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Unterrichten von Klasse 1 bis 10: Primusschule in NRW nimmt nur langsam Fahrt auf

MINDEN. Gemeinsames Lernen von der ersten bis zur zehnten Klasse. Vor einem Jahr startete in Minden der Schulversuch PRIMUS. Trotz positiver Einjahresbilanz wollen sich NRW-weit weniger Schulen an dem Versuch beteiligen, als erhofft. Schulministerin Löhrmann macht dafür unter anderem die Dynamik der Schulentwicklung verantwortlich.

Eigentlich sollten sich 15 Schulen beteiligen. Im kommenden Schuljahr gehen aber nur vier an den Start, nämlich Schalksmühle (Märkischer Kreis), Viersen, Titz (Kreis Düren) und Münster.

Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) sieht für die verhaltene Reaktion der Schulen mehrere Gründe. So müssten für eine Verknüpfung von Primar- und Sekundarstufe an einem Standort genügend Räume «jenseits der drei- oder vierzügigen Regelschule» zur Verfügung stehen. «Hinzu kommt die aktuelle Dynamik der Schulentwicklung in Nordrhein-Westfalen», sagte Löhrmann. «Innerhalb von nur drei Jahren wurden rund 200 neue Schulen des längeren gemeinsamen Lernens errichtet.» So stünden neben der Primusschule auch Sekundar- oder Gesamtschulen als weitere Optionen zur Diskussion.

Schulministerin Sylvia Löhrmann sieht Raumproblme und die Dynamik der Schulentwicklung als Gründe für die verhaltene Reaktion auf die Primussschule. Foto: Bündnis 90/Die Grünen / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Schulministerin Sylvia Löhrmann sieht Raumproblme und die Dynamik der Schulentwicklung als Gründe für die verhaltene Reaktion auf die Primussschule. Foto: Bündnis 90/Die Grünen / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

In Minden gibt es seit knapp einem Jahr die landesweit erste und bislang einzige Primusschule. Hier sollen die Schüler von der ersten bis zur zehnten Klasse durchgehend gemeinsam lernen. Der Wechsel nach der 4. Klasse von der Grundschule in die weiterführende Schule entfällt.

«Für mich ist das die Schule der Zukunft», sagt Marie Breuer. Die 31-Jährige ist Lehrerin an Nordrhein-Westfalens erster und bislang einziger Primusschule in Minden. Breuer ist überzeugt: «Der Wechsel nach der Klasse 4 ist ein wahnsinniger Bruch, erzeugt viel Druck und viel Stress.»

Für den zehnjährigen Schulversuch haben sich in Minden die Cornelia-Funke-Grundschule und die auf der anderen Straßenseite liegende Kurt-Tucholsky-Gesamtschule zusammengetan. «Ideale Voraussetzungen», sagt die kommissarische Schulleiterin, Antje Mismahl. Denn die Lehrerkollegien müssen jetzt viel enger zusammenarbeiten, um den Schulalltag aus einem Guss zu gestalten.

Vor knapp einem Jahr ging es los mit der ersten und der fünften Klasse. Es soll hier jahrgangsübergreifenden Unterricht, offene Lernformen, keine Noten bis zur Klasse 8 und kein Sitzenbleiben mehr geben.
Ist das also die Einheitsschule, wie der Elternverein NRW kritisiert? «Das ist hier keine Einheitsschule, keine Gleichmacherei, im Gegenteil», weist Mismahl den Vorwurf zurück. «Wir fördern hier Vielfalt.»

Und ist der Übergang zur weiterführenden Schule überhaupt ein so großes Problem? Der Bielefelder Bildungsforscher Professor Eiko Jürgens meint ja und spricht vom «Sekundarschock». Spätestens in der 2. Klasse beginne mit den Zensuren die Arbeit auf ein Ziel hin: Das Kind soll auf das Gymnasium. Und alles hänge von dem Zeugnis und der Empfehlung in der 4. Klasse ab. «Die Primusschule hat den riesigen Vorteil: Sie nimmt den Druck weg.»

Außerdem biete das gemeinsame Lernen bis zur 10. Klasse viel mehr Möglichkeiten, die Potenziale der Schüler individuell auszuschöpfen, sagt der Pädagoge. In dem gegliederten System seien die Schüler oft auf die Haupt- oder Realschule festgelegt. Die Durchlässigkeit habe sich zwar verbessert. «Dennoch ist der Abstieg immer noch deutlich häufiger als der Aufstieg.»

