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Gewalt als Männlichkeitsbeweis: Was die Forschung über Jugendliche weiß, die Polizisten angreifen und Geschäfte plündern

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FRANKFURT. Sie greifen Polizisten an, zertrümmern Schaufenster, plündern Geschäfte – und suchen dabei offenbar gezielt die Konfrontation. Nach den schweren Ausschreitungen in Frankfurt richtet sich der Blick auf ein Milieu überwiegend junger Männer, das der Polizei schon länger bekannt ist. Viele haben einen Migrationshintergrund. Doch was erklärt ihre Gewaltbereitschaft? Ein wissenschaftliches Gutachten für das Bundesfamilienministerium verweist auf patriarchalische Rollenbilder, die Gewalt als Mittel männlicher Selbstbehauptung legitimieren. Auch eigene Gewalterfahrungen, soziale Benachteiligung und fehlende Anerkennung können eine Rolle spielen. Die Forschung zeigt zugleich: Es handelt sich um eine Minderheit der Jugendlichen – auch unter denen mit Migrationshintergrund.

„Die fucken immer die Jugendlichen ab“, sagt Jeffrey. Der 20-Jährige aus Offenbach ist genervt von den Polizeikontrollen auf der Zeil, der zentralen Einkaufsstraße in Frankfurt, wo sich regelmäßig Gruppen junger Männer treffen, die zum Teil durch aggressives Verhalten auffallen. Fast täglich werde er kontrolliert, erzählt er Reportern der Hessenschau. „Dabei bin ich Deutscher. Nur weil ich keine blonden Haare habe, weil ich bisschen dunkler aussehe.“ Sein Freund Karim hält die verstärkten Kontrollen nach den Ausschreitungen ebenfalls für überzogen. Er glaube kaum, dass diejenigen, die wenige Tage zuvor Schaufensterscheiben eingeschlagen hätten, nun wieder auf der Zeil unterwegs seien.

Andere junge Männer sehen das anders. Drei Syrer, die sich nach der Arbeit hier treffen, begrüßen die Polizeikontrollen ausdrücklich. Sie befinden sich alle in Ausbildung und wollen nicht mit den Randalierern gleichgesetzt werden. „Wenn hier Leute zum Beispiel mit Messern unterwegs sind, dann ist das auch für uns ein Problem“, erklären sie.

Die Polizei kennt das Milieu bereits von früheren Einsätzen

Die Ausschreitungen in der Nacht zum 1. November hatten Frankfurt erschüttert. Nach zunächst weitgehend friedlichen Demonstrationen der Initiative „Gen Z regelt“ kam es in der Innenstadt zu massiven Angriffen auf Polizeibeamte, Sachbeschädigungen und Plünderungen. Nach der ersten Bilanz wurden rund 100 Polizisten verletzt und 54 Menschen festgenommen. Die Festgenommenen waren zwischen 13 und 29 Jahre alt.

Die Polizei unterschied dabei zwischen Gewalttaten am Rande der Demonstration und den späteren Ausschreitungen auf der Zeil. Letztere schrieb sie überwiegend jungen Männern aus migrantisch geprägten Gruppen zu, die sich regelmäßig an Wochenenden in der Innenstadt treffen. Ein politisches Motiv sei bei ihnen nicht erkennbar gewesen. Frankfurts Polizeipräsident Stefan Müller erklärte, die Gruppen seien den Sicherheitsbehörden teilweise schon länger bekannt. Bislang habe man sie eher als „erlebnisorientiert“ eingeordnet. Auch bei früheren Einsätzen, etwa an Silvester, seien vergleichbare Gruppen aufgefallen. Nun habe die Gewalt eine neue Dimension erreicht.

Die Hessenschau-Reporterin Heike Borufka, die die Ausschreitungen miterlebte, berichtete von einem stundenlangen Katz-und-Maus-Spiel zwischen jungen Männern und der Polizei. Sie hatte den Eindruck, dass manche Beteiligte den Adrenalinkick geradezu suchten. Immer wieder seien Gruppen durch die Straßen gerannt, hätten Böller geworfen und die Konfrontation mit den Einsatzkräften gesucht.

Was bringt junge Männer dazu, Gewalt nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern sie offenbar als gemeinschaftliches Erlebnis zu suchen?

Wenn Gewalt zum Beweis von Männlichkeit wird

Eine mögliche Erklärung liefert ein umfangreiches Gutachten zur Entwicklung der Gewalt in Deutschland, das die Kriminologen Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem 2018 im Auftrag des Bundesfamilienministeriums vorgelegt haben. Darin untersuchen sie unter anderem, welche Bedeutung kulturelle Prägungen, familiäre Erziehung und gesellschaftliche Lebensbedingungen für die Gewaltbereitschaft junger Männer haben.

