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Wie viel Unterricht schuldet der Staat? Ausgefallene Stunden werden zum Streitfall

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LANDAU/HAGENOW. Wie viel Unterricht muss der Staat Schülerinnen und Schülern eigentlich garantieren – und was geschieht, wenn vor einer entscheidenden Prüfung ein erheblicher Teil davon nicht stattfindet? Ein ehemaliger Abiturient aus Rheinland-Pfalz will diese Frage jetzt gerichtlich klären lassen. Der Fall erinnert an die Vorgänge am Robert-Stock-Gymnasium in Hagenow, die durch eine Abiturrede bundesweit publik wurden: Dort fiel über ein Drittel des Jahrgangs durchs Abitur. Auch dort steht der Vorwurf im Raum, die Jugendlichen seien zuvor nicht ausreichend unterrichtet worden.

Das Gericht hat zu entscheiden. Foto: Shutterstock

Elija Walk hat Buch geführt. Als der heute 20-Jährige im Sommer 2022 in die elfte Klasse des Eduard-Spranger-Gymnasiums im rheinland-pfälzischen Landau kam, fiel ihm zunächst nur auf, dass im elektronischen Vertretungsplan immer wieder Unterrichtsstunden gestrichen waren. Irgendwann begannen er und seine Eltern, Screenshots davon zu sichern. Später übertrugen sie die ausgefallenen Stunden in Tabellen.

Als Walk im Frühjahr 2025 sein Abitur machte, zog die Familie Bilanz: Von 2478 vorgesehenen Unterrichtsstunden seien in den drei Jahren vor dem Abitur 405 ersatzlos ausgefallen. Das berichtet der Spiegel, dem die Tabellen und Screenshots vorliegen.

Besonders hoch waren die Ausfälle demnach in Walks drei Leistungskursen Biologie, Sport und Deutsch. In einem Halbjahr fiel in einem der Kurse beinahe jede zweite Stunde aus – 46,6 Prozent. Auch im letzten Schuljahr vor dem Abitur fehlte jeweils rund ein Drittel des Unterrichts: in Biologie und Sport jeweils 33 Prozent, in Deutsch 32 Prozent. Die Familie wandte sich an die rheinland-pfälzische Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD). Inzwischen hat Walk wegen seiner Abiturnoten in den betroffenen Fächern geklagt. Er sieht die Chancengleichheit verletzt.

„Dann entscheidet, wer zu Hause Hilfe bekommt, wer Nachhilfe bezahlen kann, wer einen ruhigen Schreibtisch und familiären Rückhalt hat“

Seine Argumentation reicht über die eigene Abiturnote hinaus. Wenn ein erheblicher Teil des Unterrichts nicht stattfinde, würden die Voraussetzungen für die Prüfung zunehmend ins Elternhaus verlagert. „Dann entscheidet, wer zu Hause Hilfe bekommt, wer Nachhilfe bezahlen kann, wer einen ruhigen Schreibtisch und familiären Rückhalt hat“, sagt Walk dem Spiegel. Er selbst habe diese Unterstützung gehabt, andere Jugendliche seines Jahrgangs nicht. „So wird aus Unterrichtsausfall soziale Auslese.“

Bemerkenswert an dem Fall ist, dass über das Ausmaß des dokumentierten Unterrichtsausfalls offenbar gar kein grundsätzlicher Streit besteht. Laut Spiegel-Bericht zweifelte die Schulaufsicht die von der Familie gesammelten Belege nicht an. In einer eigenen Aufstellung kam sie bei einzelnen Werten sogar auf höhere Ausfallzahlen. Der eigentliche Konflikt beginnt vielmehr bei der Frage, was daraus folgt.

Die ADD vertritt die Auffassung, dass auch erhebliche Ausfälle nicht zwangsläufig bedeuten, dass Schülerinnen und Schüler unzureichend auf ihr Abitur vorbereitet wurden. Beim Biologie-Leistungskurs argumentierte die Behörde gegenüber Walk beispielsweise mit einer bemerkenswerten Rechnung: Wenn 33 Prozent der Stunden ausgefallen seien, hätten immerhin 67 Prozent stattgefunden. Im Lehrplan seien aber lediglich etwa 60 Prozent der Unterrichtszeit für verpflichtende Inhalte vorgesehen. Die übrigen 40 Prozent könnten als „individuell gestaltbare Freiräume“ genutzt werden.

„Mithin hatten die Lehrkräfte ausreichend Stunden, um Sie auf Ihre bevorstehende Abiturprüfung im Fach Biologie vorzubereiten“, beschied die ADD den ehemaligen Schüler. Zudem sei es Schülerinnen und Schülern „unbenommen, in den ausgefallenen Stunden Themen im Eigenstudium zu vertiefen oder Fragen für die kommende Stunde vorzubereiten“.

Damit wird aus dem Streit um ausgefallene Stunden eine grundsätzlichere bildungspolitische Frage: Besteht der staatliche Auftrag darin, die im Stundenplan vorgesehenen Unterrichtsstunden tatsächlich anzubieten – oder genügt es, wenn trotz erheblicher Ausfälle genügend Zeit bleibt, um die verpflichtenden Teile eines Lehrplans grundsätzlich behandeln zu können?

