BERLIN. Hohe Temperaturen in Klassenräumen sind nicht nur unangenehm. Sie beeinträchtigen die Konzentration, erschweren das Lernen und können die Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. Doch viele Schulen sind auf die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels kaum vorbereitet. Der Kinderarzt Dr. med. Dirk Holzinger und die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Marischa Fast von der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit (KLUG) erläutern im Interview mit News4teachers, welche gesundheitlichen Risiken auf Kinder und Jugendliche zukommen – und warum die Klimakrise diejenigen besonders hart trifft, die ohnehin schon schlechtere Bildungschancen haben.

News4teachers: Herr Holzinger, im vergangenen Sommer haben uns Lehrkräfte – nach einem gemeinsamen Aufruf mit der Heinz Trox-Stiftung – Thermometerfotos aus ihren Klassenräumen geschickt. Der Spitzenwert lag bei 40,3 Grad. Nun könnte man sagen: Solche extremen Temperaturen gibt es vielleicht an wenigen Tagen im Jahr, und Kinder sind grundsätzlich robust…
Dirk Holzinger: Nein, so einfach ist das nicht. Wir müssen unterscheiden, über welche Altersgruppe wir sprechen. Bei Jugendlichen ist die Fähigkeit, sich an Hitze anzupassen, ungefähr mit der von Erwachsenen vergleichbar. Bei Kleinkindern und auch bei Kindern im Grundschulalter ist diese Fähigkeit dagegen deutlich eingeschränkt.
Das hat anatomische und physiologische Gründe. Kinder haben im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht eine größere Körperoberfläche. Ihr Herz-Kreislauf-System kann Hitze noch nicht so gut regulieren. Sie benötigen mehr Flüssigkeit pro Kilogramm Körpergewicht, trinken aber häufig nicht ausreichend. Hinzu kommt, dass sie Gefahren noch nicht so gut einschätzen können.
Und dann befinden sie sich ausgerechnet in Einrichtungen, die vielfach überhaupt nicht auf Hitze vorbereitet sind. Dabei sind Kinder auf diese Einrichtungen angewiesen. Sie können sich ihre Umgebung nicht aussuchen.
„Bei höheren Temperaturen verschlechtern sich Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Arbeitsleistung deutlich. Das ist gut untersucht“
News4teachers: Welche Folgen hat das?
Holzinger: Wir sprechen bei Hitze häufig über Todesfälle. Die betreffen vor allem ältere Menschen. Bei Kindern und Jugendlichen geht es dagegen in erster Linie um erhebliche Einbußen an Lebensqualität und eben auch um Entwicklungseinbußen.
Kinder sind Menschen in der Entwicklung. Und wir wissen, dass Lernen temperaturabhängig ist. Bei höheren Temperaturen verschlechtern sich Gedächtnisleistung, Aufmerksamkeit und Arbeitsleistung deutlich. Das ist gut untersucht.
Die extrem heißen Tage sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Wir haben oft schon vorher über Wochen hinweg Temperaturen in Klassenräumen oder Kitaräumen, bei denen vernünftiges Lernen und Spielen kaum noch möglich sind.
Wenn Kinder wegen Hitze um elf Uhr nach Hause geschickt werden, verlieren sie Unterrichtszeit. Das ist ein quantitativer Nachteil. Die qualitativen Nachteile beginnen aber viel früher, nämlich dann, wenn Unterricht zwar noch stattfindet, die Kinder sich aber nicht mehr richtig konzentrieren können. Gerade in einem Bildungssystem, das ohnehin nicht optimal aufgestellt ist, bedeutet das eine zusätzliche Beeinträchtigung.
News4teachers: Frau Fast, wie gut sind unsere Schul- und Kitagebäude auf diese Belastungen vorbereitet?
Marischa Fast: Die kurze Antwort lautet: nicht gut. Natürlich gibt es große regionale Unterschiede. Wir hatten in diesem Sommer deutschlandweit ungefähr 22 Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad. In einzelnen Regionen im Südwesten waren es sogar mehr als 60.