Ein zentraler Begriff der Untersuchung lautet „gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen“. Gemeint sind Vorstellungen, nach denen ein Mann Stärke demonstrieren, seine Ehre verteidigen und sich notfalls mit körperlicher Gewalt Respekt verschaffen müsse.

Die Forscher erfassen solche Einstellungen beispielsweise anhand von Aussagen wie: „Der Mann ist das Oberhaupt der Familie und darf sich notfalls auch mit Gewalt durchsetzen.“ Oder: „Ein Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren, ist ein Schwächling.“

Welche Rolle spielt die Herkunft?

Dabei klammert das Gutachten kulturelle Unterschiede ausdrücklich nicht aus. Die Forscher beschäftigen sich unter anderem mit der Frage, ob junge Männer, die aus patriarchalisch geprägten Gesellschaften nach Deutschland kommen, häufiger Vorstellungen mitbringen, nach denen männliche Dominanz und die gewaltsame Verteidigung der eigenen Ehre gesellschaftlich akzeptiert sind.

Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einer möglichen „importierten Machokultur“. In ihrer Zusammenfassung formulieren sie einen zentralen Forschungsbefund: „Die Akzeptanz einer derartigen ‚Machokultur‘ hat sich in vielen Untersuchungen des KFN als ein die Gewalt erheblich fördernder Belastungsfaktor erwiesen.“

Zur Begründung verweisen die Wissenschaftler unter anderem auf Ergebnisse einer repräsentativen Schülerbefragung in Niedersachsen aus dem Jahr 2015. Untersucht wurden Jugendliche mit familiären Wurzeln in der Türkei, im ehemaligen Jugoslawien und in weiteren muslimisch geprägten Herkunftsländern. Dabei zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Jugendlichen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen waren, und solchen, die selbst aus den betreffenden Ländern zugewandert waren.

Unter den im Ausland geborenen Jugendlichen aus den drei untersuchten, besonders hoch belasteten Herkunftsgruppen stimmten 29,8 Prozent gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen zu. Unter den in Deutschland geborenen Jugendlichen derselben Herkunftsgruppen waren es 20 Prozent.

Die Wissenschaftler sehen darin einen Hinweis auf die Bedeutung kultureller Sozialisation. „Wir interpretieren diesen Befund als einen Beleg dafür, dass das Aufwachsen in Deutschland einen kulturellen Lernprozess ermöglicht hat“, schreiben sie. Jugendliche, die erst im Laufe ihrer Kindheit nach Deutschland gekommen seien, schienen dagegen noch stärker in den Traditionen ihrer Herkunftsländer verwurzelt zu sein.

Zudem betrachten die Forscher kulturelle Prägungen keineswegs als alleinige Erklärung. Sie verweisen auf weitere Einflussfaktoren, darunter die Alters- und Geschlechterzusammensetzung von Zuwanderergruppen, eigene Gewalterfahrungen, die Lebensbedingungen in Deutschland und die Perspektiven der Betroffenen. Auch Unterschiede im Anzeigeverhalten können die Polizeistatistik beeinflussen.

Die Daten stammen aus den Jahren vor beziehungsweise zu Beginn der großen Fluchtzuwanderung 2015 und erlauben keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die Beteiligten an den aktuellen Frankfurter Ausschreitungen. Sie zeigen aber, dass kulturell vermittelte Männlichkeitsbilder ein relevanter Bestandteil der wissenschaftlichen Erklärung von Jugendgewalt sein können.

Gewalt bleibt das Verhalten einer Minderheit – auch unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Wie wichtig die Unterscheidung zwischen einer gewaltbereiten Minderheit und der großen Mehrheit der Jugendlichen ist, zeigen die Zahlen der Forscher selbst. In einer bundesweiten Schülerbefragung aus den Jahren 2007 und 2008, die das Gutachten für das Bundesfamilienministerium auswertet, stimmten 14,8 Prozent der Jugendlichen türkischer Herkunft und 13,2 Prozent der Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen zu. Unter den deutschen Jugendlichen ohne Migrationshintergrund waren es 2,7 Prozent.

Die Unterschiede sind erheblich. Doch ebenso deutlich ist der andere Befund: Selbst in den untersuchten Herkunftsgruppen mit den höchsten Zustimmungswerten lehnte die große Mehrheit der Jugendlichen solche Vorstellungen ab. Und zwischen der Billigung von Gewalt und ihrer tatsächlichen Ausübung besteht ein weiterer Unterschied.

