eine große Herausforderung ist die fortschreitende Säkularisierung. Mittlerweile gehört weniger als die Hälfte der Bevölkerung einer Kirche oder Religionsgemeinschaft an.

Religion insgesamt steht dadurch stärker unter Rechtfertigungsdruck. Wir müssen uns fragen, ob wir Religionen heute noch so vermitteln, dass sie die Lebensrealität junger Menschen erreichen. Religionsunterricht kann dazu beitragen, Religion stärker von den Erfahrungen und Fragen junger Menschen her zu denken.

News4teachers: Sie haben die Säkularisierung angesprochen. Inwiefern betrifft diese Entwicklung auch den Islam?

Khorchide: Viele junge Menschen sagen mir, dass die Angebote in den Moscheen ihre Lebensrealität nicht erreichen. Die Imame sprechen oft nicht ihre Sprache – und damit meine ich nicht nur die Sprache im linguistischen Sinn, sondern auch kulturell.

Gleichzeitig beobachte ich ein Bedürfnis nach Spiritualität und nach Angeboten, die Menschen emotional ansprechen. Wenn religiöse Angebote als zu trocken oder zu politisch wahrgenommen werden, verlieren sie an Attraktivität.

Dadurch entsteht eine Lücke, die teilweise von Islamisten gefüllt wird. Religiöse Institutionen sollten deshalb selbstkritisch fragen, warum sie viele Menschen nicht mehr erreichen und wie sie Religion stärker an deren Lebenswirklichkeit ausrichten können. News4teachers / Nina Odenius führte das Interview

Zur Person

Mouhanad Khorchide wurde 1971 in Beirut (Libanon) geboren und wuchs in Saudi-Arabien auf. Er studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien. Seit 2010 ist er Professor für Islamische Religionspädagogik sowie Professor für Koran und Koranexegese an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Dort ist er zudem geschäftsführender Direktor des Zentrums für Islamische Theologie.

Muslimische Schüler: Religiöse Konflikte beschäftigen viele Lehrkräfte – und werden zugleich schnell überdeutet

Anzeige
Info bei neuen Kommentaren
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
wpDiscuz
Die mobile Version verlassen