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Reformpädagogik: Lehrer hat Dokumentarfilm „Schools of Trust“ gedreht – „So schafft man Lust auf Lernen“

DÜSSELDORF/SCHEESEL. Lernen ohne Druck, Noten und Vorgaben? Die Idee ist nicht neu, aber fasziniert Pädagogen immer wieder. Der niedersächsische Physiklehrer Christoph Schuhmann hat jetzt einen Dokumentarfilm gedreht, in dem er die Argumente, die dafür sprechen, zusammen trägt.

Die „Schools of Trust“ in der gleichnamigen Dokumentation sind Schulen, die es ihren Schülern erlauben, selbst zu entscheiden, was sie lernen wollen und wie sie den Tag verbringen. Sie verzichten auf verbindliche Lehrpläne und Bewertungen und stellen die individuellen Interessen der Kinder und Jugendlichen in den Mittelpunkt ihrer pädagogischen Arbeit. Die Kinder und Jugendlichen sollen so erfahren, dass Lernen etwas Positives ist, für das es sich zu arbeiten lohnt, weil sie Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Sinnhaftigkeit machen. News4eachers.de hat mit dem Filmemacher über gute Ideen und deren schwierige Umsetzung in die Praxis gesprochen.

N4T: Die demokratischen Schulen erscheinen in Ihrer Dokumentation wie das Pädagogenparadies. Warum sprechen Sie nicht über Schwierigkeiten, die es ja in jedem Fall gibt?
Christoph Schuhmann: Die Schwierigkeiten, auf die ich gestoßen bin, gibt es überall. Das Kinder sich ab und zu mal streiten, ist ganz normal und hat nichts mit dem Konzept dieser Schulen zu tun. Kinder, die auf diese Schulen kommen, weil sie zuvor im Regelschulsystem auffällig waren, brauchen Zeit und Raum, um ihre Träume und ihre Neugier zu entwickeln. Viele dieser Schüler sind an der Regelschule ja auffällig, weil sie familiäre Probleme haben und nicht wegen mangelnder intellektueller Fähigkeiten. Besonders diesen Kindern tut es gut, wenn sie Zeit haben, um darüber nachzudenken, was sie interessiert und begeistert. Dann können sie auch den Sinn ihres Lernens wieder entdecken.

Christoph Schuhmann will selbst eine alternative Schule gründen. (Foto: Privat)

Christoph Schuhmann will selbst eine alternative Schule gründen. (Foto: Privat)

N4T: Um mal ein konkretes Problem anzusprechen: Im Film sagt ein beteiligter Lehrer, dass nur sehr wenige Schüler Abitur an seiner Schule machen. Warum ist das so?
CS: In Deutschland können nur staatlich anerkannte Schulen Schulabschlüsse vergeben. Die meisten freien Schulen haben den Status genehmigter Schulen und nicht die staatliche Anerkennung, die für die Vergabe von Schulabschlüssen notwendig ist. Daher werden die Schüler auf eine externe Prüfung für den Mittleren Schulabschluss vorbereitet, die von Lehrern staatlicher Schulen abgenommen wird. Viele Schüler freier Schulen erreichen bei den externen Abschlussprüfungen gute bis sehr gute Ergebnisse und wechseln anschließend auf reguläre Gymnasien, um dort ihr Abitur zu erlangen.

N4T: Kinder und Jugendliche, die zu viel Freiheit haben, können sich auch vernachlässigt fühlen. Wo sehen Sie diese Grenze in den demokratischen Schulen?
CS: Es gibt die Freiheit von äußeren Zwängen und die Freiheit hin zu etwas, was man toll findet. Die meisten Leute verstehen unter Freiheit das Erste. Die meisten Schüler, die ich in den demokratischen Schulen kennengelernt habe, verstanden unter Freiheit aber das Letztere. Sie wussten was und wohin sie wollten.

N4T: Stichwort Odenwaldschule, die ja auch mit demokratischen Prinzipien arbeitete. Warum sind dort diese Prinzipien gescheitert?
CS: Ich kenne die Odenwaldschule nur aus den Nachrichten. Das kann ich nicht beurteilen.