Eine 2019 veröffentlichte Untersuchung der Kriminologen Dirk Baier und Dominic Kudlacek auf Grundlage niedersächsischer Schülerbefragungen ergab, dass zwölf Prozent der Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund körperliches Gewaltverhalten berichteten, gegenüber fünf Prozent der deutschen Vergleichsgruppe. In ihrem statistischen Analysemodell konnten die Forscher diesen Unterschied vollständig durch zwei Faktoren erklären: die Zustimmung zu gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen und eigene Erfahrungen als Gewaltopfer. Auch hier gilt: Die große Mehrheit wurde nach eigenen Angaben nicht entsprechend gewalttätig.

Die Zahlen stammen aus älteren Untersuchungen und lassen sich nicht unmittelbar auf die heutige Jugendbevölkerung übertragen. Sie verdeutlichen aber, weshalb es wissenschaftlich nicht haltbar wäre, von gewalttätigen Gruppen junger Männer auf Jugendliche mit Migrationshintergrund insgesamt zu schließen.

Wie viele junge Männer in Deutschland zu jener gewaltbereiten Szene gehören, die an Wochenenden oder bei Großveranstaltungen gezielt die Konfrontation mit der Polizei sucht, lässt sich ohnehin nicht beziffern. Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst Straftaten und Tatverdächtige, aber keine entsprechend definierte Szene. Auch die Ergebnisse von Schülerbefragungen zur Gewaltakzeptanz lassen keine solche Hochrechnung zu.

Wenn Anerkennung fehlt, kann Gewalt zum Ersatz werden

Doch warum gewinnen solche Männlichkeitsvorstellungen für manche Jungen und jungen Männer überhaupt an Bedeutung? Eine weitere Erklärung findet sich in einer Expertise des Deutschen Jugendinstituts (DJI) über jungenbezogene Gewaltprävention in der Jugendberufshilfe. Die Ansätze lassen sich in ihren Grundgedanken auch auf die schulische Präventionsarbeit übertragen.

Die Untersuchung aus dem Jahr 2007 beschäftigt sich insbesondere mit jungen Männern, die beim Übergang von der Schule in den Beruf Schwierigkeiten haben. Ihre zentrale Überlegung: Wer gelernt hat, dass männliche Anerkennung vor allem auf Stärke, Durchsetzungsfähigkeit und beruflichem Erfolg beruht, kann durch schulische Misserfolge, Arbeitslosigkeit oder gesellschaftliche Ausgrenzung besonders unter Druck geraten.

Die Autorinnen Bärbel Geiß und Andrea Thode beschreiben, wie Jungen versuchen können, solche Erfahrungen durch demonstrative Männlichkeit auszugleichen: „Sie benutzen Männlichkeit als Selbstschutz, mit denen sie fehlende Erfolge, Anerkennung und Zuwendung kompensieren“, heißt es in der Expertise.

Ein von den Autorinnen befragter Experte aus der Jugendberufshilfe bringt den Zusammenhang zwischen Ohnmacht und Gewalt auf den Punkt: „Männer schlagen, wenn sie sich ohnmächtig fühlen. Der Zusammenhang aber zwischen Ohnmacht und Gewalt wird zu wenig gesehen.“ Die Aussage beschreibt einen möglichen Mechanismus, keine allgemeingültige Erklärung männlicher Gewalt.

Das gilt keineswegs nur für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Entscheidend ist vielmehr, welche Vorstellungen von Männlichkeit junge Menschen verinnerlicht haben und welche Möglichkeiten ihnen zur Verfügung stehen, Anerkennung auf andere Weise zu erfahren.

Was können Schulen zur Prävention beitragen?

Damit rückt auch die Schule in den Blick. Nicht als Verursacherin solcher Gewalt, wohl aber als ein Ort, an dem problematische Rollenbilder sichtbar werden und pädagogisch aufgegriffen werden können. Denn Vorstellungen davon, was einen „richtigen Mann“ ausmacht, werden nicht nur im Elternhaus und im sozialen Umfeld vermittelt. Sie prägen auch den Umgang von Jungen miteinander, ihre Konflikte und ihre Stellung innerhalb der Gleichaltrigengruppe.

