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Immer mehr Kinder sind chronisch krank – so kann man ihnen helfen

Am Anfang waren es Depressionen. Dann folgten Ängste, später kamen Panikattacken dazu. Und Nina, die eigentlich immer eine gute Schülerin war, verlor plötzlich den Anschluss. «Irgendwann kam die Angst vor der Angst», erinnert sich die 19-Jährige. Die Folge: Ihre Fehlzeiten in der Schule nehmen zu, zwei Monate vor dem Abitur bricht Nina die Schule ab. Inzwischen macht sie eine Therapie an den Waldburg-Zeil-Kliniken Wangen im Kreis Ravensburg. Neben der medizinischen Rehabilitation lernt sie Entspannungsübungen, macht Musik und geht vor allem wieder in den Unterricht. «Ich gewöhne mich langsam wieder daran», sagt sie.

Nach einer Studie des Robert Koch Instituts (RKI) nehmen chronische Krankheiten und psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen stetig zu, sagt der Leiter der Kliniken in Wangen, Alwin Baumann. Demnach seien 15 Prozent der Kinder zwischen 3 Jahren und 17 Jahren übergewichtig, 17 Prozent zwischen 11 Jahren und 17 Jahren psychisch auffällig und ebenfalls etwa 17 Prozent der Kinder und Jugendlichen insgesamt leide an einer allergischen Erkrankung wie Neurodermitis oder Asthma.

Die Folgen davon können vielfältig sein: Konzentrationsprobleme, Einschränkungen beim Sport, Fehlzeiten in der Schule, Schlafmangel oder Nebenwirkungen der Medikamente. Das wiederum könne sich auf das Selbstwertgefühl der Kinder auswirken oder ihre Lebensqualität einschränken. Auch die soziale Ausgrenzung oder gar Mobbing kommt vor. «Manche Mitschüler haben einfach nicht verstanden, warum ich einige Sachen nicht mitmachen kann», sagt Benjamin. Der 15-Jährige ist seit sechs Wochen wegen seines Asthmas in Wangen. «Sie haben mich nachgeäfft oder ausgelacht und mir Schimpfwörter gegeben.»

Hunderttausende Kinder in Deutschland bekommen Medikamente gegen ADHS. Illustration: SquadLeader / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Krankheiten können sich auf viele Bereiche des Lebens auswirken. Illustration: SquadLeader / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Der Chefarzt der Rehabilitationsklinik, Thomas Spindler, bemerkt ebenfalls eine Zunahme der chronischen Erkrankungen und Störungen. «Vielleicht hat man früher auch nicht so genau hingeschaut», sagt er. Außerdem sei man sich auch in der Medizin immer mehr bewusst, dass etwa eine Asthma-Erkrankung für den Patienten mehr mit sich bringen könne als Atemprobleme beim Laufen. Der Ansatz von Rehabilitationen habe sich daher in den vergangenen Jahren geändert, sagt Spindler. Es gehe nicht mehr nur um eine medizinische Therapie. Stattdessen stehe auch im Fokus, welche Probleme die Krankheit im Alltag auslösen kann.

Ein neues Programm, das von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) im Südwesten erarbeitet wird, will diesen Ansatz noch verstärken. Die jungen Patienten erhalten in der Reha individuelle Angebote – etwa einen eigenen Lernplan für den schulischen Unterricht, während sie in der Klinik sind. Ab 2016 soll die medizinisch und schulisch orientierte Rehabilitation in den Pilotversuch gehen. Dabei sollen auch mit den eigentlichen Schulen der Patienten und ihren Eltern die künftigen Wege in Ausbildung, Studium und Beruf abgestimmt werden. Manchmal sei es auch notwendig, den Eltern klarzumachen, dass sie nicht zu hohe Erwartungen an ihr Kind haben dürften, sagt Hubert Seiter von der DRV.

Nina will nach ihrer Reha in ihrer Heimat Düsseldorf wieder zur Schule gehen und ihr Abitur nachholen. «Ich traue mir wieder mehr zu», sagt die 19-Jährige. Drei Wochen bleibt sie noch in der Klinik in Wangen, danach muss sie sich in ihrem Alltag wieder zurecht finden. «Aber ich sehe immer mehr, dass ich das auch zu Hause schaffen kann.» dpa

Ein Kommentar

  1. Wie heißt es doch: „Sieh dir die Kinder an, und du weißt, wie es um die Gesellschaft bestellt ist.“

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