FRANKFURT/MAIN. Bücher über Schule, Unterricht und die Probleme des Bildungssystems finden offenbar ein breites Publikum. Zur Frankfurter Buchmesse stellen wir sechs interessante Neuerscheinungen vor, die sich mit aktuellen Herausforderungen für Schulen und Lehrkräfte beschäftigen. Drei davon haben es bereits auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft. Die Autorinnen und Autoren bringen unterschiedliche Erfahrungen mit: Einige unterrichten selbst oder haben lange im Klassenzimmer gestanden, einer hat als Schulsenator über Jahre die Bildungspolitik eines Bundeslandes verantwortet.

Gina Waibel: „Schule, aber stabil“ (EMF, 256 Seiten, 20 Euro). Wie neutral dürfen Lehrkräfte sein, wenn demokratische Grundwerte infrage gestellt werden? Gina Waibel, die nach zehn Jahren im Schuldienst 2025 ihren Lehrerberuf aufgab und seither als Bildungsreferentin und Influencerin arbeitet, beschäftigt sich mit Rassismus, Diskriminierung und dem Einfluss rechter Akteure auf Schulen. In ihrem Buch hinterfragt sie insbesondere die verbreitete Vorstellung, Lehrkräfte müssten sich bei politischen Auseinandersetzungen grundsätzlich neutral verhalten.
Der Verlag beschreibt das Buch mit einer programmatischen Aussage: „Rassismus, Diskriminierung und die zunehmende Einflussnahme rechter Akteure machen auch vor unseren Schultoren nicht Halt – deshalb sind Lehrkräfte mit stabiler Haltung keine Option, sondern eine Notwendigkeit.“ Waibel verbindet Erfahrungen aus dem Schulalltag mit der Forderung nach einer diskriminierungskritischen Pädagogik und einer stärkeren demokratischen Ausrichtung des Bildungssystems. Damit berührt das Buch eine Frage, die angesichts gesellschaftlicher Polarisierung auch für Schulleitungen und Bildungsverwaltungen zunehmend relevant wird: Wie können Lehrkräfte demokratische Grundrechte verteidigen, ohne Schülerinnen und Schüler politisch zu bevormunden?
Saskia Niechzial: „Herz zählt. Wie Eltern und Lehrkräfte Schule gemeinsam besser machen“ (Beltz, 267 Seiten, 22 Euro). Wenn ein Kind Schwierigkeiten beim Lesen hat, können die gegenseitigen Schuldzuweisungen schnell beginnen: Die Eltern vermuten Versäumnisse im Unterricht, die Lehrkraft fehlende Unterstützung zu Hause. Solche Konflikte nimmt die Grundschulpädagogin, vierfache Mutter und Bildungsaktivistin Saskia Niechzial in den Blick.
Die durch ihren Blog und Instagram-Auftritt „liniert.kariert“ bekannte Autorin beschreibt, wie unterschiedliche Erwartungen, Kommunikationsprobleme und wechselseitiges Misstrauen die Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule belasten. Ihr Ansatz besteht darin, beide Perspektiven ernst zu nehmen und Wege aus dem Gegeneinander zu entwickeln. Dabei geht es unter anderem um Hausaufgaben, Lernschwierigkeiten, Schulverweigerung und den Umgang mit neurodivergenten Kindern. Niechzial plädiert für eine Beziehung zwischen Eltern und Lehrkräften, die weniger von gegenseitigen Vorwürfen als von Vertrauen und gemeinsamer Verantwortung geprägt ist. Das Buch richtet sich damit an zwei Gruppen, die im Schulalltag häufig dieselben Ziele verfolgen, sich über den richtigen Weg dorthin aber erheblich streiten. Wie viel pädagogische Energie ließe sich gewinnen, wenn sie nicht mehr in die Austragung solcher Konflikte fließen müsste?
Herr Reff: „Der Stärkere hört zu. Wie wir respektvoll miteinander umgehen“ (Droemer, 272 Seiten, 18 Euro). Ihm selbst wurde als Schüler wenig zugetraut. Heute unterrichtet der Berliner Lehrer Herr Reff Ethik an einer Schule in einem sozial benachteiligten Stadtteil und erreicht mit seinen Beiträgen über Schule, Respekt und gesellschaftliche Werte mehr als eine Million Menschen auf Social Media. In seinem ersten Buch erzählt er von seiner eigenen Bildungsbiografie, von Armut und Gewalterfahrungen und davon, wie sehr das Verhalten einzelner Erwachsener den Lebensweg eines jungen Menschen beeinflussen kann.
Seine Erfahrungen verbindet er mit Beobachtungen aus dem Schulalltag. Dabei stellt er eine pädagogische Haltung in den Mittelpunkt, die auf Zuhören, Vertrauen und gegenseitigem Respekt beruht. In einem auf der Verlagswebsite veröffentlichten Interview erklärt er: „Weil wir in einer Zeit leben, in der viele reden, aber immer weniger wirklich zuhören. Respekt beginnt dort, wo wir Menschen nicht auf Vorurteile reduzieren, sondern ihnen die Chance geben, gesehen und verstanden zu werden.“ Seine Geschichte berührt damit auch die Frage nach sozialer Selektivität im deutschen Schulsystem: Was geschieht mit Kindern, denen früh vermittelt wird, dass ihre Möglichkeiten begrenzt sind? Und welche Rolle können Lehrkräfte dabei spielen, solche Zuschreibungen zu überwinden?
