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Lehrerverbandspräsident Kraus für Einsatz von „Mein Kampf“ an deutschen Schulen

DÜSSELDORF. 70 Jahre nach dem Tod Adolf Hitlers läuft Ende 2015 der Urheberrechtsschutz für seine programmatische Propagandaschrift „Mein Kampf“ aus. Um eine geplante, kritische Neuausgabe hatte es kontroverse Diskussionen gegeben. Lehrerverbandspräsident Josef Kraus spricht sich nun dafür aus, das Werk im Unterricht zu behandeln. damit erntet er sowohl Zustimmung wie Widerspruch.

Fast 70 Jahre lang sind die Verantwortlichen in Deutschland um eine klare politische Entscheidung zu Hitlers „Mein Kampf“ herumgekommen. Verboten ist die Propagandaschrift in Deutschland – anders als man meinen könnte – keineswegs. Der Besitz des Buchs ist nicht strafbar. Auch der Verkauf ist erlaubt, sofern es sich um eine antiquarische Ausgabe handelt, denn die Urheberrechte liegen beim Freistaat Bayern, der alle Neuauflagen des Buchs unterbunden hat.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland macht sich für ein Verbot von „Mein Kampf“ stark.(Exemplar in der Ausstellung im Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, Nürnberg). Foto: Adam Jones, Ph.D./Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Der Zentralrat der Juden in Deutschland macht sich für ein Verbot von „Mein Kampf“ stark.(Exemplar in der Ausstellung im Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, Nürnberg). Foto: Adam Jones, Ph.D./Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Ende 2015 läuft nun das Urheberrecht aus und zumindest theoretisch kann jeder Verleger eine Neuauflage herausbringen, sofern diese nicht den (Straf-) tatbestand der Volksverhetzung erfüllt. Ein Flut von unkommentierten Neuausgaben ist mithin nicht zu erwarten. Dennoch hat das Ende des Urheberrechtsschutzes öffentliche Debatten ausgelöst.

So hat etwa der Freistaat Bayern seine Unterstützung für eine geplante, kommentierte Ausgabe des Münchener Instituts für Zeitgeschichte zurückgezogen. Dennoch soll das Buch nun Anfang Januar 2016 erscheinen, mit einer vergleichsweise kleinen Startauflage von rund 4.000 Exemplaren. Auch der Preis von fast 60 Euro wird viele Neugierige vom Kauf abhalten. Es bleibt also zu erwarten, dass das Thema bald wieder aus den Nachrichten verschwindet.

Spätesten am Freitag hat die Diskussion allerdings auch die Schulen erreicht. Im Handelsblatt sprach sich der Präsident des deutschen Lehrerverbands Josef Kraus dafür aus, das Schüler „Mein Kampf“ im Unterricht lesen sollen. „Im Interesse einer Einheitlichkeit beim schulischen Umgang mit Mein Kampf sollte die Kultusministerkonferenz diesbezüglich zu didaktisch-methodischen Rahmenempfehlungen finden“. Eine professionelle Behandlung von Textauszügen im Unterricht könne ein wichtiger Beitrag zur Immunisierung Heranwachsender gegen politischen Extremismus sein

Die Schulen könnten „Mein Kampf nicht einfach ignorieren. „Denn was für die Schulen verboten wäre – das wissen wir von den Indexlisten der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien – erfreut sich, zum Beispiel via Internet, besonderer Nachfrage“, so Kraus wörtlich.

Nach Meinung des Verbandspräsidenten sollten allerdings nur Auszüge zu behandelt werden, an denen nach dem Prinzip ‚Wehret den Anfängen‘ deutlich gemacht werden könne, „wohin mit einem solchen Pamphlet die Reise gehen kann.“ Überdies solle die Behandlung im Unterricht erst in der Oberstufe erfolgen, also mit Schülern ab dem 16. Lebensjahr.

Zustimmung findet Kraus unter anderem beim bildungspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Ernst Dieter Rossmann. Diese antisemitische menschenverachtende Kampfschrift historisch zu entlarven und den Propagandamechanismus zu erklären, gehöre in einen modernen Schulunterricht von dafür qualifizierten Lehrkräften.

Charlotte Knobloch, ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland dagegen sieht das  anders: Eine Erziehung von Schülern zu geschichts- und verantwortungsbewussten Menschen sei auch »sehr gut ohne die Lektüre» denkbar. sagte sie dem Handelsblatt. „Solange das Judentum als Religion sowie das blühende jüdische Leben in Deutschland vor 1933 und die Errungenschaften, die unser Land jüdischen Menschen verdankt, im Schulunterricht wenn überhaupt nur stiefmütterlich aufgegriffen werden – solange also deutsche Schüler kaum etwas über Juden wissen, das nicht mit dem Holocaust konnotiert ist – solange halte ich es für unverantwortlich ausgerechnet die zutiefst antijüdische Schmähschrift „Mein Kampf“ im Unterricht zu behandeln“.

Für eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Schule bleibe generell immer weniger Zeit. „Ich mag mir nicht ausmalen, was geschieht, wenn der Pausengong ertönt, ehe die Zerlegung und Aufklärung über die menschenverachtenden Inhalte abgeschlossen ist, wenn die „professionelle Behandlung“ eben nicht abgeschlossen werden kann“, so Knobloch.

• zum Bericht: „Mein Kampf“ im Unterricht? Streit um Hitlers Machwerk
• zum Kommentar von Nina Braun: Entzaubert „Mein Kampf“ – bringt es heraus!
• zum Artikel im Handelsblatt

Ein Kommentar

  1. angesichts des Bildungsniveaus vieler Neonazis werden eine ganze Menge von ihnen die kritische Auseinandersetzung mit dem Buch in der Schule nicht erfahren.

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