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Sexuelle Vielfalt im Unterricht: Demonstrationen in Stuttgart – 100 Teilnehmer vorübergehend festgenommen

STUTTGART. Deutlich weniger Teilnehmer als von den Veranstaltern erwartet demonstrierten in Stuttgart gegen den Plan der Landesregierung, das Thema „sexuelle Vielfalt“ in den Bildungsplänen stärker zu gewichten. Bei der zeitgleichen Gegendemonstration kam es zu Ausschreitungen.

Der Konflikt um das Thema sexuelle Vielfalt im Schulunterricht gewinnt weiter an Schärfe. Bei Demonstrationen für und gegen das Vorhaben der Landesregierung, Schülern eine Akzeptanz für verschiedene sexuelle Orientierungen zu vermitteln, ist es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen. Rund 100 Personen, die die Polizei dem linken Spektrum zuordnet, hätten sich in Stuttgart unter die Demonstranten gemischt. 800 Polizisten waren im Einsatz, 100 Menschen wurden kurzzeitig festgenommen. Nach tumultartigen Szenen sahen sich die Polizisten eigenen Angaben zufolge sogar gezwungen, Pfefferspray und Schlagstöcke einzusetzen.

Die Debatte um Homosexualität im Unterricht heizt nach wie vor die Gemüter auf. Foto: Elsie esq. / Flickr (CC BY 2.0)

Die Debatte um Homosexualität im Unterricht heizt nach wie vor die Gemüter auf. Foto: Elsie esq. / Flickr (CC BY 2.0)

Unter dem Motto «Ehe und Familie» hatte ein Bündnis aus konservativen und religiösen Gruppen zur vierten Demonstration gegen den Bildungsplan aufgerufen. Das Bündnis kämpft gegen das Vorhaben von Grün-Rot, das Thema sexuelle Vielfalt durch den neuen Bildungsplan stärker im Schulunterricht zu verankern.

Die Schule müsse die Sexual- und Werteerziehung den Eltern überlassen, forderte die Koordinatorin des Verbands, Kerstin Kramer. «Dieses Elternrecht darf nicht ausgehebelt werden.» Auf Plakaten und Spruchbändern warfen die Demonstranten der Landesregierung eine Sexualisierung der Schüler vor. «Schützt unsere Kinder» und «Kinder brauchen Liebe, keinen Sex» stand auf den Plakaten.

Gleichzeitig hatten die Grüne Jugend Baden-Württemberg und das «Netzwerk gegen Rechts Stuttgart» zu einer Gegendemo aufgerufen. Es gehe darum, gegen «rechte Hetze und fanatische Stimmungsmache» Flagge zu zeigen, betonten sie. «Bildungsplan statt Bibelwahn» und «Vielfalt wahren» hatten die Teilnehmer der Gegendemo auf ihre Plakate geschrieben. Doch was von der Grünen Jugend als «fantasievolle, bunte und gewaltfreie Gegendemonstration» vorgesehen war, wurde nach Angaben der Polizei von Tumulten überschattet.

«Circa Hundert schwarz gekleidete Personen, die sich teilweise vermummt hatten, versammelten sich mit Fahnen und Transparenten am Schillerplatz», sagte ein Polizeisprecher. Schließlich sei es zu Provokationen und Straftaten gekommen. Als die Gruppe versucht hätte, ein Polizeigitter zu durchbrechen, habe es «tumultartige Szenen» gegeben. Um der Lage Herr zu werden, hätten die Einsatzkräfte Schlagstücke und Pfefferspray einsetzen müssen. Schließlich seien rund 100 Menschen vorläufig in Gewahrsam genommen und ihre Personalien festgestellt worden. Verletzt wurde bei diesen Zusammenstößen aber wohl niemand. Wenig später wurde allerdings ein 50-jähriger Fußgänger durch einen geworfenen Böller leicht verletzt.

Es ist bereits die vierte Demonstration gegen den Bildungsplan, den die Landesregierung 2016 an den Schulen im Land einführen will. Zuletzt hatten rund 1000 Bildungsplangegner Anfang April gegen die Aufwertung des Themas sexuelle Vielfalt im Unterricht demonstriert. Zu der Demo am Samstag hatten die Veranstalter statt der 700 Teilnehmer eigentlich mit 2000 bis 3000 Menschen gerechnet.