Die DJI-Expertise plädiert deshalb für eine geschlechterbewusste Gewaltprävention, die nicht allein aggressives Verhalten sanktioniert, sondern auch die dahinterstehenden Rollenbilder thematisiert. Jungen sollen lernen, Unsicherheit und Angst zuzulassen, Konflikte ohne Gewalt auszutragen und Anerkennung nicht ausschließlich über Stärke und Dominanz zu suchen. Die untersuchten Praxisprojekte setzen dafür unter anderem auf Selbstbehauptungstraining und die Reflexion von Geschlechterstereotypen.

„Dass junge Menschen deutlich, deutlich mehr eingebunden werden“

Zurück auf die Frankfurter Zeil. Dort hat die Hessenschau auch mit Liam gesprochen. Der 19-Jährige arbeitet auf Minijob-Basis im Sicherheitsdienst und pflegt seine Großmutter. Er trifft sich regelmäßig mit Freunden in der Innenstadt. Die verstärkten Polizeikontrollen nach den Ausschreitungen kann er grundsätzlich nachvollziehen, empfindet sie allerdings teilweise als willkürlich.

Auch Liam kennt das Gefühl von Wut. Vielen seiner Freunde gehe es ähnlich, erzählt er. „Weil sie keinen Job finden. Oder die, die noch zur Schule gehen und dort halt dreckige Toiletten sind, und sich irgendwie niemand so richtig drum kümmert.“ Auf die Frage, was helfen könnte, hat Liam eine Antwort: „Dass junge Menschen deutlich, deutlich mehr eingebunden werden. Weil nur so können wir Probleme lösen, wenn wir kommunizieren.“ News4teachers 

Drei Viertel der Festgenommenen haben einen Migrationshintergrund – ja und?

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48 COMMENTS

  1. „importierte Machokultur“, „gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen“

    Das ist ja nun keineswegs neu, es trifft natürlich nicht auf alle Ausländer oder Zuwanderer zu, sondern typischerweise auf etliche aus ganz bestimmten Gegenden der Welt. Da gibt es eben einen Männlichkeitswahn so wie es auch den Jungfräulichkeitswahn gibt und andere Wahnvorstellungen, die auf irgendwelchen archaischen Traditionen basieren, die Tausende von Jahren alt sind. Der Hexenwahn gehörte auch mal dazu.
    Man sollte den Leuten mal klarmachen, dass diese Traditionen nicht mehr ins 21. Jahrhundert passen. Das ist auch keine „Kultur“, die zu achten ist, sondern eine Unkultur, die abgeschafft gehört. Für wen gelten eigentlich diese 21st Century Skills als Leitbild? Wer predigt die denn immer?

    • „Das ist ja nun keineswegs neu, es trifft natürlich nicht auf alle Ausländer oder Zuwanderer zu, sondern typischerweise auf etliche aus ganz bestimmten Gegenden der Welt.“

      Sie meinen die USA? Ja, schlimm was da aus der MAGA-Ecke kommt: https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/19406940.2026.2625061

      (Spaß.)

      Ernst: Gerne mal die Zahl der Femizide in Deutschland (und die Herkunft der Täter) begutachten, um festzustellen, dass „Männlichkeitswahn“ nicht auf „bestimmte Gegenden der Welt“ beschränkt ist.

      „Patriarchale Gewalt ist kein importiertes Problem – sie existiert in allen Gesellschaften.“ Gerne hier nachlesen: https://www.frauenhauskoordinierung.de/aktuelles/detail/instrumentalisierung-von-gewaltschutz

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

    • „Jungfräulichkeitswahn gibt und andere Wahnvorstellungen, die auf irgendwelchen archaischen Traditionen basieren“
      Dem Christentum?

      Aber meinen Sie ernsthaft, dass wären alles religiöse Radikale?
      Ich glaube da liegen Sie daneben bzw. wäre dies eine völlig armselige Ausweichdiskussion, um nicht über atheistische und anders gläubige junge Männer sprechen zu müssen 😉

    • Passt schon ins 21. Jahrhundert, darum existiert sie.
      Ich staune immer wieder über die Ignoranz derjenigen die Glauben ihre Kultur sei der Maßstab. Und als sei europäische Kultur nicht auch archaisch (ursprünglich). Durchschnittsdeutsche als Leitbild für die Welt, wie lächerlich ist das. Es verkennt die Lebensrealität.

