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Zehn Lehren aus PISA – Erstens: Alte Bildungsprobleme Deutschlands bleiben ungelöst

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BERLIN. Das Leistungsniveau Deutschlands 15-Jähriger erreicht in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik historische Tiefstände. Doch dies ist nur ein Teil der Geschichte. Die neue PISA-Studie zeigt, wo sich die Probleme besonders konzentrieren – und widerspricht einigen einfachen Erklärungen für die deutsche Bildungsmisere. Vor allem soziale Herkunft, Unterrichtsqualität und die wachsende Gruppe Jugendlicher ohne ausreichende Basiskompetenzen rücken in den Mittelpunkt. Zehn Befunde zeigen, worüber Deutschland jetzt reden müsste.

Was läuft hier schief? (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

Vor 25 Jahren löste PISA in Deutschland einen Schock aus. Seitdem wurden Bildungsstandards eingeführt, Ganztagsangebote ausgebaut, Schulen digitalisiert und Förderprogramme aufgelegt. Die jüngste Untersuchung bietet deshalb mehr als eine neue internationale Rangliste: Sie erlaubt einen Blick darauf, was aus einem Vierteljahrhundert Reformpolitik geworden ist. Die Bilanz fällt ernüchternd aus. „Insgesamt sind die Ergebnisse von PISA 2025 durch historisch niedrige Kompetenzstände sowie einen wachsenden Anteil kompetenzschwacher Jugendlicher gekennzeichnet“, schreiben die Forschenden.

1. Deutschlands Platz im Mittelfeld verdeckt den historischen Absturz

486 Punkte erreichen die Jugendlichen in Deutschland in Naturwissenschaften, 465 im Lesen und 464 in Mathematik. Damit liegt Deutschland in allen drei Bereichen im OECD-Durchschnitt. In Naturwissenschaften und Lesen liegen die Werte leicht über dem EU-Durchschnitt, in Mathematik innerhalb des EU-Mittels.

Doch der internationale Vergleich verdeckt die entscheidende Entwicklung im eigenen Land. Die PISA-Forschenden halten fest: „Gleichzeitig werden in allen drei Kompetenzbereichen die niedrigsten Kompetenzwerte seit Beginn der PISA-Erhebungen erzielt, auch niedriger als bei der ersten PISA-Studie vor 25 Jahren.“

2. Hinter sinkenden Durchschnittswerten wächst ein noch größeres Problem

Der Rückgang beschränkt sich nicht auf einige Kompetenzpunkte. Rund ein Viertel der 15-Jährigen erreicht in Naturwissenschaften keine ausreichenden Basiskompetenzen; beim Lesen und in Mathematik betrifft das jeweils etwa ein Drittel.

Unterhalb der Kompetenzstufe II können laut PISA „selbstständige Orientierung und gesellschaftliche Teilhabe“ erschwert sein. Zugleich hält die Studie fest: „Der Anteil der Jugendlichen in Deutschland ohne ausreichende Basiskompetenzen ist über die Zeit deutlich gestiegen.“

Damit verändert sich die Dimension des Problems. Es geht nicht allein darum, dass Jugendliche im Durchschnitt weniger können. Ein wachsender Teil eines Jahrgangs erreicht ein Kompetenzniveau nicht, das PISA für die Bewältigung grundlegender Anforderungen ansetzt: letztlich Ausbildungsreife also.

3. Deutschland verliert nicht nur am unteren, sondern auch am oberen Ende

Während die Gruppe ohne ausreichende Basiskompetenzen wächst, wird zumindest in Teilen auch die Leistungsspitze kleiner. In allen drei klassischen Kompetenzbereichen erreichen inzwischen weniger als zehn Prozent der Jugendlichen die Kompetenzstufen V und VI.

Besonders im Lesen und in Mathematik ist der Anteil der leistungsstarken Jugendlichen über die Jahre gesunken; in den Naturwissenschaften blieb er weitgehend stabil. PISA leitet daraus zwei parallele Aufgaben ab: Deutschland müsse „ausreichende Basiskompetenzen für alle Schüler:innen systematisch sichern“ und zugleich die „Potenziale kompetenzstarker Schüler:innen systematisch fördern“.

4. Migration erklärt einen Teil der Unterschiede – soziale Herkunft deutlich mehr

Zwischen Jugendlichen mit und ohne Zuwanderungshintergrund bestehen deutliche Kompetenzunterschiede. Doch PISA hat untersucht, was geschieht, wenn soziale Herkunft und weitere Merkmale statistisch mitberücksichtigt werden. Dann fallen die Unterschiede nach Zuwanderungshintergrund deutlich geringer aus.

