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„Sexuelle Vielfalt“ im Unterricht: Befürworter und Gegner von grün-rotem Bildungsplan bringen sich in Stellung

STUTTGART. Grün-Rot in Baden-Württemberg will mit einem Aktionsplan die Gleichberechtigung von sexuellen Minderheiten in der Gesellschaft voranbringen. Parallel soll als Teil eines neuen Bildungsplans das Thema sexuelle Vielfalt in den Schulen behandelt werden. Doch die Pläne ernten harsche Kritik. Die Gegner haben für Sonntag in Stuttgart bereits zum sechsten Mal zur «Demo für alle» aufgerufen und erwarten laut Stadt bis zu 2000 Menschen. Auch eine Gegendemo ist bereits angemeldet. Das steckt hinter dem Protest:

Nach Veranstalterangaben demonstrierten beim letzten Mal rund 2.400 Menschen gegen den Bildungsplan von Grün-Rot. Foto: Demo für alle

Nach Veranstalterangaben demonstrierten beim letzten Mal rund 2.400 Menschen gegen den Bildungsplan von Grün-Rot. Foto: Demo für alle

Um was geht es beim Aktionsplan?

Der Aktionsplan «Für Akzeptanz & Gleiche Rechte» soll die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung in der Gesellschaft unterbinden. Ähnliche Pläne gibt es bereits in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Unter anderem soll ein psychosoziales Beratungsangebot für Schwule, Lesben, Transsexuelle und Transgender-Menschen aufgebaut sowie spezielle Angebote für Jugendliche geschaffen werden. Pfleger von älteren Menschen und Behinderten sollen sensibilisiert werden. Das Sozialministerium geht davon aus, dass etwa 700 000 bis 1,1 Millionen Menschen in Baden-Württemberg sexuellen Minderheiten angehören.

Worum geht es bei dem Bildungsplan?

Als Teil des Aktionsplanes sollen auch Vorurteile bei Schülern abgebaut werden. Dafür sollen nach der Bildungsplanreform ab Herbst 2016 die Themen geschlechtliche Identität und sexuelle Orientierung unter der Leitperspektive «Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt» im Unterricht behandelt werden. Dabei sollen Schüler lernen, sexuelle, ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt zu akzeptieren. Bildungspläne regeln allgemein, welche Kompetenzen die Schüler erwerben sollen – und zwar fächerübergreifend.

Was treibt die Befürworter an?

Der Lesben- und Schwulenverband in Baden-Württemberg hat den grün-roten Aktionsplan zur Gleichstellung sexueller Minderheiten als dringend nötig bezeichnet. Das zeigten die «homophoben Diffamierungen und Hassparolen», die die Diskussion begleiteten, teilte Verbandssprecherin Brigitte Aichele-Frölich am Mittwoch in Stuttgart mit. «Darüber hinaus sind auch auf Schulhöfen Menschen immer noch unerträglichen Anfeindungen ausgesetzt, wenn sie sich dafür entscheiden, sich nicht länger zu verstecken.»

Was wollen die Gegner?

Die Sprecherin der Initiative Familienschutz und Koordinatorin der «Demo für alle», Hedwig von Beverfoerde, bezeichnet den Aktionsplan als «Bürger-Umerziehungsprogramm». Die Landesregierung wolle «die sexuelle Vielfalt als Pflichtprogramm in alle Strukturen des Landes», hineinbringen. In Bezug auf den Bildungsplan befürchtet sie eine Überforderung der Kinder mit dem Thema Sexualität. Das Wichtigste wäre, den Eltern die Möglichkeit einzuräumen, ihre Kinder vom Unterricht freizustellen. Das Aktionsbündnis «Demo für alle» wird von 23 Gruppen getragen. Mit von der Partie sind mehrere Evangelische Arbeitskreise (EAK) der Südwest-CDU. EAK-Landesvorsitzende Sabine Kurtz, zugleich Abgeordnete, zeigt Verständnis für die Kritik am Bildungsplan.

Wie weit ist das Kultusministerium mit dem Erstellen der Bildungspläne?

Seit mehr als eineinhalb Jahren testet das Ministerium an Schulen in Baden-Württemberg die Bildungspläne – zunächst nur für die unteren Klassenstufen und einzelne Fächer, mittlerweile in den Klassenstufen eins bis acht. Regelmäßig geben die Lehrkräfte an den 21 Grundschulen und den 74 weiterführenden Schulen innerhalb von Workshops Rückmeldungen an das Kultusministerium. Vom 14. September bis zum 30. Oktober soll es eine Anhörung unter anderem von Vertretern der Wirtschaft und der Wissenschaft geben.

Wie konnte es zu dem heftigen Streit kommen?

Ende 2013 wurde ein Arbeitspapier aus dem Kultusministerium bekannt. Darin stand unter anderem, wie das Thema Homosexualität und sexuelle Vielfalt im neuen Bildungsplan gestärkt und Akzeptanz dafür vermittelt werden könnte. Daraufhin startete ein Realschullehrer aus Nagold (Kreis Calw) aus Protest eine Online-Petition. Letztlich unterzeichneten mehr als 192.000 Menschen die Petition, zwei Gegenpetitionen unterstützten allerdings sogar mehr als 221.000 Menschen. Grün-Rot lehnte die Unterschriftensammlung des Lehrers ab. Kultusminister Andreas Stoch (SPD) fasste allerdings als Reaktion auf die Kritik den Gedanken der Toleranz weiter. Das Inkrafttreten des Bildungsplans wurde um ein Schuljahr verschoben. Von Stefanie Järkel und Oliver Schmale, dpa

Zum Bericht: „Sexuelle Vielfalt“ auch im Unterricht: Kretschmann verteidigt Aktionsplan – CDU: Ohne Augenmaß

5 Kommentare

  1. Ich las irgendwo, der finanzielle Umfang des „Aktionsplans“ liege bei 1 Million Euro. Aus der Sicht der Gegner bedeutet das, dass für die Propagierung der einen Seite viel Geld aus Steuermitteln eingesetzt wird. Wissen Sie genaueres über die Anzahl der zu schaffenden Stellen oder das Finanzvolumen?

  2. Der genannte Realschullehrer, Gabriel Stängle, berichtete bei einem Vortrag, er habe seine Petition vor allem deshalb gestartet, weil die Studien, die zur Begründung des Bildungsplans zitiert wurden, das Gegenteil von dem aussagten, was der „Bildungsplan“ aus ihnen herauslas. Über solche Fragen ließe sich doch sachlich diskutieren, warum findet das nicht statt?

  3. Wie viele Grundschüler sind sexuell aktiv? Sind viele Fälle von Homosexualität in Grundschulen bekannt? Ich bezweifle, dass in Klasse 1 – 4 „unerträgliche Anfeindungen“ wegen Homosexualität vorkommen. Warum also kann die Frage nicht bis Klasse 7 warten?

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