BERLIN. Für Samstag sind unter dem Label „Gen Z regelt“ Proteste in mehr als 30 deutschen Städten angekündigt. Professor Ralf Tenberg, Technikdidaktiker an der TU Darmstadt, ordnet die Proteste in seinem Gastkommentar als Reaktion auf jahrelang ungelöste Probleme im Bildungssystem ein: Lehrkräftemangel, marode Schulen und ungleiche Bildungschancen. Er fragt, warum daraus in Deutschland bislang kaum gemeinsamer Protest entstanden ist – und was sich mit „Gen Z regelt“ ändern könnte. Seine Warnung an die Politik: Wer die berechtigten Anliegen der Jugendlichen weiter überhört, riskiert, dass aus Enttäuschung Radikalisierung wird und der Protest eskaliert.

Was genau wird „Gen Z regelt“ regeln?
Die Süddeutsche Zeitung zeichnet ein alarmierendes Bild des deutschen Bildungssystems:„Die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie sind katastrophal; noch nie hat Deutschland so schlecht abgeschnitten wie 2026. Ein Drittel der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler verfügt im Lesen und in Mathematik noch nicht einmal über ausreichende Basiskompetenzen. Und die Schulabbrecherquote steigt. Im vergangenen Jahr haben etwa 65 000 junge Menschen die Schule ohne jeden Abschluss verlassen.“
Besonders bemerkenswert ist der Widerspruch zwischen sinkenden Kompetenzen und steigenden Abschlussnoten. Während die tatsächlichen Leistungen vieler Schülerinnen und Schüler zurückgehen, werden die Zeugnisse immer besser. Der durchschnittliche Abiturnotenschnitt hat sich seit den 1970er-Jahren von 2,8 auf 2,3 verbessert; in Thüringen erreichten im Schuljahr 2022/2023 mehr als 40 Prozent der Abiturienten einen Einser-Durchschnitt. Wenn Bildungsabschlüsse zunehmend bessere Leistungen bescheinigen, während unabhängige Untersuchungen erhebliche Kompetenzdefizite offenlegen, stellt sich eine unbequeme Frage: Wird hier Bildung verbessert – oder lediglich ihr Erfolg bescheinigt?
Noch bemerkenswerter ist allerdings die gesellschaftliche Reaktion. Während Schülerinnen und Schüler in Frankreich gegen vergleichbare Missstände auf die Straße gehen, wurden die Befunde in Deutschland weitgehend mit routinierter Betroffenheit zur Kenntnis genommen – bislang jedenfalls. Die Diagnose ist seit Jahren bekannt, der politische Handlungsdruck bleibt dennoch erstaunlich gering.
Der Bildungsökonom Dieter Dohmen bietet in einem 3sat-Interview eine Erklärung für diese unterschiedliche Protestbereitschaft. Zwar kämpfen beide Länder mit Lehrkräftemangel, maroden Schulgebäuden und sozialer Bildungsungleichheit. Doch während die Probleme in Frankreich zahlreiche Schulformen gleichermaßen betreffen, konzentrieren sie sich in Deutschland besonders auf Grundschulen und Schulen in sozial benachteiligten Gebieten.
„Junge Menschen erleben, dass zentrale gesellschaftliche Probleme trotz jahrelanger politischer Debatten ungelöst bleiben“
Das hat politische Konsequenzen: Wo die unmittelbare Betroffenheit unterschiedlich verteilt ist, entsteht schwerer ein gemeinsames Bewusstsein für die Krise. Insbesondere die Solidarität zwischen Gymnasiasten und Jugendlichen anderer Schulformen bleibt begrenzt. An die Stelle gemeinsamer Proteste tritt nach Dohmens Einschätzung vielfach eine Art „stille Resignation“. Junge Menschen erleben, dass zentrale gesellschaftliche Probleme trotz jahrelanger politischer Debatten ungelöst bleiben. Diese Erfahrung muss nicht zwangsläufig zu politischer Passivität führen. Sie kann ebenso Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen und eine Hinwendung zu radikaleren politischen Angeboten begünstigen.