Bereits bei vorangegangenen Kundgebungen war es zu Rangeleien zwischen Gegnern und Befürwortern des Bildungsplans gekommen. Die Landesregierung hatte ursprünglich geplant, die Akzeptanz sexueller Vielfalt zu einem Leitprinzip des Unterrichts zu erklären. Dagegen hatten 192 000 Menschen eine Petition unterzeichnet. Die Gegner werfen der Landesregierung «Umerziehung», «Indoktrination» und «grünen Gesinnungsterrorismus» vor. Zwei Petitionen für den Bildungsplan fanden allerdings noch deutlich mehr Unterstützung.

Kultusminister Andreas Stoch (SPD) hatte als Reaktion auf die Kritik den Gedanken der Toleranz gegenüber Menschen mit verschiedenen sexuellen Neigungen weiter gefasst. Jetzt ist auch von Akzeptanz einer ethnischen, religiösen oder kulturellen Vielfalt die Rede. Die CDU im Landtag fordert, diese Leitperspektiven komplett zu streichen. Zu den Ausschreitungen bei den Stuttgarter Demos wollte sich das Ministerium nicht äußern. (dpa)

zum Bericht: Sexuelle Vielfalt im Unterricht erneut auf dem Tapet

9 Kommentare

  1. Bei genauem Lesen stellt man fest, dass die gewaltsamen Ausschreitungen von der einen Seite in diesem Meinungsstreit ausgehen; von denen, die „gegen «rechte Hetze und fanatische Stimmungsmache»“ protestieren … Aha!???

  2. Der Stuttgarter CSD-Verein hat auf seiner Website vor einigen Wochen erklärt, dass er sich im Sinne einer Versachlichung der Debatte nicht mehr an Protesten auf der Straße beteiligen wird. Er setzt stattdessen auf Aufklärung und konstruktive Diskussionen – sicherlich ist das eine Strategie, die keinerlei mediale Aufmerksamkeit erregt. So entsteht leider das Bild, dass sich nur ein paar gewaltbereite Angehörige des linken Spektrums an den Protesten der Bildungsplangegner stören. In Wahrheit befürchten Tausende Homosexuelle einen Rechtsruck der Gesellschaft, aber gehen nicht auf die Straße, um einen Kulturkampf zu vermeiden. Offenbar haben sie noch keinen Weg gefunden, ihren Standpunkt hinreichend öffentlich klarzumachen und Gehör zu finden, ohne die Konfrontation auf der Straße zu suchen.
    Es handelt sich außerdem nicht um einen „Meinungsstreit“, sondern um eine Auflehnung reaktionärer Kräfte gegen Jene, die die Marginalisierung anders liebender Menschen endlich beenden wollen. Es geht nicht um eine Meinung. Es geht darum, Jugendliche, die sich nicht zur heterosexuellen Mehrheit zählen können, endlich nicht mehr auszugrenzen, sondern ein Klima der Akzeptanz schaffen, in dem auch sie sich trauen können, sich ebenso frei zu entfalten wie die Mehrheit ihrer Klassenkameraden.

    • Ist ein solcher Unterricht gerechtfertigt, wenn nichts anderes als ein Klima der „Toleranz“ und Angstfreiheit geschaffen werden soll? Dagegen hätten die Eltern doch nichts. Die Unterrichtsvorschläge der GEW jedoch oder die von Erziehungsexperten wie bspw. Elisabeth Tuider (s. u.) lassen hingegen an den frommen Absichten der Lobbygruppen wie dem CSD-Verein zweifeln.
      Und natürlich muss bei Ihnen auch noch die Anspielung auf einen drohenden Rechtsruck her, weil die ja für oder gegen alles so wunderbar funktioniert: „In Wahrheit befürchten Tausende Homosexuelle einen Rechtsruck der Gesellschaft…“
      Sie lassen aber auch kein wirkungsvolles Klischee aus, um die sexuelle Vielfalt in den Schulunterricht zu bringen.
      http://www.hna.de/lokales/kassel/kasseler-soziologin-fordert-sexualkundeunterricht-praktischen-uebungen-3664580.html

      http://www.hna.de/lokales/kassel/prof-elisabeth-tuider-ueber-zeitgemaesse-sexualpaedagogik-3665092.html

      • Von einem der Initiatoren der Petition zum Bildungsplan 2015 hörte ich, dass sie die derzeitigen Demonstrationen (beider „Seiten“) nicht unterstützen. Die warten eher darauf, ob die von der bw. Regierung angekündigten Änderungen am Bildungsplan echt oder nur Ablenkungsmanöver sein werden. Im günstigsten Fall wäre das ursprüngliche Ziel „neuer Bildungsplan, erstellt unter möglichst großer Transparenz“ erreicht.

