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Wirtschaftsprofessor erhebt Plagiatsvorwürfe gegen Steinmeier

BERLIN. Erstmals sieht sich ein hochrangiger SPD-Politiker Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Fraktionschef Steinmeier soll vor 22 Jahren in seiner Doktorarbeit geschummelt haben, sagt ein BWL-Professor – und erwartet noch mehr Fälle. «Absurd», entgegnet Steinmeier.

Die Universität Gießen geht Plagiatsvorwürfen gegen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier nach. Es sei ein Schreiben eingegangen, in dem die Überprüfung von Steinmeiers Doktorarbeit angeregt werde, teilte die mittelhessische Hochschule am Sonntag mit. Voraussichtlich am Montag (30.9.) werde entschieden, wie man weiter vorgehen wolle.

Zuvor hatte das Magazin «Focus» unter Berufung auf den Wirtschaftswissenschaftler Uwe Kamenz gemeldet, Steinmeiers 1991 in Gießen eingereichte Promotion weise «umfangreiche Plagiatsindizien» auf. Steinmeier sprach auf «Focus»-Anfrage von einem «absurden Vorwurf». «Sollte sich die Uni Gießen zu einer Überprüfung entschließen, sehe ich dem Ergebnis mit großer Gelassenheit entgegen.»

Professor Kamenz hatte Steinmeiers Arbeit «Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit» per Computersoftware mit 50 in der Arbeit genannten Quellen verglichen, wie er der dpa sagte. An mehr als 400 Stellen seien problematische Übereinstimmungen registriert worden. «Wenn man 400-mal die Anführungszeichen vergisst, kann das kein Versehen sein», urteilte Kamenz.

Der Professor rechnet mit weiteren Plagiatsfällen unter Politikern. Er habe mit Kollegen die Dissertationen aller Promovierten im letzten Bundestag unter die Lupe genommen: «Da sind es ungefähr, wenn ich das richtig sehe, 120 Doktoren. Und da ja die Statistik sagt, dass mindestens zehn Prozent plagiiert haben, werden in den nächsten Wochen und Monaten etwa zehn Politiker noch damit leben müssen, dass sie nachweislich plagiiert haben.»

Kamenz, der an der Fachhochschule Dortmund Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Marketing lehrt, will nach eigener Aussage auch nachweisen, dass 90 Prozent der Politiker bei ihren Doktorarbeiten nicht getäuscht haben. Er hatte bereits vor zwei Jahren mit der Ankündigung für Aufsehen gesorgt, 1000 Doktorarbeiten von Politikern auf Betrügereien zu untersuchen, um «Plagiate in Deutschland auszurotten». Unter Experten war sein computergestütztes Plagiaterkennungssystem «Profnet», für dessen Einsatz er auch Finanzsponsoren suchte, allerdings umstritten.

SPD-Fraktionsvorsitzender Frank-Walter Steinmeier will Bildung zum Wahlkampfthema 2013 machen. (Foto: Heinrich-Böll-Stiftung/Wikimedia CC BY-SA 2.0)

SPD-Fraktionsvorsitzender Frank-Walter Steinmeier sieht den Vorwürfen gelassen entgegen. (Foto: Heinrich-Böll-Stiftung/Wikimedia CC BY-SA 2.0)

Der Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann, der eine Zwischenversion des Prüfberichts von Kamenz ansehen konnte, wertete nach «Focus»-Angaben einen Großteil der Indizien als «lässliche Sünden». Mindestens drei Passagen seien aber kritisch: «Wenn der Prüfungsbericht hier die Quellen richtig wiedergibt, wären das Verstöße gegen die Zitierregeln, die den Bereich des Tolerierbaren klar überschreiten würden.»

In den vergangenen Jahren hatten Plagiatsvorwürfe eine Reihe Politiker in Bedrängnis gebracht. Der damalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war das erste prominente Opfer – er zog sich aus der aktiven Politik zurück und ging nach Amerika. Bildungsministerin Schavan bot erst nach langem Zögern ihren Rücktritt an. Den FDP-Europapolitikern Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis wurden ihre Doktortitel im Sommer 2011 entzogen. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) musste sich im Sommer 2013 gegen anonym veröffentlichte Plagiatsvorwürfe wehren. Die Universität Bochum hat ihre Prüfung des Falls noch nicht abgeschlossen. dpa

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