Doch möglicherweise beginnt sich diese Haltung zu verändern. Mit der Initiative „Gen Z regelt“ formiert sich eine neue Jugendbewegung, die sich ausdrücklich an den französischen Protesten orientiert. Über soziale Medien mobilisiert sie für Demonstrationen in mehr als 30 deutschen Städten. Ihr Anliegen reicht weit über die Bildungspolitik hinaus: Sie fordert höhere Investitionen in Bildung, Gesundheit und soziale Sicherheit, bezahlbare Lebenshaltungskosten, konsequenten Klimaschutz und eine gerechtere Verteilung gesellschaftlicher Lasten. Zugleich richtet sie sich gegen eine Wehrpflicht und den Ausbau staatlicher Überwachung.
Darin liegt die eigentliche politische Bedeutung dieser Initiative: Die Bildungsmisere erscheint nicht mehr als isoliertes Versagen eines einzelnen Politikbereichs, sondern als Teil einer umfassenderen Zukunftskrise. Für viele junge Menschen entsteht der Eindruck, dass eine Politik, die sich vor allem mit der Sicherung bestehender Strukturen beschäftigt, die langfristigen Lebensperspektiven der nachfolgenden Generationen vernachlässigt. Während über Haushaltsdisziplin, Standortinteressen und die Bewahrung institutioneller Besitzstände gestritten wird, erleben Jugendliche, dass zentrale Voraussetzungen ihrer eigenen Zukunft – Bildung, soziale Sicherheit, bezahlbares Wohnen und ökologische Stabilität – unter Druck geraten.
Wer einer Generation dauerhaft Zukunftsfähigkeit verspricht, ihr aber die dafür notwendigen Voraussetzungen vorenthält, darf sich über wachsenden politischen Protest nicht wundern.
Allerdings wäre es voreilig, jede jugendliche Protestbewegung bereits als Ausdruck einer demokratischen Erneuerung zu verstehen. Politische Enttäuschung ist nicht automatisch demokratisch orientiert. Gerade dort, wo Vertrauen in etablierte Institutionen schwindet, wächst auch die Anfälligkeit für vereinfachende Weltbilder, radikale politische Angebote und Akteure, die berechtigte Unzufriedenheit für eigene Zwecke instrumentalisieren wollen. Dass junge Wählerinnen und Wähler sowohl Parteien am linken als auch am rechten Rand des politischen Spektrums unterstützen, verweist auf eine zunehmende politische Polarisierung.
„Die Gefahr besteht dabei nicht nur in einzelnen Ausschreitungen, sondern auch in einer politischen Dynamik, in der sich staatliche Härte und gesellschaftliche Radikalisierung gegenseitig verstärken“
Daraus folgt allerdings weder, dass diese Wählerschaft insgesamt extremistisch wäre, noch, dass eine konkrete Protestinitiative von extremistischen Kräften gesteuert wird. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob es gelingt, gesellschaftliche Unzufriedenheit in demokratische Beteiligung und konstruktive politische Veränderungen zu übersetzen – oder ob Radikalisierung und wechselseitige Eskalation an ihre Stelle treten.
Die Erfahrungen mit eskalierenden Protesten in Frankreich und Italien zeigen, welches Konfliktpotenzial entsteht, wenn gesellschaftliche Spannungen auf politische Blockaden treffen. Wo friedliche Demonstrationen in Konfrontationen umschlagen, drohen Sachbeschädigungen, Gewalt und Gegengewalt. Die Gefahr besteht dabei nicht nur in einzelnen Ausschreitungen, sondern auch in einer politischen Dynamik, in der sich staatliche Härte und gesellschaftliche Radikalisierung gegenseitig verstärken, während die ursprünglichen Anliegen der Protestierenden zunehmend in den Hintergrund geraten.
Noch ist eine solche Entwicklung in Deutschland keineswegs unausweichlich. Die Politik hat die Möglichkeit, auf die wachsende Unzufriedenheit junger Menschen anders zu reagieren: nicht mit Beschwichtigungen, symbolischen Beteiligungsformaten oder der reflexhaften Vorbereitung polizeilicher Gegenmaßnahmen, sondern mit ernsthaftem Dialog, glaubwürdigen Reformen und einer Bildungspolitik, die ihren eigenen Ansprüchen endlich gerecht wird. Eine Gesellschaft, die ihre Jugend erst dann ernst nimmt, wenn sie auf die Straße geht, hat bereits viel zu lange nicht zugehört. News4teachers
„Gen Z regelt“: Vorbild Frankreich? Was vom Protest-Samstag zu erwarten ist