Beim sozialen Hintergrund zeigt sich dieser Effekt nicht. „Eine gemeinsame Betrachtung der drei Ungleichheitsdimensionen zeigt, dass Kompetenzunterschiede in Deutschland vor allem mit der sozialen Herkunft zusammenhängen“, schreiben die Forschenden. Das macht Zuwanderung als Herausforderung für Schulen nicht bedeutungslos. Die Analyse zeigt aber, dass Migration und soziale Benachteiligung nicht gleichgesetzt werden können.

5. Beim ältesten deutschen PISA-Problem sind die Fortschritte wieder verloren gegangen

Dass die soziale Herkunft so stark ins Gewicht fällt, wäre schon für sich genommen ein bemerkenswerter Befund. Brisant wird er durch die Entwicklung seit dem ersten PISA-Schock. Gerade die enge Verbindung von Elternhaus und Bildungserfolg gehörte damals zu den zentralen Diagnosen über das deutsche Schulsystem.

Zwischenzeitlich wurden die Unterschiede geringer. Seit einer Dekade läuft die Entwicklung wieder in die andere Richtung. „Anders als im OECD-Durchschnitt und im EU-Durchschnitt haben die Kompetenzunterschiede nach sozialer Herkunft in Deutschland seit 2015 wieder zugenommen.“ Mittlerweile seien sie „so ausgeprägt wie nie zuvor seit der ersten PISA-Erhebung im Jahr 2000“. Die Forschenden konstatieren, dass Bildungsungleichheiten in Deutschland höher ausfallen „als in nahezu allen anderen Staaten“. Das Argument, das Phänomen sei nun mal naturgegeben, zieht also nicht.

6. Die Krise der Basiskompetenzen konzentriert sich auf bestimmte Schulen

Die Durchschnittswerte für Deutschland verdecken noch einen weiteren Unterschied. Jugendliche an Gymnasien erreichen in Naturwissenschaften durchschnittlich 574 Punkte, an nicht-gymnasialen Schularten 446. Beim Lesen stehen 552 gegen 427 Punkte, in Mathematik 540 gegen 430.

Für die Praxis ist vor allem die Verteilung am unteren Ende bedeutsam: „Gleichzeitig ist der Anteil Jugendlicher ohne sichere Basiskompetenzen an nicht-gymnasialen Schularten erheblich höher, besonders in Mathematik, aber auch in den Naturwissenschaften und im Lesen.“

Die Zahlen belegen nicht, dass die Schulform diese Unterschiede verursacht; die Schülerschaften unterscheiden sich bereits in ihren Voraussetzungen. Sie zeigen aber, dass sich die Aufgabe, Basiskompetenzen zu sichern, höchst ungleich auf die Schulen verteilt. Dazu passt eine der zentralen PISA-Handlungsoptionen: Ressourcen sollen „bedarfsorientiert“ zugewiesen werden.

7. Die Suche nach den Ursachen führt auch in den Unterricht

Soziale Herkunft und unterschiedliche Lernvoraussetzungen erklären nicht das gesamte Bild. PISA fragt auch danach, wie Jugendliche ihren Unterricht erleben. Ausgerechnet bei zwei zentralen Merkmalen fällt Deutschland gegenüber dem OECD-Durchschnitt zurück.

„Sowohl die Klassenführung als auch die konstruktive Unterstützung durch die Lehrkraft als relevante Tiefendimensionen guten Unterrichts werden von den Schüler*innen schlechter eingeschätzt als im OECD-Durchschnitt.“ Lediglich bei der kognitiven Aktivierung erreicht Deutschland durchschnittliche Werte.

Das ist kein pauschales Urteil über deutsche Lehrkräfte – erhoben wurden die Einschätzungen der Schülerinnen und Schüler. Der Befund erweitert aber die Ursachenfrage. Die Debatte über sinkende Kompetenzen lässt sich nicht allein auf soziale Herkunft, Migration, Personalmangel oder außerschulische Faktoren verengen. PISA selbst nennt die „Lehrkräfteprofessionalisierung an veränderten Anforderungen“ als Handlungsoption.

8. Digitalisierung wirkt nicht durch möglichst viel Technik, sondern durch deren Qualität

Auch bei der Digitalisierung widersprechen die Daten einer einfachen Mehr-ist-besser-Logik. Eine häufigere Nutzung digitaler Medien im Unterricht geht nicht grundsätzlich mit höheren Kompetenzen einher.