Herr Lehrerin: „Komm, ist Spaß, Herr Lehrerin. Der ganz normale Ausnahmezustand – vom Schulalltag zwischen den Kulturen“ (Heyne, 224 Seiten, 14 Euro). Schon die Anrede sorgt für ein Missverständnis: Obwohl ein Mann vor der Klasse steht, nennen ihn seine Schülerinnen und Schüler „Herr Lehrerin“. Der unter diesem Pseudonym schreibende Pädagoge erzählt von einem Schuljahr in einer Willkommensklasse, in der Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Herkunftsländern Deutsch lernen und sich zugleich in einem ihnen häufig fremden gesellschaftlichen Umfeld zurechtfinden müssen.
Dabei entstehen Situationen, die komisch sein können, für die Beteiligten aber nicht selten mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sind. Sprachliche Missverständnisse, unterschiedliche Vorstellungen vom Zusammenleben und Konflikte innerhalb der Lerngruppe gehören ebenso zum Alltag wie persönliche Fortschritte und überraschende Begegnungen. Der Autor erzählt davon mit Humor und Zuneigung zu seinen Schülerinnen und Schülern.
Hinter scheinbaren Nebensächlichkeiten stehen größere Herausforderungen: Wie vermittelt Schule gesellschaftliche Regeln, die selbst für Einheimische nicht immer widerspruchsfrei erscheinen? Und wie gelingt Integration, wenn Sprache, kulturelle Orientierung und schulisches Lernen gleichzeitig bewältigt werden müssen? Das Buch eröffnet einen Einblick in einen Bereich schulischer Arbeit, über den bildungspolitisch häufig anhand von Statistiken und Integrationsquoten diskutiert wird.
Ties Rabe: „Endlich mal anfangen. Was Kinder und Schulen wirklich brauchen, um Bildung zu sichern“ (Rowohlt, 24 Euro). Der ehemalige Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) kennt Bildungspolitik nicht nur aus der Perspektive des Lehrers, sondern auch aus der Verantwortung für ein Landesschulsystem. In seinem Buch beschäftigt er sich mit der Frage, weshalb die deutsche Bildungsdebatte seit Jahren von Reformvorschlägen geprägt ist, sich grundlegende Probleme bei den schulischen Leistungen aber nur schwer beheben lassen.
Rabe hält viele Auseinandersetzungen über Schulformen und Unterrichtsmethoden für weniger entscheidend als die Bedingungen, unter denen Kinder tatsächlich lernen. Er plädiert für eine stärkere frühe Förderung, mehr verfügbare Lernzeit und eine systematischere Überprüfung der Unterrichtsqualität. Damit richtet er den Blick auf bildungspolitische Stellschrauben, die in der Verantwortung von Ländern und Schulverwaltungen liegen. Interessant ist diese Perspektive auch deshalb, weil Rabe selbst über Jahre hinweg die Möglichkeit hatte, entsprechende Maßnahmen politisch umzusetzen – und das durchaus erfolgreich tat: Rabe führte die Hansestadt in Bundesländer-Bildungsrankings von unten in die Leistungsspitze.
Kevin Stelges: „Die letzte Generation Schule. Wie künstliche Intelligenz verändert, was Leistung, Noten und Schulabschlüsse noch beweisen“ (Books on Demand, 160 Seiten, 23 Euro). Was sagt eine gute Note noch über das Können eines Schülers aus, wenn künstliche Intelligenz einen erheblichen Teil der bewerteten Leistung übernehmen kann? Dieser Frage widmet sich der Physik- und Techniklehrer Kevin Stelges. Er beschäftigt sich mit den Folgen generativer KI für Hausaufgaben, Referate, schriftliche Arbeiten und Prüfungen – und damit für ein System, das individuelle Leistungen bewerten und durch Abschlüsse bescheinigen soll.
Nach seiner Argumentation geraten nicht allein einzelne Aufgabenformate unter Druck, sondern grundlegende Vorstellungen davon, wie schulische Leistung entsteht und nachgewiesen werden kann. Dabei betrachtet er die technologische Entwicklung weder ausschließlich als Bedrohung noch als Lösung bestehender Schulprobleme. Vielmehr fragt er, welche Veränderungen notwendig werden könnten, wenn Wissen jederzeit maschinell verfügbar ist und sich Eigenleistung nicht mehr ohne Weiteres am fertigen Arbeitsergebnis erkennen lässt. Stelges richtet den Blick auf eine Schule, in der die Rolle der Lehrkraft und die Bedeutung von Prüfungen neu bestimmt werden müssen. News4teachers
„Wir sind eh am Sack“: Endzeitstimmung auf der Frankfurter Buchmesse