Zumindest im Eilverfahren hat Walk mit seiner Position vor Gericht bislang keinen Erfolg. Das Verwaltungsgericht Neustadt an der Weinstraße lehnte seinen Antrag auf vorläufigen Rechtsschutz im Juni ab, anschließend entschied auch das Oberverwaltungsgericht Koblenz nicht in seinem Sinne. Nach der vom Spiegel wiedergegebenen Argumentation kommt es beim Abitur auf die erbrachte Prüfungsleistung an – nicht darauf, ob diese unter erschwerten Bedingungen in der Vorbereitung zustande gekommen ist.

Walk setzt nun auf eine grundsätzliche Entscheidung im Hauptverfahren. Außerdem hat er den Landeselternbeirat eingeschaltet und eine Petition an den Landtag gerichtet.

Dass die dahinterstehende Frage keineswegs nur einen einzelnen Abiturienten in Rheinland-Pfalz betrifft, zeigt ein zweiter Fall rund 600 Kilometer weiter nordöstlich.

„Ständiger Lehrerwechsel, zwei Jahre kein vernünftiger Matheunterricht – aber stimmt: Für das Ergebnis des Matheabiturs sind wir ganz allein verantwortlich“

Am Robert-Stock-Gymnasium im mecklenburg-vorpommerschen Hagenow hatte in diesem Jahr eine außergewöhnlich hohe Durchfallquote für bundesweite Aufmerksamkeit gesorgt. 17 von 52 Schülerinnen und Schülern bestanden ihr Abitur nicht – rund 35 Prozent des Jahrgangs. Eine Abiturientin erhob in ihrer Abschlussrede massive Vorwürfe gegen die schulischen Bedingungen und stellte die Verantwortung der Schülerinnen und Schüler für das Ergebnis infrage (News4teachers berichtete).

Nun liefern Angaben des Bildungsministeriums auf eine Kleine Anfrage der CDU, über die der NDR berichtet, ein genaueres Bild der Prüfungsergebnisse. Besonders auffällig ist Mathematik: Im Grundkurs bestanden 28 von 31 Schülerinnen und Schülern die schriftliche Abiturprüfung nicht. Auch in Biologie war die Durchfallquote hoch: 13 von 39 Prüflingen scheiterten an der schriftlichen Prüfung.

Das Mathematikergebnis erhält vor dem Hintergrund der zuvor erhobenen Vorwürfe besonderes Gewicht. Die ehemalige Schülerin hatte in ihrer Abschlussrede aus ihrer Sicht fehlende Kontinuität im Unterricht geschildert. „Ständiger Lehrerwechsel, zwei Jahre kein vernünftiger Matheunterricht – aber stimmt: Für das Ergebnis des Matheabiturs sind wir ganz allein verantwortlich“, sagte sie ironisch.

Damit stehen auch in Hagenow unterschiedliche Bewertungen dessen gegenüber, was ausreichender Unterricht bedeutet. Die ehemalige Schülerin beschreibt „zwei Jahre kein vernünftiger Matheunterricht“. Die Schulaufsicht erklärt dagegen, die Unterrichtsversorgung sei gewährleistet gewesen. Welche Darstellung die tatsächlichen Bedingungen angemessen beschreibt und welche Faktoren zu den außergewöhnlichen Prüfungsergebnissen beigetragen haben, soll nun genauer untersucht werden.

Vom 14. September an soll ein mindestens vierköpfiges Expertenteam mehrere Tage am Robert-Stock-Gymnasium verbringen. Nach Angaben des NDR gehören ihm Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts für Qualitätsentwicklung des Bildungsministeriums, die Schulleitung einer anderen Schule sowie der zuständige Schulrat beziehungsweise die zuständige Schulrätin an. Vorgesehen sind Unterrichtsbesuche und Gespräche über Unterricht, Schulklima und das Handeln der Schulleitung.

Untersucht werden soll außerdem, wie die Abiturprüfungen in allen zwölf Prüfungsfächern vorbereitet und durchgeführt wurden. Die Schulaufsicht soll die Schule künftig stärker unterstützen. Bislang gebe es nach Angaben der Landesregierung keine Hinweise darauf, dass die Abiturprüfungen selbst nicht ordnungsgemäß abgelaufen seien.

Elija Walk geht es nach eigenen Angaben längst nicht mehr allein um sein eigenes Abitur. Das sei geschrieben und lasse sich nicht mehr ändern. Entscheidend sei für ihn vielmehr, dass der Staat seinen Verpflichtungen für einen ordentlichen Unterricht nachkomme. News4teachers

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1 COMMENT

  1. ich lese hier: Vorbereitung auf Abiturprüfungen in der Schule? Also nicht normaler Unterricht nach Bildungsplan sondern gezielte Vorbereitung auf die Prüfung. Sind diese Stunden denn im Bildungsplan berücksichtigt? In BW am beruflichen Gymnasiums wäre mir das neu. oder ich bin einfach ein schlechter Lehrer, weil ich froh bin den Stoff rechtzeitig geschafft zu haben,

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