Aber grundsätzlich wissen wir aus sehr vielen Erfahrungsberichten, dass die meisten Einrichtungen nicht ausreichend vorbereitet sind. Wir haben in diesem Sommer sehr viele Anfragen von Schulen und Kitas bekommen, auch von Schulleitungen, die wissen wollten, was sie konkret tun können. Aufgrund dieser Dringlichkeit haben wir Musterhitzeschutzpläne für Schulen und Kitas entwickelt. Denn Hitzeschutz strukturell in einer Einrichtung zu verankern, ist wesentlich aufwendiger, als viele zunächst denken.
Überhitzte Klassenzimmer gefährden die Gesundheit und erschweren konzentriertes Lernen. Doch Hitze ist nicht das einzige Problem in Schulgebäuden: Auch schlechte Luftqualität, störender Lärm und ungünstige Lichtverhältnisse können den Schulalltag belasten. Wer Klassenräume saniert, sollte deshalb alle diese Faktoren gemeinsam in den Blick nehmen.
Die Heinz Trox-Stiftung zeigt in ihrem kostenlosen Leitfaden „Klassenräume SMART sanieren“, wie Schulen und Schulträger Unterrichtsräume ganzheitlich modernisieren können. Die Publikation bietet praktische Orientierung für die Planung gesunder, lernförderlicher Klassenräume.
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News4teachers: Was bedeutet das konkret für eine Schule?
Fast: Ein Musterhitzeschutzplan allein bringt nichts, wenn er anschließend in einer Schublade verschwindet. Jede Einrichtung muss ihn an ihre eigenen Bedingungen anpassen. Es muss geklärt sein, wer bei welchen Temperaturen welche Maßnahmen einleitet und wer welche Verantwortung übernimmt.
Dabei muss die gesamte Schulgemeinschaft einbezogen werden. Das ist keine Aufgabe, die eine Schulleitung allein erledigen kann. Der Hausmeister spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler. Kinder können beispielsweise selbst Temperaturen messen und dokumentieren. Dann verbinden wir Gesundheitsschutz unmittelbar mit Bildung.
Aber organisatorische Maßnahmen reichen nicht. Es geht ebenso um die baulichen Voraussetzungen. Und damit kommen die Schulträger, insbesondere die Kommunen und Landkreise, ins Spiel.
News4teachers: Herr Holzinger, ab welchen Temperaturen müssen Schulen handeln?
Holzinger: Es gibt abgestufte Hitzeschutzkonzepte, bei denen je nach Temperatur unterschiedliche Maßnahmen vorgesehen sind. Die Maßnahmen beginnen bereits deutlich unterhalb extremer Temperaturen. Bei mehr als 35 Grad erreichen wir die höchste Gefährdungsstufe.
Entscheidend ist, dass wir zwei Dinge miteinander verbinden: Verhaltensprävention und Verhältnisprävention. Verhaltensprävention bedeutet beispielsweise, Kinder zum regelmäßigen Trinken anzuhalten. Verhältnisprävention bedeutet, die Umgebung so zu gestalten, dass gesundheitliche Belastungen möglichst gar nicht erst entstehen. Dazu gehören geeignete Gebäude, Verschattung und richtiges Lüften.
Wir dürfen den Hitzeschutz nicht allein zur Verantwortung der Schülerinnen und Schüler machen. Und wir dürfen die Lehrkräfte nicht vergessen. Auch sie müssen in überhitzten Räumen unterrichten und dabei leistungsfähig bleiben. Hitzeschutz ist deshalb selbstverständlich auch eine Frage des Arbeitsschutzes.
News4teachers: Nun haben wir bereits einen gewaltigen Sanierungsstau bei Schulgebäuden. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau hat einen bundesweiten Investitionsrückstand von rund 66 Milliarden Euro ermittelt. Jetzt sollen die Kommunen zusätzlich in Hitzeschutz investieren. Ist der überhaupt finanzierbar?
