ERFURT. Der Lehrkräftemangel gehört zu den größten Problemen im Thüringer Schulsystem. Gleichzeitig denkt nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bereits mehr als jede vierte Lehrkraft im Vorbereitungsdienst darüber nach, später nicht im Schuldienst zu bleiben. Die Gewerkschaft fordert deshalb eine Reform der Ausbildung angehender Lehrerinnen und Lehrer. Mit einer Petition will sie Änderungen an den rechtlichen Rahmenbedingungen des Vorbereitungsdienstes erreichen. Im Zentrum steht die Frage, ob das Referendariat Nachwuchskräfte ausreichend unterstützt – oder sie bereits vor dem Berufseinstieg verliert.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Thüringen hat eine Petition für bessere Bedingungen im Vorbereitungsdienst angehender Lehrerinnen und Lehrer gestartet. Ziel sei eine Ausbildung, die Lehrkräfte professionell begleite und auf den Beruf vorbereite, statt sie durch Druck, Unsicherheit und Überlastung zusätzlich zu belasten, teilte die Gewerkschaft mit. Um Lehrer zu werden, absolvieren Studierende zunächst ein Lehramtsstudium und legen das erste Staatsexamen ab. Daran schließt sich der Vorbereitungsdienst an, der in Thüringen in der Regel rund zwei Jahre dauert und mit dem zweiten Staatsexamen endet.
Nach Darstellung der GEW besteht dabei erheblicher Reformbedarf. Grundlage sind Befragungen unter Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärtern aus dem Herbst 2025 und dem Januar 2026. Demnach gaben 77 Prozent der Befragten an, sich in den vier Wochen vor der jeweiligen Befragung häufig oder sehr häufig gestresst und überfordert gefühlt zu haben. Mehr als ein Viertel erklärte zudem, bereits während der Ausbildung darüber nachzudenken, später nicht im Schuldienst zu arbeiten.
Zugleich zeigen die Ergebnisse nach Angaben der Gewerkschaft, dass viele angehende Lehrkräfte die Unterstützung an ihren Ausbildungsschulen positiv bewerten. Rund 80 Prozent beschrieben die Begleitung durch Kolleginnen, Kollegen und Mentorinnen oder Mentoren als eher hilfreich oder sehr hilfreich. Auch Fachleiterinnen und Fachleiter würden vielfach als wichtige Unterstützung beim Berufseinstieg wahrgenommen.
„Der Vorbereitungsdienst muss eine Phase sein, die stärkt, qualifiziert und Mut macht“
Kritik richtet sich dagegen gegen die organisatorischen Rahmenbedingungen der Ausbildung. Weniger als ein Drittel der Befragten bewertete Aufbau und Organisation des Vorbereitungsdienstes als hilfreich. 42 Prozent kritisierten nach Angaben der GEW zudem mangelnde Nachvollziehbarkeit bei Bewertung und Kommunikation ihrer Leistungen. Viele Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter berichteten von fehlender Transparenz, unklaren Abläufen sowie unzureichenden Informationen über Rechte und Pflichten.
Mit ihrer Petition fordert die GEW deshalb Änderungen an der Thüringer Verordnung über die Ausbildung und Zweite Staatsprüfung für die Lehrämter. Die Regelung sei seit 2016 nicht grundlegend überarbeitet worden und bilde die Realität des Vorbereitungsdienstes nur noch unzureichend ab, argumentiert die Gewerkschaft.
Zu den Forderungen gehören verlässliche Informationsfristen, transparente Prüfungsanforderungen, stärkere Mitbestimmungsrechte, faire Zugangs- und Härtefallregelungen, eine Begrenzung der Unterrichtsverpflichtung sowie eine bessere Bezahlung während des Vorbereitungsdienstes.
„Wer Schulen und Bildungsqualität stärken will, sollte in die Lehrer investieren. Der Vorbereitungsdienst muss eine Phase sein, die stärkt, qualifiziert und Mut macht – nicht eine Zeit, in der junge Lehrkräfte durch unklare Strukturen, Überlastung und Unsicherheit ausgebremst werden“, erklärte GEW-Landesvorsitzende Kathrin Vitzthum.
Die Gewerkschaft verbindet ihre Forderungen ausdrücklich mit der Diskussion um den Lehrkräftemangel. Wer den Unterricht in den kommenden Jahren sichern wolle, brauche nicht nur ausreichend Personal, sondern auch Bedingungen, die Berufseinsteiger im System halten. Nach Auffassung der GEW wirken sich Probleme im Vorbereitungsdienst langfristig auf Unterrichtsqualität, Schulentwicklung und die Attraktivität des Lehrerberufs aus.
Mit der Petition will die Gewerkschaft nun in Studienseminaren, an Schulen und in der Öffentlichkeit für eine Reform der Lehrkräfteausbildung werben und politischen Druck für Änderungen der Verordnung aufbauen. News4teachers / mit Material der dpa