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PISA offenbart: In Sachen Pünktlichkeit sind deutsche Schüler «Weltspitze»

BERLIN. PISA hat auch neue Dinge aus dem Innenleben deutscher Schulen zutage gefördert, die bislang nicht so bekannt waren: So erscheinen hierzulande die Schüler viel pünktlicher zum Unterricht als in den meisten anderen Industriestaaten, schwänzen viel seltener und haben zu 90 Prozent ein Zugehörigkeitsgefühl zu «ihrer» Schule entwickelt. Und 70 Prozent der Schüler glauben, dass im Grunde genommen an ihrer Schule «alles sehr gut läuft».

Nach den vielen Hiobsbotschaften vergangener Jahre über die Schwächen der deutschen Schulen hörten die Kultusminister der Länder das Lob sehr gern. Auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) strahlte in der Bundespressekonferenz. Lange hatte kein Bundesminister mehr persönlich an PISA-Präsentationen teilgenommen. Wankas SPD-Vorgängerin Edelgard Bulmahn war vor Jahren vom Kanzleramt sogar strikt «Abwesenheit» verordnet worden, damit die schlechten deutschen Ergebnisse nicht auch noch der Bundesregierung angelastet würden – wo doch die Schule Ländersache sei.

Auch der übliche tiefe Interpretationsgraben zwischen den internationalen Pisa-Forschern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf der einen und deutschen Bildungsministern und ihren Professoren auf der anderen Seite scheint nun zugeschüttet. OECD-Bildungsdirektorin Barbara Ischinger führte in Berlin nur Lobendes über das Streben der deutschen Schulen nach Verbesserungen im Munde. Den OECD-Experten Andreas Schleicher hatte man vorsorglich auf PISA-Tournee nach Washington geschickt. Schleicher war bisher der schärfste Kritiker des deutschen Bildungssystems. So manchen Bildungsminister hatte er in den vergangenen Jahren mit seinen Zahlenwerken zur Weißglut gebracht.

PISA, Iglu, Tims, Vera, wie die vielen großen und kleinen Schulstudien aus jüngster Zeit auch alle heißen, hinzu kommen noch die eigenen Untersuchungen der Kultusminister durch das ländereigene Institut zur Qualitätsverbesserung im Bildungswesen (IQB): Die deutschen Schulen werden seit dem Schock über das schlechte deutsche PISA-Abschneiden beim ersten Test im Jahr 2000 inzwischen ständig vermessen, mit Kennzahlen und neuen Daten erfasst. Mit 180 Millionen Euro pro Jahr fördert der Bund die Bildungsforschung insgesamt. In der deutschen Erziehungswissenschaft gibt es fast nur noch Auftragsforschung – und keine unabhängige Grundlagenforschung mehr.

In den Schulen mache sich inzwischen ein «Lernen für den nächsten Test breit», klagen mache Kritiker. Schulen müssten mehr sein als «Produktionsstätten abfragbaren Wissens», sagt die GEW-Vorsitzende Marlies Tepe. Und aus der Fachwissenschaft bekommt der bekannte PISA-Dauerkritiker Andreas Gruschka inzwischen häufiger Zustimmung. Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler hatte als erster gegen die ständige «Testeritis» an deutschen Schulen Front gemacht. Zudem sei die OECD eine reine Wirtschaftsorganisation, die vor allem die «Verwertbarkeit» der Schulabgänger auf dem Arbeitsmarkt im Blick habe, heißt es bei den Pisa-Kritikern.

Die Kultusminister halten im Verein mit ihren Schulforschern dagegen, dass die Leistungen inzwischen insgesamt besser geworden seien und die Zahl der leistungsschwachen Risikoschüler reduziert werden konnte. Doch die großen Probleme der deutschen Schulen – wie die nach wie vor hohe Abhängigkeit des Bildungserfolges von der sozialen Herkunft und auch die unzureichende Förderung von Migrantenkindern – sind immer noch nicht wirklich gelöst. Nach wie vor Kopfzerbrechen bereitet zudem das große Leistungsgefälle zwischen den Bundesländern.

Union und SPD konnten sich in ihrem Koalitionsvertrag nicht auf ein neues Programm zum Ausbau der Ganztagsschulen durchringen. Und den Ländern selbst fehlt dafür das Geld. Die Schuldenbremse wirft auch in den Landeshaushalten ihre Schatten voraus. KARL-HEINZ REITH, dpa

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