Fast: Zunächst müssen wir bei allen anstehenden Sanierungen den Hitzeschutz konsequent mitdenken. Wir wissen, dass die Temperaturen tendenziell weiter steigen werden. Wenn entsprechende Maßnahmen von Anfang an eingeplant werden, ist der zusätzliche Aufwand nicht unbedingt besonders groß.
Schwieriger ist die Situation bei Schulen, für die in den kommenden zehn Jahren überhaupt keine Sanierung vorgesehen ist. Dort müssen wir schauen, welche Maßnahmen kurzfristig möglich sind. Außenjalousien beispielsweise sind beim Hitzeschutz sehr wirksam. Es gibt auch spezielle Folien für Fenster, die den Wärmeeintrag reduzieren. Das sind vergleichsweise kostengünstige Möglichkeiten.
Natürlich kann man auch überlegen, gemeinsam mit einem Förderverein Bäume auf dem Schulhof zu pflanzen. Wobei ich immer vorsichtig bin, wenn es darum geht, Aufgaben der Kommunen auf Fördervereine abzuwälzen. Die öffentliche Verantwortung darf dadurch nicht verschwinden.
News4teachers: Zumal es nicht überall finanzstarke Fördervereine gibt…
Holzinger: Das ist für mich ein ganz entscheidender Punkt. Wir sprechen häufig von Klimagerechtigkeit. Tatsächlich haben wir es zunächst einmal mit einer erheblichen Ungerechtigkeit zu tun: Die Menschen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, leiden besonders stark unter ihren Folgen.
Das gilt schon zwischen den Generationen. Kinder, die heute geboren werden, haben praktisch nichts zur Entstehung der Klimakrise beigetragen. Sie werden aber am längsten mit ihren Folgen leben müssen.
Und diese Ungerechtigkeit lässt sich ebenso innerhalb unserer Städte beobachten. Ich lebe in Essen. Dort haben wir ein ausgeprägtes Nord-Süd-Gefälle. Nördlich der A40 leben viele armutsbetroffene Familien. Es gibt weniger Grünflächen, die Wohnungen sind häufig enger, und teilweise leben viele Menschen auf engem Raum zusammen. Diese Familien sind stärker durch Hitze und Schadstoffbelastungen betroffen und haben weniger Möglichkeiten, sich zu schützen.
Das setzt sich in den Schulen fort. Es gibt Schulen mit einer Elternschaft, die erheblichen politischen und gesellschaftlichen Druck aufbauen kann. Andere Schulen verfügen nicht über eine solche Lobby. Das betrifft häufig Schulen in sozial benachteiligten Stadtteilen.
Wenn nun ausgerechnet diese Schulen auch noch schlechter auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet werden, verschärfen sich die Unterschiede zusätzlich. Die einen Kinder lernen in Gebäuden, die besser geschützt sind. Die anderen müssen weiterhin in überhitzten Räumen sitzen.
News4teachers: Frau Fast, was können Kommunen tun, wenn größere Investitionen kurzfristig nicht möglich sind?
Fast: Wir sollten Schule stärker im kommunalen Zusammenhang betrachten. Wir müssen nicht jede Lösung ausschließlich innerhalb des Schulgebäudes suchen.
Warum können beispielsweise Museen an besonders heißen Tagen nicht zusätzliche Öffnungszeiten für Schulklassen anbieten? Museen verfügen häufig über klimatisierte Räume. Entscheidend ist, dass solche Lösungen vorher geplant werden. Wir wissen schließlich nicht, wann im kommenden Sommer der nächste extreme Hitzetag kommt. Deshalb müssen Schulen und Kommunen sich im Herbst und Winter zusammensetzen und entsprechende Netzwerke aufbauen.
Dabei müssen wir berücksichtigen, dass Schule heute weit mehr ist als Vormittagsunterricht. Wir sprechen über Ganztagsschulen, betrachten die Einrichtungen organisatorisch aber häufig noch so, als würden alle Kinder mittags nach Hause gehen. Es hilft Familien wenig, wenn Kinder wegen Hitze um elf Uhr nach Hause geschickt werden, obwohl eigentlich eine Betreuung bis 15 Uhr vorgesehen ist. Und wir wissen ja auch nicht, welche Bedingungen die Kinder zu Hause vorfinden.