Ein positiver Zusammenhang mit der naturwissenschaftlichen Kompetenz zeigt sich nur, wenn gleichzeitig die Qualität des Zugangs zu digitalen Medien hoch ist. Bei eingeschränktem Zugang findet sich dieser positive Zusammenhang nicht.

Damit verschiebt PISA die entscheidende Frage: nicht wie oft digitale Medien genutzt werden, sondern unter welchen Bedingungen. Entsprechend fordern die Forschenden, digitale Lernangebote „strategisch [zu] entwickeln und lernwirksam [zu] umsetzen“.

9. Schlechtere Leistungen bedeuten nicht, dass die Jugendlichen weniger lernen wollen

Einer der interessantesten Befunde passt zunächst kaum zum historischen Kompetenzrückgang. Die Schülerinnen und Schüler berichten 2025 von mehr Freude und Interesse an Naturwissenschaften als 2015. Deutschland liegt damit inzwischen im internationalen Durchschnitt.

Zugleich hängen solche Einstellungen mit Leistung zusammen. „Höhere Selbstwirksamkeitserwartungen, mehr Freude und Interesse sowie positivere naturwissenschaftsbezogene Überzeugungen gehen jeweils mit höheren Kompetenzen einher.“ Die naturwissenschaftlichen Selbstwirksamkeitserwartungen der deutschen Jugendlichen liegen allerdings leicht unter dem OECD-Durchschnitt.

Das ergibt eine bemerkenswerte Konstellation: Das Interesse an Naturwissenschaften ist gestiegen, während die gemessenen Kompetenzen historische Tiefstände erreichen. Ein allgemeiner Verlust von Freude und Interesse am Fach kann den Leistungsrückgang jedenfalls nicht erklären.

10. Beim digitalen Problemlösen zeigt Deutschland eine Leistungsspitze, die es anderswo so nicht gibt

Noch deutlicher bricht der erstmals untersuchte Bereich des modellbasierten Problemlösens mit dem übrigen Leistungsbild. Deutschland erreicht 498 Punkte und liegt damit ungefähr im OECD-Durchschnitt.

Entscheidend ist jedoch die Verteilung: Etwa ein Viertel der Jugendlichen erreicht keine ausreichenden Basiskompetenzen – zugleich erreicht ein ähnlich großer Anteil hohe Kompetenzstufen. Bei Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik gehören dagegen jeweils weniger als zehn Prozent zur Leistungsspitze.

Das ist kein Gegenbeweis zur deutschen PISA-Krise. Es zeigt aber, dass sich die Kompetenzprofile erheblich unterscheiden können. Gerade bei einer neu untersuchten Fähigkeit im Bereich des digitalen Lernens verfügt Deutschland über eine vergleichsweise große leistungsstarke Gruppe – und gleichzeitig über eine ebenso große Gruppe mit niedrigen Kompetenzen.

So ergibt PISA 2025 ein komplizierteres Bild als die Schlagzeile vom historischen Leistungstief. Deutschland hat nicht das eine Bildungsproblem, das sich mit einer einzelnen Reform beheben ließe. Zu viele Jugendliche erreichen keine sicheren Basiskompetenzen, die Leistungsspitze wird in klassischen Domänen teilweise kleiner, soziale Herkunft bestimmt die Kompetenzen wieder stärker – und zentrale Merkmale des Unterrichts werden vergleichsweise ungünstig beurteilt.

Vielleicht liegt darin die wichtigste elfte Erkenntnis: Deutschland fehlt nach 25 Jahren PISA kaum noch das Wissen darüber, wo seine Probleme liegen. Die Forschenden nennen bedarfsorientierte Ressourcen, verbindliche frühe Diagnostik und Förderung, einen pädagogisch genutzten Ganztag, Lehrkräfteprofessionalisierung und lernwirksame Digitalisierung. PISA 2025 wirft damit eine unangenehmere Frage auf: Warum sind Probleme, die seit einem Vierteljahrhundert vermessen werden, bis heute noch immer nicht gelöst? News4teachers 

Hier geht es zu einer wissenschaftlichen Zusammenfassung der PISA-Studie. 

„Wir werden unserem eigenen Anspruch als Bildungsnation nicht gerecht“: PISA – schon wieder ein Debakel (so schlecht wie nie)

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1 COMMENT

  1. Hier gibt es Forist*innen, die meinen, dass integrative Schultypen, die besonders viele förderbedürftige Kids beschulen, doch schon viel mehr Geld erhalten als Gymnasien. Da wird dann nur mit Zahlen argumentiert.
    Diese Ansicht scheint auch in der Politik vorzuherrschen.
    Realität? Interessiert nicht. Zahlen lügen ja bekanntlich nicht.

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