Home Tagesthemen Zur Einschulung in den Freizeitpark: Wie viel Spektakel vertragen Erstklässler?

Zur Einschulung in den Freizeitpark: Wie viel Spektakel vertragen Erstklässler?

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DRESDEN. Der erste Schultag wird für viele Familien längst selbst zum Großereignis: Restaurants sind Monate oder sogar Jahre im Voraus ausgebucht, Caterer liefern für große Gesellschaften, Freizeitparks locken mit Zuckertütenfesten, Shows und Feuerwerk. Besonders ausgeprägt ist diese Tradition im Osten – Sachsen liefert an diesem Wochenende zum Schulstart ein anschauliches Beispiel –, doch auch andernorts wächst der Aufwand. Was als Fest für einen wichtigen Übergang gedacht ist, kann allerdings Erwartungen wecken, die der Schulalltag kaum erfüllen kann.

Mit Volldampf (Symbolbild). KI-Illustration: Shutterstock

Kurz vor der Einschulung ihres dritten Kindes traf Zeit-Redakteurin Lisa Seelig eine Mutter aus ihrem Berliner Kiez. Die war im Stress: Beim Caterer musste Partygeschirr abgeholt werden – für 50 Gäste. Anlass war die Einschulung eines Kindes. „Ich hielt das für einen großen Fehler“, schrieb Seelig dann in einem Kommentar.

Nicht, weil sie grundsätzlich etwas dagegen hätte, den Beginn der Schulzeit zu feiern. Seelig störte sich an den Dimensionen, die solche Feiern annehmen können. „Mir ist rätselhaft, warum gerade die Einschulung von Kindern mehr und mehr zum Partyspektakel wird“, schrieb sie im vergangenen Jahr unter der Überschrift „Tütenweise Heuchelei“.

Dass rund um die Einschulung erheblicher Aufwand betrieben wird, lässt sich derzeit in Sachsen beobachten. Dort feiern am Samstag mehr als 37.000 Erstklässler Schulanfang. Die meisten Familien setzen weiterhin auf eine Feier im Familienkreis, berichtet Anke Fischer von der Zwickauer Eventagentur Promoplanet, die selbst Schulanfangsfeiern ausrichtet. Klein muss die deshalb allerdings nicht ausfallen.

„Das ist ein großes Ereignis, das viele Eltern oft monatelang selbst vorbereiten“, sagt Fischer. Catering, Hüpfburgen und Clowns seien zum Schulanfang stark gefragt, Gaststätten und beliebte Veranstaltungsorte schnell ausgebucht. Manche Familien reservierten den Ort ihrer Feier wegen der großen Nachfrage bereits Jahre im Voraus.

Und selbst wenn die Einschulung ohne Clown, Feuerwerk und Eventagentur auskommt, kann der besondere Tag beträchtliche Summen verschlingen. Der Leipziger Metzgermeister Franz Richter beobachtet zwar weniger klassische Catering-Anfragen, dafür aber größere Bestellungen für Grillfeiern. Gerade bei Gesellschaften mit 20 bis 30 Gästen werde gern etwas Besonderes bestellt – etwa Bratwürste aus Rind oder Lamm.

Für Bestellungen dieser Größenordnung müssten Familien inzwischen etwa 800 bis 1.200 Euro einplanen, sagt Richter. Die Preise seien damit ungefähr doppelt so hoch wie vor der Corona-Pandemie. Viele Eltern seien dennoch bereit, sich den besonderen Tag ihrer Kinder einiges kosten zu lassen.

Auch für die Gastronomie ist der Schulanfang ein wichtiger Termin. Axel Klein vom Dehoga Sachsen berichtet, dass viele Familien zu Hause oder in Gaststätten feiern und dabei zunehmend darauf achten, dass die Kinder sich bewegen und etwas erleben können. Gefragt seien beispielsweise Häuser mit Tischtennis, Tieren auf dem Gelände oder einem Streichelzoo. Auch gemeinsame Feiern mehrerer Familien seien beliebt, damit die Kinder miteinander spielen könnten.

Die Nachfrage nach geeigneten Gaststätten sei entsprechend groß. Familien sollten frühzeitig reservieren, sagt Klein. Und nach seiner Beobachtung ist eine ausgeprägtere Feierkultur nicht mehr ausschließlich ein ostdeutsches Phänomen: Auch in westdeutschen Bundesländern werde der Schulanfang inzwischen stärker gefeiert.

„Zwar wollen die Eltern dem Kind ein Erlebnis bieten. Aber sie müssen auch darauf achten, es nicht zu überfordern. Der Tag ist wirklich anstrengend“

Besonders fest verankert ist die Tradition allerdings im Osten. „In Sachsen ist der Schulanfang eine große und wichtige Tradition“, sagt Fischer. Das beginnt schon mit Zuckertütenfesten am Ende der Kindergartenzeit. Am Wochenende vor dem ersten offiziellen Schultag folgen die Einschulungsfeiern samt Übergabe der Zuckertüten. Häufig stehen außerdem ein erster Besuch im Klassenzimmer, Fototermine, Kaffeetrinken und Verwandtschaftsbesuche auf dem Programm.

