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Baden-Württemberg sagt Analphabetismus den Kampf an

STUTTGART. Etwa eine Millionen Erwachsene in Baden-Württemberg können nicht Lesen und Schreiben. Die Landesregierung will nun bei Unternehmen dafür werben, ihren betroffenen Angestellten Kurse zu ermöglichen. Nach Zahlen des Bundesverband Alphabetisierung gab es zwar 2014 im Südwesten die wenigsten VHS-Alphabetisierungskurse pro Kopf, das habe sich aber geändert, so das Kultusministerium.

Mit mehr Kursen und einer Werbekampagne will das Kultusministerium die Zahl der Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche nach unten drücken. «Fast 60 Prozent der Betroffenen sind berufstätig, aber viele sind von Arbeitslosigkeit bedroht», sagte Staatssekretärin Marion von Wartenberg (SPD). Daher richte sich die Kampagne auch an Unternehmen: Sie sollen Angestellten Kurse möglichst im Betrieb und während der Arbeitszeiten möglich machen, um die Hemmschwelle zu senken, wünschte sich von Wartenberg. Diese Kurse könnten auch wichtige Inhalte für den Job vermitteln. Rund 1,2 Millionen Euro EU-Mittel fließen in die Pläne des Ministeriums. Der Großteil geht an Bildungsträger für neue Kurse.

Unterschrift in Form von drei Kreuzen - Häufig brauche es einen hohen Leidensdruck und Hilfe von Freunden oder Familie, bis ein Analphabet sein Problem angehe. Foto: berwis / pixelio.de

Häufig brauche es einen hohen Leidensdruck und Hilfe von Freunden oder Familie, bis ein Analphabet sein Problem angehe. Foto: berwis / pixelio.de

Geschätzte eine Million Menschen im Südwesten können selbst kurze Texte nicht schreiben und verstehen: Sie gelten als sogenannte funktionale Analphabeten. «Es bedarf einer gemeinsamen Anstrengung aller, um das Thema aus der Peinlichkeitsecke herauszuholen», sagte Hermann Huba, Direktor des Verbandes der Volkshochschulen (VHS), die wichtiger Anbieter von Kursen sind. Eine neue zentrale Stelle beim Verband soll die Bemühungen um Alphabetisierung koordinieren. Auch Betriebe, Kammern, Verbände und Gewerkschaften müssten tätig werden, forderte Huba. Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück ist als Botschafter eingespannt und soll das Tabuthema publik machen, dazu kommen Spots in Fernsehen und Internet, Prospekte, Flyer und andere Werbung.

Diese Öffentlichkeit sei entscheidend, sagte Jan-Peter Kalisch vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung in Münster. Häufig brauche es einen hohen Leidensdruck und Hilfe von Freunden oder Familie, bis ein Betroffener sein Problem angehe – das müsse aber möglichst früh geschehen, denn im Alter falle das Lernen schwerer. Tatsächlich seien Kursteilnehmer meistens zwischen 40 Jahre und 60 Jahre alt. Als «Meister des Versteckspiels» gingen sie durchs Leben, erklärte der Experte: Sie behaupteten etwa, sie hätten ihre Brille vergessen oder könnten wegen einer Armverletzung nicht schreiben – oft vermieden sie aber einfach die Situationen, die sie bloßstellen könnten.

Von bundesweit 7,5 Millionen Betroffenen bildeten sich gerade einmal 20 000 weiter, sagte Kalisch. Ein großes Problem sei die geringe Zahl an Angeboten. Nach den neuesten verfügbaren Zahlen des Verbands von 2013 hatte Baden-Württemberg im Bundesländervergleich die wenigsten VHS-Alphabetisierungskurse pro Kopf – das habe sich durch mehr Förderung mittlerweile geändert, heißt es aber vom Ministerium. (dpa)

• Alphabetisierungskurse an Volkshochschulen (Bundesverband Alphabetisierung, November 2014)
• zum Bericht: An die Spitze der bildungspolitischen Agenda: Wanka ruft „Dekade der Alphabetisierung“ aus
• zum Bericht: Studie: Analphabetismus schädigt Unternehmen – doch die wenigsten Betriebe investieren in Bildung

Ein Kommentar

  1. Wie viel bringen rechnerische 1,20€ pro Kopf, die darüber hinaus für Werbung ausgegeben werden?

    Baden Württemberg macht sich aber auch einen sehr schlanken Fuß: Man gibt EU-Mittel aus (kein eigenes Geld), um Unternehmen dazu anzuregen, ihre betroffenen Mitarbeiter für die Kurse freizustellen. Bei den Betroffenen selbst kommt damit so gut wie nichts an.

    Nebenbei: Wer bezahlt diese Kurse? Bei Arbeitslosigkeit möglicherweise die ArGe, aber was ist mit den Arbeitern? Hochlohnjobs haben sie sehr wahrscheinlich nicht. Ob ein Intensivschreiblernkurs von 1000€ netto im Monat für alles (Miete, Nebenkosten, Ernährung, Kleidung usw.) finanzierbar ist, wage ich mal zu bezweifeln, selbst wenn der Arbeitgeber sie freistellt und den Lohn in voller Höhe durchgebezahlt. Bei solchen Arbeitgeber ist die Neigung, die Fortbildung zu bezahlen auch sehr stark eingeschränkt.

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