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Auf der Suche nach Normalität: Behinderte Schüler am Gymnasium

KARLSRUHE. Inklusion heißt Teilhabe, und die soll es künftig auch für behinderte Kinder am Gymnasium geben. Für körperbehinderte Schüler sind es vor allem bauliche Hindernisse, die es zu beseitigen gilt. Schwieriger ist die Frage zu beantworten, wie Gymnasien geistig Behinderte eingliedern sollen.

"Endlich können wir unsere Forderung nach absoluter Gleichstellung aller Kinder durchsetzen", so freuen sich manche Eltern über die Inklusion. Foto: camil tulcan / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

„Endlich können wir unsere Forderung nach absoluter Gleichstellung aller Kinder durchsetzen“, so freuen sich manche Eltern über die Inklusion. Foto: camil tulcan / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Wenn Andrija Petranovic vom Chemie- in den Physiksaal will, trennen sich die Wege. Seine Kameraden gehen die Treppe hoch. Er fährt mit dem Rollstuhl zum Aufzug, öffnet per Fernbedienung die Tür und erreicht so den zweiten Stock. Im Physiksaal hebt der Betreuer, der ihm auch beim Schreiben hilft, den Zehntklässler aus dem Rollstuhl auf seinen Platz in der ersten Reihe. Und dann geht alles wieder seinen ganz normalen Lauf.

Für den 15-Jährigen ist der Unterricht mit Nichtbehinderten längst eine Selbstverständlichkeit. Genau wie für Kim Väth, die am Karlsruher Humboldt-Gymnasium die erste angehende Abiturientin im Rollstuhl ist. «Man ist schon immer das Anhängsel.» Doch sie hat alle Klassenfahrten mitgemacht und auch den Schüleraustausch in Kanada. «Ein bisschen stolz kann ich schon auf mich sein. In einer Förderschule wäre ich unterfordert gewesen», sagt die 19-Jährige, die später mal Geschichte, Deutsch und Englisch unterrichten will.

Andrija und Kim sind zwei von derzeit sieben körperlich behinderten Jugendlichen am Humboldt-Gymnasium – und damit noch immer die Ausnahme. Rund 30 Prozent aller lern- und körperbehinderten Schüler im Südwesten gehen auf eine Regelschule, nur ein verschwindend kleiner Teil auf ein Gymnasium.

Das soll sich ändern: Nach einer UN-Konvention, die seit 2009 für Deutschland verbindlich ist, haben Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbedarf einen Rechtsanspruch, mit anderen Kindern unterrichtet zu werden. Derzeit arbeitet die grün-rote Landesregierung von Baden-Württemberg an der Änderung des Schulgesetzes, um die Vorgabe umzusetzen.

«Damit können wir endlich unsere Forderung nach absoluter Gleichstellung aller Kinder durchsetzen», freut sich Bernd Breidohr, Vorsitzender der Karlsruher Selbsthilfe-Gruppe Down-Syndrom. Gymnasialrektoren sehen dem mit gemischten Gefühlen entgegen. Geistig behinderte Kinder sieht der Vize-Chef der Bundesdirektorenkonferenz (BDK), Hugo Oettinger, besser in dafür ausgestatteten Förderschulen aufgehoben. Bei körperlich Behinderten müssten vor allem die baulichen Voraussetzungen der Schulen stimmen.

„Ziemlich viel Gesprächsbedarf“

So wie es im Humboldt-Gymnasium längst der Fall ist. Dort hatte man 2007 eine Sanierung genutzt, um die Schule mit Rampen, Aufzügen und behindertengerechten Toiletten auszubauen. «Wir wollen für körperbehinderte Kinder Ansprechpartner sein», sagt Rektor Ronald Hauser. Das Know-how hat er sich in der Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd geholt, einer staatlich anerkannten Privatschule mit integrativem Angebot.

Was ist, wenn Eltern eines geistig behinderten Kindes bei ihm anklopfen? «Wir würden es aufnehmen», sagt Hauser. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass bei dem Thema noch «ziemlich viel Gesprächsbedarf» bestehe.

Welche Schwierigkeiten es geben kann, zeigt sich in einem anderen Karlsruher Gymnasium, wo ein Kind mit Down-Syndrom die fünfte Klasse besucht. «Es ist schwer. Ich habe einen Schüler, der mehr Aufmerksamkeit braucht, als ich ihm geben kann», sagt seine Mathe-Lehrerin. Wenn sie ihren 28 Schülern die Primzahlen erklärt, «hat er keine Chance, das zu verstehen».