      • Ich schrieb nicht von Toleranz, sondern von Akzeptanz. Dagegen haben diese „besorgten Eltern“ sehr wohl etwas. Die legen sogar allerhöchsten Wert darauf, dass man nicht mehr als Toleranz von ihnen und ihren Kindern verlangen kann, und dass man ihre Kinder nicht dazu erziehen darf, etwas zu akzeptieren, was sie bestenfalls tolerieren möchten. Das eigene Kind darf sich also darauf freuen, von seinen Eltern ertragen und geduldet zu werden, falls sich herausstellen sollte, dass es nicht heterosexuell ist. Toleranz ist das Ertragen von etwas, das man innerlich ablehnt. Mehr nicht. Mit dieser Haltung schafft man kein Klima einer freien Entfaltung, sondern hält den heteronormativen Erwartungsdruck aufrecht. Diese Toleranz beschreibt Gabriele Kuby mit Sätzen wie „Wir Christen tolerieren grundsätzlich unsere Mitmenschen – egal, in welcher Sünde sie leben. Wir leben ja alle in Sünde.“ Damit ist eigentlich alles gesagt. Diese Bewegung ist nicht imstande, sich ausgelebte Homosexualität als etwas Unschuldiges vorzustellen. Genau deshalb wäre der Bildungsplan doch so immens wichtig gewesesen!

        Stein des Anstoßes gegen den Bildungsplan waren keine Sex Toys, sondern das formulierte Ziel der Akzeptanz von Vielfalt in Bezug auf sexuelle Orientierungen und Identitäten. Es geht darum, wer man ist und in wen man sich – seiner Natur entsprechend -verliebt.

        Dass man über die angemessene Ausgestaltung des Sexualkundeunterrichts streiten kann, bleibt doch unbenommen. Aber um die Vermittlung sexueller Praktiken ging es doch in den kritisierten Teilen des Bildungsplans gar nicht!

        Und ja: wenn Menschen plötzlich gegen die Akzeptanz von Minderheiten auf die Straße gehen, dann ist das ein drohender Rechtsruck. Homosexuelle wurden noch bis 1969 in der BRD aufgrund eines gültig gebliebenen Nazi-Gesetzes verurteilt und haben deshalb einen Reicher dafür.

        • Sie schreiben: „Aber um die Vermittlung sexueller Praktiken ging es doch in den kritisierten Teilen des Bildungsplans gar nicht!“
          Oh doch, zumindest hat der Bildungsplan der Gewerkschaft GEW und anderen Lobbyisten Tür und Tor dafür geöffnet, was ich nicht als Zufall werte.
          Im Übrigen ist die Forderung von Toleranz in Ordnung, nicht aber die von Akzeptanz. Vielleicht machen Sie sich mal schlau über den Unterschied der beiden Begriffe.

          • Niemand kann sich seine sexuelle Orientierung frei aussuchen oder sie verändern. Genau dies versucht ja auch die GEW herauszuarbeiten, wenn sie etwa in einem Arbeitsblatt die bewusst provokante Frage stellt: „Wann hast du dich dafür entschieden, heterosexuell zu werden?“

            Bitte begründen Sie, warum aus Ihrer Sicht die Forderung von Akzeptanz nicht in Ordnung ist. Oft wird behauptet, Akzeptanz sei ja mit einem positiven Werturteil verbunden, welches man als Heterosexueller nicht teilen könne. Dieses Argument kann ich insofern nicht gelten lassen, als es den falschen Gegenstand der Beurteilung impliziert. Es geht um die Akzeptanz von Menschen, die sich in Menschen des gleichen Geschlechts verlieben. Es geht um eine Wertschätzung der Beziehungen, die diese Menschen führen. Aber niemand verlangt von Ihnen, dass Sie persönlich an gleichgeschlechtlicher Liebe Gefallen finden sollen. Dies wäre für die Akzeptanz von Homosexualität ja auch völlig unnötig! Ich kann ja schließlich auch Linkshänder akzeptieren, obwohl mir völlig klar ist, dass ich für den Rest meines Lebens Rechtshänder bleiben werde.

            Also – was spricht Ihrer Ansicht nach dagegen, für gleichgeschlechtlich liebende Menschen und deren Beziehungen Akzeptanz einzufordern?

  3. An Ihrer hehren Behauptung, es ginge beim Sexualunterricht laut Bildungsplan nur um die Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlich liebenden Menschen, hege nicht nur ich Zweifel, sondern auch andere:

    http://www.familien-schutz.de/wp-content/uploads/2014/05/SZ-24.04.2014.pdf

    Bezüglich des Unterschiedes zwischen Akzeptanz und Toleranz bitte ich Sie, sich doch selbst zu informieren. Das Internet bietet vielfältige Möglichkeiten zur Begriffsklärung.