  2. Grenzen austesten. Sind die Grenzen des Machbaren sehr hoch angesetzt, muss man schon ordentlich wüten, um dort mal anzukommen.
    Rebellion ist das Privileg der Jugend. Wenn man allerdings richtig gewalttätig werden muss, um überhaupt bemerkt zu werden, dann bedeutet das mMn. auch, dass die Regeln zu lasch sind.
    Wenn man bedenkt, dass jugendliche Intensivtäter*innen erst an 14 Jahren als strafmündig gelten, stimmt da etwas nicht. Ich erinnere mich an einen unserer Schüler, der bereits vor 15 Jahren als Unter-14-Jähriger über 40 Delikte aller Art begangen hatte und trotzdem noch so weiter machen konnte. Seine Rebellion gegen die Strukturen, denen er entstammt, mussten viele Unschuldige ausbaden.

    Nein, rain zufällig muss eine Herabsetzung der Strafmündigkeit nicht automatisch normaler Jugendknast für ab 10-Jährige bedeuten. Es gibt zwischen Schwarz und Weiß sehr viele Graustufen, die man sich mal genauer anschauen sollte.

    • „Wenn man allerdings richtig gewalttätig werden muss, um überhaupt bemerkt zu werden, dann bedeutet das mMn. auch, dass die Regeln zu lasch sind.“

      Dann bedeutet das zunächst doch wohl, den jungen Menschen mehr Aufmerksamkeit zu widmen – verschärfte Regeln allein ändern daran doch gar nichts.

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

      • Ich gehe hier mal davon aus, dass das nicht immer so geht, wie man sich das wünscht.
        Wie eigentlich bei vielem, was sich alle wünschen.
        Weltfrieden z.B. Pazifismus ist auch erstrebenswert, hilft aber nicht weiter, wenn die Voraussetzungen nicht stimmen.

        Natürlich sollte man immer versuchen, das Optimum zu erreichen. Allerdings muss der Weg dahin ja auch „bespielt“ werden. Das ist für mich die Ausgangslage.
        Sollen wir denn einfach alles so weiterlaufen lassen, bis sich in zehn Jahren vielleicht mal etwas zum Guten geändert hat?

        • Nö – aber wieso fordern Sie Reformen am Ende (Sanktionen), wenn schon am Anfang (Förderung) etwas nicht stimmt, wie Sie zu Recht feststellen?

          Wenn man der Meinung ist, dass Kinder und Jugendliche mit ihren Problemen nicht gesehen werden, verstehen wir nicht, wie man dann gleich mal auf Strafen kommt.

          Herzliche Grüße
          Die Redaktion

          • Ganz einfach, weil Sanktionen viel schneller umzusetzen wären.

            Außerdem müsste man das Grundgesetz ändern, wenn man Heranwachsende gegen den Willen ihrer Eltern fördern wollte.

          • Äh, Schulpflicht gibt es bereits – wäre nur schön, wenn der Staat dann mal seinen Teil dieser Verpflichtung seriös erfüllen würde.

            Herzliche Grüße
            Die Redaktion

          • Nachtrag:
            Ich bin inzwischen so alt, dass ich weiß, was realistisch ist und was nicht.
            Außerdem ist es für Kids, die Struktur suchen, nicht hilfreich, ihnen nur Angebote zu machen, wie es ja seit 10-20 Jahren der letzte Schrei ist. Solche Fälle kenne ich zur Genüge.

          • Man kann und sollte sich immer auch mit Kindern darüber unterhalten, was in Ordnung ist und was nicht. Nur wenn das alleine nicht reicht, braucht es eben klare Konsequenzen. Sie lernen: hier ist eine Grenze, wenn diese überschritten wird, erfolgt eine Konsequenz!

            Wir haben Kinder, die einem klar sagen, man könne ihnen ja gar nichts. Sie seien erst 12 Jahre alt und bis 14 Jahre gäbe es keine Strafen für sie.

            Letztenendes ist es nun Rhetorik, ob Sie etwas als „Sanktion“, „Strafe“ oder „Konsequenz“ bezeichnen wollen. Aber wenn jemand bereits mit 12 Jahren Straftaten begeht, muss es deutlich Konsequenzen geben, damit die Person lernt, dass das Verhalten so nicht akzeptiert wird. Damit „fördert“ man eben das richtige Verhalten.

