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Auf den letzten Drücker – Das Problem mit der Aufschieberitis

TÜBINGEN. Lästiges lässt wohl jeder gerne liegen. Nicht nur Studenten bringt das häufig aus dem Rhythmus. Für Experten ist die Aufschieberitis vor allem ein Problem für Menschen, die sich viel selbst organisieren müssen. Also auch für Lehrer.

«Heute mal wieder nichts geschafft. Morgen auf ein neues…» Elf Personen gefällt dieser Eintrag bei Facebook. Er ist nicht ganz untypisch für viele Studierende. In der Bibliothek der Universität Tübingen sitzen sie einer hinter dem anderen und wollen sich eigentlich auf ihre Prüfungen vorbereiten. Doch ein Blick auf die Laptop-Bildschirme vor ihnen zeigt, dass sich viele mit ganz anderen Dingen beschäftigen: Welche neuen witzigen Videos gibt es bei Youtube? Was machen meine Freunde bei Facebook? Und ich wollte ja auch noch dieses Spiel für mein Smartphone ausprobieren. Das ewige Aufschieben kann zum echten Problem werden und beschäftigt sogar die Psychotherapeutische Beratungsstelle der Uni.

In der Mittagspause unterhalten sich die Studenten in der Mensa nebenan. Am Vormittag sei sie zu nichts gekommen, deswegen müsse sie am Nachmittag so richtig loslegen, erzählt eine Studentin. Und dann kommt der Satz: «Ich habe mal wieder zu viel prokrastiniert.» Prokrastination – ein Begriff, der inzwischen fest zum Sprachgebrauch vieler Studenten gehört. Andere nennen es schlicht Aufschieberitis. Im Kern geht es darum, unliebsame Aufgaben aufzuschieben, weil anderes angenehmer oder wichtiger erscheint.

Copyshop-Besitzer Benjamin Kuhn hat täglich mit Kunden zu tun, die Dinge auf die lange Bank schieben. Vor allem Abschlussarbeiten würden häufig erst in letzter Minute fertig, erzählt er. Kurz vor knapp kämen die Studierenden dann in seinen Laden gehetzt, um die Arbeit noch drucken zu lassen. «Die meisten haben den Abgabetermin an dem Tag, an dem sie zu mir kommen», erzählt Kuhn. Nicht selten stünden seine Kunden schweißgebadet und zittrig vor ihm. «Die haben tagelang nicht geschlafen, nur noch geschrieben. Die sind völlig fertig.»

Stress kann ansteckend sein, ermittelten Tania Singer und Clemens Kirschbaum. Foto: topgold / flickr (CC BY 2.0)

Ständiges Aufschieben kann Stress auslösen. Foto: topgold / flickr (CC BY 2.0)

Doch nicht nur für die Studierenden selbst, auch für andere Beteiligte kann das Aufschieben zu Stress führen. Kuhn kennt das nur zu gut: «Manchmal kommen die Studenten kurz vor Ladenschluss oder rufen spät noch an, ob ich zurückkommen kann.» Bisher hat er immer eine Lösung gefunden. Schließlich kenne ja jeder Situationen, in denen man unangenehme Aufgaben liegen lässt.

Im Ernstfall kann das Aufschieben den Studienerfolg gefährden, erklärt Stefan Balz von der Psychotherapeutischen Beratungsstelle der Universität Tübingen. Einige Studenten seien so sehr beeinträchtigt, dass sie ihre Aufgaben am Ende gar nicht mehr fertigstellen könnten. Das hat laut dem Psychotherapeuten jedoch nichts mit Faulheit zu tun. Vielmehr hätten viele Betroffene ein Organisationsproblem sowie Angst vor einer negativen Bewertung.

Studien zufolge schieben je nach Definition zwischen 20 und 70 Prozent der angehenden Akademiker Aufgaben regelmäßig auf. «Das heißt aber nicht, dass alle fürchterlich darunter leiden und am Ende gar nichts mehr hinbekommen», erklärt Balz. Man müsse zwischen krankhaftem Aufschieben und «schon fast gekonnter Arbeitsteilung» unterscheiden. «Wenn jemand realistisch einzuschätzen weiß, was er in welcher Zeit zu leisten im Stande ist und das funktioniert, muss man das nun nicht problematisch finden.»

Balz ist jedenfalls überzeugt, dass viele den Druck, dem die Studierenden ausgesetzt seien, unterschätzen. «Viele sagen: „Wieso müssen die denn aufschieben? Die führen doch ein Lotterleben und haben alle Zeit der Welt“», erzählt er. «Es wird verkannt, was das für eine hohe Anforderung ist, sich selbst zu organisieren.» Anna Wieland

 

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