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Gastbeitrag: Die Inklusionslüge – Überforderung der Lehrerschaft ist programmiert

LEIPZIG. Wenn man beim Thema Inklusion von einer gewissen Popularität reden kann, dann ist das besonders der hohen Aufmerksamkeit für die bildungspolitischen Diskurse geschuldet. Sie betreffen die föderale Diversität der inklusionspolitischen Landschaft, die strittige Kostenträgerfrage, die pädagogische Kompetenz des Regelschulsystems, die Zukunft der Förderschulen und die Reform sowohl der pädagogischen Studiengänge als auch der Curricula.

Bereits auf dieser Ebene werden Aporien deutlich, der die inklusionspolitischen Ambitionen ausgesetzt sind. Entweder wird das dreigliedrige Schulsystem mit seinen Selektionsmechanismen grundlegend reformiert oder aber „Inklusion“ meint nichts anderes als die „Einpassung“ in das bestehende System bis an die Grenze des Zumutbaren für alle Beteiligten. Entweder werden Schulklassen deutlich verkleinert und das pädagogische Personal um sonderpädagogisches, pflegerisches und psychologisches ergänzt oder aber die Überforderung der Lehrerschaft ist vollends programmiert. Entweder wird die Infrastruktur der Schulen deutlich renoviert und optimiert, wird durch barrierefreie Zugänge, Aufzüge, Therapie- und Rückzugsräume, sanitäre Anlagen, akustische Raumgestaltung usw. ein völlig überarbeitetes Gebäudekonzept von Schulen installiert oder aber Inklusion scheitert schon bei manchen am Treppenaufgang.

Prof. Dr. Uwe Becker

Prof. Dr. Uwe Becker: „Förderschulen sind entbehrlich, wenn die Regelschulen sie entbehrlich machen.“ (Foto: Privat)

Entweder werden die Curricula, die Lehr- und Ausbildungspläne grundsätzlich überarbeitet, Fort- und Weiterbildung der Lehrerschaft intensiv betrieben, ergänzend zur Leistungszentrierung des Bildungssystems eine empathische, personen- und entwicklungsbezogene Pädagogik etabliert oder die hoch selektiven Mechanismen des bestehenden Schulsystems werden schlichtweg im „Inklusionssystem“ weitergeführt. Die zahlreichen pädagogischen Stimmen aus Wissenschaft und Praxis, die das Dilemma dieses bildungspolitischen Eiertanzes beklagen, verhallen meist ungehört, insbesondere gegenüber den für die Finanzierungsquellen zuständigen Finanzministerien.

Denn dass eine ernsthaft verfolgte inklusionsorientierte Bildungspolitik kein Sparpaket ist, sondern erhebliche Mehraufwendungen erforderlich macht, ist evident. Wer diese Form pädagogischer Misere zum Maßstab für die Diagnose der inklusionspolitisch mangelhaften Praktikabilität erhebt, dem ist analytisch Recht zu geben. Nur dass diese Analyse nach Reformen der Bildungslandschaft schreit und nicht ihrer Verteidigung das Wort reden sollte. Förderschulen sind als subsidiäres System dann entbehrlich, wenn die Regelschulen unter Beachtung all dieser Faktoren sie auch entbehrlich machen. Die Ehrlichkeit, Wahrheit und Klarheit der schulpolitischen Inklusionsdebatte bemisst sich also nicht an der Schließung von Förderschulen, das wäre eine sehr einseitige und billige Lösung, sondern an den Reformerfolgen innerhalb des Regelschulsystems. Es braucht perspektivisch eine deutlich veränderte Regelschule, die eine auf die neue Situation angepasste Bildungsreform mit einer deutlich verbesserten Ressourcenausstattung im personellen und finanziellen Sinne vorweist. Nur dann wäre auch eine echte Wahlfreiheit für Kinder und Eltern zwischen Regel- und Förderschule hergestellt. Uwe Becker

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Kann das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Beeinträchtigungen gelingen? „Macht Inklusion Schule?“, ist das Motto der Frühjahrstagung des Deutschen Lehrertages am 17. März 2016 in Leipzig. Hauptreferent ist der Autor des Buches „Die Inklusionslüge. Behinderung im flexiblen Kapitalismus“ (2015) Prof. Dr. Uwe Becker von der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe (Bochum).

Deutscher Lehrertag

61 Kommentare

  1. Hallo Georg (& co), bitte lesen Sie den Text genau. Dann merken Sie endlich, dass die Inklusionskritiker weniger die Inklusion an sich als ihre miserable Umsetzung kritisieren.

    • Hallo xxx,

      der Mann spricht mir sowas von aus der Seele. Die ganze Idee scheitert genau an dem, was er beschreibt. Ich glaube also, das ich mich bisher nicht präzise genug ausgedrückt oder sie mich falsch verstanden haben.

      Wenn man unter Inklusion nur die Eingliederung der Kinder mit Förderbedarf ins quasi unveränderte Regelschulsystem mit möglichst minimalem Kostenaufwand versteht, kann nur Murks dabei herauskommen, unter dem dann alle leiden: Kinder, Lehrkräfte, Eltern.

      Allerdings möchte ich entgegnen, des es m. E. genug „Inklusionskritiker“ gibt, die Inklusion generell für eine Schnapsidee halten, trotz aller funktionierenden Beispiele. Mit denen diskutiere ich dann allerdings gerne.

      Wo wir mal wieder bei Empfehlungen sind:

      1. Der Doc-film Berg Fidel, wer ihn noch nicht kennen sollte
      2. Ausserdem den youtube Film zum Jakob-Muth-Preis 2012.

  2. @ xxx, ich kritisiere allerdings die Inklusion selbst. Ich erlebe, dass diese Kinder in Wirklichkeit an der Schule nicht gefördert, sondern eher vernachlässigt werden, weil der Lehrer gar keine Zeit hat, sich neben den 25 anderen Kindern noch speziell um diese eine zu kümmern.

    Ich glaube immer mehr, die Inklusion schadet diesen Kindern erheblich mehr, als sie ihnen (sozial gesehen) nützt.

    • Sie sprechen mir aus der Seele, sofawolf.

    • Ich zweifle sogar an dem sozialen Nutzen. Wie sollen sich Kinder in Regelschulen nicht erst recht ausgegrenzt fühlen, als ungleich hilfsbedürftiger und anders behandelt als ihre Klassenkameraden?
      Hier erleben sie sich auf Schritt und Tritt als Sonderlinge, für die vieles nicht gilt bzw. gelten kann, was für andere gilt, und die vieles nicht können, was andere können. Das tagtägliche Erleben von Unzulänglichkeit im Vergleich zu Nichtbehinderten stelle ich mir schrecklich vor und frage mich, wie Erwachsene nur so phantasielos sein können, dass sie an dieses Erleben keine Gedanken verschwenden und die rein äußerliche Teilhabe am Unterricht (im Sinne von Anwesenheit) als Bereicherung darstellen.
      Dass es Formen der Behinderung gibt, die einer gelungenen Inklusion nicht im Wege stehen, versteht sich von selbst. Paradebeispiel hierfür sind Körperbehinderungen.
      Ansonsten aber ist für mich die Inklusion ein Akt grausamer Phantasielosigkeit von Menschen, die zu äußerlich urteilen, wenn sie über Inklusion reden.