Bei so viel Programm stellt sich eine ganz praktische Frage: Wie viel davon hält ein sechsjähriges Kind an diesem ohnehin aufregenden Tag eigentlich aus? Ausgerechnet die Eventmanagerin, die solche Feiern beruflich organisiert, mahnt zur Zurückhaltung. „Zwar wollen die Eltern dem Kind ein Erlebnis bieten. Aber sie müssen auch darauf achten, es nicht zu überfordern. Der Tag ist wirklich anstrengend“, sagt Fischer.

Wer sich zumindest den organisatorischen Aufwand ersparen möchte, findet dafür inzwischen entsprechende Angebote. Der Erlebnispark Oskarshausen in Freital veranstaltet ein eigenes Zuckertütenfest. Auch bei Belantis nahe Leipzig wird am Samstag Zuckertütenfest gefeiert. Schulanfänger erhalten freien Eintritt, eine gefüllte Zuckertüte und können Asterix und Obelix treffen. Im Freizeitpark Plohn im Vogtland dauert die Schulanfangsparty bis 22 Uhr. Nach Showprogramm und Fahrgeschäften erwarten die Kinder und ihre Gäste eine Lasershow und zum Abschluss ein Feuerwerk. Auch dort haben die frisch eingeschulten Kinder freien Eintritt.

Für Zeit-Redakteurin Seelig liegt das Problem nicht allein in der Größe der Gesellschaft oder im gebuchten Unterhaltungsprogramm. Ihre Kritik richtet sich gegen die Erwartungen, die Erwachsene mit der Inszenierung des Schulanfangs bei Kindern wecken könnten. Eltern täten sich einen Gefallen, schreibt sie, wenn sie unrealistische Erwartungen möglichst früh einkassierten – oder gar nicht erst entstehen ließen.

„Eine Einschulungsfeier mit viel zu vielen Gästen, pompöser Deko, übertrieben gefüllten Schultüten setzt einen falschen Marker“

Denn die Einschulung markiert eben nicht nur ein Fest, sondern den Beginn einer jahrelangen Verpflichtung. Seelig fragt deshalb provokant, warum ausgerechnet der Start in einen Alltag, der über zwölf oder dreizehn Jahre frühes Aufstehen, Anwesenheit und Pflichten bedeutet, derart gefeiert werde. Eltern machten einen Fehler, wenn sie glaubten, sie müssten ihren Kindern den Abschied aus der Kita versüßen und die Aussicht auf die Schule schönreden. Je höher die Erwartungen, desto größer sei das Risiko der Enttäuschung.

Genau darin sieht sie den problematischen Marker der großen Einschulungsfeier: „Eine Einschulungsfeier mit viel zu vielen Gästen, pompöser Deko, übertrieben gefüllten Schultüten setzt einen falschen Marker: So glamourös, denkt das sechsjährige Kind zwangsläufig, kann es gern weitergehen.“ Wenige Tage später bestehe Schule eben nicht mehr aus Zuckertüten, Gästen und Feuerwerk, sondern aus einem geregelten Alltag mit Anforderungen und Pflichten.

Seelig empfiehlt deshalb „ein kleines, unspektakuläres Festchen“, vielleicht mit Oma und Opa. Auch sie verweist darauf, dass die Kinder am Einschulungstag ohnehin bereits eine Fülle neuer Eindrücke verarbeiten müssen: „Die Kinder sind am Tag der Einschulung ohnehin schon Nervenbündel und emotional überfordert.“ Ihr Gegenentwurf zum Partyspektakel fällt entsprechend schlicht aus: „Dann lieber gemütlich eine Pizza essen gehen, die Schultüte plündern“ – und die Erwartungen an das, was nach der Einschulungsfeier kommt, nicht unnötig hochschrauben. News4teachers / mit Material der dpa

Wie pompös darf eine Einschulungsfeier sein? Immer mehr Tamtam um den ersten Schultag – die GEW wehrt sich gegen den Trend

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2 Kommentare
Schademarmelade
4 Stunden zuvor

All diese Großereignisse werden genutzt um das eigene schlechte Gewissen zum Schweigen zu bringen, weil man den ganzen Tag lieber am Handy daddelt als Zeit mit den Kindern zu verbringen.
Es ist bemerkenswert wie sehr sich Menschen versuchen mit solchen Dingen zu profilieren.

blau
2 Stunden zuvor

Also NRW hier. Wir laden nur die Großeltern ein und gehen essen oder bestellen was nach Hause. Es gibt ne Schultüte und kleine Geschenke der Großeltern (oder sie beteiligen sich im Vorfeld an Ranzen usw.). Das war bei uns schon vor 40 Jahren so…

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