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«TheaBib» und «Flatrate» – Wie Theater ihr Publikum verjüngen wollen

KARLSRUHE. Mal ganz woanders lernen: Karlsruher Studenten können zum Büffeln auch ins Foyer vom Badischen Staatstheater. Das entlastet die überfüllte Uni-Bibliothek – und nützt dem Theater.

Block, Leuchtstift, Bücher, Laptop. Auf kaffeehausartigen Tischen haben Studenten des Karlsruher Institutes für Technologie (KIT) ihre Arbeitsutensilien ausgebreitet. Manche brauchen gleich zwei der marmorierten Granittischplatten. Es ist leise, die Studenten arbeiten konzentriert wie in einer Bibliothek. Nur dass sie in keiner sind – sondern sich im Foyer des Badischen Staatstheaters Karlsruhe auf Referate und Klausuren vorbereiten.

Das «TheaBib» getaufte Projekt ist eine Aktion des Theaters, die in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des KIT entstanden ist. «Für uns ist das ein wichtiger Schritt der Öffnung», sagt Schauspieldirektor Jan Linders. «Wir wollen einfach an die Studenten herankommen.» Um junge Leute für das Theater zu gewinnen, müssten sie früh mit ihm vertraut sein und völlig selbstverständlich dort ein- und ausgehen.

Das Pilotprojekt nützt keineswegs nur dem Staatstheater. Initiiert wurde es vom KIT. Dort beschäftigten sich Forscher wissenschaftlich mit Lernräumen – und fanden das Theaterfoyer. «Es hat die Vorteile einer Bibliothek, da man sich nicht wie zu Hause ablenken lässt – und es hat die Vorteile von Zuhause», sagt Alexa Kunz, die das Projekt KIT-seits betreut. In der «TheaBib» gibt es W-Lan, ein sogenanntes Lernmobil, wo man Stifte, Locher oder Papier findet, und ein Kaffeemobil mit Getränken, Schokolade oder Studentenfutter. Lernkomfort fast wie daheim.

Finanziert wird die «TheaBib» inzwischen von einem Sponsor. Er bezahlt einen studentischen Lernberater des KIT, der gleichzeitig als Aufsicht fungiert. Außerdem kommt der Geldgeber für das Lernmobil mit Drucker und Scanner auf. Mit 150 Lernplätzen entlastet die während der arbeitsintensiven Semesterferien geöffnete «TheaBib» auch die Uni-Bibliothek: Deren 1300 Plätze sind in der vorlesungsfreien Klausurenphase schon morgens besetzt.

Die meisten Studenten lernen, manche schlendern auch mal kurz zu den Flyern des Theaters, die dort ausliegen. «Ich war schon ewig nicht mehr im Theater», gibt eine Informatikstudentin zu. Aber sie möge die Atmosphäre dort. Wenn sie irgendwann demnächst mal ein Ticket kauft, hat das Theater schon gewonnen.

Zwar liegen Zahlen zum Altersdurchschnitt des Theaterpublikums bundesweit nicht vor; der Deutsche Bühnenverein erhebt nach Angaben einer Sprecherin solche Zahlen nicht. Aber dass Theater landauf landab Probleme haben, junge Menschen in ihre Häuser zu bekommen, darüber herrscht Einigkeit.

Im Badischen Staatstheater hatte Intendant Peter Spuhler gleich zu Beginn seiner Amtszeit eine Publikumsbefragung angeleiert. Ergebnis: Zuschauer über 50 Jahre waren deutlich überrepräsentiert. Jüngere Menschen, vor allem Schüler und Studenten, dagegen nicht so häufig im Theater zu sehen.

Um das zu ändern ist das Staatstheater seit langem in sozialen Netzwerken präsent. Eins von vielen Projekten ist außerdem eine sogenannte Flatrate, bei der Studenten eine Freikarte pro Vorstellung bekommen. Mit der Musikhochschule und der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe läuft das bereits. An den Kosten beteiligen sich die Studentischen Selbstverwaltungen.

Auch der Intendant am Theater Heidelberg, Holger Schultze, lockt Studenten in sein Haus: mit einem Info- und Verkaufsstand in der Mensa während des Semesters und mit einer günstigen Unicard. Außerdem schreibt sein Theater in der Unizeitung, liefert Beiträge für das Campus-Radio und veranstaltete 2013 erstmals eine Woche «Theater Campus» – Mittagessen mit Intendanten und Künstlern inklusive.

In Mannheim zahlen Studis elf Euro für das Einsteigerpaket «Expedition Oper» – mit Rundgang, Einführung, Vorstellung. Zweimal im Jahr gibt es eine Party für Studenten – aber nur, wer eine Karte für die Theatervorstellung davor hat, könne danach auch feiern gehen, erklärt eine Sprecherin. Das Staatstheater Stuttgart hat die Studenten ebenfalls längst im Visier.

Ins Theater gehen eher ältere Menschen. (Foto: ORANGEMINE  / pixelio.de)

Ins Theater gehen zurzeit eher ältere Menschen. (Foto: ORANGEMINE / pixelio.de)

Beim Badischen Staatstheater gehört die «TheaBib» zum Haus und steht sinnbildlich für die Anstrengungen von Theatern, sich jenseits jeder elitären Bildungsidee mitten im Alltag positiv breitzumachen. «Kultur muss so selbstverständlich werden wie ein Lebensmittel», sagt Linders. Anika von Greve-Dierfeld/dpa

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