          • Hat man z.B. auch in Schweden gemacht. Mal sehen ob sich das so auswirkt erhofft.
            Wachsende JugendkriminalitätSchweden senkt Alter für Strafmündigkeit

          • Entweder Sanktionen oder Förderung – warum nicht an Anfang und Ende arbeiten? Sind sie wirklich der Meinung jede/r wäre durch Förderung so zu erreichen, dass die gewaltbereiten zehn Prozent in zwei Jahren nicht mehr auf der Suche nach Action und Bedeutung sind? Sich friedlich in den für sie anonymen Rest einordnen? ‚Liam‘ spricht von Wut, wg. kein Job oder vernachlässigte Schulen. Kann ich verstehen, aber was ist das für ein Gesellschaftsverständnis, das Vandalismus und Gewalt ‚erklärt‘? Politiker werden bei solchen Aussagen immer gefragt, ob sie sich denn selbst distanzieren…
            In unseren Jahrgang 5 kommen immer mehr, die Gewalt, Messer in der Tasche und grundsätzliche Wut auf Lehrer, Polizei und andere Repräsentanten mitbringen. Bevor irgendetwas geschehen ist. Natürlich fördern, kümmern, mehr Zeit und Menschen, aber es fehlt auch an klar kommunizierten Grenzen. Das kann/muss man verstehen, weil… ist keine klare Grenze. Strafe ist immer das letzte, schlechteste Mittel, sollte auch nie das Ziel sein, aber ohne bekannte Konsequenzen und auch Konsequenz bleibt Förderung/Unterstützung ein sehr unverbindliches Angebot.

          • „Entweder Sanktionen oder Förderung – warum nicht an Anfang und Ende arbeiten?“

            Weil es eine logisch sinnvolle Reihenfolge gibt. In einem Neubauviertel baut man auch erst eine Kita, bevor man sich über ein Gefängnis Gedanken macht.

            Herzliche Grüße
            Die Redaktion

          • Wenn es bereits diverse Straftäter*innen gibt, nicht. Oder sollen die in der Kita eingebuchtet sein.

          • Wir reden hier von Kindern und Jugendlichen – Kinder sind per se nicht strafmündig, und Jugendliche auch nur bedingt. „Jugendstrafrecht ist Erziehungsstrafrecht. Ziel des Jugendstrafverfahrens ist es vor allem erneuten Straftaten von Jugendlichen und Heranwachsenden entgegenzuwirken. Um dieses Ziel zu erreichen, sind die Rechtsfolgen und – unter Beachtung des elterlichen Erziehungsrechts – auch das Verfahren vorrangig am Erziehungsgedanken ausgerichtet.“ Gerne hier nachlesen: https://www.justiz.nrw/BS/lebenslagen/Strafrecht/BesondereVerfahrensarten/jugendstrafverfahren

            Heißt: Der Staat kommt ums Kümmern ohnehin nicht herum. Dann kann er’s ja auch mal präventiv versuchen.

            Herzliche Grüße
            Die Redaktion

          • Strafen schrecken in der Regel ab. Zugewanderte aus dem nahen Osten sind oft überrascht, wie lasch unser Rechtssystem im Vergleich zum Herkunftsland agiert und selbst üblen Straftätern zig Chancen einräumt, ehe mal wirklich etwas passiert. Kriminelle nutzen das eben aus, einige verachten gar einen Staat, der nicht autoritär auftritt. Hier haben wir im Übrigen wieder eine Schnittmenge mit Rechtsextremen. Denen kanns auch nicht hart genug sein.

          • Dann müsste es beispielsweise in den USA, wo selbst Jugendliche mit drakonischen Strafen rechnen müssen, erheblich weniger Jugendkriminalität geben. Das ist keineswegs der Fall.

            Kinder und Jugendliche verfügen entwicklungsbedingt über eine deutlich geringere Impulskontrolle als Erwachsene. Sie handeln häufiger spontan, unter Gruppendruck und ohne die langfristigen Folgen ihres Verhaltens ausreichend zu berücksichtigen.

            Deshalb ist die abschreckende Wirkung harter Strafen gerade bei Jugendlichen besonders gering. Die kriminologische Forschung zeigt: Entscheidend ist weniger die Härte einer Strafe als die Wahrscheinlichkeit, für eine Tat zur Verantwortung gezogen zu werden. Wer Jugendkriminalität bekämpfen will, erreicht mit der bloßen Verschärfung von Strafen wenig. Im Gegenteil: Harte Haftbedingungen steigern sogar die Rückfallgefahr. Gerne hier nachlesen: https://www.nationalacademies.org/read/14685/chapter/7#121

            Herzliche Grüße
            Die Redaktion

          • „Die kriminologische Forschung zeigt: Entscheidend ist weniger die Härte einer Strafe als die Wahrscheinlichkeit, für eine Tat zur Verantwortung gezogen zu werden.“

            Vermutlich wäre es ziemlich effektiv, wenn wenn binnen kurzer Zeit über eine eventuelle Strafe verhandelt würde und Sanktionen von den Tätern dann auch als Strafe angesehen würden?