      • In einer inklusive Schule gelten doch auch andere Standards als in Regelschulen. Es gibt nicht mehr das Ziel, das alle erreichen müssen und dadurch diejenigen, die es nicht schaffen, als „unzulänglich“ angesehen werden und sich entsprechend auch so fühlen, sondern individuelle Maßstäbe, individuelle Ziele, individuelle Herausforderungen.

        Was Sie beschreiben ist meines Erachtens genau das, was der Artikel kritisiert und dem xxx und ich zustimmen, und ich wage deshalb zu konstatieren, dass in Ihrer Schule eben nur das geschiet, was der Artikel kritisiert, nämlich kein grundlegender Umbau, der vieles, wenn nicht alles in Frage stellt und damit auch die Kategorien des Miteinanders neu definiert.

        Und außerdem geht es nicht nur um den Blick auf die Kinder, die aus den Förder- und Sonderschulen kommen, sondern eben auch um die, die besonders gut sind und deshalb eine andere Form der Förderung bedürfen, um von ihrem hohen Niveau noch weiter zu kommen.

        Es geht um JEDES Kind und leider habe ich das Gefühl, das Inklusion oft auf die eng gedachte Variante (Kinder mit Beeinträchtigungen) reduziert wird. Da

      • Das Gelingen oder Misslingen der „Inklusion“ steht und fällt mit dem Zauberwort „individuelle Förderung“. Hier noch einmal ein Praxisbericht, der aus meiner Sicht leider nicht die notwendige Beachtung bekommt:

        http://www.news4teachers.de/2015/11/verbaut-das-missverstaendnis-individuelle-foerderung-zukunfstchancen-analyse-eines-praktikers/

  3. Ich habe drei Inklusionskinder in meiner 8.Klasse (bei 26 Kindern). Wir haben eine Sonderschulkollegin, die drei Stunden mit ihnen arbeitet. Der Abstand zu den Mitschülern wird immer größer und das wird den Kindern nur zu bewusst. Sie gehören immer weniger dazu. Förderung im normalen Unterricht kann so gut wie gar nicht statt finden und der Frust bei allen Beteiligten wächst. Mir tun die Kinder leid, da sie in dieser Situation nicht die optimale Förderung bekommen. Sie sind die Verlierer des Systems.

  4. Klaus Trenkwalder

    Ein guter Artikel – aber in einem dermaßen wissenschaftlich/schlechtverständlichem Stil geschrieben, dass einem schlecht werden könnte – und solch sich weltfremd Ausdrückenden sollen dem Lehrer an der Basis Wissenswertes vermitteln – das universitäre Deutsch lässt grüßen!!!

    • Hinsichtlich der verquasten Sprache stimme ich Ihnen zu. Eine Zumutung!!
      Mein Professor hätte mir damals z.B. eine ähnlich abgefasste Hausarbeit „um die Ohren gehauen“.

  5. @F. H.
    Die Inklusion sehe ich genauso wie Sie. Hier der kopierte Erlebnisberichtbericht eines ehemaligen Schülers. Wenn ich mich recht erinnere, entstammt er einem Kommentar vor längerer Zeit bei n4t.

    „Durch eine Krankheit im Alter von 13 Jahren wurde ich auf dem einen Ohr taub und auf dem anderen schwerhörig. (…)
    Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten und waren verheerend. (…) Ich war jetzt die taube Nuss, die zu nichts mehr zu gebrauchen war. Mein einstmals recht starkes Selbstbewusstsein verringerte sich auf einen kaum mehr messbaren Faktor.
    (…) Aufgeschreckt durch die daraus resultierenden katastrophalen Schulnoten legte die Schulleitung meinen Eltern einen Schulwechsel nahe. Der Wechsel auf eine speziell für Hörgeschädigte ausgerichtete Sonderschule entpuppte sich als wahres Paradies. Ich war nun unter meinesgleichen, die ein für Außenstehende schwer nachvollziehbares Schicksal verband.
    Die Schülerzahlen in den Klassenräumen wurden bewusst niedrig gehalten. Im Schnitt waren wir zu acht.
    (…) Inklusion mag in dem einen oder anderen Fall machbar, vielleicht auch erfolgreich sein. Der Großteil der Betroffenen jedoch wird unter doppeltem Leistungsdruck stehen. Befürworter der Inklusion, aber auch Eltern, die ihre behinderten Kinder in Sonderschulen diskriminiert sehen, sollten sich ernsthaft fragen, was allen – Schülern wie Lehrkräften – auf Dauer angetan wird.“

    • soweit ich mitlas, werden solche Behinderungen wie Blind- und Taubheit in der Diskussion systematisch ausgegrenzt. Da wo z.B. das Erlernen einer völlig neuen Schrift (Braille) erforderlich ist – hallo Inklusionsbefürworter, erklärt mal, wie das im Klassenverband mit Nichtblinden von einer nichtspezialausgebildeten LehrerIn gemacht werden sollte.

      • Ach, da wird doch nichts ausgegrenzt oder ausgeblendet ! Man kann nur in einer kurzen Stellungnahme nicht immer alle Eventualitäten und Möglichkeiten berücksichtigen.

  6. Ich melde mich hier nicht als Lehrer zu Wort, sondern möchte über meine Erfahrungen als schwerst Körperbehinderter an einem staatlichen Gymnasium berichten zu Zeiten als es noch nicht um Inklusion, sondern um Integration, was aus meiner Sicht etwas völlig anderes inst, und nicht nur ein neuer Name für die gleiche Sache.

    Ich habe von 1982 bis 1991 ein Gymnasium in der Nähe von Nürnberg besucht, das zur Zeit meines Schulantritts bereits ca. 30 Jahre Erfahrung mit der Integration behinderter Schüler hatte. Ich war damals der bis dato schwerste Fall, und ja, es war zunächst ein Wagnis, dessen Ausgang anfänglich nicht vorhersehbar war. Aber es hat funktioniert. 1991 habe ich mein Abitur mit einem Schnitt von 1,9 abgelegt und es hat mich für das Leben geprägt.

    Warum hat es funktioniert? Weil die Schwere meines Falls nicht darin bestand, daß ich vom Intellekt her das Gymnasium nicht hätte schaffen können, sondern es mußten für meine körperlichen Einschränkungen und Hilfsbedürfnisse gangbare Lösungen gefunden werden. Diese mußten und konnten aber so gefunden werden, daß es den nichtbehinderten Schülern gerecht blieb. Dies hat auch so gut wie immer funktioniert, verlangte aber von den Lehrern ein gewisses Maß an Kreativität und Mut zu unbürokratischen Lösungen.