Die Primusschule in Minden, 1. Klasse. Die Türen der Klassenräume stehen offen, Kinder sitzen in kleinen Gruppen an Tischen oder auf dem Boden, würfeln, zählen, diskutieren. Die Schulglocke läutet, aber Klassenlehrerin Katja Opitz lässt die Pause ausfallen. Sie geht zwischen den Gruppen hin und her, berät, erklärt, gibt einen Anstoß und geht weiter. Lernbegleitung statt Frontalunterricht.

Opitz sagt, von gemischten Lerngruppen profitierten alle: «Die leistungsstarken Schüler lernen sowieso und ziehen die Schwächeren nach oben. Und dazu bekommen sie auch noch mehr Sozialkompetenz.»

Szenenwechsel: Klasse 5.2. Lehrerin Breuer fragt die Schüler nach dem Stand ihrer Arbeit. Die Klasse soll einen Wandertag konzipieren. Dazu müssen die Schüler ein Ziel recherchieren und ein Plakat malen. Jana ist schon fertig. «Dann kannst du ja jemandem helfen, der noch nicht so weit ist», schlägt die Lehrerin vor. Tim findet die Gruppenarbeit großartig, «auf jeden Fall viel besser als alleine». Stina-Marit arbeitet lieber alleine. «Dann kann ich mich besser konzentrieren.»

Maya delegiert manche Rechenaufgabe an Maeg, der besonders gut rechnen kann. «Durchschummeln geht trotzdem nicht», sagt Sarah. «Die Lehrer beobachten genau, wer was in der Gruppenarbeit macht.» Und dann gibt es die Tests oder Arbeiten, die die Schüler alleine bewältigen müssen.

Am Ende steht ein Lernzertifikat für jeden Schüler. Dort wird das Projekt beschrieben, was der Schüler gut gemacht hat, was er noch besser machen könnte. «Es gibt schon Eltern, die lieber Zensuren sehen würden», räumt Breuer ein. «Das liegt daran, dass sie die aus ihrer Schulzeit kennen.»

Meike Wolf, deren Tochter Smilla in die 1. Klasse geht, will keine Noten für ihr Kind. Wolf hat als Arbeitgeberin ihren eigenen Blick auf Druck und Zensuren: «Wenn die jungen Leute nur mit Druck etwas leisten können, dann muss ich als Arbeitgeber auch Druck machen. Mir ist aber lieber, wenn sie selbstständig arbeiten können.»

Auch die durchgehende gemeinsame Schulzeit findet Meike Wolf gut. «Es braucht seine Zeit herauszufinden, was für ein Kind das ist.» Bildungsforscher Jürgens sagt, die Empfehlungen der Lehrer nach der 4. Klasse würden sich oft nicht bestätigen. Dagegen könnten sie nach der 9. Klasse eine sehr sichere Prognose abgeben.

An vielen Stellen betreten die Lehrer der Primusschule Neuland, das macht zusätzliche Arbeit. Die angekündigte wissenschaftliche Begleitung gibt es noch nicht. «Der Arbeitsaufwand wird in dieser Schulform wohl immer mehr sein, als in einer herkömmlichen Schule», sagt Breuer. «Das mach‘ ich aber gerne, das ist es mir wert.» (Matthias Benirschke, dpa)

zum Bericht: Primusschule = Einheitsschule? – Schulversuch in Minden startet

3 Kommentare

  1. Auf welche Weise ist die positive Einjahresbilanz zustande gekommen? Gibt es für solche Urteile nachprüfbare Fakten oder handelt es sich um Selbstauskünfte?

  2. Ich finde es spannend, in 5 – 6 Jahren zu erfahren, ob sich die positiven Erwartungen erfüllt haben. Wenn ja, dann werden viele andere Schulen auch mitmachen. Bis dahin schauen wir lieber mal zu.

    • Wenn das mal so einfach wäre mit dem Zuschauen und Abwarten. Die Vergangenheit hat da anderes gelehrt. Sowie eine neue pädagogische Sau durchs Dorf getrieben wurde, sprangen viele Schulen auf sie auf. Hauptsache, man gehörte zu den Pionieren und machte Schlagzeilen.
      Kühlen Kopf behielten da meinem Eindruck nach noch am ehesten die Lehrer an den Gymnasien.

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