          • Klar. Das bedeutet aber, der Staat müsste sich um die Kinder und Jugendlichen kümmern – und das tut er nicht, jedenfalls nicht ausreichend.

            Herzliche Grüße
            Die Redaktion

        • „Natürlich sollte man immer versuchen, das Optimum zu erreichen.“
          Außer bei Inklusion, Schüler*innenpartizipation, Digitalisierung, Lehrplanmodernisierung, Bildungsforschungsgeleitetem Unterricht, Prävention und Pädagogischer Arbeit vor Sanktionierung, multiprofessionellen Teams, Gendern und Bemühungen gegen Toxische Männlichkeit? 😉

      • Kann man nicht auch durch positives Handeln/ Verhalten Aufmerksamkeit erregen und bemerkt werden? Ich jedenfalls freue mich über jeden, nicht nur jungen, Menschen (m, w, d, egal welcher Herkunft), der sich höflich zu benehmen weiß, keinen Müll liegen lässt, nichts zerstört oder beschmiert, anderen hilft und selbst mal anpackt, wo es nötig ist und nicht nur von anderen fordert oder im Konjunktiv „meint man müsste mal …“ Vielleicht sollte unsere Gesellschaft und auch die Medien mehr über solche Beispiele sprechen? Und ich meine damit ganz normale Menschen, nicht nur irgendwelche“ Vorzeige-Projekte“.
        Warum setzt man in den (a)sozialen Medien der negativen Bilderflut nicht mal eine positive Bilderflut entgegen? Gibt es keine positiven Bilder? Oder gibt es dafür zu wenige „Clicks“?

    • „Grenzen austesten. Sind die Grenzen des Machbaren sehr hoch angesetzt, muss man schon ordentlich wüten, um dort mal anzukommen.“
      Ist schon erbärmlich, aber bald werden die ja verboten und können nicht mehr gewählt werden 🙂

      „Wenn man bedenkt, dass jugendliche Intensivtäter*innen erst an 14 Jahren als strafmündig gelten, stimmt da etwas nicht.“
      Ihre Definition von „Intensivstraftäter*innen“.

      „Ich erinnere mich an einen unserer Schüler, der bereits vor 15 Jahren als Unter-14-Jähriger über 40 Delikte aller Art begangen hatte und trotzdem noch so weiter machen konnte.“
      Das Gericht schien in den 40 Fällen Ihre Einschätzung eines „Intensivtäters“ nicht zu teilen. (Sie erstatteten Anzeige, nehme ich an)

      „Nein, rain zufällig muss eine Herabsetzung der Strafmündigkeit nicht automatisch normaler Jugendknast für ab 10-Jährige bedeuten.“
      Nice! 😀
      Und tatsächlich nimmt die Strafmündigkeit nicht zu, nur weil Sie das Alter dafür – völlig unbelegt? – herabsetzen wollen.
      Setzen Sie die Strafmündigkeit auf 3 Jahre, dann lernen Kleinkinder die Folgen Ihrer Taten zu bedenken und abzuwägen. So funktionierts bestimmt ^^

      • „“Ich erinnere mich an einen unserer Schüler, der bereits vor 15 Jahren als Unter-14-Jähriger über 40 Delikte aller Art begangen hatte und trotzdem noch so weiter machen konnte.“
        Das Gericht schien in den 40 Fällen Ihre Einschätzung eines „Intensivtäters“ nicht zu teilen. (Sie erstatteten Anzeige, nehme ich an).“

        Bitte überlegen Sie doch noch einmal und schreiben noch einmal.
        Der junge Mann war unter 14!
        Auch, wenn er nicht strafmündig war, so wurden die Delikte dennoch
        registriert.
        Schockierend finde ich, dass Sie hier Täterschutz propagieren und für seine vielen Opfer (40 Delikte!) nicht eine Silbe übrig haben.
        Wundert hier aber wohl niemanden.

  3. Wieso gab es diese Art von Kriminalität vor 20 oder 30 Jahren noch nicht in dem Ausmaß? Damals muss es deutlich weniger männliche Jugendliche gegeben haben, oder das Argument „männlich“ greift nicht als Hauptargument.

    • Irreführende Suggestivfrage: Es gab „diese Art von Kriminalität“ vor 20 oder 30 Jahren und auch davor – gerne mal googeln: Halbstarken-Krawalle, Baseballschlägerjahre, Hooliganismus im Fußball, Pogrome DDR.

