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200 Grundschulen wollen im Südwesten Ganztagschule werden

STUTTGART. Nach mehr als 40 Jahren wird die Ganztagsschule im Südwesten vom Schulversuch zur Regelschule. Etliche Kommunen stehen schon in den Startlöchern. Der Ganztagsbetrieb soll nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern auch die Chancengleichheit verbessern.

Rund 200 Grundschulen wollen im Schuljahr 2014/15 neue Ganztagsschulen werden. «Aus unserer Sicht ist das Interesse erfreulich groß, weil diese Aspiranten mit sehr kurzer Vorlaufzeit und noch ohne gültiges Gesetz das neue Konzept umsetzen wollen», sagte Städtetagsdezernent Norbert Brugger in Stuttgart. Unter den Interessenten seien 180 klassische Grundschulen und 16 Grundstufen von Förderschulen; 100 davon unterrichteten bereits ganztags auf Basis eines Schulversuchs. Insgesamt bieten von den derzeit 2500 Grundschulen 373 den Ganztag an, bislang an vier Tagen in der Woche. Das sind etwa 15 Prozent.

Insgesamt sollen nach dem Willen von Grün-Rot bis 2023 rund 70 Prozent aller Grundschulen mit 50 Prozent aller Schüler umgestellt sein. Die Vorreiter-Schulen sollten sich bis zum 28. März melden und bis zum 30. April verbindlich bewerben. Im Juli soll der seit mehr als 40 Jahren andauernde Schulversuch per Landtagsbeschluss auf ein gesetzliches Fundament gestellt werden; dann kann die gesetzliche Ganztagsschule ihren Unterricht im September 2014 beginnen.

Allein in Aalen (Ostalbkreis) haben laut Brugger sieben Schulen Interesse daran bekundet, in Karlsruhe seien es acht. Nach einem Bericht der «Stuttgarter Nachrichten» (Mittwoch) wollen in Stuttgart sieben Grundschulen Ganztagsbetrieb beantragen.

Das neue Konzept ist flexibler als das bisherige: Die Schulen können an drei oder vier Tagen Ganztagsbetrieb mit sieben oder acht Zeitstunden anbieten und erhalten dafür zwischen sechs und zwölf zusätzliche Lehrerwochenstunden. Im Endausbau wird das Land rund 158 Millionen Euro dafür zahlen müssen.

Nach den Worten von Brugger sind die Schulleitungen oft reservierter als die kommunalen Schulträger, die auf rasche Umsetzung dringen. «Die Städte und Gemeinden sehen, dass die Eltern Beruf und Familie unter einen Hut bekommen und nicht nach dem Kindergarten in ein Betreuungsloch fallen wollen», betonte der Bildungsexperte.

Die Rektoren seien auch deshalb nicht immer Feuer und Flamme, weil mit dem Ganztag neue Managementaufgaben auf sie zukämen – etwa das Organisieren der Angebote rund um den Unterricht aus dem neuen Budget, das bis zu 50 Prozent der zusätzlich zugewiesenen Lehrerwochenstunden umfassen kann. Brugger erinnerte an den Schulversuch mit Schulverwaltungsassistenten, die hälftig vom Land und der Kommune finanziert würden. «Es sollte geprüft werden, ob es sinnvoll ist, eine pädagogische und verwaltungstechnische Doppelspitze zumindest an großen Schulen zu installieren.»

Der Kommunalvertreter machte auch darauf aufmerksam, dass Kommunen und Land langfristig über Ferienangebote an den Ganztagsschulen ins Gespräch kommen müssten. Denn mit dem Ausbau der Ganztagsschulen verschwinden über kurz oder lang die Schülerhorte, die den Kindern auch in den Ferien Aktivitäten anbieten. Selbst wenn beide Eltern separat Urlaub nähmen, würde die Betreuung durch Vater und Mutter nicht ausreichen, um die gesamten Schulferien abzudecken. Julia Giertz/dpa

4 Kommentare

  1. Zitat: „Der Ganztagsbetrieb soll nicht nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sondern auch die Chancengleichheit verbessern.“
    Dazu:
    1) Wenn Vereinbarkeit von Familie und Beruf bedeutet, dass die Kinder leichter „abgeschoben“ werden können zugunsten des Berufs- und zu Lasten des Familienlebens, dann stimmt die These.

    2) Wenn Chancengleichheit bedeutet, dass Kinder ihre Eltern immer weniger sehen sollen, damit von dieser Seite nicht unterschiedliche Erziehungs- und Bildungschancen bestehen, dann stimmt auch diese These.

    Es bleibt allerdings die Frage, ob die Entwicklung hin zu Krippen, ganztägigen Kitas und Schulen so positiv ist wie suggeriert. Ich glaube das nicht und meine, dass immer mehr Kinder unter unnatürlichen Bedingungen aufwachsen und sich die Zeichen mehren, dass psychische Störungen die Folge sind.

    • So ist es! Auf lange Sicht haben wir das labile Einheitskind mit der Einheitsbildung und dem verordneten Einheitswertesystem.
      Nichts fürchten Ideologen so sehr wie gesunde Individualität, die ein Mindestmaß an Familienleben braucht.

    • 1) Wenn Ganztagsschule nur ‚Verwahrung‘ ist, dann stimmt Ihre These.
      2) s.o.

      Gute Ganztagsschulen sind jedoch keine Nachmittagsverwahranstalten für Kinder, sondern bieten diesen tatsächlich mehr, als die meisten Eltern es zwischen 13 und 16 Uhr zu leisten in der Lage wären. Ich selbst habe das erste Ganztagsgynmnasium NRWs besucht (das bereits seit den 60ern Ganztagsschule ist) und dort nachmittags ein differenziertes Angebot aus ’normalem‘ Unterrichts, betreuten Einzelarbeitsstunden (statt Hausaufgaben), Freizeitangeboten und kulturellen Aktivitäten erfahren. Kein Gewinn sind Schulen, in denen ‚Ganztagsschule‘ tatsächlich nur bedeutet, dass die Kinder nachmittags ‚von irgendwem‘ betreut werden. Wenn hier von ‚unnatürlichen Bedingungen‘ (Was ist denn ’natürlich‘ – solange wie möglich an Mamas Rockzipfel zu hängen? Wer bestimmt das? Sie?) gesprochen wird, offenbart sich doch auch nichts anderes als Ideologie. Und dass die Entwicklung von Individualität durch längere Schulzeiten gestört würde, ist auch nichts weiter als eine Behauptung – in guten Ganztagsschulen haben Kinder diverse Wahlmöglichkeiten, ich behaupte mal: Mehr als in den meisten Familien. Es zwingt Sie übrigens niemand niemand, Ihre Kinder auf eine solche Schule zu schicken.

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