Schools-of-Trust-Plakat1

Filmplakat zum Dokumentarfilm.

N4T: Die Idee der demokratischen Schule ist ja nicht neu. Die Konzepte konnten sich aber bisher nicht im Regelschulsystem durchsetzen. Warum ist das so, Ihrer Meinung nach?
CS: Weil sich viele irren, wenn sie sich nur auf Ideologien berufen. Es kommt weniger auf die Ideologie an, sondern auf die gute Beziehung zwischen Lehrkraft und Schüler an, der die Schüler dazu bringt, ihr Potenzial zu entfalten. Ob das jetzt unter dem Label demokratische Schule, Montessori-Schule oder Regelschule läuft, ist sekundär. Viele Lehrer in Regelschulen, haben gute Ideen, können sie aber vielfach nicht umsetzen.
Ein großes Problem ist, dass viele Menschen demokratische Schulen einfach nicht kennen. Daher haben wir uns entschlossen „Schools of Trust“ zu machen, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es solche Schulen gibt und dass sie in der Praxis wunderbar funktionieren.

N4T: Wie beurteilen Sie die demokratischen Prinzipien, die es ins Regelschulsystem geschafft haben, etwa Schülerparlamente?
CS: Das ist eine gute Idee, aber in der Praxis läuft es meist auf eine Scheindemokratie und einen sehr geringen Handlungsspielraum hinaus. Also die Kinder dürfen etwa darüber entscheiden, ob eine Tischtennisplatte oder ein Fußballkicker angeschafft wird.

N4T: Leider wird in der Dokumentation nicht erklärt, wie die Rolle des Lehrers konkret aussieht. Was ist besonders erfolgsversprechend ?
CS: Die Aufgabe des Lehrers ist, den Schülern zu helfen das zu lernen, was sie wirklich interessiet. Die Schüler sollen Selbstwirksamkeit erfahren, das ist das Ziel. Wenn die Lehrer eine gute Beziehung zu den Schülern haben und ihnen ermöglichen, herauszufinden wohin sie wollen, kann das auch im Regelschulsystem funktionieren. Berücksichtigt man noch die moderne Psychologie und den „Korruptionseffekt“, könnte man einiges bewegen. Der besagt, je mehr externe Motivation ich einsetze, desto geringer wird die intrinsische Motivation. Das gilt vor allem für kreative und geistig anspruchsvolle Tätigkeiten.
Warum, das erklärt beispielsweise ein Wettbewerbsexperiment von Lepper, Greene und Nisbet (1973). Dafür wurden drei Gruppen von Kindergartenkindern verglichen: Der ersten Gruppe wurde gesagt, ihr kriegt einen Preis, wenn ihr das beste Bild malt. Die zweite Gruppe erfuhr, ihr macht einen Wettbewerb um das beste Bild und die dritte Gruppe sollte einfach nur ein Bild malen. Das Ergebnis war: Die Kinder, die den Preis gewinnen wollten, waren am wenigsten kreativ, diejenigen ohne äußere Vorgaben, waren am kreativsten. Zudem nahm das Interesse der Kinder in ihrer Freizeit zu malen, ohne die Aussicht auf Belohnungen zu haben, in den ersten beiden Bedingungen ab. Dieser „Korruptionseffekt“ wird so erklärt, dass Menschen bei einem Wettkampf ihre Energie vorrangig dafür einsetzen, der Autorität und den Vorgaben zu gefallen. Und eben nicht aus Interesse oder Empathie heraus handeln.