    Ich habe jedoch in meiner Schulzeit, vermutlich, weil man durch den Erfolg mit mir zu übermutig wurde, Fälle erlebt, die man inklusionsmäßig durchgeschleift hat, weil es dort in einem Fall eben doch geistige Defizite gab und im anderen Fall die körperlichen Defizite nicht vernünftig ausgleichbar waren, auch nicht mit technischen Hilfsmitteln (zumindest damals, vermutlich wäre es aber immernoch so). Heraus kamen totunglückliche Existenzen.

    Ohne die ca. 30 Jahre Integrationserfahrung meiner Schule, wäre jedoch auch mein Fall grandios gescheitert. Die Schule hat sich damals langsam an das Thema Integration herangetastet und Kompetenz erworben. Ich kam also zu einer Zeit an die Schule, wo das Experiment mit mir und meinen Einschränkungen zwar nicht absehbar war, aber wenigstens realistische Chancen auf Erfolg hatte.

    Viele Behinderte bejubeln die Inklusion, hoffen auf rosige Zeiten für Menschen mit Behinderungen. Ich halte das so für eine fatale Täuschung. Es ist sehr sinnvoll, behinderte Menschen, sofern möglich, zu integrieren, aber dies kann nur funktionieren, wenn die Voraussetzungen stimmen. Zu glauben, dies würde generell funktionieren, unabhängig vom Fall und den Rahmenbedingungen, ist aus meiner Sicht absoluter Irrwitz, und wird das ohnehin marode Schulsystem vollends zerstören und es werden alle dabei verlieren, sowohl die Behinderten als auch die Nichtbehinderten.

    • In der Grundschule war ich übrigens an einer reinen Körperbehindertenschule; ich kenne also beides.

    • Danke, lieber Herr Schönbach, eigene Erfahrungen und besonnene Worte wie die Ihren sind Gold wert.
      Aus meinem Bekanntenkreis kenne ich auch einen Fall, wo die Inklusion zu einer „totunglücklichen Existenz“ führte.
      Das Kind ist geistig behindert, besuchte 3 Jahre lang eine spezielle Fördereinrichtung und war dort glücklich und zufrieden. Dann kam die Inklusion mit dem hehren Tamtam ihrer Protagonisten und dem unwiderstehliche Begriff „Menschenrecht“.
      Er verunsicherte die Eltern gewaltig, denn sie meinten, ihrem Kind doch nicht ein Menschenrecht vorenthalten zu dürfen. Ein Menschenrecht beinhalte doch den Anspruch auf etwas elementar Gutes und Wichtiges.
      Das Kind kam auf eine Regelschule und schon bald ging es bergab mit der Frohnatur. Das Kind wollte immer häufiger nicht mehr zur Schule, war oft trübsinnig und manchmal auch aggressiv. Den Eltern dämmerte allmählich, dass sie einen Fehler begangen hatten.
      Sie wollten ihn dann korrigieren, doch das stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Erst nach längerer Zeit gelang eine Rückschulung, allerdings auf eine weiter entfernte Einrichtung, die wieder neue Eingewöhnung und neue Freunde bedeutete. Der Schritt erwies sich dennoch als richtig, denn das Kind blühte allmählich wieder auf.
      Bei meinen Bekannten habe ich erlebt, welche Verführung in manchen Begriffen rund um die Inklusion steckt. „Nicht-Ausgrenzung“, „Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“, „soziale Gerechtigkeit“ und vor allem besagtes „Menschenrecht“. Sie machen Eltern ein schlechtes Gewissen, wenn sie ihr Kind nicht auf eine Inklusionsschule schicken.
      Ihren letzten Satz möchte ich besonders dick unterstreichen.

      • @Nathalie: Ja, das mit der „Nichtausgrenzung“ ist so eine Sache. Alle Menschen sind gleichwertig, ja, aber der Slogan „Alle sind gleich“ ist eine verführerische Lüge. Menschen sind furchbar verschieden. Ich war von Anfang an kein Normmensch, werde nie einer sein und will auch garkeiner sein, ganz ohne jetzt irgendwie Rebell zu sein. 🙂 Inklusion versucht diese Verschiedenheiten zu nivellisieren, dadurch entsteht eben gerade KEINE Vielfalt, sondern sie wird zerstört! Wieso darf ein Mensch mit Down-Syndrom nicht „praktisch bildbar“ sein, wie das früher mal hieß? Das kann für jemanden in dieser Situation sehr erfüllend sein, denn da kann er bzw. sie die zu Verfügung stehenden Fähigkeiten einsetzen und sich einbringen! Ist doch prima! Ich hingegen kann rein physisch keine typischen Behindertenwerkstatt-Tätigkeiten durchführen und fordern täte es mich auch nicht, also brauche ich geistige Tätigkeiten. Auch kein Problem! Steckt man jedoch alle diese Fälle sowie alle Nichtbehinderten in eine Klasse, wird ganz schnell ein Problem daraus.

        • Was Sie sagen, leuchtet mir von vorne bis hinten sehr ein, besonders die Feststellung: „Inklusion versucht diese Verschiedenheiten zu nivellisieren, dadurch entsteht eben gerade KEINE Vielfalt, sondern sie wird zerstört!“
          In diese Richtung habe ich auch schon gedacht.
          Der Werbebegriff „Vielfalt“ bzw. „Förderung der Vielfalt“ oder „Bereicherung durch Vielfalt“ wird seit einigen Jahren überhaupt auffallend gern gebraucht. Auch da finde ich die Frage immer wieder interessant, ob hier Vielfalt tatsächlich gefördert oder in Wahrheit nicht eingeebnet wird.

          • Allein die Tatsache, daß gewisse Begriffe wieder und wieder gebetsmühlenartig wiederholt werden und dabei oft noch umgedeutet werden, war in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nie ein gutes Zeichen. Dann ist in den allermeisten Fällen irgendetwas sehr Unschönes im Busch, was aber als positiv verkauft werden soll. 🙂

        • Herr Schönbach, vielen Dank für Ihre offenen und ehrlichen Worte eines direkt Betroffenen.
          Bei n4t ist die Inklusion immer wieder mitunter auch recht lebhaft und kontrovers diskutiert worden. Überwiegend decken sich die Kommentare mit Ihrer Sichtweise. Das beruhigt mich außerordentlich.

          Offensichtlich werden aber besonnene Stimmen wie die Ihre von den Entscheidungsträgern nicht gehört. Worauf führen Sie diese Ignoranz zurück?
          Im Forum melden sich auch immer wieder Nutzer zu Wort, die von der Inklusion geradezu begeistert sind, sie also nicht einen Moment infrage stellen, sondern momentane Probleme lediglich auf die schlechten schulischen Rahmenbedingungen zurückführen.
          In diese Richtung argumentieren übrigens auch die Lehrerverbände wie z.B. der VBE oder die GEW.

