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Bildungsoffensive für Hamburger Brennpunkte – am Problem vorbei?

HAMBURG. Die Internationale Bauausstellung Hamburg will in Sachen Städtebau ein Labor der Zukunft sein. Darin nimmt sie auch die Bildung auf den lange vernachlässigten Elbinseln in den Blick. Kritiker halten die Schulsituation dort aber trotz der Bildungsoffensive für desolat.

Vision ohne Bodenhaftung? In Wilhelmsburg sollen "Lernlandschaften" entstehen. Foto: rauter25 / flickr (CC BY-NC 2.0)

Vision ohne Bodenhaftung? In Wilhelmsburg sollen „Lernlandschaften“ entstehen. Foto: rauter25 / flickr (CC BY-NC 2.0)

Die Zahlen sind ernüchternd. Dass die Hamburger Elbinseln nach wie vor als Problemquartiere gelten, zeigt sich schon an der Bildungsstatistik. In den Stadtteilen Wilhelmsburg und Veddel liegt der Anteil der Abiturienten deutlich unter dem Durchschnitt der Hansestadt, viele gehen ohne jeden Abschluss von der Schule ab. Mit der «Bildungsoffensive Elbinseln» will die Internationale Bauausstellung (IBA), in deren Rahmen seit 2006 in Hamburg mehr als 60 städtebauliche Projekte laufen, gegensteuern – und Bewegung in die Bildung bringen.

«Viele Eltern ziehen hier weg, wenn ihre Kinder eingeschult werden», sagt Anne Krupp, die die Bildungsprojekte bei der IBA betreut. Zu sehr haftet das Negativ-Image an den Flussinseln zwischen Norder- und Süderelbe. Ziel der Offensive ist es, Chancen für alle Bewohner zu schaffen. Unabhängig von ihrer Herkunft – viele der gut 55 000 Einwohner sind Einwandererfamilien. Und unabhängig von ihrem Alter: «Unsere Zielgruppe ist von 0 bis 100.»

Die beiden Stadtteile sollen sich zu «Lernlandschaften» mit attraktiven, vielfältigen Bildungsangeboten entwickeln, wie Krupp erklärt. Die Grundidee: In den Bildungseinrichtungen sollen Menschen verschiedenen Alters optimale Bedingungen haben, um mit- und voneinander zu lernen. «Unser Ziel ist, den Zugang zu Bildung zu erleichtern – und dadurch die Integrationschancen der Menschen, die hier wohnen, zu verbessern», sagt die 34-Jährige.

Die Offensive soll auch die Abwanderung junger Familien stoppen und neue Bewohner auf die Elbinseln locken. Kritiker beklagen, die IBA habe den Schwerpunkt Bildung überhaupt nur gewählt, um zahlungskräftigen Zuzüglern auch standesgemäße Bildungsmöglichkeiten zu bieten. Schließlich solle Wilhelmsburg – gerade einmal acht S-Bahn-Minuten vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt – für die erhoffte bürgerliche Mittelschicht aufgewertet und vermarktet werden, heißt es etwa beim Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg.

«Da passt es nicht ins Bild, dass Schulen mit Stacheldraht gesichert waren», sagt Thomas Koyar von der Kampagne «IBA? Nigs DA!». So war etwa die alte Grundschule Buddestraße in Wilhelmsburg von einem hohen Eisenzaun umgeben, weil zwei Kampfhunde dort im Juni 2000 den sechsjährigen Volkan angefallen und getötet hatten. Der Stadtteil wurde zum Symbol für Gewalt und Verelendung – ein sozialer Härtefall. Das Magazin «Spiegel» schrieb von der «Bronx des Nordens».

Jetzt ist die Elbinselschule – 2008 am Standort der Grundschule Buddestraße neu gegründet – Teil des größten Neubauprojekts „Bildungszentrum Tor zur Welt“. Darin sind insgesamt drei Schulen untergebracht, außerdem ein Multifunktionszentrum mit Bibliothek, Elterncafé und Räumen für außerschulische Bildungseinrichtungen. Dort stellen verschiedene Institutionen ihre Angebote vor. «Es steht allen Bewohnern offen», betont Krupp. «Das ist viel mehr als Schule, es geht um eine Entwicklungsstrategie für den ganzen Stadtteil.» Am 22. Mai soll das Zentrum eröffnet werden.

Weitere Projekte sind etwa das Media Dock – bereits 2011 gestartet – mit Multimedia-Räumen, Übungsräumen für Musik, Tanz und Theater sowie Film- und Tonstudio. Kinder und Jugendliche können dort den Umgang mit Medien lernen. Im Haus der Projekte «mügge» sollen Jugendliche auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, zum Beispiel in der Bootsbauwerkstatt. Und ein Sprach- und Bewegungszentrum kombiniert Sprachförderung mit Bewegung. «Wer sich bewegt, lernt Sprache besser», sagt Krupp. «Viele Kinder hier können weder Deutsch noch ihre Muttersprache ausreichend gut, wenn sie eingeschult werden.»

Acht «Lernorte» wurden und werden neu gebaut oder erweitert – das sind die baulichen Aspekte. Außerdem haben sich Bildungs-, Erziehungs- und Beratungseinrichtungen vernetzt, ob Kita, Schule, Erwachsenenbildung oder Drogenberatung. Die IBA knüpft hier an eine Zusammenarbeit an, die seit Jahren besteht. Bildung gebe es ja nicht nur in der Schule, sagt Krupp, sondern auch in Freizeit und Beruf, Familie und Nachbarschaft. «Bildungsplanung und Stadtentwicklung werden im Rahmen der IBA zusammengebracht.»

Der Arbeitskreis Umstrukturierung Wilhelmsburg sieht dagegen in der IBA-Bildungsoffensive nur eine «schöngeschminkte Fassade». Mit neuen Gebäuden allein gebe es keine Verbesserungen, kritisiert auch Aktivist Koyar. Und vielfach sei nicht einmal die Finanzierung der Bildungshäuser nach 2013 – dem Ende der IBA – geklärt. Die Leiter aller Schulen aus Wilhelmsburg und Veddel klagten schon im Dezember in einem Brief an Schulsenator Ties Rabe (SPD): «Die Zielsetzung der Bildungsoffensive hat keine Bodenhaftung gefunden. Die realen Bedingungen der vorhandenen Akteure sind aus dem Visions-Auge verloren gegangen.» JULIA RANNIKO, dpa

(31.3.2013)

Zum Bericht: “Sozialer Sprengstoff”: Hamburger Schulleiter schreiben Brandbrief

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