HAMBURG. Schulleitungen sollen Schulen durch Personalmangel, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und gesellschaftliche Konflikte führen – und sich für diese Aufgaben kontinuierlich weiterqualifizieren. Doch wann eigentlich? Udo Beckmann, renommierter Bildungsexperte und selbst zehn Jahre lang Leiter einer Hauptschule, kennt den Widerspruch aus eigener Erfahrung: Fortbildungen schob er immer wieder auf, weil der Schulalltag keinen Raum dafür ließ. In seinem Gastbeitrag für News4teachers beschreibt er ein strukturelles Dilemma, das bis heute besteht – und fragt, was es das Bildungssystem kostet, wenn ausgerechnet diejenigen kaum zum Weiterlernen kommen, die Schulentwicklung verantworten.

Die Fortbildung, die nie stattfindet – Schulleitung im Spagat zwischen Verantwortung und Weiterbildung
Ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl. Zehn Jahre lang habe ich eine Hauptschule geleitet, und in dieser Zeit habe ich den Fortbildungskatalog öfter zugeklappt, als ich ihn aufgeschlagen habe.
Nicht, weil mich die Themen nicht interessiert hätten. Sondern weil der Alltag kaum Freiräume ließ. Verwaltungsarbeit, die sich stapelte. Eltern, die schwierige Gespräche einforderten. Schülerinnen und Schüler, die Konflikte mitbrachten, die sich nicht auf morgen vertagen ließen. Und immer, ganz unmittelbar, dieses eine Gefühl: Wenn ich jetzt zwei Tage zu einer Fortbildung fahre, lasse ich mein Kollegium mit all dem allein.
Am Ende stand fast immer derselbe Satz: „Vielleicht im nächsten Halbjahr.“
Das nächste Halbjahr kam. Und mit ihm dieselbe Ausrede.
Heute, viele Jahre später, weiß ich: Das war kein persönliches Versagen. Es war ein strukturelles Problem, das ich mit den allermeisten Schulleitungen teile, die ich seither kennengelernt habe.
Ein Widerspruch, den niemand laut ausspricht
Wir verlangen von Schulen, dass sie sich ständig weiterentwickeln. Wir erwarten Offenheit für Veränderung, Innovationsbereitschaft, eine Führung, die Orientierung gibt in Zeiten, die sich schneller wandeln als je zuvor. Künstliche Intelligenz verändert, wie Kinder lernen. Der Personalmangel verändert, wie Teams geführt werden müssen. Gesellschaftliche Konflikte erreichen längst die Klassenzimmer.
Und ausgerechnet die Menschen, die all das an vorderster Stelle verantworten, finden am wenigsten Zeit, selbst dazuzulernen.
Dabei ist der Bedarf so offensichtlich wie selten. Wer ein Kollegium führt, muss heute Personalentwicklung betreiben, obwohl kaum noch Bewerbungen eingehen. Wer Unterrichtsqualität sichern will, muss verstehen, was KI im Klassenzimmer verändert, ohne selbst darin ausgebildet worden zu sein. Wer Konflikte moderiert, ob im Kollegium oder mit Eltern, braucht dafür Handwerkszeug, das im Studium vor zwanzig oder dreißig Jahren schlicht nicht vorkam. Führung, die sich nicht weiterentwickelt, bleibt in der Vergangenheit stehen – während sich die Schule um sie herum längst verändert hat.
Das ist kein Randproblem. Das ist ein Widerspruch im Zentrum des Systems. Und er wird noch deutlicher, wenn man sich klarmacht, dass Schulleitungen in aller Regel gar keine Wahl haben: Fort- und Weiterbildung ist Teil ihrer dienstlichen Pflicht, in vielen Bundesländern sogar ausdrücklich vorgeschrieben. Man verlangt also von ihnen, sich zu qualifizieren – und lässt sie zugleich allein mit der Frage, wann und womit das eigentlich gehen soll. Eine Pflicht, für deren Erfüllung die notwendigen Freiräume fehlen, ist am Ende keine Pflicht mehr, sondern ein stiller Vorwurf.
Über 100 Speaker*innen, mehr als 3.000 Teilnehmende: Der Deutsche Schulleitungskongress (DSLK) ist die zentrale Plattform für Schulleitungen, um die Zukunft der Bildung aktiv zu gestalten und dabei nachhaltige Impulse für eine gerechte und zukunftsfähige Gesellschaft zu setzen. Jetzt buchen!
Jetzt buchen – hier: DSLK Düsseldorf 2026 – FLEET EDUCATION
Warum die Entscheidung so schwerfällt
Wer eine Schule leitet, kennt das Rechnen im Kopf, bevor man überhaupt zum Telefon greift, um sich anzumelden: Wer vertritt mich? Was liegt danach auf dem Tisch? Reicht das Budget, wenn gleichzeitig anderswo Geld fehlt – für Material, für Vertretungsstunden, für die Dinge, die niemand aufschieben kann?
Diese Rechnung geht selten zugunsten der eigenen Fortbildung auf. Nicht, weil sie unwichtig wäre, sondern weil das Verantwortungsgefühl gegenüber der eigenen Schule fast immer größer ist als der Mut, den Schreibtisch für zwei Tage zu verlassen.
Und dann ist da noch eine zweite Rechnung, über die noch weniger gesprochen wird. Das Fortbildungsbudget einer Schule muss für ein ganzes Kollegium reichen – es ist fast nie so bemessen, dass für die Schulleitung selbst noch etwas übrigbleibt. Also stellt sich irgendwann die Frage, die eigentlich niemand stellen sollte: Wie viel bin ich bereit, aus eigener Tasche zu zahlen? Geld, das eigentlich für die Familie gedacht war, für den nächsten Urlaub, für die Kinder – nicht für die eigene berufliche Weiterentwicklung, die doch der ganzen Schule zugutekommt.
