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Wissenschaftlerin: „Unterrichten und erziehen kann man nicht trennen“

POTSDAM. Kinder und Jugendliche werden an staatlichen Schulen Deutschlands zu wenig fit für den Alltag und das Leben gemacht – das findet die Potsdamer Erziehungswissenschaftlerin Agi Schründer-Lenzen. «Es wird viel unterrichtet und zu wenig auf die Entwicklung der Persönlichkeit geachtet», sagte sie im Interview.

News4teachers.de: Frau Schründer-Lenzen, was können staatliche Schulen heute überhaupt noch leisten?

Antwort: «Im Mittelpunkt stehen jetzt Bildungsstandards, die die Kinder tüchtig für das Leben machen sollen. Es geht aber darum, prüfbares Wissen zu vermitteln. Und das wird dann gemessen und benotet, mit Vergleichsarbeiten oder standardisierten Abiturprüfungen. Vieles ist notwendig, um künftig im Alltag bestehen zu können. Aber das, was Schule und Unterricht auch ausmacht, das Erziehen, gerät dabei leicht aus dem Blick.»

News4teachers.de:: Was meinen Sie damit? Was wird nicht gelehrt?

Antwort: «Es sind die schwierigen Themen, beispielsweise wie ein Schüler mit Autoritäten umgeht, wie er sich zu Mitschülern verhält oder welches Verhältnis er zur Natur hat. Einfach gesagt: Welche Persönlichkeit ist in den Schuljahren herangereift und über welche sozialen Kompetenzen verfügt sie? Darum hat sich die Wissenschaft bislang kaum gekümmert. Unterrichten und erziehen gehören aber zusammen.»

News4teachers.de: Warum ist die Erziehung aus dem Blickfeld geraten?

Antwort: «Der Schulunterricht orientiert auf Abschlüsse, und auch Eltern denken so: Abitur – alles andere ist zweite Wahl. Das ganze Bildungssystem ist auf Beschleunigung umgestellt worden: Frühere Einschulung, Verkürzung der Schulzeit bis zu den BA-Studiengängen (Bachelor). Da kommt leider manches zu kurz. Erziehung im Turbo-Tempo geht eben nicht. Bei der Erziehung weiß man nie, welches Ergebnis am Ende steht. Wissenschaftler und Lehrkräfte wollen sich da lieber auf sicherem Boden bewegen. Sie greifen zu Bewährtem und zu den Standards der Rahmenlehrpläne.»

Null Bock: Immer mehr Schüler sehen keine Notwendigkeit, sich im Unterricht zu engagieren - meinen jedenfalls die Lehrer. Foto: Pink Sherbet Photography / flickr (CC BY 2.0)

Null Bock: Es reicht nicht, in der Schule nur Themen zu vermitteln, soziale Kompetenzen sind davon nicht zu trennen, findet die Forscherin. Foto: Pink Sherbet Photography / flickr (CC BY 2.0)

News4teachers.de:: Welche Möglichkeit gibt es für ein Umschwenken?

Antwort: «Der erste Schritt wäre eine Entrümpelung der Lehrpläne. Den Kindern können nicht laufend neue Themen aufgebürdet werden. Aber schon die Diskussion um die Streichung eines Lehrinhaltes führt zu einem Aufschrei von Interessengruppen. Und ein Konsens über Erziehungsziele ist noch schwieriger. Der Boom der Privatschulen liegt unter anderem auch daran, dass dort zum Programm erhoben wurde, Kindern nicht nur Wissen zu vermitteln. Staatliche Schulen fokussieren sich auf das Unterrichtsgeschäft und halten sich aus der Erziehungsaufgabe mehr oder weniger heraus.»

News4teachers.de:: Sind Lehrkräfte überhaupt dafür ausgebildet, ausreichend erzieherische Inhalte vermitteln zu können?

Antwort: «Erziehen ist ein schwieriges Geschäft und setzt vor allem eines voraus: Die Selbsterziehung der (künftigen) Lehrer. Lehrkräfte müssen ein positives Vorbild sein, das von Schülern, aber auch von Eltern anerkannt werden kann. Ich weiß, das ist ein hoher Anspruch. Wir fangen gerade erst an, das wieder genauer in den Blick zu nehmen.» Die Fragen stellte Gudrun Janicke/dpa

Ein Kommentar

  1. Ich finde richtig, was da steht: Die Schule soll auch erziehen. Es geht um Grundwerte! An unserer Schule haben wir Verhaltensnoten / Kopfnoten eingeführt. Noch sind wir sozusagen in der Probephase. Ich beginne, sie regelmäßig zu nutzen, um Leistung und Verhalten nicht miteinander zu mischen, auch wenn Leistung auf Verhalten beruht (deshalb ja die Einführung der Verhaltensnoten). Am Schuljahresanfang hatten alle Kinder die Aufgabe, mir zum Dienstag ihre eingerichteten Hefter / Hefte zu zeigen. Sie bekamen dafür eine Ordnungsnote. Die Hälfte hatte keine Hefte/r mit oder kein Papier drin oder nicht beschriftet oder keine Deckblätter oder alles zusammen nicht bzw. sehr liederlich. Es hagelte 4-en, 5-en, 6-en. Zum nächsten Tag stand diese Aufgabe für die Kinder noch einmal. Sie bekamen wieder eine Ordnungsnote. Und siehe da, fast alle hatten jetzt gut eingerichtete Hefte/r. Es „hagelte“ 1-en und 2-en.

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