          • Ganz ehrlich? Ich fürchte, es geht nicht um Gleichheit, gleiche Chancen (ist eine Illusion; ich werde nie Dachdecker, 100m-Läufer und vieles anderes mehr werden können, auch wenn ich es noch so wollen würde), sondern um Gleichmacherei und Nivellisierung nach unten, denn Nivellisierung nach oben gibt es nicht. Man will nicht Vielfalt, sondern Einheitsbrei, nennt es aber Vielfalt, denn sonsrt würde es ja keiner wollen.

            Das folgende gehört auf den ersten Blick nicht zum Thema, aber bei genauerem Hinsehen vielleicht doch: Ich habe mich kürzlich etwas mit Edward Bernays beschäftigt:

            https://de.wikipedia.org/wiki/Edward_Bernays

            Den kennt fast keiner, aber trotzdem war er einer der einflußreichsten Persönlichkeiten des 20. Jh. Er war der Neffe Sigmund Freuds und gilt als Vater der modernen PR. Er hat schon seit den 20ern sehr erhellende Bücher über PR geschrieben, die bis heute als Standardwerke gelten.

            Es ist ziemlich eindeutig, daß Schlüsselbegriffe wie „Inklusion“, „Menschenrecht“, „Nichtausgrenzung“, „Teilhabe“ u.v.m. PR-Begriffe sind, die v.a. auf emotionaler Ebene ansprechen und die Leute begeistern sollen, was ja auch funktioniert. Klar ist aber auch, daß jeder, der PR einsetzt, eigentlich etwas ganz anderes will, das sich aber nicht verkaufen ließe, würde man mit offenen Karten spielen.

            Ein bißchen Einblick in PR-Methoden zu haben, ist gerade heutzutage nicht verkehrt, um Entwicklungen richtig einordnen zu können.

        • Hallo Herr Schönbach,

          danke das Sie sich zu Wort melden und eine „Betroffenenperspektive“ einbringen, wie es so schön heisst.

          Ich möchte Ihnen allerdings beispielhaft in zwei Punkten widersprechen.

          1. Gleichheit vs. Gleichwertigkeit oder auch „gleiche Chancen“ vs. Gleichmacherei und Nivellisierung.

          Gleichmacherei und Nivellisierung ist doch auch in einer inklusiven Schule rein praktisch gar nicht möglich. Wie sollte man denn Kinder mit verschiedensten Stärken, Schwächen, Bedürfnissen und Beeinträchtigungen denn „gleichmachen“ können? Aus allen kann eben kein „100-Meter Läufer“ oder „Dachdecker“ werden, und das ist ja auch überhaupt nicht beabsichtigt und wird auch nicht gefordert.

          Und der von Ihnen angesprochene „Einheitsbrei“ ist eben das, was inklusive Schule gerade nicht will. Die Lehrkräfte sollen ein Auge auf jedes einzelene Kind haben und individuell auf es eingehen, statt wie bisher mehr oder weniger nach Schema F Unterricht für alle zu machen (nachdem die Schülerschaft vorher gründlich vorgesiebt wurde) und dabei den individuellen Blick nur als hehren Anspruch zu behaupten, was in viel zu großen Klassen und mit viel zu wenig und nicht entsprechend ausgebildetem Personal gar nicht funktionieren kann.

          Nicht umsonst gibt es eine Debatte zur Benotung in der inklusiven Schule, da auch Anstrengung und Leistung dann individuell bewertet werden müssen, da eben nicht mehr ein einheitsbreiiger Anspruch für alle gilt, sondern eben jede*r Einzelne gefordert und eben auch gefördert werden soll.

          2. „Es ist ziemlich eindeutig, daß Schlüsselbegriffe wie „Inklusion“, „Menschenrecht“, „Nichtausgrenzung“, „Teilhabe“ u.v.m. PR-Begriffe sind“

          Mmm, was ist denn daran PR? Der Artikel 7 der Menschenrechte ist ziemlich eindeutig und wenn er bisher im deutschen Schulsystem nicht umgesetzt wurde und von Deutschland jetzt nach internationalem Recht eingefordert wird, kann ich daran nur pure Faktizität und keine PR erkennen, wenn dies auch benannt wird.

          3. “ Klar ist aber auch, daß jeder, der PR einsetzt, eigentlich etwas ganz anderes will, das sich aber nicht verkaufen ließe, würde man mit offenen Karten spielen.“

          Heisst das, das alle, die Inklusion fordern und anhand der vielen guten und funktionierenden Beispiele bzw. skandinavischen Beispielländer dessen Funktionieren nachweisen, eigentlich PR betreiben?

          Meinen Sie, es gibt hinter dem Konzept „Menschrecht“ eine hidden agenda, mit der irgendwas anderes durchgesetzt werden soll? Bin ich dann ein PR-Stratege mit geheimen Absichten?

          Und was würde ich denn wollen, wenn ich mit offenen Karten spielen würde?

          Ich finde Ihre Argumentation in diesen Punkten nicht schlüssig.

          • Es sind dann doch drei geworde. Wie halt manchmal so ist.

          • Zu 1.:
            Im Prinzip widerlegen Sie diesen Punkt bereits selbst. Sie sagen: „Nicht umsonst gibt es eine Debatte zur Benotung in der inklusiven Schule, da auch Anstrengung und Leistung dann individuell bewertet werden müssen, da eben nicht mehr ein einheitsbreiiger Anspruch für alle gilt, sondern eben jede*r Einzelne gefordert und eben auch gefördert werden soll.“

            Aus meiner Sicht ist dieser Anspruch völlig realitätsfern, denn das kann die staatliche Schule in diesem Umfang niemals leisten, nicht einmal bei ihrem „Standardklientel“. Und das wird sich auch nicht ändern, wenn man die Bandbreite an Bedürfnissen derer, die da unterrichtet werden, verbreitert. Das System der staatlichen Schule ist auf wirklich individuelle Förderung nie ausgelegt gewesen. Oder weshalb glauben Sie, daß die überwiegende Mehrheit der Geistesgrößen des 18. und 19. Jahrhunderts von Privatlehrern unterrichtet wurden? Die staatliche Schule kann nur funktionieren, wenn das Niveau und die Bedürfnisse der Schüler halbwegs homogen sind. Jede Brennpunktschule beweist, daß dem so ist.