    • Ich hatte Sie nicht darum gebeten, mir den Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz zu erklären – den kenne ich nämlich bereits – sondern ich will von Ihnen wissen, was Sie gegen die Anerziehung von Akzeptanz einzuwenden haben. Ich kann beim besten Willen nichts Falsches daran finden, wenn man Kinder schon früh und vor allem wertneutral darüber aufklärt, dass manchmal auch zwei Männer oder zwei Frauen einander lieben und zusammen leben wollen. Dies betrifft rein statistisch immerhin 1 – 2 Personen in jeder Schulklasse! Die Schule hat kein Recht darauf, diesen Kindern durch Ignoranz das Leben schwer zu machen! Sie sollen genauso unbeschwert leben, sich verlieben und ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln können wie jeder andere auch – ohne jeglichen Selbsthass, ohne Angst vor Ausgrenzung, ohne sich zu schämen für das was sie sind. Auch die nicht-heterosexuellen Jugendlichen sollen sich manchmal wiederfinden können in den Themen und Materialien des Unterrichts, die ja immer auch ein Spiegel der Gesellschaft sind. Sie sollen durch selbstverständliche und unprätentiöse Integration in den Schulalltag in dem Selbstverständnis aufwachsen, dass sie mitten in die Gesellschaft gehören – und nicht etwa in irgendeine sündige Schmuddelecke, die sich religiös verblendete Traditionalisten extra für sie ausgedacht haben! Es sind Kinder und Jugendliche, die selbstverständlich und ohne jede Einschränkung dazugehören – und nicht etwa welche, denen man politisch korrekte Toleranz entgegenbringen soll, obwohl sie für die Gesellschaft „natürlich“ weniger wert sind. Eine solche gönnerhafte Toleranz, die sich über andere erhebt, wäre kein gesellschaftlicher Fortschritt, sondern faschistoid.

      Dies alles hat mit „Sexualunterricht“, wie Sie es nennen, herzlich wenig zu tun – vielmehr damit, dass in einer Mathe-Textaufgabe vielleicht auch mal ein Felix und ein Leon zusammen Möbel kaufen gehen und wirtschaften müssen. Oder dass man im Informatikunterricht auch mal am Rande erwähnt, dass Alan Turing als Homosexueller verfolgt und in den Selbstmord getrieben wurde, nachdem er mit dem Entschlüsseln der Enigma-Codes fertig und der Krieg gewonnen war. Und ist es inzwischen nicht längst ein Teil der Allgemeinbildung, dass man weiß, was ein CSD ist: nämlich immer auch eine politische Demonstration mit historischen Wurzeln im Kampf um Freiheit, Anerkennung und Gleichberechtigung, eine Demonstration von Lebensfreude und Selbstbewusstsein trotz sexueller Andersartigkeit – und eben nicht nur eine freizügige große Party für Schwule. Die Historie der Schwulen- und Lesbenbewegung gehört heute schlicht zur Gesellschaftskunde!

      Ebenso sollte man im Biounterricht auch mal erwähnen, dass manche Menschen mit körperlichen Merkmalen geboren werden, die keine eindeutige Zuordnung des Geschlechts erlauben. Über die ethische Problematik einer fremdbestimmten operativen Festlegung des Geschlechts in früher Kindheit kann man doch mal im Unterricht diskutieren? Und wem soll das Wissen schaden, dass es auch Menschen gibt, die sich ihrem körperlichen Geschlecht nicht zugehörig fühlen oder die manchmal das Bedürfnis verspüren, in die Rolle des anderen Geschlechts zu schlüpfen? Warum soll man darüber nicht aufklären?

      Nun kommen Sie doch mal von Ihrem übersexualisierten Blickwinkel weg! Versuchen Sie doch mal, sich eine altersgerechte Aufklärung über sexuelle Vielfalt ohne den schmuddeligen Pornounterricht vorzustellen, den Sie da ständig hineinprojizieren. Vermutlich wurde in dem Arbeitspapier des Ministeriums nicht ohne Grund so detailliert durchdekliniert, wie der Aspekt „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ thematisch ausgefüllt werden könnte: damit phantasielose Philologen gar nicht erst auf die Idee kommen, dass es den Autoren vor allem um die Vermittlung homosexueller Sexpraktiken ginge. Leider legt man dies den Autoren als ideologisch motivierte Überbetonung und nicht als vorausschauende Präzisierung und Klarstellung aus.

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