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Cyber-Mobbing: Immer mehr Lehrer werden Opfer

MÜNCHEN. Mehr als ein Viertel der Lehrer in Deutschland hat bereits Erfahrungen mit Internet-Hetze gemacht. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Software-Unternehmens Norton. Der Befund deckt sich mit den Ergebnissen einer britischen Studie, nach der die Zahl von Online-Angriffen gegenüber Lehrern drastisch steigt.

Laut „Norton“ antworteten 27 Prozent der befragten Lehrer in Deutschland, dass sie oder ein Bekannter von „Cyber-Baiting“ betroffen gewesen seien. „Das Opfer ist in diesem Fall der Lehrer, der von einer Schülergruppe zu einer unbedachten Äußerung oder einem Wutausbruch provoziert wird und sich kurz darauf, festgehalten in einem Video, an Dutzenden Pinnwänden, in Videoportalen oder in regelrechten ‚Hass-Foren‘ wiederfindet“, berichtet das Unternehmen. „Die Folgen reichen von Autoritätsverlust über Rufschädigung bis hin zu psychischen Problemen bei den betroffenen Pädagogen“, heißt es in dem Bericht.

Ein Fall, der für weltweites Aufsehen sorgte: Der Lehrer schreibt etwas an die Tafel, da schleicht von hinten ein Schüler heran und zieht ihm die Hose herunter. Ein anderer filmt die Szene mit dem Handy. Kurz darauf ist die Szene auf YouTube für jedermann zu sehen. Der eklatante Fall von Cyber-Mobbing – dem Beleidigen oder Lächerlichmachen via Internet oder Handy – fand vor vier Jahren an einer britischen Schule statt. Auch in Deutschland gebe es immer wieder Fälle, so berichtet „Spiegel online“, in denen sich Schüler via YouTube an ihren Lehrern rächen  würden, weil sie sich von ihnen ungerecht behandelt fühlten – zum Beispiel mit Porno-Videos, in die Porträts von Lehrern montiert worden seien.

 

Ein Drittel der Lehrerschaft in Großbritannien wurde bereits Opfer von Cyber-Mobbing. Foto: Shandi Lee / Flickr (CC-BY-2.0) r

Ein Drittel der Lehrerschaft in Großbritannien wurde bereits Opfer von Cybermobbing. Foto: Shandi Lee / Flickr (CC-BY-2.0)

Dass Lehrer Opfer von Cyber-Mobbing werden, sind mittlerweile keine Einzelfälle mehr – und Täter sind keineswegs immer nur Schüler. Dies hat jetzt eine Studie der Plymouth University im Auftrag des renommierten UK Safer Internet Centre ergeben, bei der 400 britische Pädagogen befragt worden waren und zahlreiche Hilfeersuchen an die Organisation ausgewertet wurden. Danach sind Eltern für mehr als ein Viertel von Beschimpfungen und Falschaussagen gegen Lehrer im Netz verantwortlich. Wie die Untersuchung zeigt, nutzen Eltern das Internet offenbar gern zur direkten Beschwerde, anstatt den normalen Weg über die Schulleitung oder die Schulbehörde zu wählen.

„Jeder weiß mittlerweile, wir haben hier ein großes Problem und etwas müsste dagegen unternommen werden, aber es gibt keine Unterstützung für die Betroffenen. Cyber-Mobbing findet häufig in einer Grauzone statt, weil viele Aussagen, die im Internet veröffentlicht werden, nicht offensichtlich illegal sind“, sagte Studienleiter Prof. Andy Phippen gegenüber der „Huffington Post UK“. Schlimmer noch, oftmals bleibe an den Opfern der  Verdacht hängen, an den im Internet verbreiteten Behauptungen könne etwas dran sein.. „Ich weiß von einem Fall, bei dem ein Lehrer, der sich über Cyber-Mobbing beschwerte, vom Dienst suspendiert wurde. Seine Vorgesetzten meinten: ‚Wo Rauch ist, ist auch Feuer‘“ , berichtete Phippen aus Großbritannien.

Hohe Dunkelziffer von Fällen

Viele Betroffene hätten aus diesem Grund Angst, sich zu offenbaren. Es gebe also eine hohe Dunkelziffer von Fällen. Mehr als ein Drittel der befragten Lehrkräfte gaben in der aktuellen Befragung an, schon einmal online angegriffen worden zu sein. Schulleiter dürften nicht einfach darauf hoffen, dass ihre Schule nicht betroffen sei, empfiehlt Phippen in der Studie. Sie müssten sich mit dem Thema auseinandersetzen – und gemeinsame Strategien mit ihrem Kollegium entwickeln.