N4T: Der Wissenschaftler Gerald Hüther fordert in Ihrem Film – „schafft die Lehrpläne ab.“ Unterschreiben Sie diese Forderung?
CS: Ich bin nicht gegen Lehrpläne. Ich bin aber dagegen, dass Lehrpläne für alle Kinder gleich sind. Weil wir alle unterschiedlich sind. Der Lehrplan sollte daher eher eine Inspiration sein. Die Kompetenzentwicklung geht daher in die richtige Richtung. Das Problem an den aktuellen Schulen und deren Lehrplänen ist die Unfreiheit, so begeistert man die Kinder nicht. Der Lehrplan sollte weg von den Fachinhalten, sondern dahin gehen, dass die Lehrkräfte fragen: Was begeistert dich an Physik? Und diesen Interessen sollten die Lehrer dann Zeit und Raum geben. Im Ergebnis haben die Schüler dann nicht die gleichen Fachkenntnisse, aber sie wissen, das Physik interessant ist. Das ist besser als das heutige Regelschulsystem, denn auch heute haben die Schüler nicht die gleichen Fachkenntnisse und verlieren gleichzeitig häufig das Interesse an dem Fach. Es ist eine Illusion, per Lehrplan bestimmen zu wollen, was alle Kinder können.

N4T: Was möchten Sie mit dem Film erreichen?
CS: Ich möchte dazu anregen, darüber nachzudenken, welche Schulen wir für unsere Kinder wollen. Ich denke, dass wir unsere Schule in Orte verwandeln sollten, die Kinder inspirieren herauszufinden, was sie wirklich interessiert und welche Träume sie haben.Ich wünsche mir für meine Kinder eine Schule, an der sie die Zeit, den Raum und die Unterstützung haben, um inspirierende Lebensträume zu entwickeln, um diese Träume in konkrete Pläne zu übersetzen und um diese Pläne mit Beharrlichkeit verfolgen zu können.  Diese drei Dinge können nur geschehen, wenn man die Kinder ernsthaft fragt:  „Was interessiert dich? … Wofür brennst Du? … Was sind deine Träume? Was würdest Du gerne lernen?“ Diese Fragen sollten die Grundlage unserer modernen Pädagogik werden. Wenn Menschen oft genug die Gelegenheit haben das zu lernen, was sie wirklich interessiert, dann geschieht etwas magiches: Dann machen die Erfahrung, das „Lernen“ etwas positives und sinnvolles ist. Dann werden sie zu begeisterten Lernern. – Ich bin der festen Überzeugung, dass wahre Bildung kann nur dann geschehen kann, wenn sie aus dem Herzen kommt.

Die Fragen stellte Nina Braun

Christoph Schuhmann, 33 Jahre, ist Lehrer an der Gesamtschule Sittensen in Niedersachsen. Er ist ausgebildeter Schauspieler und Gymnasiallehrer für Physik und Informatik. Darüber hinaus ist er Mitgründer der Initiative „Schule des Lebens“ in Reinbek/Wentorf und des Vereins „leidenschaftlich lernen e. V.“

Mehr Informationen zu demokratischen Schulen hier

Den Film „Schools of trust“ bekommen Sie hier

9 Kommentare

  1. Mir fällt dazu auch ein: „Müssen wir wieder das machen, was wir wollen?“

    „Die Kinder, die den Preis gewinnen wollten, waren am wenigsten kreativ, … .“
    Diese Aussage stellt unsere Leistungsgesellschaft auf den Kopf. Warum hat sich das Belohnungsprinzip aber überall auf der Welt in so genannten entwickelten Gesellschaften als Motor für Fortschritt und Entwicklung durchgesetzt? Das stelle ich lediglich sachlich und nüchtern fest.

    Selbst bei den Urmenschen ging es nicht unumschränkt „frei“ zu, und dort herrschte garantiert nicht das große Lustprinzip. „Och nee, heute möchte ich schnitzen und nach Jagen ist mir so gar nicht.“ Mit dieser Grundeinstellung wäre eine Horde ziemlich schnell verhungert.
    Erfolgreich waren die Steinzeitmenschen bei der Nahrungsbeschaffung nur, wenn jeder in der Jagdgruppe ohne Murren die ihm zugewiesene Aufgabe erfüllte.

    Wir sehen also, dass selbst die Urmenschen nur überlebten, weil sie sich organisierten und zielgerichtet Aufgaben übernahmen.
    Die „freie Schule“ kann den Sch diesen Freiraum nur bieten, weil sie eine Rundumversorgung nutzt, die von Menschen sicher gestellt wird, die vielleicht auch mal – wenn auch nur für kurze Zeit – ein „Luxusleben“ wie die Sch führen würden.

