BERLIN. In Deutschlands Schulen und Kitas beginnt die Saison der Atemwegsinfekte. Ausgerechnet jetzt kündigt Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) an, die höhere Zahl der Kinderkrankentage Ende des Jahres auslaufen zu lassen. Eltern hätten dann ab 2027 wieder weniger Zeit, ein krankes Kind mit Kinderkrankengeld zu Hause zu betreuen. Sozialverbände und die Bildungsgewerkschaft GEW befürchten, dass dadurch häufiger noch nicht genesene Kinder in Kitas und Schulen kommen – und weitere Kinder sowie Beschäftigte anstecken.

Die Zahl akuter Atemwegserkrankungen ist nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) seit dem Tiefstand im August mit Beginn des Schuljahres nach den Sommerferien deutlich gestiegen. Für die dritte Septemberwoche schätzte das Institut rund 5,5 Millionen Neuerkrankungen. Die Aktivität lag damit im üblichen Bereich für diese Jahreszeit. Eine Grippewelle ist das noch nicht: Nachweise von Influenzaviren waren zuletzt weiterhin sehr selten.
In den Praxen zeigen sich vor allem leichtere Infekte. Der Kinderarzt Michael Achenbach von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe berichtete der Rheinischen Post von zahlreichen Erkrankungen durch Adeno-, Entero- und Rhinoviren nach dem Schulstart. Influenzafälle gebe es derzeit noch nicht. Die Grippeimpfungen für die kommende Saison laufen nun an. Das RKI ruft insbesondere dazu auf, Kinder und Jugendliche mit Grunderkrankungen rechtzeitig impfen zu lassen: In den vergangenen Jahren waren nur etwa zehn Prozent von ihnen gegen Influenza geimpft.
Auch Corona ist weiterhin Teil des Infektionsgeschehens. Die geschätzte Zahl der COVID-19-Erkrankungen liegt weiterhin sehr niedrig. Die Viruslast im Abwasser ist zuletzt aber leicht gestiegen. Bei der Impfempfehlung hat die Ständige Impfkommission den Kreis gesunder älterer Menschen für die jährliche Auffrischung eingegrenzt: Sie empfiehlt sie nun erst ab 75 Jahren. Die Kommission begründet das damit, dass schwere Verläufe deutlich seltener geworden sind und vor allem Hochbetagte betreffen. Für Menschen mit erhöhtem Risiko gilt die Impfempfehlung weiterhin.
Minister will zur früheren Regelung zurück
Während die Infekte zunehmen, zeichnet sich für Familien eine Änderung bei der Betreuung kranker Kinder ab. Derzeit können gesetzlich versicherte Eltern für jedes gesetzlich versicherte Kind bis zu 15 Arbeitstage im Jahr Kinderkrankengeld beziehen, Alleinerziehende bis zu 30 Tage. Bei mehreren Kindern liegen die jährlichen Höchstgrenzen bei 35 beziehungsweise 70 Tagen. Das Kinderkrankengeld ersetzt in der Regel 90 Prozent des ausgefallenen Nettoverdienstes. Die höhere Zahl der Anspruchstage ist bis Ende 2026 befristet.
Bundesgesundheitsminister Linnemann sprach sich bei einer Regierungsbefragung im Bundestag gegen eine Verlängerung aus. „Ich glaube, wir tun als Politik gut daran, die Sonderregeln, die es während der Coronapandemie gab, wieder zurückzunehmen“, sagte er. Auf die Frage, was Eltern nach Ausschöpfen ihres Anspruchs tun sollten, verwies der Minister auf die frühere Regelung: „Es werden 10 Tage sein, mal zwei sind das 20 Tage im Jahr.“ Gemeint sind zehn Tage je Kind und Elternteil. Für Alleinerziehende wären es wieder 20 Tage je Kind. Eine neue gesetzliche Regelung ist damit noch nicht beschlossen; ohne Verlängerung läuft die befristete Erhöhung aus.
Für Kitas und Schulen stellt sich damit eine praktische Frage: Was geschieht, wenn ein Kind noch krank ist, die Eltern aber keine bezahlte Freistellung über das Kinderkrankengeld mehr beanspruchen können? Das RKI empfiehlt Menschen mit Symptomen einer akuten Atemwegsinfektion, drei bis fünf Tage und bis zu einer deutlichen Besserung zu Hause zu bleiben. Ob Familien das organisieren können, hängt auch davon ab, wie viel Zeit und finanziellen Spielraum sie haben.
Der Sozialverband Deutschland warnt deshalb vor Folgen für Gemeinschaftseinrichtungen. Wenn Eltern keine andere Betreuung finden, könnten Kinder „halbkrank in die Kita geschickt“ werden und andere im Hort oder in der Schule anstecken, sagte Verbandssprecher Peter-Michael Zernechel dem MDR. Auch Burkhard Naumann, Vorsitzender der GEW Sachsen, rechnet dem Sender zufolge mit mehr kranken Kindern in Kitas und Schulen. Stecken sich dadurch Erzieherinnen, Erzieher und Lehrkräfte an, drohten zusätzliche Personalausfälle – in Einrichtungen, deren Personaldecke vielerorts bereits angespannt sei.
Wenn in Klassenräumen viele Menschen zusammenkommen, spielt auch die Luft eine Rolle für den Infektionsschutz: Beim Atmen, Sprechen und Husten können virushaltige Partikel in die Raumluft gelangen. Die Heinz Trox-Stiftung zeigt, wie Schulen und Schulträger die Innenraumqualität verbessern können. Ihr kostenloser Leitfaden „Klassenräume SMART sanieren“ betrachtet Luftqualität, Temperatur, Akustik und Beleuchtung gemeinsam – als Grundlagen für gesunde, lernförderliche Schulräume.
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Ob die Kürzung tatsächlich zu mehr Ansteckungen führt, lässt sich aus diesen Befürchtungen allein nicht ableiten. Der von den Verbänden beschriebene Druck auf betroffene Familien ist jedoch konkret: Kinder werden durch eine kürzere Anspruchsdauer nicht schneller gesund. Zugleich lässt sich der Anspruch eines Elternteils nicht ohne Weiteres auf den anderen übertragen; dafür ist nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums das Einverständnis des jeweiligen Arbeitgebers nötig. Auch wer im Homeoffice arbeiten könnte, kann Kinderkrankengeld beanspruchen, wenn die Betreuung des erkrankten Kindes die Arbeit unmöglich macht und die weiteren Voraussetzungen erfüllt sind.
Befürworter der Rückkehr zur früheren Regelung verweisen darauf, dass nur wenige Eltern die verfügbaren Tage vollständig nutzen. Nach Angaben der AOK PLUS, die der MDR zitiert, schöpfen etwa zwei Prozent ihrer versicherten Eltern den Anspruch von 15 Tagen je Elternteil aus. Auch DAK-Chef Andreas Storm hält die Rückkehr zur alten Höchstgrenze deshalb für gerechtfertigt. Dass nur wenige Eltern alle 15 Tage benötigen, beantwortet allerdings noch nicht, wie viele Familien auf einen Teil der Tage zwischen dem elften und fünfzehnten Krankheitstag angewiesen sind.
Hinzu kommt, dass die Betreuung kranker Kinder ungleich verteilt ist. Bundesweit wurden 2025 nach einer AOK-Auswertung unter Mitgliedern 73 Prozent der Kinderkrankentage von Frauen beantragt. Eine Kürzung würde damit voraussichtlich besonders häufig Mütter treffen. News4teachers