            Zu 2.:
            Jeder Mensch, der nicht optimal gefördert wird, wird nicht mehr Chancen haben, sondern weniger. Und die Vorstellung, daß eine Schule allen gerecht werden kann, ist für mich als „Praktiker“ vollkommen absurd. Schon bei den Nichtbehinderten bringt deren Vielfalt Schule schon oft an ihre Grenzen, erst recht heutzutage, und wir Eingeschränkten sind ein extrem buntes Völkchen ;), da ist die Bandbreite noch viel größer. Wer glaubt, eine Schule könne das alles abdecken, unterschätzt die Bandbreite und die daraus entstehenden Konsequenzen oder überschätzt die Fähigkeiten von Lehrern. 🙂

            Zu 3:
            In Skandinavien funktioniert es? Das kommt darauf an, ob man nur Zeitung liest, oder einmal näher hinschaut. Es ist nicht alles Gold, was glänzt. 🙂

            Menschenrecht ist natürlich etwas Positives, aber sollten Menschen nicht das Recht haben, optimal gefördert zu werden? Für die einen ist das die Regelschule, für andere nicht. Nur bei optimaler Förderung können sich Menschen ihren Talenten gemäß einbringen. Diese optimale Förderung wird mittels ideologisch verbrämter Inklusiion nicht gefördert, sondern brutal zerstört.

            Geht es momentan wirklich um eine Stärkung der Gesellschaft? Ich sehe eher eine gefährliche Schwächung und das Risiko einer Spaltung. Die Inklusionsideologie ist aus meiner Sicht einer von viielen Bausteinen in diesem brandgefährlichen Spiel, auch wenn sie eine Stärkung verspricht. Letztendlich wird sie grandios an der Realität scheitern – mit vielen unschuldigen Opfern.

            Zur Klarstellung:
            Ich bin sehr dafür, behinderte Menschen soweit es geht in die Gesellschaft zu integrieren. Wenn es also mehr Schulen gäbe, die sich der Herausforderung echter Integratrion stellen wollen, würde ich das sofort begrüßen. Meine Eltern sind damals mit mir von Hessen nach Bayern gezogen, um mir diese Chance zu eröffnen und selbst in Bayern gab es damals nur zwei Schulen mit Integrationsmodell.

            Echte Integration funktioniert aber weder mit rosaroten Brillen, noch mit Ideologie und Euphorie, noch mit „Gleichstellung“, also „Gleichsetzung per Dekret“, sondern es müssen zunächst die Rahmenbedingungen geschaffen und dann in einem Jahre oder gar Jahrzehnte dauernden Prozeß die nötige Erfahrung aufgebaut werden. Mit Hauruck und „Yes, we can“ geht da garnichts. 🙂 Man darf auch keinesfalls dem Wahn verfallen, alles integrieren zu können. Echte Integration ist ein langer und steiniger Weg, der viel Geduld und Weisheit verlangt. Inklusion hingegen ist eine plumpe Ideologie, die niemandem hilft, aber sehr vielen schadn wird.

          • Jetzt endlich eine Rückmeldung. Danke, das Sie meine Antworten so genau aufnehmen und daran weiterarbeiten.

            Hier eine weitere Runde

            1. „Aus meiner Sicht ist dieser Anspruch völlig realitätsfern, denn das kann die staatliche Schule in diesem Umfang niemals leisten, nicht einmal bei ihrem „Standardklientel“. „Das System der staatlichen Schule ist auf wirklich individuelle Förderung nie ausgelegt gewesen.“

            Genau, das ist Schule leider eben nicht, sollte es aber sein, wenn uns jedes Kind als -Mensch und Individuum wichtig ist. Und wenn es früher und auch heute nicht gemacht wurde, heisst das doch nicht, dass es nicht in Zukunft anders gemacht werden könnte und sollte, oder? Es geht um den Willen, ein gutes Konzept und die notwendige Finanzierung. Erstes und zweitens sind die Diskussion um die inklusive Schule, drittens die Forderung nach entsprechender Finanzierung durch steuerliche Umverteilung, bessere Steuerfahndung, das Schließen von Steuerschlupflöchern, etc.

            2. „Und die Vorstellung, daß eine Schule allen gerecht werden kann, ist für mich als „Praktiker“ vollkommen absurd.Wer glaubt, eine Schule könne das alles abdecken, unterschätzt die Bandbreite und die daraus entstehenden Konsequenzen oder überschätzt die Fähigkeiten von Lehrern. :)“

            Im Prinzip entsprich meine Antwort hier genau Punkt 1. Schule kann und sollte anders organisiert sein. Klar, dass das mit dem derzeitigen Betreuungsschlüssel nicht funktionieren kann. Aber soll es ja auch nicht. Es braucht schlicht einen besseren Schlüssel, sprich mehr Lehrkräfte. Die haben dann auch mehr Zeit für besseres Arbeiten, mehr Blick für die einzelnen Kinder, etc.

            3. Nun ja, Skandinvien kann immer noch als Vorbild gelten, was inklusive Beschulung angeht. Das auch da nicht alles perfekt ist und es bedauernswerte Tendenzen gibt, ist leider nicht von der Hand zu weisen.

            http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/138/138

            Ich stimme ihnen zu, dass es eine Wahlmöglichkeit für Eltern geben sollte, solange die Inklusionsmodelle aus Kostengründen oft eher halbgare Testballons sind. Bildungspolitik will zwei Dinge, die nicht miteinander funktionieren können: Geld sparen bzw. nicht mehr ausgeben und ein inklusives Schulsystem aufbauen. Letzteres ist nur möglich, wenn ersteres aufgegeben wird.

            Und die ganze Diskussion um Inklusion wäre ja nicht zustande gekommen, wenn am System der Förderschulen alles rosig gewesen wäre. Eltern haben nämlich mit guten Argumenten genau die Auflösung der separierenden Sonderbeschulung gefordert, weil das für die Kinder auf lange Sicht oft mehr Nach- als Vorteile hatte.

            Anderseits gibt es Eltern, die das Gegenteil denken, also in der Elternschaft schlicht keinen Konsens darüber, was besser ist. Und so lange ein inklusives Schulsystem nicht mit praktischer Qualität überzeugt – was so, wie es augenblicklich oft auf die Beine gestellt wird, auch schwierig ist-, so lange ist Kritik auch verständlich und die Forderung nach Wahlfreiheit und dem Erhalt von Sonderschulen auch nachvollziehbar.

            Gleichzeitig darf diese Kritik meiner Meinung nach aber die Nachteile einer Separierung nicht aus dem Blick verlieren, sondern sollte eben eine bessere inklusive Schule und nicht ein ausschließliches Zurück zum alten Modell fordern

            Eines stört mich an ihrem Beitrag und das möchte ich gern noch loswerden: das Inklusion für Sie „plumpe Ideologie“, „rosarote Brille“ und „Wahn“ ist – was ja dann auch alles Attribute sind, die damit ja auch auf mich zutreffen, der gut gemachte Inklusion und den Gedanken dahinter ja gut findet – finde ich bedenklich und im Sinne einer demokratischen Debatte nicht gut. Das ist leider eine Darstellungsweise, die ich in diesem Forum (und nicht nur hier) allzu oft finde und die ich nicht gut finden kann.