News4teachers: Bislang haben wir vor allem über Hitze gesprochen. Aber Klimawandel und Gesundheitsschutz umfassen doch mehr. Denken wir beispielsweise an die Luftqualität: Wenn Schulen an heißen Tagen die Fenster geschlossen halten, steigt möglicherweise die CO₂-Belastung in den Klassenräumen. Müssen wir umfassender denken?
Holzinger: Auf jeden Fall. Zunächst möchte ich noch einen Punkt zum Hitzeschutz ergänzen: die Entsiegelung von Schulhöfen. Wir haben nach wie vor sehr viele Schulhöfe, die weitgehend versiegelt sind. Wenn wir solche Flächen entsiegeln, begrünen und Bäume pflanzen, können wir die Belastung kostengünstig deutlich reduzieren.
Aber Sie haben recht: Die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels gehen weit über Hitzebelastungen hinaus. Ein Bereich sind Extremwetterereignisse wie Starkregen und Stürme. Wir haben im Ahrtal gesehen, welche Folgen Überschwemmungen für Bildungseinrichtungen haben können. Dort wurden Schulen zerstört, und teilweise müssen bis heute mehrere Schulen in einem Gebäude unterrichtet werden.
Ein zweiter großer Bereich ist die Luftverschmutzung. Die Klimakrise ist auch eine Verschmutzungskrise. Wenn fossile Energieträger verbrannt werden, entsteht nicht nur CO₂, sondern auch Feinstaub und weitere Schadstoffe. Wir haben sehr gute wissenschaftliche Daten dazu, dass Luftverschmutzung die Entwicklung des Arbeitsgedächtnisses, die Aufmerksamkeit und damit auch das Lernen beeinträchtigen kann.
Hinzu kommen Atemwegserkrankungen und Allergien. Durch veränderte klimatische Bedingungen verlängern sich die Pollensaisons. Außerdem müssen wir über UV-Strahlung und veränderte Infektionsrisiken sprechen, beispielsweise durch Zecken oder die Ausbreitung der Asiatischen Tigermücke.
„Wir dürfen nicht nur auf die negativen Auswirkungen schauen. Ein wichtiger Ansatz ist Selbstwirksamkeit. Also die Erfahrung, dass ich selbst etwas verändern kann“
News4teachers: Und dann gibt es noch die psychischen Folgen. Frau Fast, welche Rolle spielt die Klimakrise für die seelische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern?
Fast: Eine große Rolle. Wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass es um die psychische Gesundheit vieler Jugendlicher schlecht steht. Das lässt sich allerdings nicht allein auf die Klima- und Umweltkrisen zurückführen. Wir haben es mit mehreren Krisen gleichzeitig zu tun, die bei jungen Menschen Ängste, Ohnmachtsgefühle, Hoffnungslosigkeit und Zukunftssorgen auslösen können.
Gleichzeitig dürfen wir nicht nur auf die negativen Auswirkungen schauen. Ein wichtiger Ansatz ist Selbstwirksamkeit. Also die Erfahrung, dass ich selbst etwas verändern kann. Noch stärker wird dieser Effekt, wenn Menschen gemeinsam handeln und erleben, dass sie als Gemeinschaft etwas bewirken können.
Wenn eine Schulgemeinschaft gemeinsam überlegt, wie sie ihre Schule klima- und gesundheitsfreundlicher gestalten kann, dann hat das mehrere positive Wirkungen. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit einem Problem, das sie tatsächlich betrifft. Sie entwickeln Lösungen, übernehmen Verantwortung und erleben, dass ihr Handeln etwas bewirken kann. Das stärkt auch die Gemeinschaft und damit die psychische Widerstandsfähigkeit. Darin liegt ein enormes Potenzial. News4teachers / Andrej Priboschek führte das Interview.
Hier lässt sich der Hitzeschutzplan für Schulen herunterladen.
Hier geht es zu allen Beiträgen des News4teachers-Themenmonats „Schulbau & Schulausstattung“.
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