Der häufigste Ort, an dem das sogenannte Lehrer-Bashing (auf Deutsch:  Lehrer-Prügeln) stattfindet, ist – wie „Spiegel online“ berichtet – das soziale Netzwerk Facebook. Dort würden häufig Gruppen gegründet, in denen es nur darum gehe, einen bestimmten Lehrer vorzuführen, zu beschimpfen oder ihn mit selbstgedrehten Handy-Videos lächerlich zu machen. Ebenfalls beliebt: YouTube-Videos, Blog-Einträge, Websites und Lehrerbewertungsportale. Auch über das Netzwerk Twitter würden Angriffe unternommen und nicht selten ganze Kampagnen gegen einzelne Lehrkräfte losgetreten. Die Beschimpfungen seien teilweise sehr ehrverletzend und dauerten über Wochen und Monate an.

Drei Viertel der Lehrer fordern mehr Unterstützung

Dabei, so heißt es in der britischen Studie, waren 72 Prozent der berichteten Fälle augenscheinlich von Schülerinnen oder Schülern initiiert worden, 26 Prozent von Eltern. In den übrigen Fällen hatten Lehrer Kollegen onlineangegriffen. Mehr als 75 Prozent der Lehrer gaben an, dass sie sich mehr Hilfe und Unterstützung beim Umgang mit Schülern, die mobben, wünschen. Welche Schäden die Opfer davontragen, dies zeigt die Studie ebenfalls: Die betroffenen Lehrer fühlten sich laut Studie durch die persönlichen Angriffe isoliert, wurden depressiv, einige bekamen Nervenzusammenbrüche oder gar Selbstmordgedanken.

Die britische Lehrergewerkschaft National Union of Teachers rät Lehrern vorbeugend dazu, keine Informationen von sich ins Netz zu stellen, die nicht an Eltern oder Schüler gelangen sollten. Darüber hinaus sollten es Pädagogen vermeiden, Facebook-Freundschaften mit Schülern zu pflegen.

Einen Verhaltenskodex an Schulen und klare Regelungen zum Schutz vor Mobbing im Internet oder per Handy empfiehlt die deutsche Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Was gegen Cyber-Mobbing hilft, hilft auch gegen Mobbing allgemein“, betonte Marianne Demmer, Leiterin des GEW-Vorstandsbereichs Schule. „Wir brauchen in den Schulen ein Klima gegenseitiger Wertschätzung“, meinte Demmer. Die beste Vorbeugung gegen alle Formen von Gewalt sei es, Schule als Lerngemeinschaft zu praktizieren, Kooperation und Förderung statt Konkurrenz und Selektion hervorzuheben, Lehrkräfte als Partner und Unterstützer des Lernens zu verstehen sowie transparente und gerechte Bewertung vorzunehmen. Schließlich müsse das Kollegium als Team auftreten. „Lehrkräfte, Schüler und Eltern sollten gemeinsam einen Verhaltenskodex erarbeiten und vereinbaren“, erklärte Demmer. Dazu gehöre etwa, dass Handys und Handy-Kameras während des Unterrichts ausgeschaltet sind. „Wer sich nicht an die Abmachungen hält, dessen Geräte können einkassiert und den Eltern übergeben werden“, sagte die Schulexpertin.

„Das Täterprofil ist deutlich“

Eine repräsentative Untersuchung der GEW vor knapp vier Jahren in Deutschland hatte gezeigt, dass damals acht Prozent der Lehrkräfte direkt von Cyber-Mobbing betroffen waren. Ein Opferprofil war seinerzeit nicht zu erkennen: Jede Altersstufe, Männer und Frauen und jede Schulform seien ähnlich stark betroffen, hieß es. Lediglich an Gymnasien sei die Zahl der Fälle leicht erhöht. „Das Täterprofil hingegen ist deutlich: Jungen und junge Männer greifen deutlich häufiger zu Handy und PC als Mädchen und junge Frauen, um andere Schüler oder Lehrkräfte unter Druck zu setzen oder sich zu rächen“, sagte die GEW-Sprecherin. Es sei sinnvoll, sich gegen die unerwünschten Angriffe zu wehren: So hätten Lehrkräfte Täter zur Rede gestellt sowie das Gespräch mit Kollegen, Vorgesetzten und Eltern gesucht – mit Erfolg. In Einzelfällen seien Schüler vom Unterricht suspendiert, der Schule verwiesen oder verurteilt worden. Für ein Drittel der Täter habe ihr Verhalten allerdings keine Konsequenzen gehabt.

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