            Mit diesem Zugang wird IHR Blick auf das Ganze automatisch zur Wahrheit und zum „Normalen“ sowie „gesunden Menschenverstand“, während das Gegenüber offensichtlich auf dem Holzweg ist. Denn die Ideologen sind immer die, die anderer Meinung sind. Sie (die mit der anderen Meinung) sind auf dem falschen Weg, sie hängen wider des angeblich besseren Wissens irgendwas an und sind unbelehrbar. Diskutieren hilft da nicht mehr, sie sind verblendet und irrational. Sie sehen etwas nicht, was doch ganz klar und offensichtlich ist.

            All das schwingt in solchen Formulieren mit und ist einer Debatte und einen Austausch von Argumenten – und damit einem gegenseitig Zuhören, Lernen und Weiterkommen durch Austausch und Diskussion – nicht zuträglich, weil es für Abschottung und Eigenüberhöhung sorgt.

  7. @ Patrick, danke für Ihren Erfahrungsbericht.

    Ich würde auch denken, wenn es um eine rein körperliche Behinderung geht, wäre die Integration / Inklusion gut möglich. In anderen Fällen leider eher nicht. Da schadet sie mehr, als dass sie nützt.

    • @ sofawolf: Ja, allerdings darf man auch da nicht übersehen, daß eine geeignete „Infrastruktur“ und auch ein gewisser Erfahrungsschatz im Kollegium vorhanden sein muß. Beides wächst nicht über Nacht aus dem Boden. Wenn sich also eine Schule für Integration öffnen will, sehr gut, aber es kann nur funktionieren, wenn man es schrittweise angeht, auch hinsichtlich der Schwere der Fälle.

  8. Sollte jemand an mich Fragen haben, die hier den Rahmen sprengen würden, kann man mich gern über die E-Mail-Adresse kontaktieren, die auf der Impressumsseite meiner hier verlinkten Webseite (der Link zum Impressum ist am Seitenende) angegeben ist. Das ist die Webseite meines Nebengewerbes. Ich werde dann im Rahmen meiner Möglichkeiten von meiner privaten E-Mail-Adresse antworten, die ich aber hier nicht einfach so ins Netz stellen möchte.

    Sofern jetzt nicht mein Postfach platzt, werde ich mein Bestes versuchen zu antworten. 😉

  9. @mehrnachdenken
    Bei der GEW wundert mich das nicht, beim VBE schon.
    Mir fällt übrigens auf, dass viele Leute, „die von der Inklusion geradezu begeistert sind“ und sich entsprechend äußern, dabei sehr moralisierend auftreten und Widerspruch mit der Herabwürdigung des Meinungsgegners beantworten. Dessen Glaubwürdigkeit und Integrität zu untergraben, war schon immer eine beliebte und leider auch erfolgreiche Methode im Meinungsstreit. Wer glaubt schon einem Menschen oder hört ihm überhaupt zu, wenn dessen Auffassung mit moralischer Entrüstung beantwortet und als unanständig dargestellt wird?
    Wer am Schandpfahl steht, kann sich jedes Wort sparen – und sei es auch noch so wahr.
    Die Inklusion ist bestes Beispiel dafür, wie etwas gegen jede Erfahrung und Vernunft durchgesetzt werden kann, wenn es einer Seite gelingt, Moral und Anstand für sich zu pachten und der anderen Seite diese Werte abzusprechen. Neben der moralischen Überlegenheit winkt dann auch noch die Meinungshoheit in der Sache.
    Moral und Anstand schmücken und festigen jede Gesellschaft, ihr Missbrauch bewirkt das Gegenteil und macht falsche Sachentscheidungen leicht, die ohne Moralbesitz und Diffamierung von Meinungsgegnern wahrscheinlich gescheitert wären.
    Dass sich auch der VBE hinter die Inklusion stellt und allein deren äußere Voraussetzungen und Bedingungen kritisiert, kann ich mir nur damit erklären, dass es gelungen ist, den inklusiven Gedanken auf ein so hohes moralisches Ross zu setzen, dass sich kaum jemand mehr traut, Zweifel am Grundgedanken anzumelden ohne dafür an den Pranger gestellt zu werden.

    @Patrick Schönbach
    Ihren Kommentaren stimme ich uneingeschränkt zu und hoffe, auch in Zukunf noch viel von Ihnen zu lesen.

  10. Wer vier Stunden, am Stück oder auch in Portionen, investieren kann und der englischen Sprache so mächtig ist, daß er oder sie englischen Dokumentationen folgen kann, empfehle ich:

    https://www.youtube.com/watch?v=eJ3RzGoQC4s

    Hat nichts mit Inklusion zu tun, auch nicht mit Schule, gibt aber sehr erhellende Einblicke, wie diese von oben durchgedrückten Gesellschaftveränderungen funktionieren.

  11. Sagen wir es mal so – der VBE verkörpert meines Erachtens eine realistische Version des „inklusiven“ Gedankens. Aber natürlich ist die auch schon politisch gefärbt. Machen, was machbar ist – aufzeigen, wo Grenzen erreichbar sind. Die von mir lange Zeit hochgeschätzte GEW ist nur noch eine ärmliche Kopie des VBEs. Außer hohen Beiträgen und polemischem Gewerkschafts-Geschrei kommt hier gar nichts mehr!

    Ich sehe das Gesamtkonzept genauso kritisch, wie einige Vorredner hier. Wir werden NIE inklusiv lehren können, solange wir im Korsett der Lehrpläne stecken. Und ich halte auch die 20er-Klassen noch zu groß für einige Geheimagenten, die selbst damit noch überfordert sind.

    Aber ich will hier gar nicht groß diskutieren. Cris Tall hat letztens einen schönen Beitrag dazu gehabt.

    https://www.youtube.com/watch?v=nwAL06N3XX4

    Hart formuliert, aber es trifft in vielen Bereichen den Kern der Sache!

  12. Lieber Herr Schönbach,
    liebe Mitstreiter/- Innen
    ich freue mich, dass ich – Dank Ihrer persönlichen Darstellung- nun endlich einmal Menschen begegne, die ebenfalls meiner/unserer Meinung sind.
    Was mich an der gesamten Inklusionsdebatte (wie auch immer geartet) am meisten stört, ist die Tatsache, dass der Staat ( oder wer sind die hier wirklich und schlussendlich Verantwortlichen?) einfach nur SPAREN will und dazu den Begriff MENSCHENRECHTE massiv missbraucht: Jedes Kind hat ein Recht auf inklusive Beschulung. Ein RECHT…,das bedeutet auch: Ich könnte darauf verzichten. Ich könnte wählen!
    Hier wird nun, um zu sparen, aus dem Recht flugs eine PFLICHT gedrechselt, indem Förderschulen einfach geschlossen werden und jeder seine Rechte wahrnehmen muss! Plattes Beispiel: Im Straßenverkehr habe ich bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 70km/h das Recht dort eben 70km/h schnell zu fahren – oder aber vielleicht nur 60km/h…. Ich darf, aber ich muss nicht! (Das verärgert dann höchstens den nachfolgenden Verkehr…) Bei der Inklusion sind die Folgen jedoch unüberschaubar hoch, wenn aus Rechten –> Pflichten „gemacht werden.“

    • Absolut richtig!!