    • Die Evolution hat es geschickter Weise so eingerichtet, dass jede Lebensform — Mensch, Tier, Pflanze, Pilz usw. — keine unnötige Energie verschwendet, sprich mehr Aufwand muss einen größeren Nutzen zur Folge haben. Ein Kind mit Schwierigkeiten in Mathe oder Rechtschreibung kann das nur durch viel Einsatz verändern, gleichzeitig sehen viele von ihnen den _unmittelbaren_ Nutzen nicht und es gibt viel angenehmere oder bequemere Alternativen. Außerdem gibt es einen enormen Nachhilfebedarf in Waldorfschulen, wenn es in Richtung zentrale Abschlussprüfung bzw. Abitur geht. Mit „Das Kind macht, wozu es Lust hat“ ist dann nicht mehr viel her.

      • Hm, hat die Evolution das klug gemacht?

      • Sie haben leider Null Ahnung von Waldorfpädagogik, also lassen Sie es lieber.

        • Das war an XXX gerichtet.

          • Stimmt, ich habe nur sehr wenig Ahnung davon, die aber nicht:

            books.google.de/books?id=OQRv37Rynn4C&pg=PA135&lpg=PA135&dq=nachhilfe+waldorfschulen&source=bl&ots=lBSnZLhs2T&sig=a0C0Ei6c8g4mIXAPdsavR1m3z-U&hl=de&sa=X&ved=0CHkQ6AEwCWoVChMIw-P38vbOyAIV4YRyCh1m0QWu#v=onepage&q=nachhilfe%20waldorfschulen&f=false

            (weiterlesen bis S. 142)

          • Es mag sein, dass Schüler von Waldorf-Schulen Probleme beim Übergang in die Oberstufe haben. Die in „Schools of Trust“ vorgestellten Schulen haben aber mit Waldorf-Schulen nicht viel zu tun. An Waldorf-Schulen gibt es verpflichtende Waldorf-Lehrpläne und eine Waldorf-Lehre, die diesen Lehrplänen zugrunde liegt.

            Die vorstellten in „Schools of Trust“ Schulen gehen ganz anders auf die individuellen Interessen und Bedürfnisse der Schüler ein und haben mit Waldorf-Schulen in etwa so viel gemeinsam wie mit Regelschulen.

  2. Ein sehr interessantes Interview über das Bildungsthema und den ‚radikalen‘ bzw. konsequenten Ansatz, Lerninhalte durch die Schüler bestimmern zu lassen. Ich habe es in ähnlicher Form (Englisch) auch schon erlebt, dass einzelne Schüler regelrecht aufblühen, die sonst nicht die geringste Motivation hatten. Anstatt sie unter Druck zu setzten habe ich eine Stunde lang Gespräche über ihre Zukunft, ihre Träume und ihre Interessen geführt. Ich war selbst erstaunt, dass die Schüler sich überhaupt darauf eingelassen haben. Bei fast jedem Schüler konnte ich einen Zusammenhang seiner persönlichen Interessen und meinem Lehrauftrag herstellen, so dass mir das ein paar Wochen lang half, besseren Unterricht zu machen. Leider brach die Motivation wieder ein, weil einige auffällige Schüler rückfällig wurden und versuchten, die anderen zu demotivieren. Ich habe in unserer Lehrerkonferenz auch schon darüber berichtet und positives Feedback bekommen. Zum Glück ist unser Schulleiter sehr offen für Experimente. Wenn ich mir die Klagen von Kollegen von anderen Schulen anhhöre, bin ich sehr froh über meine Stelle.
    Ich werde ich mir diesen Dokumentarfilm über freie Schulen auf jeden Fall noch zu Gemüte führen. Der Trailer ist etwas lang und sehr emotional, aber ich denke dass der Film einiges zu bieten hat. Ich bin gespannt. Weiter so!

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