      Jugend- und Bandengewalt ist kein neues Phänomen, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bundesrepublik. Historische Daten und Kriminalstatistiken zeigen, dass Jugendgewalt in früheren Jahrzehnten oft deutlich massiver und weitflächiger auftrat als in der jüngeren Vergangenheit. Gerne hier nachlesen: https://www.spiegel.de/geschichte/jugendgewalt-im-20-jahrhundert-das-gespenst-der-wilden-cliquen-a-946535.html

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

      • Der Spiegel beschreibt die Zeit vor 1950. Damals waren auch die Maßstäbe andere: Die Jugend durfte ja auch viel weniger als heute, das gesamte Verhalten unterlag ganz anderen Vorschriften, man regte sich auch wegen geringere Dinge auf. Was heute in der Schule so alles hingenommen wird, hätte noch zu meiner Schulzeit Skandale ausgelöst, und die lag später als 1950.

        • Das ist ein Beispiel. Es hat auch danach Wellen von Jugendgewalt gegeben – haben wir oben genannt.

          Herzliche Grüße
          Die Redaktion

    • Oder Sie übersehen Kleinigkeiten wie bessere Zukunftsperspektiven, sicherere Arbeitsverhältnisse, bessere Bildungsbedingungen und Kommentare, welche Baseballschläger und Hooligans aus irgendeinem Grund ( 😉 ) übersehen.
      Ich kann nicht sagen, ob Sie jung genug sind, sich zu dieser Zeit nicht dafür interessiert zu haben, alt und unglücklich genug waren, dass die DDR-Diktatur Sie über solche Umstände belog/ indokrtinierte oder ob möglicherweise nicht moderne Medien vorhanden waren, dass sich junge Menschen zu berechtigtem Protest organisieren und alte Menschen sich ausschließlich über Straftäter unterhalten, um sich von den Protesten abzulenken…

  4. „Oder die, die noch zur Schule gehen und dort halt dreckige Toiletten sind, und sich irgendwie niemand so richtig drum kümmert.“
    Auch wenn es vielleicht provokativ klingt, es ist nicht so gemeint: Dann verabredet Euch doch zum Toiletten-Putzen. Sprecht untereinander über die pflegliche Nutzung derselben, da scheint es viel Nachholbedarf zu geben. Das Material stellt die Schule bestimmt gerne. Und es würde sicherlich gegen ein evtl. vorhandenes Männlichkeitsbild helfen.
    Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass ein Schulträger für ordentliche Toiletten zu sorgen und dafür dem Personal genug Zeit und Mittel zur Verfügung zu stellen hat. Aber das hat natürlich Grenzen, besonders wenn die Nutzung „unangemessen“ ist. Dennoch können hier die Schüler aktiv Einfluss nehmen, anstatt nur Lösungen von anderen zu erwarten, und es würde ihrer Persönlichkeitsentwicklung nicht schaden.

  5. „Ein zentraler Begriff der Untersuchung lautet „gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen“. Gemeint sind Vorstellungen, nach denen ein Mann Stärke demonstrieren, seine Ehre verteidigen und sich notfalls mit körperlicher Gewalt Respekt verschaffen müsse.“
    Oha! Nicht, dass wir hier gar über „Toxische Männlichkeit“ reden?
    Schnell! Die sind irgendwie völlig anders als „normale“ wie wir – eine Rasse (die es nicht gibt?), eine Kulturform (mit unzähligen Ausnahmen, welche dort die Mehrheit ausmachen?), die Religion (mit unzähligen Ausnahmen, welche dort die Mehrheit ausmachen?) und so weiter…
    Irgendwas wird schon für die nächsten Wochen herhalten, bis wieder junge Männer mit ihrem „“männlichen““ Gebahren auffallen 🙁

    Ist halt der gleiche Mist wie bei Missbrauch etc. Da wollen manche halt lieber die Augen schließen und glauben wollen, dass sind die ganz bösen, ganz anderen Menschen – gaaanz weit weg von einem selbst.
    Und beim nächsten Mal sind wieder alle ganz überrascht und ratlos (augenroll)

    Aber was sonst? Perspektiven bieten? Prävtention finanzieren? Den Blagen die beknackte Faustglotze wegnehmen? Wer bzw. was soll denen (und deren Opfern) dann das Leben ruinieren?

    Aber schön, dass wir alle ein wenig über die Forderungen der Jugendproteste sprechen konnten – nicht dass die sich ungehört, ignoriert und wirkungslos empfinden, dann werden wir uns bald mal wieder ungläubig „wundern“ -___-

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