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Privatschulen boomen – Kritiker warnen vor sozialer Spaltung

BERLIN. Privatschulen können sich vielerorts vor Anmeldungen kaum retten. Jahr für Jahr wächst ihre Zahl bundesweit. Kritiker fürchten eine soziale Spaltung der Schülerschaft.

Ob Ting, Waldorf oder Montessori – Privatschulen boomen. Nach Angaben des Landesverbands deutscher Privatschulen (VdP) gehen in Berlin derzeit rund 30 000 Kinder und Jugendliche auf 100 freie Schulen. Das ist fast jeder zehnte der rund 320 000 Berliner Schüler.   Mit der Entwicklung liegt Berlin im Bundestrend. «Seit Jahren verzeichnen die Schulen in freier Trägerschaft einen stetigen Zuwachs», erklärt der stellvertretende Bundesgeschäftsführer des Verbands deutscher Privatschulverbände (VdP), Florian Becker. Allein in den vergangenen drei Jahren sei die Zahl der freien Schulen bundesweit um rund 6 Prozent auf heute rund 3400 gestiegen. 8,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen besuchten solch eine Einrichtung.

Zu elitär? Privatschulen haben den Ruf, nicht die Gesellschaft abzubilden. (Foto: Departement for Communities and locals/Flickr CC BY-ND 2.0)

Zu elitär? Privatschulen –  hier eine Grundschule in England – haben den Ruf, nicht die Gesellschaft abzubilden. (Foto: Departement for Communities and local Government/Flickr CC BY-ND 2.0)

Doch noch immer herrsche das Bild von der Privatschule als Schule nur für Reiche in manchen Köpfen vor, sagte der Vorstandsvorsitzende Andreas Wegener. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hält freie Schulen durchaus für berechtigt, warnt aber vor einer zunehmenden sozialen Trennung. «Die Privatschulen haben in der Regel keine gute Mischung der Schülerschaft», sagt die GEW-Vorsitzende Sigrid Baumgardt.

Das Schulgeld liege je nach Träger und Schultyp zwischen 50 und 900 Euro im Monat, erklärt Wegener. Doch alle Schulen böten Möglichkeiten, die Kosten zu reduzieren oder sich davon befreien zu lassen. Die Profile der Häuser seien so vielfältig wie die Gesellschaft auch. Neben konfessionellen Schulen gebe es Einrichtungen mit sprachlichen Schwerpunkten und Waldorf-Pädagogik. Aber auch Waldschulen und solche mit starker demokratischer Mitbestimmung wie eine Ting-Schule gebe es in Berlin.

«Die Schüler lernen in einem eindimensionalen sozialen Umfeld. So sieht die Realität aber hinterher nicht aus», kritisiert Baumgardt. Nur ganz wenige Privatschulen seien «mehrkulturell» angelegt. Oft wählten Eltern eine konfessionelle Schule, damit die Kinder nicht mit Gleichaltrigen aus bestimmten Kiezen zusammenkämen. Eine Heterogenität unter den Schülern erleichtere es ihnen aber, soziale Erfahrungen einzuordnen, sagt Baumgart.

Sie warnt vor einer Hysterie, die Eltern glauben lasse, staatliche Schulen schafften gar nichts mehr. Die Qualität der freien Schulen variiere wie bei den staatlichen Schulen auch. In besonderen Fällen sei es sinnvoll, Privatschulen anzubieten, etwa wenn es ein Profil in staatlichen Schulen nicht gebe.

Von der Bildungsverwaltung sehen sich die freien Schulen gut unterstützt. Das Land Berlin habe die Entwicklung der Träger angemessen begleitet und sie selten als lästige Konkurrenz gesehen, eher als eine Bereicherung, sagt Wegener. Allein im vergangenen Jahr hat die Verwaltung einer Sprecherin zufolge zwölf neue allgemeinbildende Schulen in freier Trägerschaft genehmigt. 2010 und 2011 waren es jeweils zehn.

Was die Eltern dieser Kinder eine, sei nicht der gut gefüllte Geldbeutel. Vielmehr seien sie unter anderem an einer individuellen Betreuung und an einem angstfreiem Lernumfeld interessiert. Wissenschaftliche Untersuchung zeigten, dass es sich vorwiegend um «bildungsnahe» Eltern handele.

Deutschland liegt demnach aber immer noch deutlich hinter vielen europäischen Nachbarländern zurück. In Spanien liege der Anteil der Privatschüler bei rund 32 Prozent, in Frankreich bei 18 Prozent, in Österreich bei 12 und Dänemark bei 11 Prozent. dpa

(25.5.2013)

4 Kommentare

  1. spannend zu wissen wäre, in welchen Bundesländern die Privatschulen besonders zunehmen.

  2. was, bitte, ist eine „gute soziale Mischung“?

  3. sorry, „gute Mischung“, ohne „sozial“ .

  4. Hallo ihr Lieben,
    ich selbst bin Lehrer an einer Privatschule in Berlin. Meiner Meinung nach kann man heute, zumindest in Berlin, eine staatliche Schule nicht mehr mit einer privaten Schule vergleichen. Vor allem wenn mir Kollegen über die Zuständ an ihren (staatlichen) Schulen berichten, wird es mir regelmäßig ganz anders.

    Ich bin vor ein paar Tagen auf einen sehr interessanten Beitrag zum Thema gestoßen. In diesem lassen sich die signifikantesten Vorteile der privaten Schulen entnehmen:
    http://www.berlinportal.org/geschlossene-gesellschaft-immer-mehr-privatschulen-in-berlin/393

    Es grüßt herzlich;
    Rainer P.

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