Zwar ist ständig eine Helferin aus dem Freiwilligen Sozialen Jahr dabei, die versucht, den Stoff zu erläutern. Viermal die Woche kommt für eine Stunde noch eine Sonderschullehrerin dazu. Mit der im Koalitionsvertrag der Landesregierung beschriebenen personellen Ausstattung für Inklusions-Schüler hat das wenig zu tun. Dort ist vorgesehen, dass neben dem Lehrer mindestens noch ein ausgebildeter Sonderpädagoge in der Klasse sein muss.

Seine Lehrerin sagt, der Junge bemüht sich sehr, doch sie befürchtet, dass er nicht wirklich glücklich ist. «Er versucht sich anzupassen, aber er sieht, dass er anders ist. Ihm fehlen Partner, die in seinem Tempo arbeiten.»

«Wir haben alles gemacht, um dem Kind zu helfen, aber ich glaube nicht, dass er sich hier richtig entfalten kann», meint der Rektor. Er ist sich sicher, dass die Fähigkeiten des Jungen in den kleineren Gruppen der nahen Sonderschule mit eigens dafür ausgebildeten Pädagogen besser gefördert werden könnten. Die Leitung der Sonderschule sieht das genauso.

Die Schule hat dem Regierungspräsidium und den Eltern die Bedenken mitgeteilt. Schließlich hätten auch die anderen Kinder ein Recht auf geregelten Unterricht, Aufmerksamkeit und Förderung – Ziel des Gymnasiums sei es, die Kinder auf die Hochschule vorzubereiten. «Aber die Eltern bleiben bei ihrem Wunsch, ihr Kind auf eine normale Schule zu schicken», bedauert der Rektor.

Bernd Breidohr, selbst Vater eines erwachsenen Sohnes mit Down-Syndrom, hätte bei der derzeitigen Ausstattung des Gymnasiums sein Kind wohl nicht dorthin geschickt. Der Vorsitzende der Selbsthilfe-Gruppe hat aber Verständnis: «Geistig Behinderte wurden so lange ausgegrenzt. Wir wollen Normalität und erwarten, dass die UN-Konvention umgesetzt wird.» Zugleich meint er: «Der Sturm auf die Gymnasien wird ausbleiben. Wir setzen auf die Gemeinschaftsschule.» SUSANNE KUPKE, dpa

(14.1.2013)

Zum Bericht: Gymnasialdirektoren erteilen „radikaler Inklusion“ eine Absage

5 Kommentare

  1. Keiner kann Spezialist für alles sein: Von allen Lehrergruppen sind Gymnasiallehrer am wenigsten dazu ausgebildet, geistig Behinderte zu unterrichten. Also braucht es spezielle Lehrkräfte – im Beispiel oben erhält der genannte Junge 4 Stunden pro Woche die Förderung, die er braucht. Seltsam, dass man es erst machen muss, um zu merken, dass es nicht gut geht …

  2. Doppelte Klassenleitung – ständige Schulbegleiterin + 5 Stunden Förderschullehrerin – für eine einzige Schülerin mit Down-Syndrom in einer Gym-Klasse in Hannover. So etwas nenne ich unverantwortlichen Luxus.
    Ich habe diesen Link schon einmal in einem etwas anderen Zusammenhang gesetzt:
    http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Gymnasium-trotz-Down-Syndrom

  3. Kann nicht mal jemand dafür sorgen, dass die Uhrzeiten der eingetragenen Kommentare endlich stimmen? Den letzten Kommentar habe ich am 16. März um 23:50 Uhr geschrieben…

  4. Gymnasiallehrer sind doch am besten ausgebildet, haben am längsten studiert und Referendariat gemacht, verdienen das meiste Geld und haben die geringste Unterrichtsverpflichtung. Dazu sitzen in den Klassen die selbstständigsten und klügsten Kinder. Das sind doch besonders gute Bedingungen für Kinder mit Beeinträchtigungen, um im gemeinsamen Unterricht durch innere Differenzierung gefördert zu werden.

  5. Chirurgen sind noch viel länger ausgebildet und verdienen noch mehr Geld. Trotzdem können sie nicht besser als ein Sonderpädagoge Hörgeschädigte oder Menschen mit Down-Syndrom unterrichten. Es gibt verschiedene ARTEN von Qualifikation, müssen Sie wissen.

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