    • Die Aussage, daß aus Rechten Pflichten werden, bringt die Sache absolut auf den Punkt, finde ich. Das habe ich so noch garnicht gesehen, es stimmt aber.

      Auch ich fürchte, daß man – möglicherweise neben anderen Zielen – schlicht und einfach richtig Geld sparen will oder muß. Hätte man den Eltern gesagt: Wir haben kein Geld mehr für Förderschulen, wäre das Geschrei sicher riesig gewesen. Also verpackt man es um, verbrämt es moralisch, und tut so, als sei es Fortschritt und schon jubeln alle. So funktioniert Politik – leider.

    • Mit dem „Recht“ und „Pflicht“ ist das so eine Sache. natürlich spielen finanzielle Überlegungen eine Rolle und sie müssen es auch. Ich wohne in einem sehr dünn besiedelten Gebiet in einem armen Bundesland und der Staat muss sich hier schon entscheiden, ob er Förderschulen (dann für alle I-Kinder) will oder fast totale Inklusion ohne Förderschulen. Beides vorzuhalten für eine sehr begrenzte Anzahl an Kindern, da stößt eine Landesregierung finanziell an ihre Grenzen. Das mag in Großstädten/Ballungszentren gehen, auf dem Land geht das nicht.

  13. Interessanter Artikel: Kommt der Frontalunterricht zurück?

    AUSZUG: „Jahrgangsübergreifende Gruppen, individualisiertes Lernen, das Arbeitsbogenunwesen und alles, was damit zusammenhängt, dürften sich bald in der Rumpelkammer der dummen pädagogischen Ideen wiederfinden, zusammen mit der Mengenlehre in der Mathematik, der Ganzheitsmethode des Lesenlernens, dem Sprachlabor und der Arbeitslehre; zusammen auch mit dem Rohrstock und dem ganzen Einschüchterungsarsenal der schwarzen Pädagogik.“

    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article150030033/Warum-Ihr-Kind-bald-wieder-Frontalunterricht-hat.html?wtrid=socialmedia.socialflow….socialflow_facebook

    • Meine Ex-Schule baut ab nächste Sommerferien für 30+ Mio. Euro etappenweise in Richtung Lernlandschaften&Co. alles neu, natürlich so, daß das Gebäude für Frontalunterricht völlig ungeeignet ist. Geplante Bauzeit: 6 Jahre, aber was bedeuten solche Planungen schon… 😉

      Ich bin schon sehr gespannt, was eher kommt: die Fertigstellung oder die dann neue, alte Mode, die den ganzen Bau dann wieder Makulatur werden läßt. 😉

      • Mal abwarten, was die Bewältigung der Flüchtlings-Integration an Finanzspielräumen lässt.

        • Fände es hier wichtig, die Gruppen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern für die Integration der Flüchtlingskinder eben zusätzliches Geld zu fordern.

          Aber letztlich meint der Inklusionsgedanke eigentlich auch eine interkulturelle Schulentwicklung. Hoffen wir, dass das auch so verstanden wird.

          Ich glaube es zwar nicht, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

    • ich wusste garnicht, dass mein Unterrichtsstil und der von vielen meiner Kollegen so traditio- ääähhh modern ist …
      im Referendariat war ich meinen Seminarleitern um Jahre voraus, weil ich „moderne“ Unterrichtsmethoden nur um der Methode wegen schon wegen des logistischen Mehraufwandes nicht auswähle.

      mal schauen, welchen Stil die mit Methodenfeuerwerk beschulten dann Neulehrer betreiben.

      • Dieser ganze Methodenunsinn ist doch nur von Pädagogikprossoren, die mal wieder was veröffentlichen mussten, ausgedacht worden.
        Natürlich ist reiner Frotalunterricht auch fragwürdig, aber ein bedeutsamer Anteil an demselben hat noch keinem geschadet.

    • Wieder mal ein Meinungsartikeln, dessen Autor sich nicht sonderlich um Nachweise und Fundierung seiner Meinung bemüht und an viel zu vielen Punkten erkennbar werden lässt, wie wie wenig Kenntnisse der Mann hat.

      Was mich nicht sonderlich wundert: Alan Posener ist mir zu anderen Themen schon als Autor aufgefallen und ich finde und fand seine Beiträge interessant und lesenswert. Als jemand, der sich mit Bildung auskennt bzw. darüber schreiben würde, ist er mir aber in meinem Radar noch nicht aufgetaucht.

      Beispielhaft seien Sinnlosigkeiten und Widersprüchlichkeiten wie e folgenden genannt:

      „Was hier verwirklicht wird, ist die gegenwärtig herrschende Didaktiktheorie. Inklusion und Individualisierung heißen die – einander widersprechenden – Stichworte.“

      Doppelter Quark – Inklusion und Individualisierung sind beides keine Theorien der Didaktik. Gleichzeitig widersprechen sich Inklusion und Individualisierung auch nicht, sondern gehen Hand in Hand.

      „Selbstbestimmtes Lernen im eigenen Tempo statt „Lehrerzentrierung“ ist angesagt. Wo das funktioniert, ist eine solche jahrgangsübergreifende Klasse eine imponierende, summende Lernmaschine. Wo es nicht funktioniert, ein Chaos.“

      Wow, echt? Wo es funktioniert, funktioniert es und wo es nicht funktioniert, funktioniert es nicht?

      „Dabei ist es wichtig zu wissen, dass es keine experimentellen Belege gibt, die darauf hinweisen, dass Kinder in jahrgangsübergreifenden Gruppen oder in Eigenarbeit besser lernen.“

      Soweit ich weiß, wird jahrgangsübergreifender Unterricht schon seit über 100 Jahren getestet und durchgeführt und ist in der Zeit nicht gerade für sein Nichtfunktionieren angekreidet worden.

      Argumentativ interessant finde ich von Posener, das er hier angeblich fehlende Belege fordert, die er für seine „Meinungen“ im Rest des Artikels nicht für notwendig hält.

      „Selbstständigkeit gilt als Wert, zu Recht, also wird eigenbrötlerisch gelernt, zu Unrecht.“

      Sorry, nochmal Quark. Soziales und kooperatives Lernen hat in den letzten Jahren immens an Stellenwert gewonnen. Und das aus gutem Grund.