Wer sich das leisten kann, tut es manchmal. Wer es nicht kann oder nicht will, verzichtet. Beides ist nachvollziehbar. Beides zeigt aber vor allem eines: dass etwas grundsätzlich nicht stimmt, wenn professionelle Weiterentwicklung zur privaten Kostenfrage wird.
So entsteht ein stilles Dilemma, über das kaum gesprochen wird: Schulleitungen wissen genau, dass sie sich weiterentwickeln müssten. Und genau diese Einsicht bleibt im Alltag meistens auf der Strecke.
Was eigentlich zählt
Rückblickend war es bei mir selten der einzelne Vortrag, der etwas verändert hat. Es waren die Gespräche am Rand einer Veranstaltung. Der Moment, in dem ein Kollege beiläufig eine Lösung für ein Problem erwähnte, an dem ich mich seit Monaten abgearbeitet hatte. Die Erleichterung, zu merken: Andere liegen auch nachts wach, wenn sie eine schwierige Personalentscheidung treffen mussten.
Diese Momente entstehen nicht am Schreibtisch. Sie brauchen einen Raum, in dem Menschen mit derselben Verantwortung zusammenkommen – nicht um zu funktionieren, sondern um kurz durchzuatmen und nachzudenken.
Und sie brauchen vor allem einen Raum, der größer ist als der eigene Dienstbezirk. Die kostenlosen Fortbildungsangebote der Länder sind wichtig, keine Frage. Aber sie bleiben fast immer innerhalb derselben Schulform, desselben Bundeslandes, oft sogar derselben Region. Man trifft dort Menschen, die dieselben Erlasse kennen, dieselben Probleme haben, dieselbe Sprache sprechen. Das ist wertvoll – aber es ist nicht dasselbe wie der Blick über den eigenen Tellerrand. Die wirklich überraschenden Impulse entstehen oft dort, wo eine Grundschulleitung aus Bayern mit einer Gesamtschulleitung aus Bremen ins Gespräch kommt, wo Erfahrungen aus völlig unterschiedlichen Schulformen und Ländern aufeinandertreffen und sich zeigt, wie unterschiedlich – und wie ähnlich zugleich – die eigenen Herausforderungen eigentlich sind.
Genau solche Räume fehlen im Alltag der meisten Schulleitungen fast vollständig.
Die falsche Frage
Natürlich kosten gute Fortbildungsangebote Geld. Sie erfordern Vertretung, Organisation und Zeit – Ressourcen, die im Schulalltag ohnehin knapp sind. Das ist Realität, und sie lässt sich nicht wegdiskutieren.
Vielleicht stellen wir seit Jahren aber die falsche Frage. Nicht: Können wir es uns leisten, in die Weiterentwicklung von Schulleitungen zu investieren? Sondern: Was kostet es unser Bildungssystem, wenn wir es nicht tun?
Jede Schule ist nur so gut wie ihre Führung. Und gute Führung lebt davon, dass sie selbst lernfähig bleibt. Wenn wir Schulentwicklung ernst meinen, darf die Fortbildung von Schulleitungen kein Luxus sein, den man sich irgendwann leistet, wenn der Kalender zufällig einmal Luft lässt.
Denn dieser Tag kommt nicht. Das habe ich zehn Jahre lang erlebt.
Was sich ändern muss, verändert sich nicht von selbst – und ganz sicher nicht, indem man darauf wartet, dass Budget und Kalender endlich gleichzeitig Spielraum bieten. Ich kenne die vielen guten Gründe, eine Anmeldung wieder zu schließen. Ich habe sie selbst jahrelang gefunden.
Heute weiß ich aber auch, was passiert, wenn man sich trotzdem entscheidet. Die Investition zahlt sich aus – weit über die eigene Person hinaus. Man gewinnt neue Perspektiven, mehr Sicherheit in schwierigen Entscheidungen, ein starkes Netzwerk und oft auch ein Stück Gelassenheit. Das stärkt nicht nur die eigene Führung, sondern wirkt in das gesamte Kollegium hinein und kommt am Ende den Schülerinnen und Schülern zugute.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis nach all den Jahren: Der perfekte Zeitpunkt für Fortbildung kommt nicht. Der richtige Moment ist häufig genau der, in dem man sich trotz aller guten Gegenargumente dafür entscheidet.
Vielleicht braucht es deshalb eine neue Gewohnheit. Nicht mehr zu sagen: „Vielleicht im nächsten Halbjahr.“ Sondern: „Gerade weil so viel auf dem Spiel steht, mache ich es jetzt.“
Denn gute Schulen brauchen auch Schulleitungen, die bereit sind, selbst weiterzulernen. Wer in Führung wächst, schafft die Voraussetzungen dafür, dass auch andere wachsen können. News4teachers
Udo Beckmann ist Grund- und Hauptschullehrer, leitete zehn Jahre eine Hauptschule in herausfordernder Lage mit einer Schülerschaft, die zu 80 Prozent aus Familien mit Migrationshintergrund stammten. Er war zudem 16 Jahre Vorsitzender der zweitgrößten Lehrergewerkschaft in Nordrhein-Westfalen (des VBE) und 13 Jahre Bundesvorsitzender. Heute ist er Leiter des Programmbeirats beim Deutschen Schulleitungskongress.
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Aus- und Fortbildung“.