      „Inklusion ist ein Ziel der Gesellschaft, zu Recht, also werden die ohnehin divergierenden Begabungen und Interessen eines Jahrgangs, in dem vielleicht auch einige Kinder mit Lernschwierigkeiten – zu Recht – sitzen, noch potenziert durch jahrgangsübergreifendes Lernen, zu Unrecht.“

      Und schon wieder Quark. In guten Klassenverbänden helfen altere Schüler den jüngeren Schülern und auch solchen mit Lernschwierigkeiten. Auch das durfte ich schon live erleben.

      „Wer das Glück hatte, eine gute Lehrerin oder einen guten Lehrer zu erleben, und sei es nur für ein paar Schuljahre, weiß, wie wichtig die Lehrerpersönlichkeit ist.“

      Wie banal. Und das ist jetzt ein Argument dafür, dass alles vorher angeführte schlecht und der gute alte Frontalunterricht gut ist?

      „Nun mag „Direkt Instruction“, der verpönte „Frontalunterricht“ also, für junge Kinder und Kinder mit Lernschwierigkeiten gut sein; ganz gewiss zum Beispiel für die Migranten, die zu uns kommen und schnell Deutsch lernen müssen“

      Sprachunterricht funktioniert als Frontalunterricht, besonders für Migranten? Sorry, aber als Sprachlehrer muss ich sagen: Der Mann hat wirklich keine Ahnung.

  14. Schulentwicklung bedeutet eben auch die räumlichen Gegebenheiten anzupassen.

    Finnische Schulen, die in erster Linie auf Frontalunterricht ausgelegt sind, sehen dennoch erstaunlicherweise ganz anders aus als das, was in Deutschland als alt hergebrachter „Gebüdeschrott“ aus den 70ern – abgesehen von den historischen Gebäuden aus der Kaiserzeit – noch herumsteht.

    Wer glaubt, dass der Bedarf von Schulen in einem Aufzug besteht, um die Barrierefreiheit zu garantieren, der muss Kommunalpolitiker sein.

  15. Hier noch mal ein Link zum gleichen Thema:

    AUSZUG: „Der Lehrer solle präsentieren, erklären, Zusammenhänge stiften. Zwischendurch müssten die Schüler selbst ausprobieren, debattieren, trainieren. „Aber nicht zu lange alleine“, sagt Felten. Und auch Bildungsökonom Schwerdt warnt davor, seine Ergebnisse als Aufforderung zu lesen, ganz zum Frontalunterricht zurückzukehren. Aber wieder ein bisschen mehr davon steigere Schülerleistungen nun einmal unmittelbar.“

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/bildungswesen-frontalunterricht-macht-klug-11994686.html

    • Naja, wenn der Artikel mit diesem Absatz schließt

      „Der Lehrer solle präsentieren, erklären, Zusammenhänge stiften. Zwischendurch müssten die Schüler selbst ausprobieren, debattieren, trainieren. „Aber nicht zu lange alleine“, sagt Felten. Und auch Bildungsökonom Schwerdt warnt davor, seine Ergebnisse als Aufforderung zu lesen, ganz zum Frontalunterricht zurückzukehren. Aber wieder ein bisschen mehr davon steigere Schülerleistungen nun einmal unmittelbar“

      ist es doch eigentlich keine Diskussion, ob nun Frontalunterricht oder offene Unterrichtsformen: beides macht Sinn, nur eben nicht jeweils ausschließlich, sondern gut abgestimmt und angepasst auf das, was es zu vermitteln gilt.

      Ich finde die Diskussion deshalb irgendwie auch müßig.

    • Hilbert Meyer, ehemaliger Prof. für Schulpädagogik an der Uni in Lüneburg, war so etwas wie der „Vater offener Unterrichtsformen“. Sein 1980 erschienenes Buch „Leitfaden zur Unterrichtsvorbereitung“ war so etwas wie die „Bibel“ für Referendare und Junglehrer in der damaligen Zeit.

      Viel später gestand auch er sich ein, dass reine „offene Unterrichtsformen“ gut für das soziale Lernen seien, aber weniger gut für kognitives Lernen. Wie auch beim Wald Mischformen besser seien als Monokultur, meinte er, am besten seien Mischformen von offenen und geführten Unterrichtphasen.
      Jeder nicht mit ideologischen Scheuklappen unterrichtende L wird dem nicht widersprechen.

  16. Was ist am individualisierten Lernen anders als am Frontalunterricht? Der Schüler entdeckt ja die Zusammenhänge meist nicht selbst (was illusorisch ist – warum sollten alle das Rad jedesmal neu erfinden?), sondern liest sich irgendetwas durch und versucht das Gelesene zu verstehen oder er sieht sich Videos an und versucht deren Inhalte zu verstehen oder er klickt sich durch digitale Lernmedien und versucht das zu verstehen. Im Grunde nichts anderes als Frontalunterricht.

    • Der Unterschied ist, dass sich der Schüler bei den offenen Formen zumindest häufiger die Quellen selbst aussucht und nicht vom Lehrer alles vorgekaut bekommt. Beides hat Vor- und Nachteile.

      • … und deshalb muss eben das Rad immer wieder neu erfunden werden:(

        Der Blödsinn ist doch, dass die offenen Unterrichtsformen vor allem in den unteren Jahrgängen eingesetzt werden sollen.. Nur was in der Oberstufe und ab Klasse 9 aufgrund der vorhandnen Kompetenzen erfolgreich klasppen kann, ist in 5 bis 7 zum Scheitern verurteilt. Schön auch immer, wenn Methoden und Sozialformen mittels Frontalunterricht in seiner schlimmsten Form als Lehrer zentrierter Unterricht eingeführt werden. Dabei wird dann die Methode so wohl zum eigentlichen Unterrichtsinhalt als auch noch zum didaktischen Konzept – l’art por l’art eben.

        • Unterrichtsmethoden müssen für mich zum Inhalt und zur Gruppe passen. Bei (noch) sehr unselbstständigen Gruppen unterlasse ich offene Formen, weil ich aufgrund der höchstens oberflächlichen Ergebnisse später ohnehin alles vorkauen müsste. Das ist mir der Mehraufwand nicht wert. L’art pour l’art finde ich furchtbar, mit Unterrichtsinhalt um den Unterrichtsinhalt wegen kann ich mehr anfangen …

      • Welche Quellen, das sind doch dann auch nur Bücher, die vom Lehrer vorgegeben werden. Wenn Schüler im Internet „recherchieren“ nutzen sie Wikipedia – welch ein Gewinn.
        Warum ich heutzutage keine Referate mehr vergebe: Wikipedia-Artikel werden ausgedruckt und vorgelesen. Dann sind die Schüler auch noch beleidigt, wenn sie darauf noch Noten schlechter als 2 bekommen.

        • man kann wikipedia und google-Bildersuche als Quelle ja verbieten. die Sprache wird besser, wenn die Präsentation nur aus Bildern bestehen darf und Karteikarten nicht benutzt werden dürfen.

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